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Alles war viel schlimmer. Sie hätte sich nicht so viel Zeit lassen dürfen. Sofi saß erstarrt auf der Bank, als Barbro sich ihr näherte. Fremdes Blut klebte in blassen Streifen auf ihren Unterarmen. Wie immer hatte das Leben an Sofi eine ganz elementare Form angenommen. Barbro wollte sie gerade zur Männertoilette zerren, um ihr das Blut von den Armen abzuwaschen, als ein Arzt die Tür zum Operationssaal von der anderen Seite aufschob.
»Klara?«, fragte der Arzt Sofi.
»Klara?«
Der Arzt nickte. »Er hat Klara gesagt.«
»Und sonst?«, fragte Barbro, die nur Statistin war.
»Etwas wie ›üx‹ oder ›ix‹, wir haben es nicht verstanden.«
Sofi starrte den Arzt mit ihren schwarzen Knopfaugen an. Er aber deutete ein bedauerndes, aber endgültiges Kopfschütteln an. Sofi sank zurück auf die Bank.
Barbro stand hilflos daneben. Jetzt zerriss es Sofi den Kopf bei der Überlegung, wie sie die Zeit um einige Stunden zurückdrehen konnte. Von der Erkenntnis, dass sich die Weichen im Leben immer schon viel früher stellten, war sie noch ganz weit entfernt. Nach einer Weile begann Barbro, einige Schritte auf- und abzugehen. Dann rief sie Kjell an, um ihm zu sagen, dass David Schumann tot war.
Mit Ragnar trafen auch Henning und Per im Büro ein. Sie hatten den Computer aus der Wohnung in Skarpnäck mitgebracht und einige andere Gegenstände.
»Wir haben Theresa dortgelassen und ihr noch zwei Polizisten zur Verstärkung geschickt«, sagte Henning. »Theresa soll weiter in der Wohnung herumwühlen, aber ich glaube nicht, dass sie dort noch auf etwas stößt. Wir sind dort fertig. Er hat alles mitgenommen, was wichtig ist.«
Jetzt waren die drei Räume der Gruppe voller Menschen. Henning stand im Aufenthaltsraum und kochte Kaffee. Das war das Schöne an einem wie ihm. Mit etwas Kaffee konnte er zwei Tage ohne bemerkenswerte Höhen und Tiefen durcharbeiten, wie ein Dieselgenerator. Kjell hatte alle Aufgaben verteilt und einen Plan für die nächsten Schritte entwickelt. Der Geruch des Kaffees versammelte alle am Tisch des Besprechungsraums.
»Thorbjörn Maurizon müssen wir wohl vergessen«, begann Sigurd. »Er ist zweiundsiebzig und hat sich längst irgendwo im Süden ein schönes Plätzchen gesucht, wo die Steuern niedriger und die Frauen käuflicher sind.«
Kjell hatte sich mit Stavros Jernberg befasst. »Der ist leider auch nicht zu erreichen. Es gibt nur eine Telefonnummer von seinem Haus in Djurgården. Henning, kannst du gleich prüfen, ob es sich um das Grundstück handelt, auf dem diese Fotos aufgenommen wurden?«
Henning nickte. »Zufall ist das keiner, wenn du mich fragst.«
»Na ja«, seufzte Ragnar. »Von unseren Klienten wohnen fast alle dort.«
»Aber man sieht Nacka im Hintergrund. Das Grundstück muss also auf der Südseite am Wasser liegen.«
»Das ist eben das Problem«, fand Ragnar. »Solche Bilder gibt es nämlich auch von meiner Frau, und zwar, wenn wir sonntags in Waldemarsudde Kaffeetrinken gehen. Wir sollten lieber versuchen, einen Ansprechpartner für das Büro am Sergels Torg zu finden. Wenn ich alles richtig verstanden habe, wollt ihr ja vor allem die Rolle dieses Jungen klären.«
Kjell blickte hinab auf seinen Notizblock. Es war dieser griechische Vorname, der nicht zu einem Schweden zu passen schien. Warum war Stavros Jernberg in Athen geboren? Vielleicht war das der Grund für den griechischen Vornamen. An Stavros schien ihm alles verheißungsvoll, auch der Tag seiner Geburt am 28. Oktober 1972. Zweiunddreißig Jahre vor diesem Datum hatte der griechische General Metaxas Mussolinis Aufforderung zur kampflosen Kapitulation Griechenlands zurückgewiesen, indem er nur das Wort »Nein« zurücktelegrafierte. Seitdem feierten die Griechen diesen Tag als »Tag des Nein«, und auch wenn es der Nationalfeiertag war, so war es doch ganz schön unglücklich, an einem Tag geboren zu sein, der Nein hieß und zudem mitten in der Zeit der Diktatur lag. Wieso hatte der Vollschwede Yngve Jernberg dort zu jener Zeit einen Sohn bekommen? Aus dem Personalregister ging hervor, dass Yngve damals nicht verheiratet gewesen war. »Was haltet ihr davon, wenn wir uns aufteilen? Ragnars Leute nehmen sich die Agentur vor und wir uns den Eigentümer Jernberg.«
Hennings Telefon klingelte. Er sah auf die Anzeige und hob sofort ab. »Es ist Theresa«, sagte er nach kurzem Zuhören und drückte sich das Telefon an die Brust. »Sie hat ein Fahrzeug vor dem Haus beobachtet. Erst hat sie geglaubt, da komme die Verstärkung, aber anscheinend hat der Wagen bei laufendem Motor gehalten. Als Theresa aus dem Fenster gewinkt hat, ist er mit hohem Tempo weggefahren.«
»Hat sie die Nummer?«, fragte Kjell.
Henning schüttelte den Kopf. »Sie behauptet, dass es ein M6 Coupé in Monacoblau metallic gewesen sei mit der Madeira Edelholzinnenausstattung in Nussbaum. Das habe sie so geblendet, dass ihr das Kennzeichen entgangen sei.«
»Ist die nicht ganz dicht?«
»Sie ist dicht am Wahnsinn, ja.«
Per verdrehte bestätigend die Augen.
»Hat sie wenigstens die Insassen erkannt?«, fragte Kjell.
Henning hielt Rücksprache. »Da war wohl das Madeira stärker. Kann ja auch irgendein Idiot gewesen sein, der mit seinem neuen Auto spazierenfährt.«
»Kann ich verstehen, dass man am Horisontvägen voll durchstartet«, bestätigte Per.
Die Falsche Tote
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