56
Auf der Suche nach einer großen Unterlage, auf der sie die Blätter sortieren und durchsehen konnten, hatten sie eine Pizzeria gefunden. Sofi versah die Namen auf dem Ausleihkonto mit Sternen, je nach Wahrscheinlichkeit. Vor zwei Wochen hatte Nikolina Kovacevic das Buch ausgeliehen. Sie war zweiundvierzig Jahre alt und wohnte in der Skarpnäcks Allé 75. Mehr war aus den Ausdrucken nicht zu erfahren.
»Die Gesuchte kann es nicht sein«, sagte Theresa. »Dazu ist sie schon zu alt. Vielleicht die Schwester?«
»Oder die Mutter.«
»Ist das nicht zu jung?«
»Mein Chef ist auch zweiundvierzig, und seine Tochter wird demnächst siebzehn.«
Davor hatte das Buch drei Wochen bei einem Mann gelegen, der wegen seines hohen Alters die niedrigste Priorität bekam. Davor wiederum hatte ein jüngerer Mann das Buch nach zwei Tagen wieder zurückgebracht. Sein Ausleihkonto bewies, dass er immer so schnell las. Am Ende hatten sie vierzehn Personen, die nicht ganz unwahrscheinlich waren. Acht davon wohnten im Horisontvägen, der Rest über die Siedlung verteilt. Skarpnäck lag an der Endstation der U-Bahn-Linie 17 und bestand aus drei- bis fünfetagigen Wohnhäusern mit immergleicher Fassade aus roten Backsteinen. Nur Farbenblindheit könnte Skarpnäck in ihren Augen noch schlimmer machen, scherzte Theresa. Sie stapelten alles auf einen Haufen. Nur die Namensliste steckte sich Sofi in ihre Hosentasche.
»Also los«, sagte Sofi. »Gehen wir mal schauen.«
Nikolina Kovacevic öffnete nicht. Sofi klingelte bei den Nachbarn, und irgendwann drückte jemand auf den Öffner. Sie stiegen in den zweiten Stock, klopften noch einmal und horchten an der Tür. Sofi klingelte beim Nachbarn. Die Frau, die die Tür öffnete, sah auch südslawisch aus und sprach in gebrochenem Schwedisch. Sofi wies sich aus und fragte nach Nikolina.
»Bist du Ausländerbehörde?«
»Nein, Polizei, wir brauchen nur eine Auskunft von ihr. Mit ihr ist nichts. Es geht um ein Buch aus der Bücherei.«
Sofi streckte den Arm aus.
»Hat sie nicht zurückgebracht, oder? Kommt gleich schwedische Polizei.«
Theresa drängte sich vor. »Rede nicht so mit uns! Warum bist du nicht froh, dass du aus deinem Land weg bist, wo es für Demokratie nicht mal ein Wort gibt und ihr euch auf der Straße erschlagt.«
Sofi schluckte und drängte sich wieder nach vorn. Die Frau starrte Theresa an, ihre blonden, dicken Locken und die schwedischen Wangenknochen, und wandte sich dann demonstrativ an Sofi.
»Jetzt ist sie in Kroatien bei der Familie.«
»Wann ist sie denn gefahren?«
Die Frau verzog den Mund. Das sollte »was weiß ich« bedeuten.
»Weißt du, wann sie wiederkommt?«
Jetzt schüttelte sie den Kopf.
»Danke«, sagte Sofi.
Die Frau drückte die Tür zu. Sofi und Theresa gingen zum Lift. Theresa war noch ein wenig außer Atem, als sich die Tür schloss und der Aufzug nach unten fuhr.
Theresa musterte Sofi. »Entschuldigung. Ich bin kein Ausländerfeind. Ich habe auch was gegen Schweden. Woher stammst du eigentlich?«
Der Aufzug hielt im Erdgeschoss.
»Ich bin aus Värmland«, sagte Sofi und drückte die Tür auf.
Sie zogen zur nächsten Drei-Sterne-Adresse. Adam Esgård wohnte im Horisontvägen 81. Das einzig Unrote an dem Ziegelhaus war die türkis lackierte Tür. Er wohnte im dritten Stock. Wieder wurde nicht geöffnet, auch nicht beim Nachbarn. In Kroatien wird er nicht sein, dachte Sofi. Esgård war erst vierundzwanzig. Theresa schlug vor, eine Nachricht zu hinterlassen, aber das durften sie auf keinen Fall tun. Sofi spähte durch den Briefschlitz, konnte aber nichts erkennen.
Nach einer Stunde hatten sie alle vierzehn Drei-Sterne-Adressen auf der Liste besucht und nur drei Personen angetroffen. Bei ihnen lag die Ausleihe schon so lange zurück, dass sie auf Anhieb gar nicht sagen konnten, aus welchem Grund sie das Buch ausgeliehen hatten. Einer konnte sich überhaupt nicht mehr daran erinnern.
»Können wir die Wohnungen nicht aufbrechen?«, fragte Theresa.
»Ich bin nicht sicher, ob wir eine Genehmigung für elf Wohnungen bekommen. Insgesamt betrachtet ist die Wahrscheinlichkeit nicht allzu groß, dass es wirklich dieses Buchexemplar ist.« Sofi wunderte sich ein bisschen, dass Theresa so fragte, wo sie doch der Nachbarin vorhin erst empfohlen hatte, froh darüber zu sein, dass sie es endlich in ein demokratisches Land geschafft hatte. Sie rief Kjell an und erstattete Bericht.
Wie erwartet gefiel Kjell die Idee nicht, die Wohnungen zu öffnen. »Wir müssen erst noch weiter selektieren. Wenn sich ein konkreter Verdacht ergibt, gehen wir gezielt vor. Am besten kommt ihr her.«
Die Falsche Tote
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