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Kjell eilte mit seinen Kollegen im Gefolge den
Flur entlang. Er erkundigte sich nach Linda und erhielt die
Auskunft, dass jemand mit ihr nach unten gegangen war, damit sie
duschen konnte. Oben traf er sie im Archivraum mit frischgeföhnten
Haaren.
Sie stieg gerade in Barbros roten Sportanzug. Davor
hatte sie all die Stunden dagelegen und geschlafen. Linda konnte
wirklich überall schlafen. Kjell brachte seine Tochter zu seinem
Schreibtisch.
»Wir haben gleich Besprechung. Kannst du etwas für
mich tun?«
Linda nickte ernst.
Kjell zeigte ihr Bilder von der Toten aus Josefins
Wohnung und vom Toten aus dem Kronobergspark. »Kannst du sie so
zeichnen, dass sie wie lebende Menschen aussehen?«
Wie erwartet erschrak Linda nicht über den Anblick.
Sie blätterte nachts gerne heimlich in seinen Akten und aß dazu ein
Käsebrot.
»Hier hast du ein Foto von Josefin. Das Bild sollte
in etwa so aussehen, damit man es vergleichen kann.«
Linda lief hinüber ins Archiv und kehrte mit ihrer
Zeichentasche zurück. Kjell ließ sie allein und ging in den
Besprechungsraum. Dort hatte Henning schon den Tisch gedeckt und
Abendkaffee gekocht. Es war zehn Uhr, als alle am Tisch Platz
nahmen. Außer der Gruppe waren auch Sten und die namenlose
Ermittlerin dabei, sowie Jannika von der Prostitution und Britta
von der Jugendkriminalität.
»Drei der Freier kennen wir schon«, sagte Jannika,
die als Erste drankam. »Das ist eine ganz eigene Klientel, die wir
nicht im Bereich der organisierten Prostitution finden.«
»Die Gleichzeitigkeit von Feminismus und
Prostitution bereitet mir noch einige Schwierigkeiten«, gestand
Henning.
»Das ist klar, dass du das als Mann nicht schaffst.
Es ist auch in der Frauenbewegung eine recht avantgardistische
Richtung.«
»Die Speerspitze, ja?«
»Letztlich ist es eine Stockholmer Spezialität als
folgerichtige Fortentwicklung der Abtreibungsbewegung vergangener
Tage. Das Selbstbestimmungsrecht über den eigenen Körper wird dabei
auf das ganze Leben ausgeweitet. Da in Stockholm zwei Drittel der
Menschen als Singles leben, war es nur eine Frage der Zeit.«
»Kapier ich nicht«, meinte Henning. »Ein
Kaufvertrag schließt doch die Übereignung des Verfügungsrechts über
die Sache mit ein.«
»Genau da liegt dein männlicher Denkfehler. Die
Frauen wollen ja Sex auf unverbindliche Art. Dass sie zudem Geld
nehmen, sehen sie als Befreiung aus einer feudalistischen
Zwangsmoral.«
»Wie viele?«, fragte Kjell.
»Etwa hundert in Stockholm. Inzwischen auch in
anderen Städten. Außerhalb Schwedens ist es nur in Oslo
belegt.«
»Ganz schön viele«, flüsterte Sofi erstaunt.
»Die Feministinnen aus dem Rest der Welt liegen
also mit mir auf einer Wellenlänge«, folgerte Henning.
Jannika lachte.
»Das sind also verschiedene Gruppen«, wollte Kjell
wissen. »Die normalen Studentinnen, die sich ihr Studium verdienen,
und die Feministinnen.«
Jannika nickte. »Es sind zwei völlig verschiedene
Denkhaltungen. Die Gelegenheitsprostitution unterscheidet sich vor
allem dadurch, dass sie nicht organisiert ist. Bei den
Feministinnen glauben wir schon seit einiger Zeit an ein
Netzwerk.«
»Die Vierte Schwesternschaft«, sagte Kjell.
