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In der Woche von Stephans Besuch schlug Bertram seiner Frau überraschend vor, mit ihr in die Oper zu gehen. Bertrams besaßen ein Abonnement, das nur von ihr in Anspruch genommen wurde, er ging nicht in die Oper. An diesem Abend wurde ›Hänsel und Gretel‹ aufgeführt und Bertram erschien pünktlich im Foyer, wo er mit seiner Frau verabredet war. Während der Vorstellung verhielt er sich still und in sich gekehrt, sein Gesicht war völlig abwesend, so daß Malvina mit einem kaum vernehmbaren Seufzer in der Pause vorschlug, vorzeitig zu gehen. Diese Art stillen Heldentums brachte sie in Rage, er war in der Lage, ihretwegen eine ganze Vorstellung über sich ergehen zu lassen. Sie täuschte großen Hunger vor, und als sie seine Erleichterung sah, lächelte sie ihn zärtlich an. Sie suchten ein Künstlerlokal in der Nähe der Oper auf, es war halb leer und sie bekamen einen Tisch in einer ruhigen Ecke. Bertrams Stimmung besserte sich. Sie bestellten einen Aperitif, und er erzählte ihr eine unbedeutende Episode mit einem seiner Oberärzte und schloß mit den Worten: »Curd Jahnke ist ein Narr.«

Malvina, die ihren Mann kannte, wußte, daß er sich um Konversation bemühte, und sie ergriff, wie zwischen ihnen üblich, die Initiative. In der letzten Zeit sahen sie sich selten und waren fast nie allein, ständig besuchten sie irgendwelche Veranstaltungen und immer hatten sie fremde Menschen um sich. An diesem Abend zeigte Bertram das Bedürfnis, mit ihr allein zu sein, was nicht oft vorkam.

Über ihr Glas lächelte Malvina ihm liebenswürdig zu und sagte: »Wir verhalten uns wie zwei sympathische Menschen, die einen unsympathischen umbringen wollen.« Als er sie betroffen ansah, wußte sie, warum. Er wollte nicht wahrhaben, daß andere ihn durchschauten.

»Du siehst so aus«, sagte sie scherzhaft, »als würdest du mich für deine Rache benötigen. Erzähl es mir lieber.«

»Zwischen Stephan und mir ist neulich etwas vorgefallen.« Bertram hatte Schwierigkeiten mit der Formulierung. »Er hat mir nicht die Wahrheit gesagt.«

»Stephan? Du meinst Thimm? Ich halte es für unwahrscheinlich, obwohl ich nicht weiß, worum es geht.«

»Vielleicht sollte ich es anders ausdrücken. Möglicherweise liegt ein bedauernswerter Fehler vor, dessen Opfer er selbst ist.« Bertram erzählte ihr etwas weitschweifig Violet Girstenbreys Geschichte. Unter ihrem nachdenklichen Blick schloß er: »Stephan kam zu mir, als er von seinem Archiv erfuhr, daß ich die Schnitte von Violet erhalten hatte.«

»Ist das nicht verständlich, wenn du seine Diagnose anzweifelst?«

»Nicht bei Stephan, er ist von seiner Gottähnlichkeit überzeugt.«

»Also doch eine Fehldiagnose!«

»Nein, zum Teufel. In den vorhandenen Präparaten fanden sich keine Tumorzellen.«

»Was meinst du mit vorhandenen?«

»Diejenigen, die aufbewahrt wurden.«

»Alle Präparate werden aufbewahrt, das weißt du.«

»Zumindest sollten sie.«

»Wenn ich dich so reden höre, kommt es mir vor, als wärst du drauf und dran, Stephan zu beschuldigen. Was ist los, Hannes?«

»Ich weiß es selbst nicht. Er wollte sich indirekt vor mir rechtfertigen. Ich hatte ihn nicht beschuldigt. Warum spricht er mit mir nicht offen darüber?«

Etwas später fügte er friedfertig hinzu: »Es ist denkbar, daß ich ungerecht bin, möglicherweise war er wegen Karens Präparaten unangenehm berührt.«

»Karen …«

»Ich habe Karens Präparate noch mal sehen wollen … Was ist denn mit dir?«

Sie war blaß geworden. »Nichts. Ich habe den ganzen Tag keinen Bissen zu mir genommen.« Dennoch stocherte sie lustlos in ihrem Tartar, und als sie fertig war, versuchte sie ihm klarzumachen, wie unbegründet sein Zweifel sei. Er gab ihr recht, mit Stephan verband ihn eine lange Freundschaft.

Sie tranken eine Flasche Chablis, und nach der zweiten fand er sein Mißtrauen völlig unbegründet. Malvina geriet in hektische Stimmung, sie war lustig und sprudelte über vor guter Laune. Sie sah zu einem jungen Mädchen am Nebentisch, das den ganzen Abend Bertram mit Blicken anhimmelte, und sagte laut: »Sicher eine deiner Studentinnen …«

Als das Mädchen errötete, fügte sie gütig hinzu: »Warum nicht, mein Kind. In Ihrem Alter habe ich selbst schrecklich für ihn geschwärmt.« Den Begleiter des jungen Mädchens lächelte sie charmant an. Sie luden die jungen Leute ein, sich an ihren Tisch zu setzen.

Sie kamen spät und beschwipst nach Hause. Die Nacht verbrachte Bertram, nach langer Zeit wieder, im Schlafzimmer seiner Frau.

Der Chefarzt
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