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»Du mußt unbedingt zurückkommen«, sagte Stephan Thimm, »du hast deinem verdammten Stolz Genüge getan.«

»Ich will nicht zurück.« Bertram schob sein Stethoskop in die rechte Kitteltasche und sagte: »Danke, Stephan. Du kannst dich wieder anziehen. Bei dir hat sich nichts geändert. Du bist gesund. Wenn die Laborbefunde eine Überraschung im Stoffwechselbereich ergeben, lasse ich dir die Ergebnisse zukommen. Ich halte es für unwahrscheinlich.«

Mit einem Blick auf Stephans mageren Oberkörper fügte er hinzu: »Ich glaubte, diese Untersuchung wäre der Grund deines Herkommens.«

»Ich lasse mich, das weißt du, von keinem anderen untersuchen. Doch ich denke auch an die unbeantworteten Briefe und fange an, deine Ablenkungstaktik zu durchschauen. Dem Alten tut die Geschichte mit dir leid. Er kann es immer noch nicht verschmerzen, daß du von ihm weggegangen bist. In seinem Stolz hatte er es nie für möglich gehalten. Mit der Beförderung von Holländer wollte er dich noch fester an sich binden, noch abhängiger machen. Bei deiner Kündigung ist er aus allen Wolken gefallen.«

»Wirst du neuerdings von ihm darüber persönlich unterrichtet?«

»Er hat mit mir über dich gesprochen. Es ist ihm ernst damit.«

»Sehr aufschlußreich! Zu welchem Preis soll ich zurück? Hat er dir das verraten …«

»Die Zusage seiner Nachfolge! Er ist bereit, sie dir zusichern, zunächst inoffiziell, versteht sich. Man darf vor allem Holländer nicht unterschätzen. Es werden Widerstände zu überwinden sein. Aber der Alte wäre in der Lage, es zu erreichen.«

»Es könnten noch andere Gründe vorliegen, weswegen ich nicht zurück möchte.«

»Was sind das für Gründe?«

»Ich fühle mich hier wohl.«

»Verstehe! Weil wir gerade dabei sind, von Gründen zu reden, möchte ich …«

»Schieß los, ich warte schon die ganze Zeit darauf.«

»Du hast mich durchschaut?«

»Wir kennen uns lange genug. Es ist wegen Malvina, nehme ich an.«

»Du darfst nicht glauben …«

»Was ist mit ihr los?«

»Ihr Zustand ist erschreckend. Sie trinkt und treibt sich herum.«

»Hast du was dagegen? Warum soll ausgerechnet sie keinen Liebhaber haben?!«

Thimm berührte seine Schulter. »Darum geht es nicht. Wie lange, glaubst du, kann eine Frau diese Hölle durchmachen, ohne dabei kaputtzugehen? Seit du sie verlassen hast, schläft Malvina mit jedem Hund.«

Stephans Besuch, seine Aufforderung, zu Malvina zurückzukehren, und das Versprechen, er werde Auerbachs Nachfolger, zeigten ungeahnte Wirkung. Dabei hatte Stephan Malvina nie leiden können.

Als Bertram sich strikt weigerte, wurde er böse. Stephan argumentierte, er habe Malvina in einem Augenblick verlassen, wo sie von ihrem Vater im Stich gelassen wurde und alle Welt, nicht zuletzt wegen Bertram, gegen sich hatte.

Bertram habe all die Annehmlichkeiten seines Verhältnisses mit ihr genossen und sie ausgenützt; er habe erlaubt, daß sie sich für ihn opferte, er sei sogar noch weiter gegangen. Alles, was Malvina für ihn tat, habe er als eine Selbstverständlichkeit hingenommen. Das erste Mal, als sie auf seine Hilfe angewiesen war, dozierte Stephan, habe der große Bertram seine Stelle gekündigt und den Rückzug angetreten. Diese ungewöhnlich leidenschaftliche Äußerung beendete Stephan emphatisch: »Wovor fürchtest du dich?«

Das war die Zeit, wo Bertram seinen eigenen Gründen mißtraute.

Einen Tag darauf reiste Stephan ab. Bertrams Behauptung, er sei an Auerbachs Nachfolge nicht mehr interessiert, und er wolle zu Malvina nicht mehr zurück, hörte er sich ohne Kommentar an.

Ihr Abschied war kühl. Bertram begleitete ihn zum Bahnhof und unterdrückte ein schmerzliches Gefühl, als Stephans hagere Silhouette in einem menschenleeren Abteil verschwand. Vom Bahnhof fuhr Bertram in die Klinik zurück. Nach Stephans Besuch war er aufgewühlt, eine alte Wunde hatte sich wieder geöffnet. Der Gedanke, er habe sich eine große Chance entgehen lassen, verdroß ihn. Aber welche? Vorsicht, sagte er sich, die Hunde sind aufgewacht.

Der Chefarzt
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