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Caramba!, dachte Sofi. Sie blickte ins Leere und
wartete. Sie wollte Sesselja nicht beim Weinen zusehen, vor allem,
weil sie glaubte, dass Sesselja sich als die Stärkere begriffen und
ihre Mitbewohnerin nicht beschützt hatte. Das glaubte Sofi aus dem
Weinen heraushören zu können, und so versuchte sie, sich das Leben
der beiden Frauen miteinander vorzustellen. Es gab so viel, was sie
fragen wollte.
»Hatte sie denn ein Telefon? Ein Mobiltelefon? Lag
es hier irgendwo, oder hatte sie das mal in der Hand?«
»Josefin?«
Erst zögerte Sofi, dann nickte sie. Sesselja zeigte
nicht die geringsten Anzeichen, dass sie etwas von dem Rollentausch
wusste, wobei Tausch vielleicht gar nicht das richtige Wort war.
Aber eine interessante Idee.
»Nein.«
»Findest du das nicht eigenartig?«
»Sie sprach so wenig, von sich aus nie. Vielleicht
hat es mich deshalb nicht gewundert. Erst dachte ich, es bereite
ihr wie allen Schweden Schwierigkeiten, sich nach dem ersten
Kennenlernen zu öffnen, aber ihr fehlte zudem auch die freundliche
Glätte. Ihr sagt immer nur »okay, okay«. Und die
Rücksichtslosigkeit gegenüber Menschen, die man nicht mit Namen
kennt, die fehlte ihr auch.«
»Sind wir Schweden so?«, fragte Kjell.
»Ja«, antwortete sie matt.
Eine Weile verging.
»Das kommt dir vielleicht nur so vor, weil
Stockholm eine große Stadt ist«, sagte Sofi dann. »Das war bei mir
auch so, als ich herkam.«
Sesselja nickte. Bestimmt waren Kjell und sie die
Ersten, bei denen sie sich seit ihrer Ankunft beklagen konnte,
dachte Sofi.
»Sie hat auch das normale Telefon nie
benutzt.«
»Und du?«
»Das ist merkwürdig. Ich wollte diese Nummer
angeben, als ich mich beworben habe. Aber Josefin wusste sie nicht.
Ich musste erst damit auf meinem Mobiltelefon anrufen, um sie zu
erfahren.«
»Du hast also dann damit telefoniert?«
»Ich bin angerufen worden. Dreimal.«
»Hast du einen Job gefunden?«
»Gestern habe ich regulär im Söder angefangen. Die
Nachtschicht von 24 bis 8 Uhr.«
»Was tust du dort?«
»Notaufnahme. Isländerinnen arbeiten oft in der
Notaufnahme, weil sie so entscheidungsfreudig sind.«
Sofi blickte in ihre Aufzeichnungen. Sesselja war
jetzt ernst und bereit, ihnen zu helfen. Daran musste man sich erst
einmal gewöhnen. »Du hast also bis um acht Uhr am Morgen
gearbeitet. Wann warst du zu Hause?«
»Vielleicht gegen neun. Ich habe geduscht, mich
hingelegt und bis in den Nachmittag hinein geschlafen. Dann haben
wir auf meine neue Stelle angestoßen.«
»Du und Jossan?«, mischte Kjell sich jäh ein.
»Jossan?«
»Hast du sie nicht so genannt?«
»Nein.«
»Hat sie dir nie erzählt, dass sie alle Jossan
nennen?« Sesselja schüttelte den Kopf.
Sofi ärgerte sich. Diese Frage hätte ihr auch
einfallen können. Dabei fragte sie sich schon die ganze Zeit, ob
die Tote und Josefin sich gekannt hatten. Anscheinend nicht.
»Kannst du uns nicht der Reihe nach erzählen?«,
fragte sie. »Wie bist du überhaupt zu dieser Wohnung
gekommen?«
Sesselja hatte sich aus Reykjavík an die
Stockholmer Wohnungsvermittlung gewandt und es für einen Scherz
gehalten, was man ihr dort erklärt hatte. Um eine Wohnung zu
bekommen, musste man eine Nummer kaufen. Damit konnte man ein Jahr
lang losziehen und Wohnungen besichtigen. Um die Wartenummer zu
bekommen, brauchte man aber eine Personennummer, und die bekam man
nur, wenn man bereits wohnte, also eine feste Adresse in Schweden
hatte.
