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Als AOK-Patientin brachte man Lisa Schönhage in einem Achtbettenzimmer unter. Es war ein Krankensaal mit hohen Wänden, alten, knarrenden Eisenbetten und eisernen Nachttischen. Er wurde von einem nackten Eßtisch mit klobigen Holzbeinen, der in der Mitte des Saales stand, beherrscht. Sosehr sie dieses Zimmer an Filme erinnerte, die um die Jahrhundertwende spielten, richtete sich Lisas ganze Aufmerksamkeit auf eine junge Kranke, die in einem Bett am Fenster halb aufgerichtet lag. In einem ihrer Nasenlöcher steckte eine Plastiksonde. Dieses junge Mädchen (daß es jung war, erkannte sie erst später) hatte eine kalkweiße, durchsichtige Haut, unter der die Knochen so stark hervortraten, daß sie erschrak. So einen mageren Menschen hatte Lisa in ihrem ganzen Leben noch nicht gesehen. Sie spürte, wie alle im Zimmer sie ansahen, und machte, statt zu grüßen, eine ungelenke Kopfbewegung. Dann sah Lisa das blitzblaue Gesicht einer Frau unbestimmten Alters mit aufgeworfenen roten Lippen. Später, als sie sich daran gewöhnt hatte, empfand sie den Ausdruck dieses Gesichtes als milde und sympathisch. Lisas Bett, das ihr eine Schwester mürrisch zuwies, befand sich in der rechten Reihe, schräg gegenüber von dem mageren Mädchen. Es war etwas weg vom Fenster, dennoch konnte sie, wenn sie sich aufrichtete, die Kronen der Kastanienbäume im Park des Krankenhauses sehen. Doch dazu kam sie zunächst nicht. Ihre Bettnachbarin links war eine sehr alte Frau. Nach der Art, wie sie den Mund halb offenhielt, war sie wahrscheinlich taub. Rechts von Lisa lag eine lange, blasse Dreißigerin mit rot gefärbtem Haar, die mit sonderbar schwerfälligen Bewegungen an ihren Fingernägeln feilte. Ihre langen, feinen Finger waren an den Gelenken häßlich deformiert.
Erst jetzt, als sie ihr Ziel erreicht hatte, im Bett lag und an die Decke starrte, wurde ihr bewußt, welch große, ja schicksalhafte Änderung dieser Schritt in ihrem Leben bedeutete. Statt ihr Familienglück zu verteidigen, hatte sie das Feld kampflos geräumt und ihren Mann der Rivalin überlassen. Was würde Erwin jetzt tun? Die Tatsache, daß sie im Krankenhaus lag, würde ihm einen Schock versetzen. Sie versuchte, sich sein Gesicht vorzustellen, wenn er ihre Mitteilung las. Erwin war ein Mann, der sich fest an seine Gewohnheiten hielt und abends kalte Mahlzeiten haßte. Würde er sie anrufen und gleich zu ihr kommen, oder, daran dachte sie jetzt mit Schrecken, würde er erleichtert zu seiner Geliebten fahren und zu seinem unehelichen Sohn? Es war eine willkommene Gelegenheit, die sie ihm in ihrer Dummheit gegeben hatte. Warum sollte er sie nicht nutzen? Die Ehefrau war im Krankenhaus. Bekanntlich spielt jede Freundin gern die Rolle der Ehefrau. An diesem Punkt ihrer Gedanken angelangt, merkte Lisa, wie ihr Herz schneller schlug. Vielleicht würde Erwin dem Drängen seiner Geliebten nachgeben (daß sie ihn drängte, daran zweifelte sie nicht), seine Feigheit überwinden und ihr alles zugestehen. Womöglich wird er ihr schon heute abend einen Brief schreiben und sie um die Scheidung bitten.
›Niemals‹, sagte sich Lisa. Sie richtete sich ruckartig im Bett auf und sah unvermittelt einen sehr langen, schmalgliedrigen Arzt, der vor ihr stand und sie schweigsam beobachtete. In der Hand hielt er ihre Krankengeschichte und unter seinem Arm das schwarze Gehäuse eines Blutdruck-Meßapparates.
»Sie sind Frau Schönhage?« fragte er und setzte sich, ohne auf die Antwort zu warten, auf die Bettkante.
