53
Es war die junge Rothaarige, die außerhalb der Sommerzeit in der Mariawache arbeitete. Sie hatte an diesem Tag schon drei Falschmeldungen durchgegeben und sich auf Sofis Liste ein Sternchen eingehandelt, das für Übereifer stand. Das Antiquariat erstreckte sich über drei Etagen. Bei dem schönen Wetter war kein Mensch zu sehen. Sofi umrundete einige Ecken, bis sie die Kollegin zusammen mit drei Angestellten vor einem Regal diskutieren sah.
»Sie haben es im Katalog, wissen aber nicht, ob es schon verkauft ist. Jetzt suchen wir die Regale ab.«
Die Angestellten sahen ratlos aus.
»Wir haben fast hunderttausend Bücher«, erklärte die ältere Dame, die anscheinend die Vorgesetzte war. »Es gibt ein paar Stellen, wo es eigentlich stehen müsste, aber wir finden es nicht. Ausländische Bücher stehen unten im Keller.«
»Und wenn es geklaut wurde?«, fragte die Polizeianwärterin Klemming. »Das könnte doch auch sein!«
Die Vorgesetzte seufzte, was Sofi als Bestätigung deutete. Sie seufzte ebenfalls, denn sie hatte auf ein kleineres Geschäft gehofft, wo man sich vielleicht an den Käufer erinnern konnte. Rönnells war die schlechteste aller Varianten. Auch wenn sie bis zum Abend suchten, konnten sie nie ganz sicher sein, ob das Buch nicht irgendwo stand. Auch wenn man alles absuchte, dann war bestenfalls gewiss, dass jemand, den Sofi nie ermitteln würde, das Buch mitgenommen hatte.
»Gibt es Kameras?«
Die drei Angestellten nickten.
»Ihr seid euch sicher, dass es in diesem Gang gestanden hat?«, fragte Sofi.
Es wurde weitergenickt. »Hier bei den deutschen Büchern.«
Rönnells hatte 44 Stunden in der Woche geöffnet. Wenn man das Band kopierte und vom Tag des Mordes an rückwärts laufen ließe, wie schnell würden dann die dreißig Anwärter etwas entdecken können? Das fragte sich Sofi. Schlimmer hätte es kaum kommen können. Sie ließ sich den Computer zeigen.
Die Auflösung der Filme war so gering, dass das Format etwa ihrer Handfläche entsprach. Immerhin war viel aus dem Zeitraum abgespeichert, nach dem sie suchten. Das Aufnahmeprogramm überschrieb die ältesten Dateien erst, wenn der Speicherplatz verbraucht war.
Während Sofi am Dateiverzeichnis abzuschätzen versuchte, wie viel Arbeit anfallen würde, klingelte ihr Telefon schon wieder. Die Stimme des jungen Mannes klang sehr selbstbewusst. Er nannte seinen Namen. Im Bokmagasinet in der Hornsgatan führte man zwar das Buch nicht, weil es dort fast nur schwedische Bücher gab, dafür waren die Angestellten bereit, ihre Hand dafür ins Feuer zu legen, dass Person 1 vor etwa drei Wochen im Geschäft gewesen war.
Person 1 war die tote Doppelgängerin.
»Was hat sie gewollt?«, fragte Sofi.
»Nicht dieses Buch, das du uns gegeben hast. Sie streiten hier gerade. Die eine glaubt an einen Roman, die andere an Lyrik.«
»Wieso erinnern die sich denn an sie?«
»Sie soll sich eigenartig verhalten haben. Was sie mir hier erzählen und vormachen, klingt, als wäre das Mädchen high gewesen. Moment bitte.« Sofi hörte Polizeianwärter Anderberg mit jemandem sprechen. »Hallo? Der Roman heißt ›Wohin man sich sehnt‹. Ist erst vor ein paar Jahren erschienen, aber sie hat ihn nirgendwo bekommen. Das klingt ein wenig merkwürdig. In dem Buch kommen Gedichte von Ferlin und Södergran vor, die wollte sie auch. Und Setterlind.«
»Bo Setterlind?«
»Ja, also so gut wie alle Nationaldichter.«
Sofi wog ab, wofür sie sich jetzt entscheiden sollte. Das klang alles so vage. Setterlind wurde bestimmt so oft verkauft, wie die Götgatan lang war.
