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Am Montag früh ließ sich Bertram in die Klinik fahren. Seine ungewöhnliche Stimmung fiel dem Chauffeur auf, im Rückspiegel sah er, wie der Professor einige Male seine Lippen bewegte, als würde er Selbstgespräche führen. An diesem Morgen war Bertram mit einem nahezu vergessenen Gefühl der Leichtigkeit und Zufriedenheit aufgewacht; nach dem Aufstehen behielt er die Wärme der noch schlafenden Malvina in sich.
Der Gedanke, mit dem er aufgewacht war, erschien ihm auf einmal nicht mehr befremdend. Karen hatte Malvina und ihn auf eine merkwürdige Weise nähergebracht. Er hatte Malvina unrecht getan.
Er war keine Ausnahme. Wie jeder trug er seine Schuld mit sich, und der Versuch, sie auch bei dem anderen zu finden, entlastete ihn nicht. Die Schuld war wie das Leben, mißlich und notwendig. Aus Gefühlen entstanden, förderte sie neue Gefühle – sie war unentbehrlich wie die Sühne.
Das Auto bog in das Universitätsgelände ein und blieb vor der internen Klinik stehen. Der Chauffeur lief um den Wagen herum und machte die Tür auf, während sich Bertram sagte, es stünde ihm nicht zu, über Menschen zu richten. Seine Aufgabe war, den Menschen zu helfen. Dann stieg der Ordinarius aus.
Nach der Visite auf der Frauenstation sagte Bertram zu Fritsch: »Ich habe meinen Entschluß überdacht. Sie können weiter hierbleiben.«
»Ich will aufs Land«, antwortete Fritsch, »nur möchte es meine Frau nicht.«
»Ich würde ungern auf Ihre Mitarbeit verzichten. Fehler macht schließlich jeder. Darauf beruht ein Teil unserer Erfahrung.«
»Ich möchte immer das Richtige tun, hinterher ist es doch das Falsche.«
»Später wird es besser«, entgegnete Bertram ermutigend. »Sie bleiben also!«
Fritschs Veränderung fiel ihm erst später auf. Zum erstenmal hatte er mit ihm ohne die Unterwürfigkeit des Untergebenen gesprochen. Der Junge hatte seine Zaghaftigkeit abgelegt und wirkte entschlossen. ›Er hat das Zeug für einen Internisten‹, entschied Bertram, ›man müßte ihn nur fördern.‹ Er nahm sich vor, sich mehr um Fritsch zu kümmern.
Bertram ging in sein Zimmer zurück, er hatte das Bedürfnis, sich die Hände zu waschen.
»Der Staatssekretär Klose ist der erste«, sagte die Sekretärin resignierend. »Eine schöne Bescherung, die Sprechstunde heute.«
Als Bertram das Untersuchungszimmer betrat, war er von seinen Gedanken an Malvina völlig in Anspruch genommen.
Sie verabschiedeten sich im Flur der Frauenstation. »Heute werden Sie entlassen«, sagte Fritsch.
»Ja«, erwiderte Lisa. Sie tat so, als ob sie es eilig hätte, als versuchte sie, diesem Abschied mit dem Gedanken zu begegnen: ›Es ist weiter nichts. Ich komme wieder nach Hause.‹
Sie sah, wie eine Schwester auf sie zukam. Es war dieselbe, die einmal Elena Fritsch als eine unverschämte Person bezeichnet hatte.
Zu Fritsch sagte sie: »Telefon für Sie, Herr Doktor.«