»Am Ende bekommt dann der Interessent mit der
niedrigsten Wartenummer die Wohnung. Ich habe geglaubt, die machen
Witze.«
Sofi schüttelte erstaunt den Kopf. »Jeder hat doch
eine Wartenummer.«
»Eigentlich gefällt mir die Idee. Sie ist so schön
sozialdemokratisch. Ich hab ein Jahr in Deutschland und Frankreich
studiert. Dort verbringt man bei der Wohnungssuche sein halbes
Leben in Treppenhäusern und muss lügen und betrügen, um eine
Wohnung zu bekommen. Leider ist es unmöglich, hier eine Wohnung zu
bekommen, wenn man noch in Reykjavík wohnt. Ich müsste für jede
Besichtung hinfliegen, und dann kann ich nicht beeinflussen, ob ich
die Wohnung kriege. Da ist es doch besser, man kann mit einem
Bündel Kronen wedeln und alles mit dem Eigentümer in einem Rutsch
klären.«
»Das geht durchaus«, sagte Kjell. »Wir sind
schließlich ein sozialdemokratisches Land. Wie bist du dann an
Josefin geraten?«
»Ich habe beim Frauenbund angerufen, um zu fragen,
was ich als Ausländerin tun könne, weil die Botschaft und das
Einwanderungsamt keinen Rat wussten. Josefin war selbst am Telefon
und hat mir ihre Wohnung angeboten. Wir haben uns gleich gut
verstanden.«
»Wann war das?«, fragte Sofi.
»Anfang Juni. Ich habe ihr gesagt, dass ich am 21.
Juli ankomme.«
»Was habt ihr bei diesem Gespräch alles
gesagt?«
Sesselja reagierte irritiert auf Sofis Neugier an
den lang zurückliegenden und unwichtigen Telefonaten. »Sie hat nur
erzählt, dass sie Studentin sei. Sonst haben wir nur über die
Wohnung gesprochen und ein wenig über Island. Ich bekam ihre
Adresse und die Telefonnummer.«
»Ihr wusstet also nichts übereinander, bis du an
jenem Dienstag geklingelt hast.«
»Sie schien vergessen zu haben, dass ich
komme.«
»Aber sie hat dich eingelassen?«
»Wie du siehst.«
»Und dann? Wie war das?«
»Sie war völlig still. Sie hat überhaupt nicht
geredet. Als hätte sie nichts zu sagen. Am Telefon hatte sie anders
geklungen.«
Sesselja hatte sich gleich in den ersten Tagen bei
der Kommune angemeldet, bei der Polizei einen Ausweis beantragt und
sich auf die Suche nach Arbeit gemacht. Die falsche Josefin hatte
die Wohnung kaum verlassen und sich in ihr Zimmer zurückgezogen.
Bei Gesprächen hatte sie vor allem etwas über Island erfahren
wollen.
»Wie alt war sie?«, fragte Kjell.
»Achtzehn.«
Das war vielleicht ihr wahres Alter, notierte sich
Sofi.
»In welcher Sprache habt ihr euch
unterhalten?«
»Schwedisch.«
»War das ihre Muttersprache?«
»Ja. Wieso fragst du das?«
Ȇberleg genau! Hat sie Schwedisch wie eine
Schwedin gesprochen?«
Sesselja nickte zögernd.
»Wieso stellt ihr diese Fragen?«
Kjell betrachtete Sesselja. »Deine Mitbewohnerin
ist nicht Josefin Rosenfeldt. Sie ist eine andere.«
Der Morgen war ein steiler Fall in den Abgrund
gewesen. Professor Fornells Anweisungen an sie gerieten kurz. Linda
saß ganz allein und leer vor einer weißen Staffelei. Einfälle und
Kraft, alles war von ihr gewichen. Am Mittag schlich sie den langen
Gang entlang zum Klo, damit sie sich einige Minuten lang nicht so
beobachtet vorkam. Sie weinte ein wenig, das half immer. Aber dann
musste sie eine ganze Viertelstunde lang vor dem Spiegel alle
Spuren davon beseitigen, damit niemand etwas bemerkte, wenn sie
wieder in den Saal zurückkehrte.
Dort erwartete sie Aufbruchsstimmung. Die anderen
hatten sich von ihren Plätzen erhoben. Amelie stand vor Lindas
Staffelei und betrachtete ihre Arbeit vom Vormittag. Es war
schlecht gelaufen. Fornell hatte ihr einige Dinge verboten, nur um
sie leiden zu sehen. Die Kontur war ihr geglückt. Das tat es immer,
das war ihr großer Pluspunkt, auf den sie sich immer verlassen
konnte. Leider ihr einziger. Aber wer etwas vom Zeichnen verstand,
erkannte sofort, dass sie Konturen schließen konnte, ohne auch nur
einmal abzusetzen. Sogar Papa erkannte das und nannte es das
Trennen von Sein und Nichtsein.
Als Linda herantrat, sah Amelie auf. »Du hast
geweint. Wir gehen essen. Du kannst mit uns kommen.«