Kapitel 50
Bogotá,
Kolumbien
14. April 2011
»Wo zum Teufel ist er?« zischte Amonite ins Telefon. Sie blickte den Korridor hinauf und hinab. Eine von Sir Georges putzigen jungen Sekretärinnen kam aus einem der Büros und verschwand in einem anderen.
»Keine Ahnung«, sagte Dex am anderen Ende der Leitung.
»Was ist mit den Haitianern?«
»Auch von denen kein Ton.«
»Kann man sich denn auf gar niemanden mehr verlassen?«
»Ist nicht meine Schuld, Amonite.«
»Der Reverend hat eine Tonne von meinem Stoff! Mehr als wir in einer Woche produzieren. El Patrón dreht durch, wenn er das hört.«
»Sagst du’s ihm eben nicht.«
»Ist nicht drin.«
Amonite funkelte Sir Georges Sekretärin an, die eben wieder auftauchte, um an ihr vorbeizustaken. Selbst Absätze wie die ihren waren in dem tiefen Teppich kaum noch zu sehen. Zwei Botschaftsangehörige, die vorbeikamen, blickten lüstern nach ihrem wackelnden Arsch. Amonite wartete, bis alle außer Hörweite waren.
»Findet mir diesen verdammten Reverend.«
»Boss, der könnte mittlerweile weiß Gott wo sein.«
»Du hast doch Kontakte in Jamaika, oder nicht?«
»Natürlich.«
»Dann hör dich um, verfluchte Scheiße!«
Amonite stocherte auf den Knopf ein, der das Gespräch beendete. Sie marschierte den Korridor hinauf in den Presseraum und setzte sich in eine Ecke unter Georges Befehlsempfänger: graue Anzüge, graue Krawatten, in Leder gebundene Aktenmappen. Ihren langen Gesichtern nach hätte man denken können, sie wären auf einer Beerdigung. George stand hinter einem Rednerpult und sprach vor einem Publikum aus Journalisten, die sich Notizen machten.
»Wir haben im Rahmen unseres gemeinsam mit dem kolumbianischen Heer durchgeführten Begasungsprogrammes über zwölftausend Quadratkilometer Coca vernichtet«, sagte George eben. »Die Produktion von Kokain ist um über die Hälfte zurückgegangen. Wir sehen darin einen Riesenerfolg.« Er warf einen Blick durch den Raum. »Noch Fragen?«
Eine Frau mittleren Alters hob die Hand. George wies auf sie. »Ja?«
»Was ist mit den Gerüchten, laut denen Präsident Caviedas die Ansicht des mexikanischen Präsidenten teilt, man sollte die Legalisierung wenigstens diskutieren?«
»Drogen sind illegal. Period.«
»Was würde die britische Regierung denn tun, falls es zu einer solchen Debatte käme?«
»Präsident Caviedas steht voll und ganz hinter dem Drogenverbot. Sie brauchen sich nur seine Kampagne gegen die Front anzusehen. Nächste Frage. Sie da hinten?«
Ein junger Mann stand auf. »Es heißt allenthalben, der Präsident hätte Kolumbien sicherer gemacht. Er hätte die Guerilleros zurückgedrängt und die großen Drogenkartelle zerschlagen. Die Straßen von Bogotá seien ruhiger denn je.«
»Und Ihre Frage?«, sagte George bissig.
»Wenn alles so gut läuft, wie kann dann die Front 154 die Landbevölkerung terrorisieren? Und was ist mit den Gerüchten um diese neue tödliche Droge, dieses Black Coke?«
»Das sind zwei Fragen«, sagte George mit gefurchter Stirn. »Aber der Reihe nach. Wir haben die Front infiltriert. Mehr kann ich aus Sicherheitsgründen nicht sagen, aber Sie werden in Kürze von ersten Erfolgen hören.«
»Und dieses Black Coke?«, hakte der Mann nach.
»Nichts als Gerüchte. Ohne jeden Beleg.«
»Letzte Woche ist etwas von dem Stoff in London aufgetaucht.«
»Angeblich.«
»Sechs Drogenabhängige sind mittlerweile gestorben. Fünfzehn befinden sich in kritischem Zustand. Auf der Straße heißt es, der Stoff sei suchtbildender als Crack, Heroin und Crystal Meth zusammengenommen. Dazu haben Sie nichts zu sagen?«
George schürzte die Lippen. »Nein.«
Amonite griente. George ärgerte die Prozedur ganz offensichtlich. Aber selbst sie wusste, dass man zu den Medien freundlich sein musste, wollte man seinen Gesichtspunkt gedruckt sehen.
»Was ist mit dem Tod von Octavia Abramo?«, rief ein anderer Journalist.
»Was soll damit sein?«, sagte George, etwas zu aggressiv.
»Wissen Sie, wer sie getötet hat?«
George blickte über die Versammelten, bis sein Blick sich mit dem von Amonite traf. Er zog die Stirn kraus und wandte sich wieder an die Journalisten. »Die ASI hat den mutmaßlichen Mörder gefasst. Er ist in Untersuchungshaft.«
Jubel brach im Publikum aus.
»Was werden die mit ihm machen?«, rief ein Journalist von ganz hinten im Raum.
»Hängt ihn auf!«, rief ein anderer.
»Man ermittelt, wieso er es getan hat und wer ihm den Befehl dazu gab.«
»Wird das Ihrer Ansicht nach zu einer neuen Welle von Attentaten führen?«, fragte die Frau, die die erste Frage gestellt hatte.
George schüttelte den Kopf. »Wie Sie alle wissen, sind Journalisten seit den Tagen von Pablo Escobar ein wohlfeiles Ziel. Aber wir halten das für einen Einzelfall.« Er nickte den Versammelten zu. »Danke für ihr Gehör.«
Weitere Hände schossen hoch, aber er ignorierte sie. Er verließ den Saal. Amonite folgte ihm. Er wartete draußen auf sie. Er griff nach ihrem Arm, bugsierte sie in einen kleineren Raum und schloss die Tür.
»Was zum Teufel machen Sie denn hier?«, fragte er. »Sie können doch nicht so einfach in eine Botschaft spazieren! Diese Journalisten mögen dumm sein, aber es hätte Sie einer erkennen können.«
»Nicht doch. Kein Mensch hat eine Ahnung, wer ich bin.«
George stöhnte. »Was hat denn dieser Kershner zu sagen?«
Amonite biss sich auf die Lippen.
»Na«, half George nach, »hat er schon ausgepackt?«
»Der redet nicht.«
»Warum nicht? Haben die euch beim Militär nichts beigebracht?«
»Er ist ein harter Knochen.«
»Ich möchte das bis heute Abend erledigt sehen. Haben wir uns verstanden?«
Amonite ballte die Faust. Sie hätte George zu gerne eine geknallt.
»Ja, Sir«, sagte sie.
Als George hinausging, summte das Telefon in ihrer Tasche. Es war Dex.
»Was willst du denn wieder?«, zischte Amonite. »Hast du den Reverend aufgetrieben?«
»Ich habe eine ziemlich schlechte Nachricht.«
»Dann spuck schon aus.«
»Er hat den Wärter überwältigt.«
»Wer?«
»Na, Kershner«, sagte Dex. »Er ist abgehauen.«