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»Er ist ein Snob mit künstlerischen Fähigkeiten«, sagte Malvina Auerbach. Sie sprachen über den Verfasser eines Theaterstücks, das sie gerade gesehen hatten. Sie lächelte amüsiert: »Er selbst merkt es so wenig wie sein Publikum. Er versteht die Menschen gegen etwas aufzubringen, obwohl kein rechter Grund vorhanden ist. Ich bin sogar bereit zu glauben, daß er es ehrlich meint und wie am Beginn der Flitterwochen eine ehrfurchtsvolle Hinnahme erwartet. Vielleicht ist er virtuos und wird noch berühmt werden, aber er berührt mich nicht.«

»Deine Ausführungen sind etwas zu leidenschaftlich, um objektiv zu sein.«

»Wenn ich offen sein soll, das interessiert mich jetzt nicht. Mein Gott, Johannes, laß dich endlich anschauen. Als ich dich vorhin im Theater sah, habe ich zunächst meinen Augen nicht getraut. Du saßt so allein da, und ich glaubte dich in meinen Gedanken weit weg …«

»Du hast gleich gesagt: Komm, laß uns gehen. Früher hättest du das nicht getan, Malvina. Was ist inzwischen mit dir geschehen?«

»Findest du mich verändert?«

»Auf eine bestimmte Weise schon. Du wirkst erwachsen und aufgeschlossen.«

»Wir haben uns lange nicht gesehen. Mir kommt es verdammt lange vor.«

»Früher hast du nicht geflucht. Deine Spontaneität ließ immer etwas zu wünschen übrig, als ob du es darauf angelegt hättest, uns deine Kinderstube vor Augen zu führen.«

»Erzähl mir lieber von dir. Wie lange warst du weg?«

»Zwei Jahre.« Er sah ihren Blick. »Bin eben länger geblieben. Es gab zu viel zu sehen.«

»Du bist also mit deinem Mekka zufrieden?«

»Ja und nein. Am Anfang war es verwirrend, ich verzettelte mich. Ich sagte bereits, es gab zu viel, was mich interessierte. Es hat seine Zeit gebraucht, bis ich mich zurechtgefunden habe. Ich habe mich dann hauptsächlich auf mein Gebiet beschränkt.«

»Du bist also eine Koryphäe geworden, Herr Privatdozent …«

»Laß das, bitte!«

»Immer noch so empfindlich? Warum hast du nichts von dir hören lassen?«

»Ich habe dir geschrieben.«

»Eine Ansichtskarte aus Los Angeles.«

»Dallas …«

»Vielleicht kommen wir noch dazu, und du erklärst mir den Unterschied. Du hast dich verändert. Nicht dein Äußeres. Laß mich überlegen. Du wirkst unbeschwert, frei. Wovon hast du dich lösen können, daß du dich so unwahrscheinlich verändert hast?«

Bertrams Gesicht verriet seine Überraschung. »Augenblick«, sagte er langsam, »wir befinden uns in einem Restaurant, und ich liege nicht auf der Couch. Seit wann bist du zur Psychoanalyse übergewechselt?«

Sie sah ihn mit funkelnden Augen an. »Ich finde dieses Restaurant schrecklich. Für die Psychoanalyse wird nicht unbedingt eine Couch gebraucht, das zu wissen bist du deinem wissenschaftlichen Rang schuldig. Ich bin einfach so froh, daß ich dich wieder getroffen habe. Du kannst das als Liebeserklärung auffassen. Müssen wir dieses blödsinnige Gespräch weiterführen?«

Draußen vor dem Restaurant schlang sie ihre Arme um seinen Hals, schmiegte sich eng an ihn – er spürte die Schläge ihres Herzens – und küßte ihn auf den Mund.

Drei Monate später griff Bertram nach langer Unterbrechung wieder zu seinen Notizen. Der Grund war Malvina Auerbach. Er machte folgende Eintragung: »Sie ist verdorben. Bei ihrer Jugend frage ich mich, wann sie die Zeit dafür gehabt hat. Sie weiß Dinge, bei denen ich rot werde, es kommt mir vor, als hätte ich vor ihr keine andere Frau besessen. Die körperliche Liebe bedeutet ihr viel, sie geht in ihr auf und wird eine andere Frau; die Hüllen der kultivierten Erziehung fallen, die Leidenschaft kehrt in ihrer ursprünglichen Primitivität zurück, wir hören auf, wir selbst zu sein, wir sind nur noch zwei Wilde, die sich irgendwo auf der Welt lieben.

Früher gab es Zeiten, wo ich sie für ein scheues, sexuell verklemmtes Mädchen hielt …

Das ist nicht alles. Es ist nur eine ihrer Seiten, die mich beeindrucken und für Überraschungen sorgen. Sie ist sensibel und zärtlich. Sie vermittelt mir jedesmal von neuem das Gefühl, etwas Besonderes zu erleben. Ich ahnte nicht, daß ich so sinnlich sein kann. Das liegt an meiner Erziehung. In der Provinz wird man prüde erzogen, ich habe mir nie übermäßig viel daraus gemacht. Ich war ein sexuell durchschnittlicher junger Mann, dessen heimliche Geliebte sein Beruf war. Es ist nicht weiter verwunderlich, daß ich zur Zeit das Gefühl der Unsterblichkeit besitze. Malvina ist auf ihren Körper stolz. Sie wirkt sehr knabenhaft, doch das stimmt nur bedingt. Ausgezogen wirkt sie sehr fraulich, trotz ihrer schmalen Hüften. Sie hat eine gepflegte Haut, weich und glatt, sogar an jenen Stellen, die durch das Sitzen rauh werden. Ich kann ihre Muskelzuckungen sehen, sie hat kein Gramm überflüssiges Fett. Hat sie viele Liebhaber gehabt? Ich vermute es, obwohl sie auf meine beiläufige Frage abweisend reagierte. Ich habe mich früher durch ihre joviale Haltung irreführen lassen, sie ist eine Frau mit einer äußerst komplizierten Gefühlswelt, an die sie niemand heranläßt. Eine dieser Frauen, die mit einem Mann eher schlafen, als von sich etwas preiszugeben.

Wo gehöre ich eigentlich hin? Zu den Liebhabern? Oder bin ich der Auserwählte ihres Vertrauens? Eines Tages möchte ich alles erfahren. Ich werde dafür viel Zeit benötigen … Eine Frau kann nicht ewig widerstehen, sie verrät es früher oder später. Anscheinend bin ich dabei, mich in Malvina zu verlieben. Möchte sie das erreichen? Hinter ihrem zierlichen Äußeren verbirgt sich ein unbeugsamer Wille. Sie ist zuvorkommend und von unendlicher Zärtlichkeit. Was für eine Frau!«

Der Chefarzt
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