Montag, 5. Mai 2008
Sahagún (2979 Einwohner), 829 m ÜdM, Provinz León
21. Etappe bis El Burgo Ranero, 18 km
So schön dieses Zimmer und wie gemütlich dieses Bett auch sind, ich habe es heute sehr eilig zum Frühstück herunter zu gehen. Natürlich steht an oberster Stelle jetzt erst mal mein riesengroßer Hunger, aber ich muss ja auch noch zum Tierarzt, um für Ruddi ein Ungeziefermittel zu besorgen. Schnell ist das Hundebett im Rucksack verstaut, der Wassernapf mit frischem Nass gefüllt und weggepackt. Trotz aller Eile serviere ich meinem treuen Vierbeiner liebevoll sein Frühstück und werde bei dieser Aktion daran erinnert, auch noch einen Supermarkt aufzusuchen, um neues Futter zu kaufen. Das gibt es ja bekanntlich nicht überall. Hier in der „Großstadt“ habe ich sicher gute Chancen. Das wird alles viel Zeit in Anspruch nehmen, aber die heutige Etappe bis El Burgo Ranero ist ja schließlich auch nur schlappe 18 Kilometer lang.
In voller Montur und Ruddi locker an der Leine führend betrete ich den Frühstücksraum. An einem Tisch sitzen zwei Leute, vermutlich ein Ehepaar. Das sind aber keine Pilger - die sehen anders aus! Es gibt wohl auch in Spanien immer noch Menschen, die einen ganz normalen Urlaub machen. Und das scheinen solche Exemplare zu sein. Welch seltener Anblick: Menschen ohne Rucksack und mit komischen leichten Schuhen an den mit feinem Stoff bedeckten Beinen. Obenrum trägt der Herr ein Jackett, unter dem keck eine Krawatte hervorschaut und die Dame eine feine Bluse. Jedes Mal wenn sie sich nach vorne beugt, muss sie die lange Kette in Schach halten, damit sie sich nicht auf ihrem Teller oder in der Kaffeetasse austoben kann. Die Frau ist sogar geschminkt und hat die Haare schön!
Sie möchten nicht dabei erwischt werden, als sie mich von oben bis unten mustern. Aber den Gefallen tue ich ihnen nicht. Gut gelaunt werfe ich ihnen ein „Buenos días, qué tal (Guten Morgen, wie geht’s)?“ zu. Peinlich berührt, aber freundlich erwidern sie meinen Gruß. Ich lasse mich häuslich nieder, führe die immer wiederkehrende Prozedur durch, um es Ruddi und mir so gemütlich wie möglich zu machen und spüre, dass sie mich genauestens beobachten und darüber sprechen. Als ich meinen ersten Schluck Kaffee trinke, scheinen sie mit meinem Tun zufrieden zu sein. Gerührt zeigen sie auf Ruddi, der vor dem Rucksack liegt und wünschen mir mit unerwartet liebevollen Blicken und Ah!-wir-haben-verstanden-Kopfnicken Richtung meines Reiseführers einen „buen Camino“. Na, dann wäre das ja geklärt.
Der feine Señor, der mich gestern Abend hier empfangen hat, serviert mir ein Frühstück vom allerfeinsten und sorgt dafür, dass es an nichts fehlt. Wenn die Tasse leer ist, wird sofort wieder nachgeschenkt. Croissants, Butter, Marmelade und Käse gibt es ebenfalls in Hülle und Fülle. Er steckt sogar Ruddi ein Stückchen Wurst zu - und damit die Wurst besser rutscht, noch ein bisschen Weißbrot hinterher. Ich kann mich kaum loseisen, aber ich habe ja noch viel vor und nach Erledigung der Formalitäten verlasse ich dieses Hotel durch die - weit vom vornehmen Señor persönlich aufgehaltene - Pforte.
Mein erster Halt ist der Supermarkt. Ich kaufe einen Kilo-Beutel Hundefutter, eine Tüte Croissants und Wasser für unterwegs. Der erste Streckenabschnitt bis Bercianos ist zehn einsame Kilometer lang. Da sollte Proviant unbedingt dabei sein, zumal die Sonne heute aus dem stahlblauen Himmel lacht und uns wieder mächtig einheizen wird. Das Hundefutter reicht wahrscheinlich bis zum Ende der Reise, was ja praktisch ist - da muss ich mich wohl nicht mehr drum kümmern - aber ein ganzes Kilo mehr im Rucksack fällt empfindlich auf. Ich denke einfach nicht daran, dann merk ich das gleich nicht mehr.
