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»Ein Witzbold«, richteten sich Thimms Gedanken auf Glücklich, »dem fällt die Decke auf den Kopf. Von dieser Sorte gibt's hier genug.« Glücklichs flinker Lauf belustigte ihn – es ist falsch zu glauben, die Geschmeidigkeit der Muskeln hänge ausschließlich vom Körpergewicht ab. Dieser kleine Dicke ist ein Beweis dafür. Dabei kümmerte ihn die nasse Zeitung mehr als sein Hut. Dann vergaß Thimm Josef Glücklich. Er löste sich von dessen belanglosem Gesicht und gab sich dem Empfinden der Regentropfen hin. Es war ein Regen, der auf dem Kies vernehmlich rauschte. Anschließend würde er in ein ausdauerndes Nieseln übergehen.

Thimm drehte seine Runde weiter. Er fand es wichtig, sich von seinen Lebensgewohnheiten nicht abhalten zu lassen. Dazu gehörte die Runde im Park von fünf bis halb sechs. Sein Tag bis zu dieser ersten Pause war schwer, jetzt kamen Dinge, die er mochte: Zunächst pflegte er in alle wichtigen Befunde seiner Mitarbeiter selbst Einblick zu nehmen. Er kontrollierte die Schnellschnitte und gab sein eigenes Urteil ab. Erst dann gehörte die Zeit ihm und seiner wissenschaftlichen Arbeit. Oft mikroskopierte er bis spät in die Nacht – ein stiller, erfüllter Abend.

Sein Wohlbefinden löste sich jedoch gleich auf, als er an die ›Nacktmäuse‹ dachte. Bei diesem Versuch gab es noch Unstimmigkeiten.

Es gibt eine Sorte Menschen, die unter widrigen Umständen gedeiht, mit jeder Schwierigkeit wächst ihre Widerstandskraft. Thimm gehörte dazu. Er würde den Versuch immer wieder neu auflegen. Die Lösung war greifbar nahe, er spürte es.

Er tat es nicht aus Fanatismus, wie es ihm nachgesagt wurde. ›Es ist wichtig‹, dachte Thimm, ›die Wahrheit so weit wie möglich zu erkennen.‹

Wie ein stiller Träumer, der er aber nicht war, blieb Thimm unter den Kastanienbäumen stehen und spürte den nassen, widerwärtigen Geruch, den sie um sich verbreiteten. Sein feiner Geruchssinn widerlegte die Behauptung, Pathologen seien von dem Geruch der Sektionssäle abgestumpft. Er rümpfte die Nase und setzte seinen Gang fort.

Der gefleckte Hund lief ihm entgegen und sah Bertrams Setter ähnlich. ›Komisch‹, dachte er bekümmert, ›daß ich jetzt daran denke.‹ Er müßte mit Hannes ein Hühnchen rupfen. Die Pathologie war für die Arbeit der verschiedenen Kliniken der Seismograph. In der letzten Zeit schien die Arbeit in der internen Klinik unter ihrem früheren Niveau zu sein, die Fehldiagnosen häuften sich, die Leichen wurden öfter als zuvor ohne Obduktion freigegeben. Was war mit Hannes los? Hatte er die Übersicht verloren? Ließ er die Zügel schleifen? Das wohl kaum, dafür war er ein zu verantwortungsbewußter Mensch.

Am Ende der Allee angelangt, sah er das graue, hellerleuchtete Gebäude der internen Klinik. Der Regen hatte nachgelassen, und der Wind, jetzt kalt und durchdringend, kehrte zurück. Dies war ein Augenblick, um voller Dankbarkeit zu erkennen, daß es auch Wärme gab. Er fror bereits, als er kurzentschlossen zur internen Klinik ging. Einen Tee mit Rum und einen Plausch mit dem Freund, wie in alten Zeiten. In diesem Augenblick überraschten ihn zwei verschiedene Gedanken: ›Mir geht es gut‹ und: ›Sehr viele Menschen habe ich nicht geliebt.‹ Nun, Hannes gehörte zu ihnen.

Er hatte eine andere Lebensart und Hannes' Freunde waren nicht seine. Dennoch gehörten sie zusammen. Er vermied, sich allzusehr in das Thema zu vertiefen. Bertrams Leben konnte seine Zustimmung finden, bedurfte ihrer aber nicht. Unbewußt nahm er das Bild zweier junger Frauen auf, einer großen hellhäutigen und einer schmalen rothaarigen, die schweigsam auf dem Treppenabsatz ihre Zigaretten rauchten. Die zwielichtige Geschichte mit dem Abgeordneten Meier war natürlich Unsinn. Hannes hätte sich des Universitätspsychiaters bedient und Meier nicht in eine Privatanstalt einliefern lassen. Beweis genug, daß er mit der Sache nichts zu tun hatte. Übertrieben war auch das Gerücht, er hätte sich eng an eine Partei gebunden. Hannes war zu sehr Arzt, es wäre seiner unwürdig. Er ging weiter durch den langen Korridor der Frauenstation.

Als er in Bertrams Vorzimmer trat, sprang die Sekretärin auf. Sie zeigte ein verstörtes Gesicht. »Ich fürchte, Sie dürfen jetzt …«

Sie stellte sich zwischen ihn und die Türe, als wolle sie sie verteidigen.

»Wer ist bei ihm?«

»Ihnen kann ich es verraten. Lothar Hessel.«

Von Thimms Regenhaut tropfte es. Der feuchte Fleck um seine Füße wurde schnell größer.

Er ist ein milder, ernster und friedlicher Mann, sagte sich Leopoldine Stein, während sie von ihrem Fenster Thimm im Park beobachtete. Für Bewunderung war sie anfällig. Ihr Zimmer befand sich neben Rosemaries, und weil sie sich beengt fühlte, schaute sie gern hinaus. Es war ein Unwetter im Anzug, das erhöhte ihre Rastlosigkeit. Leopoldine Stein war eine Frau, die aus allem eine Hauptattraktion machte, für sie war alles lebenswichtig, unaufschiebbar. Ihre Aufmerksamkeit wurde von dem, was sich im Park abspielte, gefesselt. Jetzt sprach Thimm mit einem bulligen Kerl, der mit einer theatralischen Verbeugung einen Schritt zurücktrat. Sie fand, Thimm sehe menschlich aus. ›So ein Mann würde mich erschüttern‹, sagte sie sich, ›dabei sieht er so witzig aus.‹

Dann lief der dicke Kerl im strömenden Regen auf das Schwesternheim zu, sicher ein heimlicher Romeo, wie der aussah. Gott weiß, wieviel von der Sorte die Nacht hier verbrachten.

Der Dicke verschwand im Eingang, und Thimms Silhouette war nur noch ein dunkler Strich, der sich bewegte. Leopoldine hörte, wie Rosemaries Türe leise aufging und zugesperrt wurde. Sie richtete sich auf einen einsamen Abend ein, während ihre Gedanken bei Thimm weilten: ›Was ist er für ein Mensch? Ich meine, in Wirklichkeit. Denn was er zeigt, ist zweifellos Fassade.‹

Sie wünschte sich jemand, der sie schlecht behandelte und den sie gut behandeln könnte.

Der Chefarzt
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