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Im Wagen glitten sie langsam auf dem
Djurgårdsvägen dahin. Die Straße führte am Südufer der Insel
entlang. In unregelmäßigen Abständen deutete sich die Fassade einer
Villa zwischen den Bäumen an, und manchmal schimmerte rechts das
mondbeschienene Wasser. Alles war still. Seit Waldemarsudde war
ihnen kein Auto mehr entgegengekommen. Dort hatten Pers Leute in
den beiden Transits an der Endstation der Buslinie 47 am
Straßenrand gehalten, um zu warten.
Jernbergs Haus lag ganz hinten an der Ostspitze von
Djurgården in Ekudden. Sofi saß allein auf der Rückbank des
nachtschwarzen Volvos und hatte den Computer neben sich aufgebaut.
Darauf betrachtete sie ein Luftbild der Gegend. Es war irgendwann
im letzten Jahr an einem schönen Sommertag aufgenommen worden. Aus
dem Privathafen ganz in der Nähe des Hauses fuhren gerade zwei
Motorboote aufs offene Wasser hinaus, und eine große Fähre
passierte die Enge zwischen Djurgården und Nacka.
Vorne im Wagen saßen Kjell und Henning. Der hatte
Ausdrucke der Klara-Bilder aus Davids Wohnung auf dem Schoß liegen
und versuchte, den Bildhintergrund mit dem Blick aus dem Fenster in
Einklang zu bringen. Obwohl der Vollmond auf Djurgården und das
Wasser herableuchtete, war jenseits davon das Felsufer von Nacka
nur als schwarzer Schatten mit vereinzelten Lichtern zu erkennen.
So war es meistens. Die hohen Felsen von Nacka und Södermalm hatten
am Tag die Sonne hinter sich. Wenn man von Kungsholmen oder der
Innenstadt aus auf diese südlichen Inseln blickte, lagen sie für
gewöhnlich als schwarzer Streifen da, der Himmel und Wasser
trennte.
Das war auf den Klara-Bildern nicht so. Man sah das
Ufer mit der Fabrikanlage und ihren Kühltürmen ganz farbig und
räumlich, wenn auch nur winzig und nicht immer scharf. Die
Aufnahmen mussten zu einer ganz bestimmten Tageszeit entstanden
sein. Auf den Bildern war es Frühling oder Sommer. Henning hatte
auf den Sommer gesetzt, wegen des Grüns der Blätter, und weil man
keine Blüten sah. Leider war bei der Kamera das Datum nicht
eingestellt und zeigte den 1.1.2002 um Mitternacht. Auf der
Festplatte des Computers waren die Bilder erst Mitte Juli
gelandet.
»Mittsommer.«
Das Wort schwamm auf dem Brummen des Motors wie ein
Schlauchboot auf dem schaukelnden Meer.
»Jetzt ist kein Mittsommer, Henning«, flüsterte
Sofi von hinten, und man hörte, dass sie dabei lächelte.
»Wisst ihr, was mit den Bildern nicht stimmt? Das
Licht. Das gibt einem doch sofort ein merkwürdiges Gefühl, wenn auf
einem Bild das Licht nicht stimmt.«
Sofi steckte ihr Gesicht zwischen den beiden
Vordersitzen hindurch. »Eine Montage?«
Henning drehte den Kopf nach links und war Sofis
Nase ganz nah. »Nein. Die Bilder sind in den Nächten um Mittsommer
entstanden. Die Sonne schimmert über den Nordpol hinweg auf die
Nordküste von Nacka.«
»Das festliche Kleid des Mädchens«, warf Sofi ein.
»Das könnte wirklich an Mittsommer gewesen sein.«
»Genau. Die Digitalkamera hat das Licht aufgehellt
und verfälscht, deshalb sieht es aus, als wäre das Foto bei Tage
gemacht worden. Eigenartig ist, dass auf dem Computer sonst nichts
gespeichert war außer diesen Bildern. Die nichtssagende Wohnung
eines alten Mannes und mittendrin ein Computer mit den
Bildern.«
»Das ist so ähnlich wie mit der Schriftart«, sagte
Kjell.