Auch der Tierarzt ist bald gefunden. Er drückt mir fröhlich pfeifend, also sehr zuversichtlich und für mich beruhigend, ein Floh- und Zeckenschutzmittel in die Hand. Diese Flüssigkeit reibe ich Ruddi in den Nacken. Das mögen die Parasiten alle nicht und suchen künftig das Weite, noch bevor sie den Hund bestiegen haben. Super! Ich suche mir ein ruhiges Plätzchen, untersuche meinen Kleinen nochmal genauestens und picke alles Unerwünschte aus seinem Fell, in der Hoffnung, dass es das letzte Mal ist.
Beim Auszug aus Sahagún wird mir nochmal die Schönheit dieses Städtchens, das im 10. Jahrhundert entstand, bewusst. Gegen halb elf lasse ich es hinter mir und freue mich auf die Dinge, die da kommen mögen.
Es ist eine schnurgerade Strecke. Für den Pilger und andere Fußgänger gibt es einen weißen Kiesweg neben der kaum befahrenen Straße. Wenige ganz junge Bäume säumen den Straßenrand. Sie werfen kaum Schatten und die Sonne hat kein Erbarmen. Ich fahre einen Gang zurück und mache viele kurze Pausen, damit Ruddi sich zwischendurch erholen kann. Ich frage mich, ob ich die Pausen auch brauche oder ob ich sie wirklich nur für meinen kleinen Schwarzen mache!? Ich finde keine Antwort darauf. Im Grunde ist es auch egal. Aber mir wird klar, wie sich die Energien miteinander verbinden. Sobald ich sehe, dass Ruddi nur noch hinter mir her trottet, anstatt fröhlich vor mir her zu laufen, verlässt mich auch unverzüglich die Kraft. Es kommt genauso oft vor, dass ich denke „es geht nicht mehr“, mein Hund aber frohen Mutes und voller Energie unterwegs ist. Wenn ich mich darauf einlasse, kann ich aus diesem Anblick neue Kraft ziehen. Ich frage mich, wie oft Ruddi sich von meiner Energie anstecken lässt. Man sagt Hunden ja nach, dass sie für ihre Menschen eher sterben, als aufzugeben was von ihnen verlangt wird. Das scheint zu stimmen, denn er bleibt niemals einfach irgendwo liegen, sondern trottet mir nach, bis ich STOP sage. Macht er aber vielleicht auch manchmal schlapp, weil ich ausstrahle, dass ich eigentlich gar nicht mehr kann? Laufe ich manchmal weiter und ignoriere die Zeichen meines Körpers, nur um ein Ziel zu erreichen? Ich habe mein Leben lang gelernt, die Zähne zusammenzubeißen und weiterzumachen - auch, wenn’s wehtut. „Halt durch“ war mein Wegbegleiter bis heute. Ohne Ruddi liefe ich wahrscheinlich so manchen Kilometer ohne Pause. Aber wenn ich ehrlich bin, tun mir die kurzen Stopps jedes Mal gut, obwohl ich bisher dachte, ich mach es nur für ihn.
Nach geschätzten fünf Kilometern und drei oder vier vorbeigefahrenen Autos, fällt es mir immer schwerer über die Kieselsteine zu laufen. Ich spüre jeden einzelnen durch die Schuhsohle. Meine Füße wollen das nicht mehr. Ich schau mich um und entschließe mich, auf der Straße weiterzulaufen. In dieser Einsamkeit höre ich ein herannahendes Auto schon aus weiter Ferne. Kennen Sie das Gefühl in ein angenehm warmes, sich dem Körper anschmiegendes Wasserbett zu steigen, nachdem sie vorher auf einer kalten, harten Pritsche gelegen haben? So krass empfinde ich gerade den Unterschied des Laufgefühls vom unebenen Kieselsteinweg zum glatten Asphalt. Eine unglaubliche Erleichterung. Warum nicht gleich so?
