75
Am Fridhemsplan hielt Barbro an der Einfahrt zur Polizeigarage. Es dauerte eine Weile, bis der Mann im Häuschen die Schranke öffnete. Sofi saß still neben ihr und starrte zum dunklen Kronobergspark, der über der Einfahrt lag. Auf einmal hatte sie die Hand am Türöffner.
»Ich gehe durch den Park, ja?«
»Klar«, sagte Barbro.
Sofi sprang aus dem Wagen und eilte auf den Park zu. Obwohl die Schranke oben war, blickte Barbro ihrer Kollegin hinterher. Sie sah von hinten, wie Sofi sich vor Weinen schüttelte. Dann verschwand sie in der Dunkelheit. Blöde Gedanken drehten in Barbros Kopf ihre Runden, als sie sich unten durch die Parkreihen schlängelte. Zum Beispiel, wie viel der Kapazität von Gottes Gehirn davon belegt wurden, Sofis Schicksal so schwungvoll auszumodellieren. Barbro dachte an Sten Haglund in seinem blassgrauen Funktionärszweireiher, der sie selbst mit einem knappen Kommentar dazu gebracht hatte, mit einem ebenso knappen Ja alles aufzugeben, wofür es sich vielleicht zu scheitern gelohnt hätte. Sie wollte ihr Telefon nehmen und Oskar anrufen, aber dann tat sie es nicht.
Nachdem Barbro im Büro angekommen war, dauerte es eine ganze Weile, bis Sofi erschien. Kjell war unter einem Vorwand in sein Zimmer gegangen und hatte aus dem Fenster geblickt, doch er hatte sie nirgendwo im Park entdecken können.
Ein mildes Lächeln lag auf ihrem Gesicht, das er noch nicht kannte. Es war wohl das Resultat einer heftigen Spannung, die sich soeben neutralisiert hatte. Er zog Sofi in das Zimmer und schloss die Tür. Sie schniefte, als er sie in den Arm nahm.
»Solche Dinge passieren eben«, sagte er. »Du kannst nicht erwarten, dass dir die Möglichkeit bleibt, dich dann noch zu entscheiden. Wärest du nicht losgelaufen, hätte sich der Anschlag anders ereignet, ohne dass wir davon etwas mitbekommen hätten. Das wäre schlimmer gewesen.«
Obwohl sich Sofi das bestimmt schon gedacht hatte, war es doch wichtig, dass sie es von ihrem Vorgesetzten gesagt bekam.
»Als ich zu studieren begann, fand ich in dem ersten Fachbuch, das ich lesen musste, diesen Satz: Der tragische Held ist immer schuldlos. Ein Held bist du ja, und tragisch bist du auch ein bisschen.«
Sofi schniefte wieder, doch diesmal klang es besser. Die Tür wurde aufgerissen.
»Es gibt etwas Neues«, rief Barbro und ließ die Tür offen.
Kjell und Sofi folgten ihr in den Besprechungsraum.
»Die Tatorttechniker haben entdeckt, dass die Schuhprofile vom Kronobergspark mit David Schumanns Profil identisch sind.«
»Ts!«, machte Sofi. »Er kann nie und nimmer der Täter sein. Er war schmächtiger als ich.«
»Nicht so schmächtig, dass er die Eisenstange nicht schwingen konnte«, erwiderte Barbro.
Kjell fand Sofis Einwand dennoch berechtigt. »Immerhin musste er den besinnungslosen Mann irgendwo hinaufschaffen, ihn von dort hinunterstoßen und die Leiche später am Baum anbringen.«
»Sicher ist nur, dass er die Leiche am Baum aufgehängt hat«, kühlte Henning das Szenario ab. »Ihr Mörder muss er nicht sein. Vielleicht hat er ihn auch nur aus Notwehr getötet.«
Sofi stemmte die Hände in die Hüften. »Na ja. Er hat ja in seiner E-Mail behauptet, dass der Tote Klaras Mörder sein soll. Und wenn er wirklich Klaras Geliebter war, dann muss ihm ihr Tod ziemlich viel Kraft verliehen haben.«
Henning nickte bedächtig. »Wir sollten eure E-Mails noch einmal durchgehen. Mir ist nämlich Josefins Rolle noch nicht klar.«
»Von Klarheit kann keine Rede sein«, konstatierte Kjell, nachdem Sofi ihre Korrespondenz mit Aisakos vorgetragen hatte. »Das Wesentliche ist jedoch enthalten. Anscheinend waren Josefin und Aisakos gemeinsam auf der Flucht. Sie war also bis vorhin auf jeden Fall am Leben.«
»Wir müssen uns beeilen«, sagte Sofi, und alle nickten.
