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Unter der Last seines ungerechtfertigten Verdachts gegen Malvina riß der dünne Faden von Bertrams Familienglück. Die Widersprüche ihres Lebens waren von ungeahnter Tiefe.
Nach London führten sie ein bitteres, unwirkliches Leben in ihrer gewohnten Umgebung, eine Woche lang halb ausgesöhnt, dann wieder aufflackernder Zorn und eine Malvina, die schreit: »Du bist verwöhnt, eingebildet und hochnäsig. Vielleicht haben dich deine Patienten zu einer Art Gottheit gemacht. Deine gepflegte, gefällige Arroganz … wie mich das ankotzt.«
Er sitzt regungslos vor ihr, verängstigt, und denkt: ›Wir sind entschieden zu weit gegangen, um den Weg zurückzufinden.‹
Manchmal geben sie sich versöhnlich. Er, von seinem Gewissen geplagt, sie in dem immer wiederkehrenden Bedürfnis, die Scherben ihrer Ehe zu kitten. Sie reden dann scherzhaft miteinander, und wenn sie etwas angetrunken sind, versuchen sie, ihre Bitterkeit hinter geistreichen Bemerkungen zu verbergen, deren Sarkasmus unüberhörbar ist.
Sie sagt: »Du hast mich nicht geheiratet, um dich einige Jahre später von mir scheiden zu lassen.«
Und er: »Ich frage mich, warum wir seit sieben Jahren Krieg miteinander führen!«
»Wenn ich dich so reden höre, kann ich mir nicht vorstellen, daß du einen Fehler zugibst. War unsere Ehe ein Fehler?«
»Wenn, dann ein ehrenhafter.«
»Als ich dich heiratete, galtest du als eitel, launisch und intolerant«, sagt sie. »Um nach all den Jahren den Schlußstrich zu ziehen, möchte ich dir folgendes eingestehen: Im Grunde haben wir uns aus ganzem Herzen verabscheut.«
Manchmal geht er vor dem Schlafen im Park spazieren (Malvina zieht sich schon früh in ihr Schlafzimmer zurück, er bleibt unten sitzen, trinkt hastig noch einige Drinks.) Draußen ist die Luft frisch, die Bäume rauschen, der sternenlose Himmel erscheint ihm wie eine dunkle Bedrohung. Er schüttelt seinen vom Alkohol benommenen Kopf, der Kies der Allee raschelt unter seinen Füßen. Eine tiefe Traurigkeit überkommt ihn, die sich angenehm in ihm ausbreitet. Er sagt sich: ›Es hat keinen Sinn, um vergossene Milch zu weinen.‹
Dann bleibt er stehen. Etwas Neues fällt ihm ein: ›Ich bin zu lange auf demselben Fleck Erde gewesen, lebenslänglich in dieser Stadt.‹ Dieses ›lebenslänglich‹ löst eine Panik in ihm aus. ›Himmel, wie alt ich mich fühle, vierundvierzig und schon ein alter Mann, ein Medizinprofessor.‹
Später, bevor er einschläft, sagt er sich: ›Einmal den Gipfel erreicht, sieht alles anders aus, nichts kann die Menschen so sehr enttäuschen wie die Rendite ihrer Jugendbegeisterung. Auch du hast deine Jugendziele unterwegs verloren, aber wann?‹
Manchmal kommt er abends erst gar nicht nach Hause. Er geht sehr spät aus der Klinik, um zehn oder elf. Es ist die Zeit, wo er sich auf die Arbeit stürzt, er sucht sie geradezu. Im Leben eines Klinikdirektors gibt es Arbeit mehr als genug. Ein neues Thema beherrscht seine Gedanken. Sein Leben war immer gut behütet, in ihm hatte es keinen Regen gegeben. Die heile Welt seiner Kindheit, dann eine Karriere, hoch hinaus wie ein abgeschossener Pfeil; Karen und Elisabeth Kerckhoff haben dafür Sorge getragen, und vor allem Malvina. Frauen, die ihm den Weg ebneten und sein Leben gestalteten. Gewiß, ohne sein berufliches Können wäre es nicht gegangen, zumindest nicht so glatt. Die Frage bleibt offen, wie viele mit demselben Können als niedergelassene Privatdozenten endeten, sich mit Geldverdienen trösteten …
Manchmal läuft er nachts durch die Straßen; er ist dabei, die Stadt zu entdecken. Sein Leben hat sich immer auf denselben Straßen abgespielt, der Weg zur Arbeit und der Weg nach Hause, die Plätze des vornehmen Lebens der Gesellschaft, derselbe Weg zu denselben Bekannten. ›Es gibt Menschen, die alt geboren werden‹, sagt er sich, ›bei dir hat die Sehnsucht nach der Ferne nie stattgefunden. Statt dessen Sicherheit, Geborgenheit, Reichtum.‹
›Jemand sein, eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens. Alles Sehnsüchte eines Kleinbürgers.‹ (Gedanken nach zwei Liter Landwein in einem tristen Lokal in der Nähe des Bahnhofs.) In der trügerischen Morgendämmerung landet er versehentlich in einer Nuttenkneipe. Ein dickes Mädchen kommt auf ihn zu, wiegt sich mechanisch in den Hüften. »Spendier mir einen Drink, Süßer!«
»Eine Flasche Sekt und zwanzig Baccaratrosen dazu, Liebling«, stammelt er.
»Baccaratrosen! Verrückt«, sagt das Mädchen. Ihr Gesicht glänzt trotz der Schminke. Sie betrachtet ihn einen Augenblick aufmerksam. »Ist sie schlecht zu dir?«
»Wer?«
»Deine Frau, Schatz. Du hast Kummer mit ihr …«
Sie trinken schweigend. Auf seiner Mundschleimhaut, vom Alkohol und Nikotin betäubt, verursacht der Sekt ein Prickeln. Sie sind bei der zweiten Flasche angelangt, und sie verbessert sich: »Du bist verdammt unglücklich, Schatz. So ein schöner Mann …«
Er ist ziemlich betrunken, der Sekt gibt ihm den Rest. Er schnauzt sie an: »Halt den Mund, trinke.«
Ein Mann denkt immer über sein Leben nach: ›Wir sind alle unecht.‹
›Es gab einmal einen Jungen‹, sagt er sich. ›Ich habe ihn irgendwann verloren. Mit seiner Unruhe hat er mein Leben heillos durcheinandergebracht, jedesmal, wenn ich gerade dabei war, es zu ordnen. Also gut, ich gebe zu, er wurde mir unbequem. Ein Junge muß erwachsen werden, nicht wahr? Das einzige, was in uns echt bleibt, lebenslänglich, ist der Egoismus des Stadtmenschen.‹
Er steht auf, schwankt und sagt zu dem dicken Mädchen höflich: »Ich fürchte, ich habe zuviel getrunken. Himmel, ist das großartig.«
Was für ein elender Ort.
Draußen ist es beinahe hell, es ist kurz nach sieben. Er sagt sich: ›In jeder Ehe gibt es Jahreszeiten. Man soll nicht rückwärts schauen, die Zeit wird alles wieder ordnen.‹
Am nächsten Tag sagt Malvina – er weiß gleich, es ist ihr ernst damit: »Du mußt gerecht sein, Johannes. Entscheide dich, so oder so.«
Ach, zum Teufel.