Ein Stück des Weges

1

Zwischen den Professoren Bertram und Holländer bestand keine offene Fehde. Ihre Abneigung beruhte auf Gegenseitigkeit und war im Laufe der Jahre in eine frostige Höflichkeit übergegangen, die verletzend wirkte. Über ihre wahren Gefühle bestand kein Zweifel.

Dr. Bertram verzieh Dr. Holländer unter anderem eine Kleinigkeit nicht, die bei ihm, einem Manne von zweifellos großzügigem Charakter und keinesfalls nachtragend, zumindest überraschte. Es war sein erster Tag in der Klinik vor siebzehn Jahren, als der frischgebackene Assistent Bertram, ein etwas linkischer junger Mann aus der Provinz, hierher kam, um die Universität zu erobern.

Diesem Tag zu Ehren trug er seinen Abiturientenanzug. Er ging mit geschwollener Brust die Universitätsstraße hinauf und blieb vor der internen Klinik stehen. (›Glück ist ziemlich das einzige, was du jetzt gebrauchen könntest, Johannes. Es ist eine Tatsache, daß hier alles das Richtige für dich ist, wo du zupacken kannst.‹) Es war ein blauer, winterlich sonniger Märztag. Die Bäume auf der Universitätsstraße waren grau und kahl, und er sagte sich: ›Eines Tages wird dir hier alles gehören, du wirst die Macht besitzen, und wer weiß, vielleicht geht dein Name noch um die Welt.‹

Einstweilen war es noch nicht soweit. Die Stationsschwester, die er höflich aufsuchte, war ein Dragoner.

Der Stationsarzt war ein gewisser Dr. Justin Holländer, ein schmalgliedriger junger Mann. Er hatte ein hübsches Gesicht, dünne gerade Augenbrauen und schmale Lippen, von einem süffisanten Lächeln umspielt.

»Können Sie spritzen?« fragte er gedehnt, ignorierte Bertrams verwunderten Blick und fuhr unbeirrt fort: »Die Frage ist nicht mal komisch. Weiß der Teufel, warum alle Assistenten auf dieser Station nicht spritzen können. Es ist die reinste Schlacht. Können Sie EKG auswerten?«

»Ich habe damit wenig Erfahrung. Um offen zu sein, gar keine«, sagte Bertram kleinlaut. »Ich möchte es noch lernen.«

»So.« Wieder das süffisante Lächeln. »Dafür würde ich kaum Zeit erübrigen können. Jedenfalls nicht ohne Gegenleistung.«

»Gewiß.« Bertram empfand seine Unzulänglichkeit als zutiefst beschämend. »Was soll ich tun?«

»Sie wissen, was ein Neger ist, verehrter Kollege«, sagte Justin Holländer barsch. »Ein Neger ist jemand, der ein ganzes Stück Arbeit leistet. Zum Beispiel wird von mir eine Arbeit über Schrittmacher-EKG geschrieben. Sie werden mir die notwendigen Literaturquellen heraussuchen, die Kurvenbeispiele zusammenstellen und systematisieren und anschließend alles sauber zusammenschreiben. Dann komme ich und gehe mit der Hand des Meisters darüber und bringe es zur Reife. Ich gebe dafür meinen Namen, Sie bleiben namenlos im Hintergrund. Sie sind mein Neger. So einfach ist das.«

Mit einem Blick auf den verblüfften Bertram fuhr er fort: »Dafür verschaffe ich Ihnen eine Reihe von Vergünstigungen auf der Station. Sie brauchen kein Blut abzuzapfen und keine Krankengeschichten zu schreiben. Sie brauchen nicht den Schuhputzer zu spielen. Sie werden Zeit für eine Zigarettenpause haben, und wenn Sie morgens verschlafen, drücke ich ein Auge zu. Ich greife Ihnen unter die Arme, wenn der Alte Sie bei den Visiten fertigmacht. Ich werde für Sie das Kindermädchen spielen.«

»Danke«, sagte Bertram trocken. »Ich bin nicht daran gewöhnt, für andere zu arbeiten. Für Sie schon gar nicht!« Ihm wurde bewußt, daß er gerade einen Feind fürs Leben bekam.

In diesem Augenblick stürzte ein junger, schlacksiger Mann ins Zimmer, blieb einen Augenblick stehen und streckte ihm lächelnd seine Hand entgegen. »Mit mir müssen Sie sich gutstellen. Ich bin derjenige, der alle eure Fehler, durch die ihr die Patienten unter die Erde bringt, aufdeckt. Ich heiße Stephan Thimm, und Sie?« Thimms Hand war angenehm warm und freundlich.

Der Chefarzt
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