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Henning ging hinter Jan-Olofs Rücken auf und ab.
Tatsächlich waren nur einige Minuten verstrichen, ihm kam es jedoch
fast so lang vor wie ein Ehejahr mit Lise. Sich in aller Ruhe
zurechtfinden, sich erstmal gründlich umschauen, das war das Motto
der IT-Gruppe 6. Jan-Olofs Sweatshirt, sein
Viertelstundenhaarschnitt und der Vollbart bewiesen, dass er sich
bestens in der Gruppe eingelebt hatte. Man sollte diese Arbeit
Leute in Sofis Alter machen lassen, dachte sich Henning. In der
Mitte des Zeichensaals befragten Ermittler die drei Studenten, die
sie um diese Zeit noch angetroffen hatten. Professor Fornell war
leider nicht darunter.
Henning rief Barbro an, um sich nach dem Stand der
Dinge in Amelies Wohnung zu erkundigen.
»Lindas Vermutung bestätigt sich«, erzählte sie.
»Wir haben hier eine Menge Zeug gefunden, alles Feministenkram von
der härteren Sorte. Sie hat die landesweite Berichterstattung über
die Mädchenhändlerbande aus Umeå archiviert, die sie im Frühling
ausgehoben haben. Aber es sind keine Originalberichte, sondern eine
gebundene Mappe mit Fotokopien.«
»Da haben sie in Umeå einen Tipp bekommen. Bis
heute ist nicht bekannt, woher der kam.«
»Von diesen Mappen gibt es mehrere. Auch über den
Kinderschänder aus Västervik. Der ist nach einer milden
Verurteilung im Februar auf dem Weg zum Sozialamt von hinten
niedergeschlagen worden und lernt gerade wieder laufen. Lauter
extreme Fälle.«
»Dann ist diese Prostitutionsgeschichte vielleicht
eine Falle gewesen. Vielleicht ist sie auf der Jagd nach
Freiern.«
»Sieht nicht so aus. Die Sitte klappert noch die
Telefonliste ab, die wir in der Küche gefunden haben. Zwei
freundliche Herren haben wohl schon gestanden, einen eher
unfeministischen Kontakt zu Amelie zu haben.«
»Ach ja?«, stöhnte Henning.
»Und bei dir?«
»Jan-Olof ist völlig überfordert«, sagte Henning
laut genug, um Jan-Olof Feuer unter dem Hintern zu machen.
Der drehte sich sogleich um. »Was soll ich machen!
Ich komme nicht an das Benutzerprofil. Das Betriebssystem öffnet
dauernd neue Fenster!«
»Lass ihm Zeit«, fand Barbro mütterlich am anderen
Ende der Leitung. »J-Lo baut den ganzen Tag nur Festplatten aus.
Seine Abteilung macht kaum etwas anderes. Hast du etwas aus Gnesta
gehört?«
»Sie haben das Telefon endlich geortet und wollen
gleich in den Wald …«
Jan-Olof gab einen Freudenschrei von sich. Henning
trat neben ihn und war dicht dran, als sich Jan-Olof durch das
Dateiverzeichnis arbeitete.
»Scheint alles nur Kunstkram zu sein«, brummte
Henning in die Sprechmuschel. »Die anderen hier erzählen, dass
Amelie auch einen tragbaren Computer hat. Den Gemeinschaftscomputer
benutzen sie nur für Kunstprojekte und … Moment mal, Jan-Olof. Lass
das geöffnet! Barbro, wir haben die Layoutdatei für das Poster vor
uns.«
Barbro sagte erst nach sekundenlangem Schweigen
etwas. »Sie ist also die Urheberin.«
»Sie ist sicher die Urheberin«, murmelte Henning.
Seine Augen waren ganz auf den Bildschirm gerichtet.
»Josefin kann das Bild dann nur von ihr haben,
Henning. Kannst du Kjell Bescheid geben?«
»Zu spät, fürchte ich. Sie haben Funkstille.«