Riemann-Thomann-Modell

Menschen unterscheiden sich in ihrer Art zu kommunizieren, in Kontakt zu treten und Beziehungen einzugehen ( Kommunikationsstile). Eine Rolle spielt dabei die  Persönlichkeit eines Menschen. Es gibt viele und sehr differenzierte Persönlichkeitstheorien. Eine allererste und für die zwischenmenschliche Kommunikation grundlegende Orientierung bietet das Riemann-Thomann-Modell. Es ist benannt nach dem Psychoanalytiker Fritz Riemann, der in seinem Buch «Grundformen der Angst» vier Ängste beschrieben hat, und nach Christoph Thomann, der das Werk Riemanns für die Alltagskommunikation weiterentwickelt und speziell unter dem Aspekt der Beziehungsdynamik untersucht hat.

Vier Grundstrebungen des Menschen werden hervorgehoben: Die Nähe-Strebung als Bedürfnis nach liebevollem Nahkontakt mit anderen Menschen, nach Harmonie und Gefühlsintensität, die Distanz-Strebung als Bedürfnis nach Individualität, Freiheit und Unabhängigkeit, die Dauer-Strebung als Bedürfnis nach Beständigkeit, Kontrolle, Recht und Ordnung sowie die Wechsel-Strebung als Bedürfnis nach Veränderung, Entwicklung und Spontaneität. Alle vier Strebungen sind bei den meisten Menschen anzutreffen, allerdings in unterschiedlichem Maße, unterschiedlicher Intensität und Wichtigkeit.

Riemann beschreibt vier Grundängste der menschlichen Existenz: die Angst vor Isolation, vor Abhängigkeit, vor Kontrollverlust sowie vor Endgültigkeit. Diese Ängste beeinflussen uns neben den oben genannten Strebungen ebenfalls in unserer Kontakt- und Beziehungsgestaltung. Ein Mensch, der viel Angst vor Einsamkeit hat, vermeidet das Alleinsein und sucht die Geselligkeit, während ein Mensch mit Angst vor Abhängigkeit im Kontakt mit anderen seine Autonomie betont.

Die vier Grundstrebungen Nähe, Distanz, Dauer und Wechsel werden im Riemann-Thomann-Modell graphisch als Pole in einem Achsenkreuz dargestellt (s. Abb. 57).

Abb. 57:

Die vier Grundtendenzen

Der Kreuzungspunkt der Achsen ergibt den Nullpunkt, von dem aus die Strebungen in vier Richtungen laufen. Je stärker eine Strebung ausgeprägt ist, desto weiter entfernt vom Nullpunkt wird sie eingeordnet.

Jede der vier Strebungen hat ihre Sonnen- und ihre Schattenseiten. Der Nähe-Strebung sind Einfühlungsvermögen und Hingabefähigkeit zugeordnet, gleichzeitig aber auch Konfliktscheu und übertriebene Anpassung. Die Distanz-Strebung hat ihr positives Potenzial in der Abgrenzungsfähigkeit ( Abgrenzung) und Eigenständigkeit, während zu ihrer Schattenseite die Angst vor Nähe sowie die Tendenz zu arroganter Außenwirkung gehört. Die Dauer-Strebung ist durch Verlässlichkeit und Bodenständigkeit gekennzeichnet, aber auch durch Prinzipienreiterei, Pedanterie und Dogmatismus. Die Wechsel-Strebung wiederum sonnt sich in Begeisterungsfähigkeit und Lebendigkeit, zu ihrer Schattenseite können jedoch Launenhaftigkeit, Theatralik und Unzuverlässigkeit gehören.

Stellt man die Ausprägung in den vier Strebungen für eine Person graphisch im Koordinatenkreuz dar, entsteht das Heimatgebiet der Person. Es spiegelt die Möglichkeiten und Grenzen ihres Verhaltens wider. Die Grenzen sind jedoch nicht starr, sondern entwickelbar. Zu jedem Heimatgebiet existiert ein Schattengebiet, welches dem Heimatgebiet über den Nullpunkt gesehen punktsymmetrisch gegenüberliegt (s. Abb. 58).

Abb. 58:

Heimatgebiet und Schattengebiet

Das Schattengebiet beinhaltet Verhaltensweisen, Bedürfnisse und Werte, die die eigenen Grundängste berühren. Manche Mitmenschen haben ein ähnliches Heimatgebiet wie man selbst, man fühlt sich ihnen verbunden und vertraut. Andere Menschen, die ihr Heimatgebiet dort haben, wo das eigene Schattengebiet liegt, erscheinen uns dagegen oft eher fremd. Diese Fremdartigkeit kann sowohl faszinierend als auch abstoßend sein.

Je ferner uns ein Bedürfnis ist, welches an uns gerichtet wird, desto stärker reagieren wir abwehrend entsprechend unserem Heimatgebiet. Habe ich viele Anteile aus der Distanz-Strebung und mein Partner wünscht sich einen romantischen Urlaub zu zweit auf einer einsamen Insel, reagiere ich darauf vielleicht mit Ablehnung, da mein Bedürfnis nach Individualität bedroht ist («… aber nicht auf so einer Mini-Insel, wo man sich gar nicht mehr aus dem Weg gehen kann!»). Je mehr mein Partner mich von seiner Idee überzeugen will («Endlich mal nur wir beide, das hatten wir schon so lange nicht mehr!»), desto mehr werde ich mich sträuben («Wenn du da unbedingt hin willst, kannst du auch gerne alleine fahren. Mal zwei Wochen getrennt zu sein, täte uns bestimmt gut!»). Auf diese Weise kommt schnell ein  Teufelskreis in Gang, in welchem beide Partner sich ihre Bedürfnisse gegenseitig zum Vorwurf machen und dabei mächtig übertreiben: «Du bist eine unselbständige Klette!» «Und du bist ein antisozialer Eigenbrötler!» ( Polarisierung).

Das Riemann-Thomann-Modell lässt sich auch als Entwicklungsmodell auffassen: Auf dem Wege zur «integralen Persönlichkeit» (G. Jun) kommt es darauf an, das angestammte Heimatgebiet zu erweitern und sich auch im Schattengebiet Terrain zu erobern. Der nähebegabte Mensch möge sich in Abgrenzung üben, der Dauerbegabte in Spontaneität und Improvisation, der Distanzbegabte in der Fähigkeit, sich einzulassen und der Wechselbegabte in der Kunst, Struktur, Ordnung, Beständigkeit und Ruhe walten zu lassen.

Literatur

Schulz von Thun, F.: Klarkommen mit sich selbst und anderen, S. 29ff.

Thomann, Chr./Schulz von Thun, F.: Klärungshilfe 1, S. 173ff.

Thomann, Chr.: Klärungshilfe 2, S. 230ff.

Jun, G.: Unsere inneren Ressourcen.

Miteinander reden von A bis Z
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