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Am Fridhemsplan hielt Barbro an der Einfahrt zur
Polizeigarage. Es dauerte eine Weile, bis der Mann im Häuschen die
Schranke öffnete. Sofi saß still neben ihr und starrte zum dunklen
Kronobergspark, der über der Einfahrt lag. Auf einmal hatte sie die
Hand am Türöffner.
»Ich gehe durch den Park, ja?«
»Klar«, sagte Barbro.
Sofi sprang aus dem Wagen und eilte auf den Park
zu. Obwohl die Schranke oben war, blickte Barbro ihrer Kollegin
hinterher. Sie sah von hinten, wie Sofi sich vor Weinen schüttelte.
Dann verschwand sie in der Dunkelheit. Blöde Gedanken drehten in
Barbros Kopf ihre Runden, als sie sich unten durch die Parkreihen
schlängelte. Zum Beispiel, wie viel der Kapazität von Gottes Gehirn
davon belegt wurden, Sofis Schicksal so schwungvoll
auszumodellieren. Barbro dachte an Sten Haglund in seinem
blassgrauen Funktionärszweireiher, der sie selbst mit einem knappen
Kommentar dazu gebracht hatte, mit einem ebenso knappen Ja alles
aufzugeben, wofür es sich vielleicht zu scheitern gelohnt hätte.
Sie wollte ihr Telefon nehmen und Oskar anrufen, aber dann tat sie
es nicht.
Nachdem Barbro im Büro angekommen war, dauerte es
eine ganze Weile, bis Sofi erschien. Kjell war unter einem Vorwand
in sein Zimmer gegangen und hatte aus dem Fenster geblickt, doch er
hatte sie nirgendwo im Park entdecken können.
Ein mildes Lächeln lag auf ihrem Gesicht, das er
noch nicht kannte. Es war wohl das Resultat einer heftigen
Spannung, die sich soeben neutralisiert hatte. Er zog Sofi in das
Zimmer und schloss die Tür. Sie schniefte, als er sie in den Arm
nahm.
»Solche Dinge passieren eben«, sagte er. »Du kannst
nicht erwarten, dass dir die Möglichkeit bleibt, dich dann noch zu
entscheiden. Wärest du nicht losgelaufen, hätte sich der Anschlag
anders ereignet, ohne dass wir davon etwas mitbekommen hätten. Das
wäre schlimmer gewesen.«
Obwohl sich Sofi das bestimmt schon gedacht hatte,
war es doch wichtig, dass sie es von ihrem Vorgesetzten gesagt
bekam.
»Als ich zu studieren begann, fand ich in dem
ersten Fachbuch, das ich lesen musste, diesen Satz: Der tragische
Held ist immer schuldlos. Ein Held bist du ja, und tragisch bist du
auch ein bisschen.«
Sofi schniefte wieder, doch diesmal klang es
besser. Die Tür wurde aufgerissen.
»Es gibt etwas Neues«, rief Barbro und ließ die Tür
offen.
Kjell und Sofi folgten ihr in den
Besprechungsraum.
»Die Tatorttechniker haben entdeckt, dass die
Schuhprofile vom Kronobergspark mit David Schumanns Profil
identisch sind.«
»Ts!«, machte Sofi. »Er kann nie und nimmer der
Täter sein. Er war schmächtiger als ich.«
»Nicht so schmächtig, dass er die Eisenstange nicht
schwingen konnte«, erwiderte Barbro.
Kjell fand Sofis Einwand dennoch berechtigt.
»Immerhin musste er den besinnungslosen Mann irgendwo
hinaufschaffen, ihn von dort hinunterstoßen und die Leiche später
am Baum anbringen.«
»Sicher ist nur, dass er die Leiche am Baum
aufgehängt hat«, kühlte Henning das Szenario ab. »Ihr Mörder muss
er nicht sein. Vielleicht hat er ihn auch nur aus Notwehr
getötet.«
Sofi stemmte die Hände in die Hüften. »Na ja. Er
hat ja in seiner E-Mail behauptet, dass der Tote Klaras Mörder sein
soll. Und wenn er wirklich Klaras Geliebter war, dann muss ihm ihr
Tod ziemlich viel Kraft verliehen haben.«
Henning nickte bedächtig. »Wir sollten eure E-Mails
noch einmal durchgehen. Mir ist nämlich Josefins Rolle noch nicht
klar.«
»Von Klarheit kann keine Rede sein«, konstatierte
Kjell, nachdem Sofi ihre Korrespondenz mit Aisakos vorgetragen
hatte. »Das Wesentliche ist jedoch enthalten. Anscheinend waren
Josefin und Aisakos gemeinsam auf der Flucht. Sie war also bis
vorhin auf jeden Fall am Leben.«
»Wir müssen uns beeilen«, sagte Sofi, und alle
nickten.