»Ja«, sagte Lisa, von seiner Nähe irritiert, »ich möchte nach Hause!«
»Wie bitte?« Er sah sie überrascht an. »Was haben Sie gesagt?«
»Ich möchte nach Hause. Gleich. Ich hab's mir überlegt, mir fehlt nichts.«
Und weil sie seinen Blick sah, fügte sie eilig hinzu: »Ich bin völlig gesund.«
»Soso«, sagte er bedeutungsvoll und besah sich ihre Krankengeschichte, »und Ihre Bauchschmerzen?«
»Nie welche gehabt«, entgegnete Lisa, »seit meiner Schulzeit. Mein Magen kann Steine vertragen und nach meiner Verdauung können Sie die Uhr stellen.«
»Erlauben Sie mal«, gereizt zeigte er auf die Krankengeschichte, »Sie sind doch wegen Bauchschmerzen eingewiesen worden!« Mit dem Finger tippte er auf die Einweisungsdiagnose.
»Ach«, sagte Lisa geringschätzig, »ich hab's nur gesagt, weil …« Unter seinem prüfenden Blick bewegte sie sich im Bett und wurde sich bewußt, daß alle im Zimmer ihr Gespräch verfolgten. Die rot gefärbte Nachbarin hatte mit dem Nagelfeilen aufgehört. Lisa konnte unmöglich zugeben, daß sie den Hausarzt belogen hatte.
»Ich hab' ein bißchen Schmerzen gehabt«, sagte sie kleinlaut, »jetzt ist es vorbei und vergessen.« Sie wünschte sich, er würde sie nicht so prüfend anschauen.
»Zunächst muß ich Sie untersuchen«, sagte er. Aus seiner Kitteltasche holte er ein Stethoskop mit weichen roten Schläuchen. »Dann werden wir weitersehen. Machen Sie sich frei.«
»Ja«, murmelte Lisa. Sie spürte, daß sie in eine peinliche Lage geraten war, und genierte sich. Hastig zog sie ihr Nachthemd über den Kopf, die Perlenknöpfe verfingen sich in ihrem üppigen Haar, und bevor sie sich's versah, klopfte er ihren Rücken ab und untersuchte sie. Dann mußte sie sich hinlegen, und er drückte auf ihren Bauch, auf die Stelle, wo sie angeblich Schmerzen hatte, und machte ein so finsteres Gesicht, daß sie zwischen zwei tiefen Atemstößen erschrocken fragte: »Ich bin doch nicht krank, Herr Doktor?«
»Atmen Sie ein«, befahl er kurz, und von neuem bohrte er seine Fingerspitzen tief in ihre Bauchdecke, bestrebt, die Bauchorgane abzutasten. Die Kühle seiner Hände empfand Lisa auf ihrer jetzt glühenden Haut als wohltuend.
»Ich hab' heute meine Periode«, murmelte sie und betrachtete bekümmert ihre entblößten Brüste, wo sich eine Falte unter dem bräunlichen Pigment der Knospen bildete. Wie für jede Frau bedeuteten auch für sie welke Brüste ein unbestechliches Zeichen des Altwerdens. Für ihre achtunddreißig Jahre hatte Lisa einen schönen, unverbrauchten Körper, groß und weiß. Wie sie jetzt entblößt auf dem Bett lag, wirkte sie sehr weiblich. Lisas Gesicht war nicht schön. Als sie noch ein junges Mädchen war, hatte man die Härte ihrer Mundpartie kaum beachtet – jetzt wandelte sich diese Härte in einen Ausdruck der Verbitterung. Ihre braunen, lang herabfallenden Locken wurden von silbrigen Haarfäden durchzogen. Doch ihre Wangen zeigten, wenn sie sich aufregte, die unveränderte Kirschröte ihrer Jugend.
»Es genügt«, sagte der junge Arzt und ließ plötzlich von ihrem Bauch ab. »Sie dürfen sich anziehen.« Obwohl die Untersuchung fertig war, machte er die gleiche feierlich ernste Miene, die Lisa Unbehagen einflößte.
»Mir fehlt doch nichts, Herr Doktor?« fragte sie unsicher und ließ dieses knabenhaft-unfertige Gesicht nicht aus den Augen. Er lächelte nicht und zog beim Sprechen seine Oberlippe hoch; zwei falsche Vorderzähne wurden sichtbar. Sein Name stand über der Brusttasche seines Kittels auf einem blauen Schildchen: Dr. Fritsch. Und weil er sie schweigsam mit nachdenklichen Augen ansah, wiederholte sie ihre Feststellung: »Ich bin keine eingebildete Kranke. Ich werde schon wissen, was mir fehlt …«
Jetzt sah er an ihr vorbei. »Die Sache ist … Sie haben eine Walze im Oberbauch, fast mannsfaustgroß. Ein Tumor.«