15
Caramba!, dachte Sofi. Sie blickte ins Leere und wartete. Sie wollte Sesselja nicht beim Weinen zusehen, vor allem, weil sie glaubte, dass Sesselja sich als die Stärkere begriffen und ihre Mitbewohnerin nicht beschützt hatte. Das glaubte Sofi aus dem Weinen heraushören zu können, und so versuchte sie, sich das Leben der beiden Frauen miteinander vorzustellen. Es gab so viel, was sie fragen wollte.
»Hatte sie denn ein Telefon? Ein Mobiltelefon? Lag es hier irgendwo, oder hatte sie das mal in der Hand?«
»Josefin?«
Erst zögerte Sofi, dann nickte sie. Sesselja zeigte nicht die geringsten Anzeichen, dass sie etwas von dem Rollentausch wusste, wobei Tausch vielleicht gar nicht das richtige Wort war. Aber eine interessante Idee.
»Nein.«
»Findest du das nicht eigenartig?«
»Sie sprach so wenig, von sich aus nie. Vielleicht hat es mich deshalb nicht gewundert. Erst dachte ich, es bereite ihr wie allen Schweden Schwierigkeiten, sich nach dem ersten Kennenlernen zu öffnen, aber ihr fehlte zudem auch die freundliche Glätte. Ihr sagt immer nur »okay, okay«. Und die Rücksichtslosigkeit gegenüber Menschen, die man nicht mit Namen kennt, die fehlte ihr auch.«
»Sind wir Schweden so?«, fragte Kjell.
»Ja«, antwortete sie matt.
Eine Weile verging.
»Das kommt dir vielleicht nur so vor, weil Stockholm eine große Stadt ist«, sagte Sofi dann. »Das war bei mir auch so, als ich herkam.«
Sesselja nickte. Bestimmt waren Kjell und sie die Ersten, bei denen sie sich seit ihrer Ankunft beklagen konnte, dachte Sofi.
»Sie hat auch das normale Telefon nie benutzt.«
»Und du?«
»Das ist merkwürdig. Ich wollte diese Nummer angeben, als ich mich beworben habe. Aber Josefin wusste sie nicht. Ich musste erst damit auf meinem Mobiltelefon anrufen, um sie zu erfahren.«
»Du hast also dann damit telefoniert?«
»Ich bin angerufen worden. Dreimal.«
»Hast du einen Job gefunden?«
»Gestern habe ich regulär im Söder angefangen. Die Nachtschicht von 24 bis 8 Uhr.«
»Was tust du dort?«
»Notaufnahme. Isländerinnen arbeiten oft in der Notaufnahme, weil sie so entscheidungsfreudig sind.«
Sofi blickte in ihre Aufzeichnungen. Sesselja war jetzt ernst und bereit, ihnen zu helfen. Daran musste man sich erst einmal gewöhnen. »Du hast also bis um acht Uhr am Morgen gearbeitet. Wann warst du zu Hause?«
»Vielleicht gegen neun. Ich habe geduscht, mich hingelegt und bis in den Nachmittag hinein geschlafen. Dann haben wir auf meine neue Stelle angestoßen.«
»Du und Jossan?«, mischte Kjell sich jäh ein.
»Jossan?«
»Hast du sie nicht so genannt?«
»Nein.«
»Hat sie dir nie erzählt, dass sie alle Jossan nennen?« Sesselja schüttelte den Kopf.
Sofi ärgerte sich. Diese Frage hätte ihr auch einfallen können. Dabei fragte sie sich schon die ganze Zeit, ob die Tote und Josefin sich gekannt hatten. Anscheinend nicht.
»Kannst du uns nicht der Reihe nach erzählen?«, fragte sie. »Wie bist du überhaupt zu dieser Wohnung gekommen?«
Sesselja hatte sich aus Reykjavík an die Stockholmer Wohnungsvermittlung gewandt und es für einen Scherz gehalten, was man ihr dort erklärt hatte. Um eine Wohnung zu bekommen, musste man eine Nummer kaufen. Damit konnte man ein Jahr lang losziehen und Wohnungen besichtigen. Um die Wartenummer zu bekommen, brauchte man aber eine Personennummer, und die bekam man nur, wenn man bereits wohnte, also eine feste Adresse in Schweden hatte.
