12
»Habt ihr verschlafen? Es ist fast Mittag.«
So wurden sie von Sesselja Ragnarsdóttir empfangen. Ihr Schwedisch klang, als schlüge der Blitz in eine Birke ein. Eine Schönheit war Sesselja Ragnarsdóttir mit ihrem runden Gesicht nicht. Die Haut war von einer lebenslänglichen Blässe, durch die man an den Innenarmen türkisfarbene Äderchen schimmern sah. An den Stellen, die an Tagen der Freiheit der Sonne ausgesetzt gewesen waren, leuchtete ihre Haut ein wenig orange. Es gab an ihr überhaupt nichts Dunkles, ihre Haare waren licht und ihre Augen saphirblau.
Kjell griff instinktiv nach der Thermoskanne und goss die beiden leeren Tassen voll. Zum Glück war es Kaffee. Sofi kramte in ihrer Tasche und legte einen Block, einen Stift und ihren Rekorder auf den Tisch. Sesselja Ragnarsdóttir verfolgte das Treiben interessiert.
»Was wollt ihr eigentlich hier?«
Kjell nahm einen Schluck aus seiner Tasse. Der Kaffee schmeckte bitter. Die Frau schien jetzt abzuwägen, ob es sich hier um eine geschickte Verhörtaktik handeln konnte, dabei plante Kjell eine schlichte Befragung. Sesselja Ragnarsdóttir gehörte zu den Menschen, die den Eindruck erweckten, als wüssten sie alles und könnten alles durchschauen. Eines wusste sie jedoch noch nicht. Sie wusste nicht, dass das tote Mädchen nicht Josefin war.
»Wie kommst du darauf, dass wir verschlafen haben?«
Sie zeigte auf den schwarzen Kaffee in seiner Tasse.
»Wie ist dein Anwalt?«
»Er ist nicht mal schlecht. Was auch kein Wunder ist, denn die Stümper werden alle als Isländer geboren.«
Sofi lächelte irritiert.
Sesselja musterte Sofi. »Du hast deine Tochter mitgebracht.«
»Glaube kaum«, sagte Kjell und nippte von seinem Kaffee. »Meine Tochter würde in den Ferien nicht vor dem Mittagessen aufstehen.«
»Bist du Schwedin?«
Sofi nickte.
»Siehst gar nicht aus wie eine.«
Sofi griff reichlich unsouverän nach ihrer Tasse. »Ein Braunbär hat meine Mutter beim Pilzesammeln vergewaltigt«, sagte sie nach zwei Schlucken.
Sesselja war für einen Augenblick sprachlos, so wie Kjell. Dann lachte Sesselja laut. Ihr Lachen war tief und rasselte.
»Warst du schon einmal in Untersuchungshaft?«, fragte Sofi. »Weil du so viel über Anwälte weißt.«
»Ich war schon zweimal in Untersuchungshaft. In Island.«
»Zweimal? Warum?«
»Was weiß ich! Das ist die einzige Möglichkeit, wie sie dort die Leute dazu bringen können, nicht sofort auszureisen.«
Sesselja konnte alles auf Schwedisch sagen, auch wenn ihre Sätze lauter Wortstellungsfehler enthielten.
»Sesselja«, versuchte Kjell es in väterlichem Ton. Er hatte mal irgendwo gelesen, dass die Isländerinnen alle auf ihre Väter fixiert waren. »Du bist Ausländerin, und es handelt sich um ein Verbrechen, auf das mehr als zwei Jahre Gefängnis stehen. Wir mussten deshalb Haft beantragen, bis wir etwas finden, das dich als Täterin ausschließt. Alles, was Sofi und ich tun, hilft dir, so schnell wie möglich entlassen zu werden. Du willst ja bestimmt auch, dass dein Leben wieder weitergeht.«
Sesselja trank den letzten Schluck aus ihrer Tasse, löste aber nicht den Blick von ihm. Dann stellte sie die Tasse behutsam ab. »Dauðir eru dauðs manns vinir.«
Kjell schwieg und wartete auf die Übersetzung. Sesselja öffnete ihre Hände. Ihr Alter ließ sich richtiger an ihren Fingern als ihrem Gesicht ablesen. Sie wurde bald dreißig und wollte nichts übersetzen.
»Erzähl mir, was du in Island gemacht hast und wie es dich zu uns nach Stockholm verschlagen hat.«
»Ich fange gleich in Schweden an, ja? Island ist nicht der Rede wert.«
»Immerhin bist du von dort und hast ein Vierteljahrhundert dort gelebt.«
»Ich habe dort Medizin studiert, zwei Jahre in der Notaufnahme vom Landspítali und bei Stígamót gearbeitet, hatte vier Männer, alles Schlappschwänze, Säufer oder beides, hatte eine Abtreibung und dann bin ich nach Schweden. Island bot mir keine Möglichkeiten mehr, mich weiter zu entfalten.« Sie grinste.