»Okay«, sagte sie. »Ich komme.«
In Windeseile instruierte sie ihre Kollegin, dass sie vorn in der Sturegallerian CDs kaufen und die Daten darauf speichern solle. Im Auto überlegte sie, ob sie mit Blaulicht fahren durfte. Bei der Schutzpolizei war das immer ganz eindeutig gewesen, bei der Reichsmord war es bisher so gut wie nie vorgekommen und anscheinend eine Frage des Ermessens. Sie fuhr auf der Birger Jarlsgatan nach Süden und rief Kjell an.
»Kannst du in der Pathologie anrufen und fragen, ob es bei Hesperia irgendwelche Anzeichen für Drogen gibt?«
Kjell bestätigte, das er das gleich machen würde. Er fragte nicht, wo sie war, was sie tat und warum sie das wissen wollte. Dabei ging ihr auf, dass sich ihre Rollen soeben verkehrten und er sich ihre Anweisungen notierte. Er bremste sie nie aus wie ihr alter Chef in Norrmalm, kam ihr zu Bewusstsein, während sie am Stureplan einem Anzugträger die Vorfahrt gewährte, obwohl sie grün und er rot hatte.
»Und dann brauche ich eine Information über ein Buch. Es heißt ›Wie man sich sehnt‹, oder nein, ›Wohin man sich sehnt‹!«
Wie man sich sehnt, so hieß ja ihr Tagebuch!
»Ja, ja, ich melde mich dann.«
Sie hatte sich schon verabschiedet, als ihr einfiel, danach zu fragen, wann sie das Blaulicht verwenden durfte.
»Wenn Minuten eine Rolle spielen.«
Sofi schmiss das Telefon auf den Beifahrersitz und war ratlos. Sie wusste nicht, ob Minuten eine Rolle spielten.
Sie erreichte Södermalm in kurzer Zeit, obwohl sie zivil fuhr. In der Hornsgatan musste sie einen Kilometer lang am rechten Rand entlangschleichen, weil sie das Geschäft nicht verpassen wollte. Das brachte ihr aggressive Huperei ein. Sofi parkte wild auf dem Vorplatz. Neben dem Buchladen waren alle Tische vor dem Café besetzt. Als sie auf das Geschäft zuging, spürte sie die entsetzten Blicke der Leute, die wohl glaubten, dass sie immer so parkte, wenn sie ein Buch wollte.
Emil Anderberg gegenüberzustehen, widerlegte den Eindruck, den sie von ihm am Telefon bekommen hatte. Da hatte er hochnäsig geklungen. Doch er war nur vorsichtig und ein wenig kristallhäutig, wie man solche Leute in ihrer Gegend nannte. In der kurzen Zeit hatte er sich wirklich Mühe gegeben, die Situation zu erfassen. Die beiden Verkäuferinnen waren nur ein wenig älter als Linda, dabei hatte sich Sofi zwei alte Biester vorgestellt, die schon seit Jahren hier nebeneinander hinter der Kasse standen und sich viermal am Tag zankten und einander die Freundschaft aufkündigten.
»Da hatten wir Glück«, sagte Anderberg. »Am Sechzehnten wären sie wieder weg gewesen. Das sind Yrsa und Liisa.«
Yrsa und Liisa waren ein hippes Gespann aus Vasa in Finnland, das während der Sommerferien hier die Vertretung übernahm. Sie standen mit bauchfreiem T-Shirt an der Eingangstür und rauchten. Beide waren schlank bis auf die Knochen.
»Ihr glaubt also, dieses Mädchen hier zu kennen?«, fragte Sofi ungläubig. Das wäre ja ein Volltreffer.
Liisa antwortete mit einem finnischen Nicken, das für Nichtfinnen kaum zu erkennen war. Erst wollte Sofi nachfragen, wie sicher sich die beiden waren, aber sie erweckten nicht den Eindruck, zu Übertreibungen zu neigen.
»Die war da«, bestätigte Yrsa.
Und damit war klar, dass sie da gewesen war.
»Yrsa tendiert eher zu Amphetaminen«, sagte Emil. »Liisa glaubt an etwas Seelisches.«
»Sie wollte dieses Buch, aber das hatten wir nicht«, erklärte Liisa. »Ich habe ihr gesagt, das ist doch so neu, das kriegst du überall. Geh mal in die Drottninggatan oder zum Sergels Torg. Sie hat den Kopf geschüttelt, als ob sie das schon versucht hätte.«
»Sie hat nicht sprechen wollen«, ergänzte Yrsa.