»Ich möchte auch mal ein Szenario wagen«, sagte Henning. Das war schon der zweite Kugelblitz innerhalb weniger Tage, doch wenn für Henning die Zeit für eine große Theorie gekommen war, dann waren Kugelblitze der richtige Vergleich. »Am Abend vor Klaras Tod sind Aisakos und Josefin gemeinsam bei Oskar gewesen. Spätestens an diesem Tag begann die Flucht also. Dem muss ein Ereignis vorausgegangen sein, das wir vielleicht auf den Tag, als Josefin ihre Abreise aus Frankreich beschloss, datieren können. Sie hat Oskar jedoch nicht angetroffen, weil er mit Freunden verreist war. Vielleicht hat sie in seiner Wohnung etwas hinterlassen, das noch am selben Abend wieder entwendet wurde. Die beiden plündern Josefins Konto, und vielleicht haben sie auch noch Geld aus einer anderen Quelle besorgt. Sie traten ihre Flucht also zu irgendeinem Versteck an. Die Skarpnäck-Wohnung kann es nicht gewesen sein, denn dort haben wir keine Spur von Josefin entdeckt. Aisakos schickt Sofi eine Liste mit Polizisten, die vielleicht korrupt sind. Auf jeden Fall können wir daraus schließen, dass die beiden es mit einem mächtigen Gegner zu tun haben, der professionell tötet. Zugleich führt uns eine andere Spur zu dieser eigenartigen Firma.«
»Wenn Aisakos also den Mann aus dem Park getötet hat«, begann Sofi heiser, »dann haben wir eine Erklärung für die Frage, was für eine Botschaft der Tote am Baum sein soll. Aisakos wollte so viel Aufsehen, damit die Geschichte in die Zeitung kommt. Die Botschaft richtet sich gar nicht so sehr an die Polizei, sondern an die Leute, die den Mann geschickt haben, um Klara zu töten.«
»In der Schrift könnte vielleicht auch eine Botschaft liegen«, wandte Barbro ein.
Das glaubte Kjell nicht. »Die Zettel sind zu alt. Wenn sie eine Botschaft sind, dann nicht an uns.«
»An den Empfänger!«, rief Sofi. »An wen denn sonst?«
»Das liegt eigentlich nahe, wenn man bedenkt, dass es Briefe sind.«
»Ja«, sagte Henning. »Briefe sind potenziell in der Lage, eine Botschaft an den Empfänger zu enthalten. Wenn man recht überlegt.«
Sofi lächelte.
»Und dann bleibt noch eine Frage offen«, fuhr Henning fort. »David und Josefin haben sich umständlich Geld besorgt, obwohl es riskant war. Zugleich saß Klara mit einer halben Million in Josefins Wohnung. Es kann also keinen Kontakt gegeben haben. Warum hatte Aisakos keinen Kontakt zu seiner Hesperia?«
»Eine Frage liegt noch weit davor«, fand Kjell. Die anderen sahen ihn fragend an. »Ich meine den Grund für das alles. Die eigentliche Ursache. Von wem geht alles aus?«
»Von Klara und David«, sagte Sofi, nachdem alle geschwiegen hatten. »Sie haben sich an Josefin gewendet, weil sie die Tochter des Justizkanzlers ist.«
Darauf folgte erneut Schweigen.
»Nein«, sagte Kjell dann irgendwann. Er war selbst erstaunt, wie entschieden es aus ihm hervorbrach. »Das Sozi-Mädchen Saga Isaksson hat erzählt, dass Klara über eine andere Person auf sie gekommen ist. Und diese Person ist Josefin. Josefin Rosenfeldt ist der Beginn von allem.«
Barbro hielt ein Stück Papier hoch. »Vielleicht kann uns das hier helfen. Auf Stavros Jernbergs Meldebogen gibt es einen U1-Vermerk.«
Die Falsche Tote
scho_9783641017156_oeb_cover_r1.html
Section0001.html
scho_9783641017156_oeb_toc_r1.html
scho_9783641017156_oeb_fm1_r1.html
scho_9783641017156_oeb_ata_r1.html
scho_9783641017156_oeb_fm2_r1.html
scho_9783641017156_oeb_fm3_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c01_r1.html
scho_9783641017156_oeb_p01_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c02_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c03_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c04_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c05_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c06_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c07_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c08_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c09_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c10_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c11_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c12_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c13_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c14_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c15_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c16_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c17_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c18_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c19_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c20_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c21_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c22_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c23_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c24_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c25_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c26_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c27_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c28_r1.html
scho_9783641017156_oeb_p02_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c29_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c30_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c31_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c32_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c33_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c34_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c35_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c36_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c37_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c38_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c39_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c40_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c41_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c42_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c43_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c44_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c45_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c46_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c47_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c48_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c49_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c50_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c51_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c52_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c53_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c54_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c55_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c56_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c57_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c58_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c59_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c60_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c61_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c62_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c63_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c64_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c65_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c66_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c67_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c68_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c69_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c70_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c71_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c72_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c73_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c74_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c75_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c76_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c77_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c78_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c79_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c80_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c81_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c82_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c83_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c84_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c85_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c86_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c87_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c88_r1.html
scho_9783641017156_oeb_c89_r1.html
scho_9783641017156_oeb_bm1_r1.html
scho_9783641017156_oeb_tea_r1.html
scho_9783641017156_oeb_cop_r1.html