»Am Ende bekommt dann der Interessent mit der niedrigsten Wartenummer die Wohnung. Ich habe geglaubt, die machen Witze.«
Sofi schüttelte erstaunt den Kopf. »Jeder hat doch eine Wartenummer.«
»Eigentlich gefällt mir die Idee. Sie ist so schön sozialdemokratisch. Ich hab ein Jahr in Deutschland und Frankreich studiert. Dort verbringt man bei der Wohnungssuche sein halbes Leben in Treppenhäusern und muss lügen und betrügen, um eine Wohnung zu bekommen. Leider ist es unmöglich, hier eine Wohnung zu bekommen, wenn man noch in Reykjavík wohnt. Ich müsste für jede Besichtung hinfliegen, und dann kann ich nicht beeinflussen, ob ich die Wohnung kriege. Da ist es doch besser, man kann mit einem Bündel Kronen wedeln und alles mit dem Eigentümer in einem Rutsch klären.«
»Das geht durchaus«, sagte Kjell. »Wir sind schließlich ein sozialdemokratisches Land. Wie bist du dann an Josefin geraten?«
»Ich habe beim Frauenbund angerufen, um zu fragen, was ich als Ausländerin tun könne, weil die Botschaft und das Einwanderungsamt keinen Rat wussten. Josefin war selbst am Telefon und hat mir ihre Wohnung angeboten. Wir haben uns gleich gut verstanden.«
»Wann war das?«, fragte Sofi.
»Anfang Juni. Ich habe ihr gesagt, dass ich am 21. Juli ankomme.«
»Was habt ihr bei diesem Gespräch alles gesagt?«
Sesselja reagierte irritiert auf Sofis Neugier an den lang zurückliegenden und unwichtigen Telefonaten. »Sie hat nur erzählt, dass sie Studentin sei. Sonst haben wir nur über die Wohnung gesprochen und ein wenig über Island. Ich bekam ihre Adresse und die Telefonnummer.«
»Ihr wusstet also nichts übereinander, bis du an jenem Dienstag geklingelt hast.«
»Sie schien vergessen zu haben, dass ich komme.«
»Aber sie hat dich eingelassen?«
»Wie du siehst.«
»Und dann? Wie war das?«
»Sie war völlig still. Sie hat überhaupt nicht geredet. Als hätte sie nichts zu sagen. Am Telefon hatte sie anders geklungen.«
Sesselja hatte sich gleich in den ersten Tagen bei der Kommune angemeldet, bei der Polizei einen Ausweis beantragt und sich auf die Suche nach Arbeit gemacht. Die falsche Josefin hatte die Wohnung kaum verlassen und sich in ihr Zimmer zurückgezogen. Bei Gesprächen hatte sie vor allem etwas über Island erfahren wollen.
»Wie alt war sie?«, fragte Kjell.
»Achtzehn.«
Das war vielleicht ihr wahres Alter, notierte sich Sofi.
»In welcher Sprache habt ihr euch unterhalten?«
»Schwedisch.«
»War das ihre Muttersprache?«
»Ja. Wieso fragst du das?«
»Überleg genau! Hat sie Schwedisch wie eine Schwedin gesprochen?«
Sesselja nickte zögernd.
»Wieso stellt ihr diese Fragen?«
Kjell betrachtete Sesselja. »Deine Mitbewohnerin ist nicht Josefin Rosenfeldt. Sie ist eine andere.«
Der Morgen war ein steiler Fall in den Abgrund gewesen. Professor Fornells Anweisungen an sie gerieten kurz. Linda saß ganz allein und leer vor einer weißen Staffelei. Einfälle und Kraft, alles war von ihr gewichen. Am Mittag schlich sie den langen Gang entlang zum Klo, damit sie sich einige Minuten lang nicht so beobachtet vorkam. Sie weinte ein wenig, das half immer. Aber dann musste sie eine ganze Viertelstunde lang vor dem Spiegel alle Spuren davon beseitigen, damit niemand etwas bemerkte, wenn sie wieder in den Saal zurückkehrte.
Dort erwartete sie Aufbruchsstimmung. Die anderen hatten sich von ihren Plätzen erhoben. Amelie stand vor Lindas Staffelei und betrachtete ihre Arbeit vom Vormittag. Es war schlecht gelaufen. Fornell hatte ihr einige Dinge verboten, nur um sie leiden zu sehen. Die Kontur war ihr geglückt. Das tat es immer, das war ihr großer Pluspunkt, auf den sie sich immer verlassen konnte. Leider ihr einziger. Aber wer etwas vom Zeichnen verstand, erkannte sofort, dass sie Konturen schließen konnte, ohne auch nur einmal abzusetzen. Sogar Papa erkannte das und nannte es das Trennen von Sein und Nichtsein.
Als Linda herantrat, sah Amelie auf. »Du hast geweint. Wir gehen essen. Du kannst mit uns kommen.«
Die Falsche Tote
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