»Ich möchte auch mal ein Szenario wagen«, sagte
Henning. Das war schon der zweite Kugelblitz innerhalb weniger
Tage, doch wenn für Henning die Zeit für eine große Theorie
gekommen war, dann waren Kugelblitze der richtige Vergleich. »Am
Abend vor Klaras Tod sind Aisakos und Josefin gemeinsam bei Oskar
gewesen. Spätestens an diesem Tag begann die Flucht also. Dem muss
ein Ereignis vorausgegangen sein, das wir vielleicht auf den Tag,
als Josefin ihre Abreise aus Frankreich beschloss, datieren können.
Sie hat Oskar jedoch nicht angetroffen, weil er mit Freunden
verreist war. Vielleicht hat sie in seiner Wohnung etwas
hinterlassen, das noch am selben Abend wieder entwendet wurde. Die
beiden plündern Josefins Konto, und vielleicht haben sie auch noch
Geld aus einer anderen Quelle besorgt. Sie traten ihre Flucht also
zu irgendeinem Versteck an. Die Skarpnäck-Wohnung kann es nicht
gewesen sein, denn dort haben wir keine Spur von Josefin entdeckt.
Aisakos schickt Sofi eine Liste mit Polizisten, die vielleicht
korrupt sind. Auf jeden Fall können wir daraus schließen, dass die
beiden es mit einem mächtigen Gegner zu tun haben, der
professionell tötet. Zugleich führt uns eine andere Spur zu dieser
eigenartigen Firma.«
»Wenn Aisakos also den Mann aus dem Park getötet
hat«, begann Sofi heiser, »dann haben wir eine Erklärung für die
Frage, was für eine Botschaft der Tote am Baum sein soll. Aisakos
wollte so viel Aufsehen, damit die Geschichte in die Zeitung kommt.
Die Botschaft richtet sich gar nicht so sehr an die Polizei,
sondern an die Leute, die den Mann geschickt haben, um Klara zu
töten.«
»In der Schrift könnte vielleicht auch eine
Botschaft liegen«, wandte Barbro ein.
Das glaubte Kjell nicht. »Die Zettel sind zu alt.
Wenn sie eine Botschaft sind, dann nicht an uns.«
»An den Empfänger!«, rief Sofi. »An wen denn
sonst?«
»Das liegt eigentlich nahe, wenn man bedenkt, dass
es Briefe sind.«
»Ja«, sagte Henning. »Briefe sind potenziell in der
Lage, eine Botschaft an den Empfänger zu enthalten. Wenn man recht
überlegt.«
Sofi lächelte.
»Und dann bleibt noch eine Frage offen«, fuhr
Henning fort. »David und Josefin haben sich umständlich Geld
besorgt, obwohl es riskant war. Zugleich saß Klara mit einer halben
Million in Josefins Wohnung. Es kann also keinen Kontakt gegeben
haben. Warum hatte Aisakos keinen Kontakt zu seiner
Hesperia?«
»Eine Frage liegt noch weit davor«, fand Kjell. Die
anderen sahen ihn fragend an. »Ich meine den Grund für das alles.
Die eigentliche Ursache. Von wem geht alles aus?«
»Von Klara und David«, sagte Sofi, nachdem alle
geschwiegen hatten. »Sie haben sich an Josefin gewendet, weil sie
die Tochter des Justizkanzlers ist.«
Darauf folgte erneut Schweigen.
»Nein«, sagte Kjell dann irgendwann. Er war selbst
erstaunt, wie entschieden es aus ihm hervorbrach. »Das Sozi-Mädchen
Saga Isaksson hat erzählt, dass Klara über eine andere Person auf
sie gekommen ist. Und diese Person ist Josefin. Josefin Rosenfeldt
ist der Beginn von allem.«
Barbro hielt ein Stück Papier hoch. »Vielleicht
kann uns das hier helfen. Auf Stavros Jernbergs Meldebogen gibt es
einen U1-Vermerk.«