»Hier kannst du es offenbar.« Ihm kam immer mehr der Verdacht, dass er auf dieses Zusammentreffen nicht optimal vorbreitet war. Anscheinend hatte ihr der Vater in der Pubertät zu wenig Angriffsfläche geboten. Kjell war froh, dass er nicht dabei gewesen war.
»Stiechamout?«, fragte Sofi.
»Da kannst du anrufen, wenn du mal von einem Eisbären vergewaltigt wirst.« Sie lachte wild.
Sofi reagierte nicht darauf und machte sich eine Notiz. »Werde ich mir merken.«
»Nach meiner Flucht hierher habe ich zuerst zwei Tage in der Notaufnahme vom Söder zur Probe gearbeitet. Dort habe ich knapp fünfzig Jungschweden und Jungschwedinnen den Magen ausgepumpt. In Stockholm schaut ja jeder zwischen dreizehn und zweiundzwanzig Jahren am Wochenende mal zum Magenauspumpen in der Notaufnahme vorbei.«
»Manche trinken gern mal was am Wochenende«, bemerkte Kjell. Er wollte Sesselja gerne einmal beim Arbeiten zusehen. Sie war bestimmt gut im Wiederbeleben. Sie hätten die Ärzte nicht so drängen sollen, Sesselja für verhörfähig zu erklären. Die Kaffeekanne war leer gewesen, nachdem er die beiden Tassen eingeschenkt hatte. Sesselja musste die anderen zehn Tassen getrunken haben, während sie gewartet hatte. Deshalb war sie bestimmt so.
»Wisst ihr, was euch Schweden fehlt?«
»Tankstellen«, sagte Sofi, ohne vom Block aufzublicken. »Innerhalb der Zollgrenzen gibt es fast keine. Ich muss immer nach Gröndal.«
»Du fährst nach Gröndal zum Tanken?«, staunte Kjell.
Sofi nickte. »Ja. Immer nach Gröndal.«
»Warum fährst du nicht in die Unterirdische am Slussen oder unten bei der Folkungagatan. Da hast du es doch nicht weit.«
»Mach ich auch manchmal.« Sofi notierte sich Slussen auf ihren Block und unterstrich es zweimal.
»Das ist typisch für euch«, mischte sich Sesselja ein. »Genau so seid ihr. Euch fehlt ein verlorener Krieg oder wenigstens eine Hungersnot. Das hat euch zu chauvinistischen Ignoranten gemacht.«
Kjell wollte jetzt gerne auf einer Wiese im Schatten liegen, kitzelnde Grashalme spüren und den Hummeln lauschen, und Sofi wollte das bestimmt auch. Wie Sesselja wohl zu anderen Zeiten war? Er entwickelte eine Ad-hoc-Theorie, warum die Männer in ihrem Leben alle mit dem Trinken begonnen hatten. Bestimmt lagen harten Wochen hinter ihr. Und jetzt entluden sie sich. Er schüttelte den Kopf.
»Da siehst du’s«, sagte Sesselja.
Kjell sah, wie Sofis Stenostriche sich verdickten, weil sie so fest aufdrückte. Das konnte beim Abtippen später große Konfusion verursachen.
»So wie ihr, die Isländer«, erwiderte Kjell.
»So wie wir, aber Chauvinisten sind wir nicht. Wir sind nur Schlappschwänze.«
Sofi grinste, ohne aufzuschauen. Kjell schloss die Augen. Doch als er sie wieder aufmachte, war er immer noch in dieser Barbarenrede gefangen. Die römischen Geschichtsschreiber ließen den soeben besiegten Barbarenfürsten im Anschluss an die Schlacht immer noch eine zweistündige Rede vor versammelter Mannschaft halten. Dabei legte der Geschichtsschreiber all seinen Groll auf Rom in den Mund des Barbaren, weil es ihn als Römer nicht anders zierte. Ein mäßig talentierter Geschichtsschreiber musste diese Rede hier verfasst haben.
Sofi sah auf. »Sesselja. Ich verstehe, dass du traurig bist. Wir haben das Mädchen heute Morgen gesehen, und uns geht es auch nicht gut. Du musst uns jetzt helfen. Wir brauchen dich, um herauszufinden, was passiert ist, verstehst du?«
Sesseljas suchende Augen und ihr ganz auf Wahrnehmung ausgerichtetes Gehirn erstarrten von einer Sekunde auf die andere. Sie bewegte sich nicht mehr und saß minutenlang schweigend da. Tränen kamen und tropften irgendwann von ihrem Kinn herab. Das befreiende Vorspiel war hier zu Ende.
Die Falsche Tote
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