Liisa schüttelte den Kopf. »Es hat sie verstört, dass wir das Buch nicht hatten. Sie hat irgendwie keinen Plan B gehabt, wenn du verstehst, was ich meine. Irgendwas hat mit ihr nicht gestimmt.«
»Und die anderen Bücher?«
Yrsa nickte. »Hat sie sich mitgenommen. Bar gezahlt.«
»Schließt ihr bald?«, fragte Sofi. Es war Viertel vor sechs.
Die beiden nickten bedächtig.
»Ihr müsst mitkommen und eine ausführliche Aussage machen. Das kann ich euch nicht ersparen.«
Sofi ging mit Anderberg vor die Tür und schlenderte auf ihren Wagen zu, während die beiden Finninnen die Kasse abrechneten.
»Gut gemacht«, sagte Sofi. »Könnte etwas sein.«
Als sie den Wagen erreichten, hörte Sofi ihr Telefon im Inneren klingeln. Sie hatte es auf dem Beifahrersitz vergessen.
»Hallo? Hallo?«, sagte die junge Stimme. »Hier ist Theresa. Julander. Es ist total dringend! Ich brauche Hilfe. Ich bin in Skarpnäck. Du hast mir dieses Geschäft aufgeschrieben, aber das gibt es gar nicht mehr! Ich bin in die Bibliothek, weil ich es nicht gefunden habe. Die wissen das, habe ich mir gesagt. Also, das Geschäft gibts nicht mehr, aber die haben das Buch.«
Sofi verstand nicht recht. »Die Bibliothek?«
»Jajaja! Es ist ausgeliehen. Die Frau hier ist irgendwie bescheuert. Ich wollte die Adresse, aber die will sie mir nicht geben. Sie ist bei der Bürgerrechtsbewegung und will sogar bei den Leuten anrufen und ihnen verraten, dass ich mich nach ihnen erkundigt habe. Und jetzt machen die um sechs zu, und dann will sie gleich anrufen. Ich brauche dringend Hilfe, verstehst du?«
»Theresa war dein Name, ja?« Seitdem die Anruferin ihren Namen genannt hatte, war so viel passiert, jedenfalls kam es Sofi so vor. Sie konnte sich sogar an Theresa erinnern, weil sie bei der Besprechung am Morgen mit ihrer blonden Lockenpracht wie eine Achtklässlerin in der ersten Reihe gesessen und die ganze Zeit gelächelt hatte. Auf ihrer Liste sah Sofi, dass sie in der Norrmalm-Wache arbeitete. Damit war sie sozusagen ihre Nachfolgerin. »Du bist also in Skarpnäck in der Bibliothek.«
»Das ist hier die Ortsbibliothek. Skarpnäck Allé 25. Mittendrin. Ist so ganz hässliche Sozialdemokratenarchitektur.«
»Halte sie vom Telefonieren ab. Ich komme. Schlag sie k.o., wenn es nicht anders geht.«
»Klar, mach ich.«
»Das war nur bildlich gemeint.«
»Schon kapiert. Ich reiße das Kabel raus, wenn es nicht anders geht. Aber gewalttätig ist sie ja nicht.«
 
Sofi wies Anderberg an, die Finninnen am Polizeigebäude abzuliefern, und sprang in den Wagen. Diesmal war es eine Frage von Minuten. Sie raste auf der Hornsgatan zurück bis zur Götgatan. Dort gab sie richtig Gas und rief Kjell an.
»Schnell! Wie komme ich am besten nach Skarpnäck?«
»Wo bist du jetzt?«
»Götgatan nach Süden.«
»Am besten bis zum Schnellstraßenkreuz und dort auf den Tyresövägen. Da kommt dann eine Ausfahrt ›Skarpnäck Gård‹.«
Sie legte grußlos auf und sah die Götgatan an sich vorbeiziehen. Sie näherte sich dem Ringvägen und bremste aus Vorsicht etwas ab. Sie war gut im Blaulichtfahren und überquerte die Kreuzung lebend. Von da an ging es leichter. Jetzt war sie auf der Schnellstraße. Als sie am Gullmarsplan vorbeischoss, hatte sie noch sieben Minuten. Sie glaubte aber, dass Theresa alles im Griff haben würde. Wie sie am Telefon geklungen hatte, würde sie einfach das Kabel aus der Wand reißen, eine Schlinge hineinknoten und lächelnd auf die Bürgerrechtlerin zugehen.