Britta von der Jugendkriminalität meldete sich zu
Wort. »Es gibt besonders aus den kleineren Städten Hinweise darauf,
dass das Netzwerk als Schutz für die Frauen dient. Sie teilen sich
gegenseitig ihre Verabredungen mit. Das ist aber nicht der Grund,
warum dieses Netzwerk eigentlich besteht. Es existiert schon viel
länger. Die vierte Welle ist wie die dritte. Die Dritten
Schwesternschaften unterschieden sich vom Vorangegangenen durch die
aggressive Gewalt. Das waren aber vor allem Mädchenbanden aus den
Vororten, die sich nicht mehr nur zusammentaten, um sich auf dem
Nachhauseweg von der Bushaltestelle zu schützen. Die Wut wurde zu
einer aggressiven Grundhaltung im Leben. Das Motto »Schlagt
zurück!« kommt aus diesem Milieu. Was die vierte Welle sein sollte,
war uns lange ein Rätsel. Wir konnten dahinter nur ein
überregionales Netzwerk vermuten. Der Ursprung liegt auf jeden Fall
oben in Umeå.«
»Wir haben also ein Mitglied dieser
Schwesternschaft unten in der Zelle sitzen«, fragte Henning. »Es
könnte sogar sein, dass sie die Anführerin ist.«
Jannika verdrehte die Augen. »Was für eine
Anführerin denn?«
»Du könntest wirklich erstmal nachdenken, bevor du
etwas sagst«, fand Barbro, die die fünfte Stufe des Feminismus
bereits 1987 erreicht hatte und jetzt auf der sechsten war.
»Mich interessiert vor allem, welche
Gewaltverbrechen zu dieser Gruppe gehören«, sagte Kjell. »Was wir
bisher wissen, deutet ja darauf hin, dass sie sich berufen fühlt,
milde Urteile gegen Sexualverbrecher handgreiflich zu
verschärfen.«
»Wir haben gar nichts außer der Beobachtung, dass
all diese Übergriffe gut organisiert waren. In keinem einzigen Fall
haben wir einen konkreten Verdächtigen.«
Henning meldete sich wie ein Schuljunge. »Wir
möchten natürlich wissen, in welchem Verhältnis Josefin Rosenfeldt
zu der Vierten Schwesternschaft steht. Sie hat bei einer
Telefonberatung gearbeitet, die sich aber vor allem an ausländische
Frauen richtet und keinem ausgeprägt feministischen Ansatz folgt.
Sie ist sogar kommunal.«
»Am besten befragen wir die Familie noch einmal in
diese Richtung«, schlug Sten vor. »Lennart und Oskar sind heute in
der Wohnung des JK versammelt.«
Kjell sah auf die Uhr. Es war halb elf. »Kannst du
hinfahren, Barbro?«
Barbro sah ihn unsicher an.
Henning räusperte sich. »Ich fahre. Ich kenne
Rosenfeldt ja am besten.« Er stand auf und verließ den Raum.
Die Namenlose nutzte die kurze Unruhe und meldete
sich zu Wort. »Es gibt bei uns den starken Verdacht, dass eine
Reihe von Hinweisen an die Polizei aus der gleichen Quelle stammen.
Konkret waren das die Wohnwagencamps in Täby und Sollentuna.«
Das lag erst drei Wochen zurück. Die Polizei hatte
mehrere anonyme Anrufe bekommen und kurz darauf dreißig
Zwangsprostituierte befreit, die dort in Wohnwagen gefangen
gehalten worden waren.
»Kann das nicht auch ein Konkurrent gewesen sein?«,
fragte Kjell. »Oder eines der Opfer? Ich will vermeiden, dass wir
alle ungeklärten Rätsel Schwedens auf die Schwesternschaft
zurückführen. Mich interessieren nur Josefin Rosenfeldt und die
beiden Toten.«
Die Frau schüttelte ernst den Kopf. »Die Opfer
rufen nie die Polizei. Sie stammen meist aus Ländern, in denen die
Polizei Teil des Verbrechens ist. Außerdem wurden zur gleichen Zeit
mehrere Stellen der Polizei kontaktiert. Das lässt auf tiefere
Kenntnisse schließen und eine bestimmte Überlegung.«
»Geht es um Korruption?«, platzte es aus Sofi
heraus. Sie hatte anscheinend vergessen, dass sie neben Sten
Haglund saß.
