4

Lisa kam es vor, als ob sie nach so vielen Ängsten alle Furcht verloren hätte. Nicht mehr die Frage, was aus ihr würde, quälte sie, sondern das Verlangen nach einem Menschen, den sie nie geliebt hatte, aber hätte lieben können, füllte ihre Tage. Dabei merkte sie nicht, daß dieses Verlangen bereits Gestalt angenommen hatte. In Dr. Fritsch sah sie mit der Schamhaftigkeit der treuen Gattin zunächst einen Mann, an den sie gerne dachte. Wie für jeden Kranken ersetzte das Krankenhaus auch für sie ihre bisherige Welt. Zu ihr bestand zwar eine Bindung, aber bald trat sie zurück, und die kleine Welt der Kranken verwandelte sich in eine große, in der das Leben neuen Normen und Begriffen unterworfen war. Weil die Kranken trotz aller Untersuchungen viel Zeit haben, reden sie viel. So hörte Lisa allerhand. In der Welt hier war man genauso gut informiert wie draußen, nur die Stars waren andere. Man begehrte vor allem die Ärzte.

Von Fräulein Mörder erfuhr Lisa von der Rivalität zwischen Bertram und Holländer, und als die Stationsschwester nach einem Telefonat Fritschs Frau als unverschämte Person bezeichnete, fing Lisa an, die anderen über sie auszufragen. Sie hörte, daß Fritsch eine blutjunge Frau hatte und noch einiges an Klatsch, was ihren heimlichen Wunsch, Elena Fritsch kennenzulernen, noch mehr verstärkte. Nur kam sie im Gegensatz zu anderen Arztfrauen nie in die Klinik, sie telefonierte. Sie rief ihren Mann zur unpassendsten Zeit an und brachte die Schwestern in Rage. Fritsch wechselte die Farbe, als er ans Telefon geholt wurde, und stammelte unverständliche Sätze, aber aus seinem Verbot, ihn anzurufen, machte sich Elena nichts. Lisa beobachtete ihre Zimmergenossinnen. Die blaugesichtige Frau war Witwe und hatte einen erwachsenen Sohn, der sie regelmäßig besuchte und ihr zärtlich die Hand hielt. Die zwei Jugoslawinnen hatten wortkarge, schwerfällige Männer, und die nierenkranke Türkin wurde von ihren vier Kindern mit Süßigkeiten verwöhnt. Das magere Mädchen hatte einen Freund, der, selbst nicht älter als sechzehn, ihr jedesmal riet, viel zu essen. Sie lächelte tapfer und aß, um ihren guten Willen zu beweisen, ein Stück Schokolade, das sie, nachdem er weg war, erbrach.

Fräulein Mörders Freund sagte zu ihr ›mein Schatz‹, er spielte mit seinen Armmuskeln und sah Lisa mit schamlosen Augen an. Auch Erwin kam und brachte kleine, belanglose Neuigkeiten von der großen Welt draußen, vom Kanarienvogel, den er, seit sie weg war, in Pflege gegeben hatte, und vom Betrieb.

Früher wäre es ihr nicht entgangen, daß er gelöst, fast fröhlich wirkte, was seiner zur Hypochondrie neigenden Natur wenig entsprach. Erwin war ein Grübler. Nur ging diese Erkenntnis an Lisa vorbei, weil sie jetzt zum erstenmal in ihrem Leben von sich selbst in Anspruch genommen wurde.

Hätte sich nicht der Tumor ihrer bemächtigt, wäre Lisa die Hausfrau geblieben, die sie war: brav und bieder in ihrem Reihenhäuschenreich, bemüht, dialektfrei zu sprechen und mit ihren Nachbarinnen auszukommen. Sie hätte zu niemandem gesagt ›Rutschen Sie mir den Buckel runter‹ oder ›Sie Schlampe‹. Wie so viele Frauen in den Hintergrund getreten, hätte sie weiter versucht, Erwin gerecht zu werden, als ob darin ihre Existenzberechtigung bestünde. Jetzt hatte die Erkrankung Lisa wachgerüttelt. Mit einer unbewußten Inbrunst lernte sie eine neue Seite ihres Selbst kennen, die ihr früher völlig unbekannt war. Sogar ihr Körper, jetzt ausgeruht und von keinem Schmerz geplagt, meldete sich mit einer seltsamen Unrast. So lag sie nachts wach, versuchte ihr Gemüt im Zaum zu halten und sagte sich ›Du Spinnerin‹, weil sie sich ihres Mangels an Überzeugung schämte.

Der Chefarzt
content001.xhtml
content002.xhtml
content003.xhtml
content004.xhtml
content005.xhtml
content006.xhtml
content007.xhtml
content008.xhtml
content009.xhtml
content010.xhtml
content011.xhtml
content012.xhtml
content013.xhtml
content014.xhtml
content015.xhtml
content016.xhtml
content017.xhtml
content018.xhtml
content019.xhtml
content020.xhtml
content021.xhtml
content022.xhtml
content023.xhtml
content024.xhtml
content025.xhtml
content026.xhtml
content027.xhtml
content028.xhtml
content029.xhtml
content030.xhtml
content031.xhtml
content032.xhtml
content033.xhtml
content034.xhtml
content035.xhtml
content036.xhtml
content037.xhtml
content038.xhtml
content039.xhtml
content040.xhtml
content041.xhtml
content042.xhtml
content043.xhtml
content044.xhtml
content045.xhtml
content046.xhtml
content047.xhtml
content048.xhtml
content049.xhtml
content050.xhtml
content051.xhtml
content052.xhtml
content053.xhtml
content054.xhtml
content055.xhtml
content056.xhtml
content057.xhtml
content058.xhtml
content059.xhtml
content060.xhtml
content061.xhtml
content062.xhtml
content063.xhtml
content064.xhtml
content065.xhtml
content066.xhtml
content067.xhtml
content068.xhtml
content069.xhtml
content070.xhtml
content071.xhtml
content072.xhtml
content073.xhtml
content074.xhtml
content075.xhtml
content076.xhtml
content077.xhtml
content078.xhtml
content079.xhtml
content080.xhtml
content081.xhtml
content082.xhtml
content083.xhtml
content084.xhtml
content085.xhtml
content086.xhtml
content087.xhtml
content088.xhtml
content089.xhtml
content090.xhtml
content091.xhtml
content092.xhtml
content093.xhtml
content094.xhtml
content095.xhtml
content096.xhtml
content097.xhtml
content098.xhtml
content099.xhtml