»Also wie eine Schatzjagd?«
Henning drehte sich wieder zu Sofi. »Ja, aber was
ist der Schatz und wer ist der Jäger?«
»Die Schrift richtet sich nur an Klara«, antwortete
Kjell bestimmt. »Darüber denke ich die ganze Zeit nach. Ich frage
mich, ob die Schrift überhaupt eine Bedeutung hat. Vielleicht führt
sie uns auf eine falsche Fährte.«
Henning brummte. »Vergiss nicht, dass uns auch die
Kartenabrechnung zur Agentur geführt hat.«
Sofi ließ sich laut in die Lehne zurückfallen. »Ich
finde es wichtiger, dass David all diese Hinweise gegeben hat, bis
hin zum Toten im Park. In allen Fällen waren wir es, die die
Hinweise gefunden haben.«
»Und in allen Fällen haben vielleicht auch andere
davon erfahren.« Henning raschelte mit dem Blätterstapel auf seinem
Schoß. »Daraus können wir vielleicht schließen, dass David nicht
genau voraussehen konnte, wem die Hinweise in die Hände fallen
würden.«
»Er könnte auch mehrere im Blick gehabt haben«,
überlegte Sofi. »Mainstream sozusagen. Der Unterschied besteht dann
nur darin, dass jeder Empfänger einen anderen Schluss aus den
Nachrichten zieht, weil jeder eine andere Sicht auf die Sache hat.
Was die Schrift für Klara bedeutet, wissen wir nicht, aber was sie
für uns bedeutet, schon.«
»Wie kommst du darauf?«, fragte Henning.
»Der Tote. Wir haben ihn für Aisakos gehalten, weil
wir vorher aus den Briefen schon wussten, dass es einen Aisakos
geben muss. Damit hatte David nicht gerechnet. Das hat er nicht
gewusst. Deshalb war er in einer seiner E-Mails an mich so
erstaunt, dass wir den Toten für Aisakos hielten. Er konnte unseren
Fehlschluss nicht nachvollziehen. Er ist davon ausgegangen, dass
wir verstehen, dass der Tote der Mann war, der Klara aus dem
Fenster gestoßen hat.«
»Aber dessen Auftraggeber hätten das verstanden«,
sagte Kjell. »David ist davon ausgegangen, dass es nach einem so
prominenten Fundort Bilder des Toten in der Zeitung geben würde und
vielleicht auch das Zitat, das er dem Toten auf die Brust
geschrieben hat. Der Vers auf der Leiche richtet sich also an den
Auftraggeber.«
»Mmm«, fand Henning. »Kommt darauf an. Der Inhalt
richtet sich durchaus an uns und alle anderen. David wusste ja
nicht, dass wir die anderen Zettel bereits kannten. Und das Ganze
auch noch philologisch angehen würden!«
Sofi schoss wieder vor und versetzte den beiden
Vordersitzen dabei einen Stoß. »David hat recht spät erkannt, dass
wir nicht so reagieren, wie er es erwartet hatte. Als er mein Bild
vor dem Eingang der deutschen Polizei gesehen hat, muss ihm
endgültig klargeworden sein, dass wir vor allem ihm auf der Spur
sind.«
»Und das war falsch«, sagte Kjell.
»Wieso?«
»Weil er bereit war, sich selbst aufzugeben. Er hat
sogar seine Verhaftung oder seinen Tod in Kauf genommen. Das wurde
erst nötig, weil wir das eigentliche Ziel nicht erkannt
haben.«
Ein Telefon klingelte. Nach allgemeiner Unruhe war
klar, dass es das von Kjell sein musste. Es steckte in seiner
Jacke, die hinten bei Sofi lag.
