4

»Schwester Aida?« fragt Gräfin Kerckhoff. Sie blinzelt etwas, eine alte Frau, die Schwierigkeiten beim Aufwachen hat. »Wollten Sie nach mir schauen? Sie sind neu hier.«

»Ja«, sagt Schwester Rosemarie. Sie zittert. »Ich bin neu hier.« Ihre Augen streifen das Gesicht der Gräfin und bleiben an der offenen Schmuckkassette hängen. Vom Bett aus kann die Gräfin die Kassette nicht sehen, nur die Platte des altmodischen Nachtkastens.

»Hab' Sie noch nie gesehen«, sagt die Gräfin. »Wie heißen Sie?«

»Van Dahmen.«

»Welche van Dahmen? Die holländischen? Oder die Belgier?« Die Gräfin zeigt Interesse.

»Wir sind entfernt verwandt. Meine Eltern kommen aus Karl-Marx-Stadt«, stottert Rosemarie. Es wird ihr bewußt, daß sie sich damit verraten hat. Bei der Suche nach der Diebin braucht man nur noch nach einer Schwester zu fahnden, die in Karl-Marx-Stadt geboren ist. Rosemarie sieht das verdutzte Gesicht der Gräfin und beeilt sich zu sagen: »Das ist in der DDR. Früher hieß es Chemnitz.« Die Gräfin nickt nur. Ihr Interesse ist verflogen. »Geben Sie mir Ihre Hand, Schwester van Dahmen.« Sie betastet Rosemaries Hand vorsichtig und sagt überrascht: »Sie haben eine sehr starke Hand für ihre zierliche Figur. Aber Sie zittern ja.«

»Äh … es ist weiter nichts. Ich bin etwas nervös.« Rosemarie spürt, wie sie rot wird.

Mit der Sprunghaftigkeit alter Menschen, deren Konzentration nachläßt, sagt die Gräfin: »Meine Tochter Karen und Hannes Bertram standen kurz vor ihrer Hochzeit, als sie starb. Wußten Sie das? Sie starb an Brustkrebs. Damals war der Hannes noch keine Berühmtheit, ein sauberer Junge mit allerhand verrückten Ideen. Seine Nächte verbrachte er in einem Kellerloch in der Universität und sprach voller Stolz von seinem Labor. Damals gab's noch Idealisten unter den Jungen. Der Hannes verdiente wenig. Er machte sich nichts aus Geld. Ich fand es großartig, weil er und Karen auf meine Hilfe angewiesen waren. Sie kamen zu mir, als sie heiraten wollten. Wußten Sie das, Schwester van Dahmen?«

»Ich hab' davon gehört.«

»Was denn«, sagt die Gräfin gereizt, »Herrgott, es war Liebe. Manchmal denke ich, es war eine Vorsehung, daß sie nicht heirateten. Soviel Gefühl endet nie gut. Meine Karen starb, als sie glücklich war. Wissen Sie, was das ist? Glücklich sein ohne Vorbehalt? Rücken Sie mein Kissen zurecht, nein, andersherum. Stellen Sie sich nicht so dumm an, meine Liebe. Sie sollen das obere Ende weiter raufziehen.« Sie verhält sich jetzt wie eine eigenwillige alte Dame, die keinen Widerspruch duldet.

»Warum ist der Hannes noch nicht da? Die Nachtschwester soll noch mal bei ihm anrufen und ausrichten, ich warte auf ihn.«

»Ich werde gleich nachfragen«, sagt Rosemarie eifrig.

Die Gräfin beruhigt sich schnell. »Lassen Sie mich allein. Ich muß jetzt nachdenken.« Sie fügt hinzu: »Ich danke Ihnen. Schwester van Dahmen. Ich finde es sehr rücksichtsvoll von Ihnen, daß Sie Ihre Schuhe ausgezogen haben. Der Schlaf einer alten Frau ist leicht, das werden Sie noch erfahren. So, und jetzt gehen Sie! Sie dürfen mich morgen besuchen.«

Der Chefarzt
content001.xhtml
content002.xhtml
content003.xhtml
content004.xhtml
content005.xhtml
content006.xhtml
content007.xhtml
content008.xhtml
content009.xhtml
content010.xhtml
content011.xhtml
content012.xhtml
content013.xhtml
content014.xhtml
content015.xhtml
content016.xhtml
content017.xhtml
content018.xhtml
content019.xhtml
content020.xhtml
content021.xhtml
content022.xhtml
content023.xhtml
content024.xhtml
content025.xhtml
content026.xhtml
content027.xhtml
content028.xhtml
content029.xhtml
content030.xhtml
content031.xhtml
content032.xhtml
content033.xhtml
content034.xhtml
content035.xhtml
content036.xhtml
content037.xhtml
content038.xhtml
content039.xhtml
content040.xhtml
content041.xhtml
content042.xhtml
content043.xhtml
content044.xhtml
content045.xhtml
content046.xhtml
content047.xhtml
content048.xhtml
content049.xhtml
content050.xhtml
content051.xhtml
content052.xhtml
content053.xhtml
content054.xhtml
content055.xhtml
content056.xhtml
content057.xhtml
content058.xhtml
content059.xhtml
content060.xhtml
content061.xhtml
content062.xhtml
content063.xhtml
content064.xhtml
content065.xhtml
content066.xhtml
content067.xhtml
content068.xhtml
content069.xhtml
content070.xhtml
content071.xhtml
content072.xhtml
content073.xhtml
content074.xhtml
content075.xhtml
content076.xhtml
content077.xhtml
content078.xhtml
content079.xhtml
content080.xhtml
content081.xhtml
content082.xhtml
content083.xhtml
content084.xhtml
content085.xhtml
content086.xhtml
content087.xhtml
content088.xhtml
content089.xhtml
content090.xhtml
content091.xhtml
content092.xhtml
content093.xhtml
content094.xhtml
content095.xhtml
content096.xhtml
content097.xhtml
content098.xhtml
content099.xhtml