Kränkung

Wenn jemand durch Worte oder Taten eines anderen in seinem Selbstwertgefühl verletzt wird, sprechen wir von einer Kränkung. Es scheint, als habe der moderne Mensch die drei klassischen Kränkungen der Menschheit ganz gut überwunden. Das waren erstens, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Kosmos ist (Kopernikus), sondern dass wir als Staubkorn des Universums im Irgendwo herumkreisen. Zweitens, dass der Mensch «vom Affen abstammt»: dass er nicht direkt als Ebenbild Gottes genuin geschaffen wurde, sondern wie jedes Tier eine animalische Ahnenreihe hat (Darwin). Drittens, dass er nicht einmal «Herr im eigenen Haus» ist, sondern teilweise unbewussten Antrieben unterliegt, die keineswegs alle das zivilisatorische und humanistische Gütesiegel in sich tragen (Freud).

Ganz anders verhält es sich jedoch mit den Kränkungen, die uns ganz persönlich treffen: Äußerungen oder Handlungen, die unseren Wert, unsere Würde, unsere Ehre in Frage stellen. Ich werde nicht eingeladen, öffentlich zur Schnecke gemacht, aus dem Job entlassen, von einem Freund verraten oder von einem Beziehungspartner verlassen … Der Stachel solcher Verletzungen ist lang und spitz geblieben.

Schon harmlose Bemerkungen können schwere Kränkungen auslösen, wenn wir unversehens in ein «Fettnäpfchen» getreten sind, d.h. einen wunden Punkt beim anderen berührt haben. Man spricht auch von «narzisstischen Kränkungen» ( Narzissmus), weil jemand, der von einer starken und permanenten Sorge um seinen Selbstwert erfasst ist, besonders «kränkbar» ist und mit einem hochempfindlichen Beziehungsohr ( Vier Ohren) hört.

Schulz von Thun schlägt hypothetisch eine «Kränkungsformel» vor, die das Ausmaß der Kränkung K abhängig macht von vier Faktoren:

  1. Das «Kaliber» (Ka): Eine Äußerung wie «Sie sind doch ein Totalversager!» hat ein größeres Kaliber als «Bei Ihnen bin ich mir nicht ganz sicher, ob Sie das hinkriegen.»

  2. Die «Empfindlichkeitstiefe» (Et): Je nachdem, ob ich an der Stelle einen wunden Punkt habe, bin ich «tief getroffen» oder nur oberflächlich tangiert. Der kränkende «Täter» ist nur ein «Auslöser», die Kränkung immer eine Koproduktion von Sender und Empfänger.

  3. Das Ausmaß der Öffentlichkeit (N): Wenn ich im Beisein vieler Leute bloßgestellt werde, ist es schlimmer, als wenn es unter vier Augen geschieht. Öffentlich in den Medien am Pranger zu stehen, enthält ein extrem hohes Kränkungspotenzial.

  4. Die Abwehrkapazität (Ak): Wenn ich in der Lage bin, der Kränkung «schlagfertig» zu begegnen, bleibt sie weniger tief stecken, als wenn ich sie passiv erleiden muss.

 

Daraus ergibt sich die Formel (s. Abb. 47):

Abb. 47:

Hypothetische Kränkungsformel (Schulz von Thun)

Die Formel ist weniger dazu gedacht, mit konkreten Zahlen gefüllt zu werden und das Maß der Kränkung quantitativ zu bestimmen – wenn man das wollte, müsste man zuvor Schätzskalen für Ka, Et und Ak konstruieren. Vielmehr kann sie den Zusammenhang zwischen den wichtigen Faktoren verdeutlichen und in der Kommunikationsberatung mögliche Optionen aufzeigen. Beispiel: Jemand fühlt sich durch die Unverschämtheit seines Chefs schwer gekränkt. Berater: «Ich sehe jetzt zwei Möglichkeiten: Wir könnten entweder daran arbeiten, Ihre Reaktionsfähigkeit (Ak) in solchen Momenten zu erhöhen, und/oder einmal herausfinden, warum der Stachel so tief eindringen konnte (Et). Was hätte für Sie Vorrang?»

Zwar können und sollten wir anstreben, Kränkungen im Umgang miteinander zu vermeiden ( gewaltfreie Kommunikation), aber wir werden das Phänomen nicht aus der Welt schaffen. Es lohnt sich daher, auf die eigenen erlittenen Kränkungen einen Rückblick zu werfen. Unbearbeitet nagen diese an der Seele, rauben Energie und verleiten zu unverhältnismäßigen Reaktionen. Manchem gewalttätigen Ausbruch liegt eine alte Kränkung zugrunde, die aus dem Untergrund ihre Munition abfeuert.

Miteinander reden von A bis Z
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