»Es ist Barbro«, sagte Sofi und nahm das Gespräch
an. Sie hörte schweigend zu und brummte gelegentlich. Nach dem
Auflegen berichtete sie, was Barbro über Stavros herausgefunden
hatte. »Wir sollen sofort nach Fingerabdrücken suchen. Dem
Jugendbild in seiner Akte nach wäre es möglich, dass er der Tote
aus dem Park ist. Deshalb geht er nicht ans Telefon.«
»Eines der beiden Häuser dort müsste es sein.«
Kjell streckte den Arm aus, bremste den ohnehin schon langsamen
Wagen noch mehr ab und kam schließlich auf der gegenüberliegenden
Straßenseite zum Stehen.
Der Mond erhellte nur die Dächer der verstreuten
Villen, der Rest lag im Schatten der Bäume. Der Weg von der Straße
zum Grundstück verlor sich im Dunkel.
Das Haus war kleiner, als sie erwartet hatten, und
lag auf einem hundert Meter breiten Streifen zwischen Straße und
Ufer. Kjell schaltete den Motor aus und ließ alle Scheiben
hinunter. Vom Wasser her hörte man das Röhren eines entfernten
Bootsmotors. Kurz darauf brandeten die Bugwellen an das steinige
Ufer. Das waren die einzigen Geräusche.
Henning zündete sich eine Zigarette an, und allen
war klar, dass sie zum Haus gehen würden, sobald er mit dem Rauchen
fertig war.
Kjell ließ sich von Sofi sein Telefon nach vorn
reichen und wählte Ragnars Nummer. »Ragnar ist ein wenig entsetzt,
dass wir uns nicht stärker um diese Kreditkarte gekümmert haben«,
sagte Kjell leise nach einem dreiminütigen Gespräch.
Henning zog so genüsslich an seiner Zigarette, dass
man es als Antwort deuten konnte, dass er dies eher zu den
unbedeutenden Nachlässigkeiten in seinem Leben zählte.
»Es ist nämlich eine schwarze Cronon«, berichtete
Kjell. »Die Agentur hat sieben Stück davon, es sind alles
Nebenkarten mit demselben Konto. Auf der ganzen Welt gibt es nur
zweihundert solcher Karten, und normalerweise ruft es Interesse
hervor, wenn man damit zahlen möchte.«
»Welcher Name steht denn drauf?« »JFM Agencies,
London, wie wir schon von der Abrechnung wussten. Die Kartenfirma
sitzt in London, wahrscheinlich laufen die Karten deshalb auf die
Londoner Filiale. Die Karte wird überall dort akzeptiert, wo die
üblichen Karten angenommen werden. Der Chef sagt, dass mehrere
Mitarbeiter diese Karten benutzen, meist bei Reisen. Es sei üblich,
die Quittung mit ›Jernberg‹ zu unterschreiben, damit es beim
Kassieren nicht zu Widersprüchen kommt.«
»Aber korrekt ist das doch eigentlich nicht,
oder?«, fragte Henning.
»Meist schreiben die Benutzer auch ihren eigenen
Namen dazu. Hier aber nicht. Der Chef, Valtersson oder so, glaubt
deshalb, dass es keiner der Angestellten war.«
»Wer dann?«
»Jernberg selbst gibt diese Karte auch mal an seine
aktuelle Freundin weiter. Das kommt anscheinend gelegentlich vor,
das hat die Frau in Gamla Stan ja auch sofort vermutet.«
»Er kann natürlich auch beim Friseur dabei gewesen
sein und später für seine Freundin bezahlt haben«, überlegte sich
Sofi.
»Es sieht aber nicht wie seine Unterschrift aus.
Eine sehr gleichmäßige Unterschrift übrigens.« Kjell drehte den
Kopf nach hinten und sah Sofis Augen funkeln.
Henning stieg aus und ging zum Kofferraum. Er holte
seine schwarze Lederjacke heraus und zog sie über sein weißes Hemd.
Jetzt verließen auch Sofi und Kjell ihre Plätze. Henning drückte
die Kofferraumklappe behutsam zu.