Zehn Minuten später fuhr sie von der Schnellstraße ab. Kjells Wegbeschreibung erwies sich als richtig. Sofi fand den Weg durch das Wohngebiet und sah die Bibliothek schon von weitem. In ganz Skarpnäck war es nämlich das einzige Gebäude, das nicht aus roten Ziegeln gebaut war. Sie sprang aus dem Wagen und rannte in das blaugraue Haus. Theresa stand vor dem Schalter und diskutierte noch.
»Reichskriminalpolizei«, rief Sofi dazwischen und streckte ihren Ausweis hin. »Ihr habt das Buch, ja?«
Beide nickten.
»Ist der Katalog mit dem Onlinekatalog verbunden?«
»Nein«, sagte die Frau. Die kalkgraue Haut mit lauter Falten machte es schwer, das Alter zu schätzen.
»Ich will den Katalog sehen. Ich bin vom Gesetzgeber und vom Reichsankläger befugt, alle Daten einzusehen. Ich darf dazu auch Gewalt anwenden.«
»Sie will die Nutzerdaten nicht rausrücken«, klagte Theresa, als wäre die Bibliothekarin ihre gemeine kleine Schwester.
Die Bibliothekarin wirkte jetzt aufgelöst. Sie schien Theresa einfach nicht geglaubt zu haben. Ein Polizeiausweis sah auch nicht mehr echt aus, wenn Theresa ihn benutzte.
Aber gut war Theresa, dachte sie, während sie sich hinter die Bibliothekarin stellte, die mit zitternden Händen die F2-Taste drückte. Sofi hatte immer schon wissen wollen, was Bibliothekarinnen mit den Funktionstasten alles machen konnten. Bisher hatte sie leider immer auf der anderen Seite des Tresens gestanden und jedesmal gestaunt, dass mindestens fünf Funktionstasten nötig waren, um eine Gebührenquittung auszudrucken oder irgendetwas anderes mit dem Computer zu machen. Die Frau drückte noch F7, bestätigte mit Enter, öffnete mit F10 eine Leihliste und druckte sie mit F1 aus. Dann räumte sie mit der Escape-Taste alles wieder auf.
Die Liste war sensationell. Das Buch war in den letzten zwei Jahren ständig ausgeliehen gewesen, und zwar immer von einem anderen Benutzer. Zurzeit war es in Besitz einer Frau namens Nikolina Kovacevic.
»Ich brauche alle Adressen, bitte. Kannst du die Liste auch verlängern?«
»Nein. Der Erste auf der Liste ist auch der Erste, der das Buch ausgeliehen hat. Kurz davor ist eine Frau gestorben, die aus Deutschland kam. Sie hat uns ihre Bücher vermacht.«
Sofi nickte erfreut und überflog die Liste. Der Drucker sprang an und gab einen Stapel an Blättern aus. Die Bibliothekarin tat ihr leid, als Sofi sie auch noch darum bat, Listen auszudrucken, die die anderen ausgeliehenen Bücher aller auf der ersten Liste aufgeführten Personen enthielt. Sofi zeigte ihr Lindas Zeichnungen, die sie sorgfältig prüfte. Am Ende schüttelte sie den Kopf. Vielleicht die Mädchen, da war sie sich nicht sicher. Aber den Mann hatte sie noch nie gesehen. Theresa triumphierte, dass es der Frau so heimgezahlt wurde. Die blieb noch einige Minuten an ihrem Platz sitzen, nachdem Sofi und Theresa mit den Stapeln hinausgegangen waren. Ihre Finger mussten sie als Trenner benutzen, damit nicht alle Stapel durcheinandergerieten. Ohne die vier Ellenbogen hätten sie es gar nicht ins Auto geschafft.
»Glaubst du, sie macht Ärger?«, fragte Theresa.
Sofi schüttelte den Kopf.
Während der Drucker gelaufen war, hatte sie im Regal mit der Rechtsliteratur das Prozessrecht herausgezogen und der Bibliothekarin aus dem 23. Kapitel vorgelesen, um ihr zu beweisen, dass das Öffentlichkeitsprinzip bei einer polizeilichen Untersuchung nicht galt.
Die beiden versuchten, die Stapel zu sichten.
»Gibt es jemanden in Skarpnäck, der nicht im Horisontvägen wohnt?«, wunderte sich Sofi.
Theresa lachte. »Der ist gleich da vorne und scheint nie zu enden. Ich bin vorhin entlanggelaufen.«
»Am besten versuchen wir es gleich hier und jetzt.«
Sofi baute die Rückbank zu einem Archiv um und rief Kjell an.
Die Falsche Tote
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