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Weil er in der letzten Zeit zu viel arbeitete, fühlte sich Thimm matt und zerschlagen. Dieser Zustand verursachte eine nervöse Reizbarkeit, die sich bei seinem Gespräch mit Bertram bemerkbar machte.
›Ich hätte ihm schon lange den Kopf waschen sollen‹, dachte Thimm, aber sein Instinkt warnte ihn, mit dem Thema fortzufahren. Bertram war blaß geworden, seine Nasenflügel bebten. Mit einem Male wurde Thimm klar, daß er sich um etwas bemühte, was nur noch in seiner Vorstellung existierte: ein früherer Bertram, dem seine Worte was gegolten hätten. Der jetzige Bertram war für seinen Tadel unempfindlich.
Als ob er es darauf anlegte, nur einer bestimmten Gesellschaftsschicht mit seiner ärztlichen Kunst zu dienen, war Bertram für gewöhnliche Menschen inzwischen unerreichbar geworden. Hielt er gar diese Menschen wegen ihrer Bedeutungslosigkeit für unwürdig? Wenn dem so ist, war Thimms Einmischung ebenso unerwünscht wie unnötig.
Aber statt sich zu sagen, was kümmert mich die Überheblichkeit dieses Menschen, der für meine gutgemeinte Kritik unerreichbar ist, ja einen Wutanfall kriegt, beharrte Thimm darauf – was sonst niemand wagte –, ihm all die unangenehmen Dinge zu sagen.
Thimm unternahm einen schwachen Versuch, so viel Überheblichkeit zu verstehen. Dann war sein kurzer Anflug von Mitleid vorüber. Bösartig fuhr er fort: »Wenn du mich jetzt zum Teufel jagen möchtest, so ist das nicht meine Schuld.«
Bertram hatte sich wieder in der Hand und entgegnete: »Davon kann keine Rede sein.« Ohne zu zögern fügte er hinzu: »Ich habe mir alles angehört, sehr genau angehört, und versuche deine Überzeugung zu begreifen, obwohl deine Art, die Dinge vorzubringen …«
»… dir nicht paßt?«
»Das ist nicht alles. Du nimmst dir das Recht heraus, meine eigene Person zu kritisieren. Gut. Vielleicht ringe ich tatsächlich zur Zeit mit mir und kann mich nicht einordnen. Nach deinen Ausführungen stimmt nichts mit mir: meine Freunde, meine Verbindungen, mein aufwendiges Leben, vielleicht auch meine Frau.«
»Sag das nicht.«
Darauf kam Bertrams trockene Antwort: »Das ist deine Wahrheit.« Sein Gesicht hellte sich auf und ließ an seinen Gedanken keinen Zweifel: »Woher willst du alter, verkorkster Junggeselle wissen, was das wirkliche Leben ist? Etwa die Abende mit deinem Mikroskop? Wann hast du das letzte Mal mit einer Frau geschlafen?«
Dieser Belustigung in Bertrams Augen entzog sich Thimm nur mit Mühe. Er sagte sich: ›Er wirft mir vor, daß ich ein Eigenbrötler bin, ein Narr, und nie geheiratet habe. Er schlägt zurück, bezweifelt meine Urteilskraft über Dinge, die ich selbst nicht kenne. Das ist nur ein Vorwand, er will mich nicht an sich heranlassen.‹
Er kehrte zu einem belanglosen Thema zurück. »An deiner Stelle würde ich ein Auge auf die 7a halten.«
»Du meinst 7b«, entgegnete Bertram. »Ich weiß. Der Stationsarzt heißt Fritsch, taugt leider nicht viel.«
»Den meine ich nicht«, Thimm unterdrückte eine Bewegung. »Dieser Fritsch ist ein ordentlicher Bursche, liefert ganz brauchbare Diagnosen.«
Aus seinem Mund war es ein hohes Lob, das Bertram aus unerklärlichen Gründen reizte. »Meinst du Ohlhaut? Was hast du gegen ihn?«
Thimms Antwort verriet eine Bitternis, die irgendwann in seiner Jugend entstanden war. »Ich kann mir vorstellen, er liegt dir mehr als der andere, nicht wahr? Ich habe gegen ihn eine stattliche Zahl von Fehldiagnosen. Der Kerl ist schlampig, ein Blender.«
Kaum hatte sich Thimm zum Gehen erhoben, meldete sich bereits sein Gewissen.
Vor Bertrams Zimmer sprach ihn eine Schwester an: »Entschuldigen Sie, Herr Professor, ich hörte, es wird eine Oberschwester für die Pathologie gesucht?«
»Das stimmt. Sind Sie eine Bewerberin?«
»Ich möchte es gern. Mein Name ist Leopoldine Stein.«
»Sind Sie schon lange an der Universitätsklinik tätig?«
»Seit sieben Jahren, die letzten drei auf der Intensivstation.« Sie geriet etwas außer Atem, ihre Art zu gestikulieren mißfiel ihm. Er wollte an ihr vorbei. »Können Sie organisieren?« Er merkte nicht, wie diese Frage die pummelige Schwester beunruhigte.
»Was meinen Sie mit organisieren?«
»Die eigentliche Aufgabe einer Oberschwester bei mir. Auf der Pathologie haben wir keine Kranken. Reichen Sie eine schriftliche Bewerbung ein.«
Noch während sie sich überschwenglich bedankte, vergaß er sie und trug den Streit mit Hannes in Gedanken weiter aus. Er sagte sich, er habe alles getan, was in seiner Macht stand. Widerwillig stellte er fest, daß es Zeit für seine Vorlesung war. Nach so vielen Jahren bekam er immer noch ein beklemmendes Gefühl vor einem überfüllten Auditorium.