Sie überquerten die Straße und betraten den Weg,
der zum Haus führte. Als sie sich bis auf fünf Meter genähert
hatten, sprang die automatische Beleuchtung an. Sie verteilten sich
an den Fenstern und leuchteten mit den Taschenlampen ins Innere.
Henning wendete sich ab und lief über den raschelnden Rasen hinter
das Haus.
»Nicht die Scheibe berühren!«, rief Kjell.
Es war aber schon zu spät. Sofi erstarrte in dem
rotierenden Gelblichtschein. Die Alarmanlage war so laut, dass
Kjell nur Pers Nummer anzurufen und sein Telefon in die Luft zu
halten brauchte.
Henning kam zurück. »Sofi, oder?«
Kjell nickte und sah, wie in den Villen ringsherum
die Lichter angingen. »Sofi, lauf zum Wagen und mach das Blaulicht
an.« In dieser Gegend hatten die Leute einen Knüppel auf dem
Nachttisch liegen.
Sofi war gerade im Dunkeln verschwunden, als Kjell
die Transits ankommen hörte. Pers Classic Rock erschallte für die
Dauer des Türöffnens auf der Straße. Spätestens jetzt würde der
eine oder andere Nachbar nach dem Knüppel auf dem Nachttisch
tasten. Doch niemand außer den Technikern ließ sich blicken. Die
waren alle schon so lange dabei, dass keiner mehr etwas auf den
Anblick gab, den er bot. Mit eingeknickten Knien trippelten sie auf
dem Weg herbei. Jeder trug zwei Koffer.
»Sofi, oder?«, fragte Per im Vorbeitrippeln und
fiel routiniert vor dem Türschloss auf die Knie. Seine Gefolgsleute
lachten dreckig.
Per fluchte und begann, mit dem Schlosser zu
diskutieren, was wegen des Alarms in großer Lautstärke geschehen
musste.
»Kjell! Wir kriegen die Tür nicht auf. Da ist
nichts zu machen.«
»Das war’s dann wohl«, rief der Schlosser
hinterher.
Kjell war in den Garten zurückgewichen, wo die
Lautstärke erträglicher war. »Was soll das heißen?«
»Es gibt kein Schloss«, sagte Per. »Man braucht
einen Piepser.«
»Habt ihr die Ramme dabei?«, schlug Henning
vor.
Der Schlosser zeigte ihm einen Vogel. »Die Tür ist
stabiler als das Mauerwerk.«
Auf einmal wurden sie von einer neuen Lichtquelle
angestrahlt und blickten zum Weg. Sofi kam mit zwei Männern
angelaufen.
»Worum geht es hier?«, fragte der rechte.
Die beiden mussten vom Wachschutz sein, jedenfalls
trugen sie schwarze Uniformen und einen silbernen Frauenfreund in
der Hand, mit dem man bis nach Nacka leuchten konnte.
»Nimm deine Taschenlampe aus meinem Gesicht!«,
befahl Kjell. »Wir sind von der Polizei.«
»Das hat die da auch behauptet.«
»Schaltet sofort den Alarm ab!«, brüllten die
Techniker.
Die beiden Wachleute zögerten, dann murmelte der
eine etwas in sein Headset. Zehn Sekunden später trat eine
knisternde Stille ein. Überall schwirrten vom Licht angezogene
Insekten durch die Luft.
»Wir müssen ins Haus«, sagte Kjell. Die beiden
glotzten ungläubig. »Sonst müssen wir die Verandascheibe
einschlagen.«
Der Linke nahm Verbindung mit seiner Zentrale auf.
»Die sagen, man kann die Scheiben gar nicht einschlagen.«
»Kann die Zentrale die Tür entriegeln?«
»Das können sie, aber machen tun sie es nicht«,
vermeldete er dann.
Henning zog ihm das Headset vom Kopf und passte den
Bügel mit Muskelkraft seiner Kopfform an. Während er mit der
Zentrale sprach, schlenderte er auf dem Rasen auf und ab. Die Tür
summte, und Per drückte seine Schulter dagegen.