Ich bin jetzt seit gut drei Stunden unterwegs und habe noch keine Menschenseele gesehen, ausgenommen die Autofahrer, die ich an einer Hand abzählen kann. Weit vor mir entdecke ich einen Mann, der auf seinen Stock gestützt, die Straße entlang geht. Ich freue mich darauf, in naher Zukunft diesem Menschen „Hola“ sagen zu können Vielleicht haben wir uns ja noch ein bisschen was anderes zu erzählen Er wohnt doch bestimmt im nächsten Ort, in Bercianos. Der Señor wird mir die Bar mit dem besten Café con leche weit und breit empfehlen können.
Er befindet sich in Höhe eines kleinen Waldstückes und genießt den Anblick seiner Heimat. Man sieht es ihm tatsächlich schon von weitem an. Ich komme immer näher. Er strahlt eine unglaubliche Zufriedenheit und innere Ruhe aus. Auch er freut sich, mich zu sehen. „Hola! Qué buena compañía. Qué tal?“ Er stellt mir viele Fragen über mich, Ruddi, meine Erlebnisse und Erfahrungen auf dem Camino. Ich antworte mit einem Gemisch von Deutsch, Spanisch, Englisch, Gestik, Mimik, Händen und Füßen. Er hat seine helle Freude daran. Ich höre von ihm, dass er hier aufgewachsen ist und wie sehr er seine Heimat liebt. Er ist 87 Jahre alt und hatte drei Kinder. Ein Sohn ist vor vielen Jahren bereits an einer Krankheit gestorben. Eine Tochter ist ausgewandert. Sie lebt mit ihrem Mann in Australien und er sieht sie nur noch alle paar Jahre mal. Aber der zweite Sohn betreibt ein Geschäft in Sahagún. Ich sehe in seinen Augen, wie stolz er darauf ist. Jeden Mittag geht er spazieren und wenn er nach Hause kommt, hat seine Frau lecker gekocht. Er hat die beste Frau der Welt - genau wie mein Vater!
Pilger sieht er hier nicht so oft, weil es einen zweiten parallelen Pilgerweg nach Mansilla de la Mulas gibt. Den wählen die meisten, weil er weiter weg von der Schnellstraße verläuft. Ach, guck an, ist mir noch gar nicht wirklich aufgefallen. Etwa drei- bis vierhundert Meter parallel der Straße, auf der wir uns gerade befinden, steppt der Bär. Wenn man genau hinsieht, gibt es sie. Da sind wirklich viele Autos unterwegs. Der Wind steht heute günstig, so dass ich die Motorengeräusche kaum wahrnehmen kann. Tja! Man sieht und hört immer nur das, was man auch sehen und hören will.
Ganz gemütlich erreichen wir tatsächlich zusammen Bercianos. Der Señor zeigt mir noch, wo sich die nächste Bar befindet und ich meinen Café con leche genießen kann. Ich habe keine Ahnung, wie lange wir zusammen unterwegs waren, aber es hat mir gutgetan.
In der Bar angekommen, lasse ich mich auf einen Stuhl fallen und habe das Gefühl, nie wieder aufstehen zu können. Ja, mein Gott! Es waren zehn Kilometer am Stück bei hohen Temperaturen und gleichbleibender Landschaft - flach und schnurgeradeaus. Im Sitzen bereite ich Ruddi seinen Liegeplatz. Hier ist kaum was los. Ein paar einheimische haben sich auf die Barhocker gefläzt und lassen sich vom Fernseher berieseln. Ich bin die einzige Pilgerin. Die Wirtin ist so nett und bringt mir meinen Kaffee an den Tisch. Dabei entdeckt sie Ruddi’s Napf, nimmt ihn, füllt frisches Wasser ein und legt einige Erdnüsse daneben, die er sich sofort dankbar schmecken lässt.
Als mir nach fast einer Stunde bewusst wird, dass ich noch acht Kilometer laufen will, gibt der Stuhl mich wieder frei. Am Weg ändert sich nichts. Alles bleibt, wie es heute Morgen angefangen hat. Gegen sieben Uhr erreiche ich El Burgo Ranero.