Seine Antwort überraschte alle. »Wir haben in der
Reichsleitung unsere Schlüsse daraus gezogen. Denn die Stellen, die
man in so einem Fall wohl zunächst kontaktieren würde, wurden
ausgelassen. Dafür wurden andere ausgewählt, die eigentlich nicht
zuständig sind, andererseits aber auch nicht unqualifiziert. Das
kann natürlich auch Zufall oder Unkenntnis der internen Struktur
der Polizei sein.«
»Konkurrenten gibt es keine«, erzählte die
Namenlose in ein kollektives Schweigen hinein. »Wir erkennen es vor
allem daran, dass die organisierte Kriminalität geschlossen in eine
Richtung marschiert, was die Zulieferung angeht. Rauschgift, Geld,
Frauen.«
»Wie kommt die Schwesternschaft eigentlich an all
diese Informationen?«, wollte Sofi wissen, nachdem sie zwei Minuten
lang an der Kappe ihres Füllers herumgelutscht hatte. »Ich meine,
die wissen lauter Dinge, die die Polizei nicht weiß.«
»Wir setzen ja auch Sozialarbeiter als Informanten
ein«, erklärte Jannika. »Aber die Schwesternschaft sitzt
ideologisch in den Frauenhäusern und Ähnlichem.«
»Es muss eine sehr heterogene Gemeinschaft sein«,
überlegte Sofi. »Sie hat ja ein breites Spektrum. Racheakte,
Gefangenenbefreiung, Koordination von Prostitution.«
»Straff und geschlossen ist nur der
Informationsaustausch.« »Und offensichtlich auch die Liberalität in
der Gruppe. Die einen müssen ja von den Betätigungen der anderen
wissen, sie also dulden, auch wenn es Straftaten sind. Und dieses
Netzwerk hält nach außen völlig dicht. Finde ich
erstaunlich.«
Kjell sah auf die Uhr. Gleich elf. »Wir haben also
Gunnar und die Schwesternschaft, zwei gut funktionierende
Netzwerke, die auch aneinandergeraten. Und wir haben Josefin
Rosenfeldt. Sie könnte ein Teil der Schwesternschaft sein. Dann
haben wir das tote Mädchen und den toten Mann aus dem Park. Was ist
mit ihnen?«
»Wenn Josefin ein Teil der Schwesternschaft ist,
dann lässt die Tatsache, dass die Tote bei ihr in der Wohnung war,
nur eine Deutung zu«, antwortete die Namenlose. »Sie kommt aus der
Gunnar-Struktur. Was ihr über den Mann und sie in Deutschland
herausgefunden habt, lässt darauf schließen, dass er ein
Kleinkrimineller ist, der auch Teil des Systems war. Da die Frau ja
noch fast ein Mädchen ist, glaube ich nicht, dass sie die
unbekannte Person auf dem Überwachungsvideo sein kann. Das Video
ist viel zu alt und sie zu jung. Die beiden haben sich erst in
Schweden kennengelernt. Die Bankserie in Deutschland hört ja früh
auf, bestimmt ist er seit dieser Zeit hier in Schweden und auch
erst hier an Gunnar geraten.«
»Dann gibt es zwei Deutungen«, glaubte Sofi. »Das
Mädchen wurde nach Schweden verschleppt und von der
Schwesternschaft befreit. Josefin hat sie bei sich aufgenommen. Die
andere Deutung sagt, dass das Mädchen kein Opfer ist, sondern nur
Josefin. Gunnar hat Josefin entführt und das Mädchen als
Platzhalter eingesetzt.«
»Für die erste Theorie spricht Josefins plötzliche
Abreise aus Frankreich, für die zweite die Tatsache, dass das
Mädchen die Isländerin nicht erwartet hat«, sagte Barbro.
Die erste Möglichkeit gefiel Kjell besser. »Im
Prinzip entführt man die Tochter des Justizkanzlers nur, wenn man
ganz wichtige Gründe hat. Aber wir haben bisher keine gefunden.
Wenn Möglichkeit eins zutrifft, erklärt sich auch der Ausgang ganz
leicht. Gunnar ist den beiden auf die Spur gekommen.«
Erst schwiegen alle, dann nickten einige.
»Das habt ihr herausgefunden?«, Oskar Rosenfeldt
war vom Sofa aufgesprungen und wusste nicht, ob er herumlaufen oder
sich wieder setzen sollte.
»Stimmt es etwa?«, fragte Henning.
»Wir sitzen hier seit einer Woche und haben nicht
die geringste Ahnung, was Josefin zugestoßen sein könnte, und dann
kommst du und behauptest, sie sei Teil einer feministischen
Vögeltruppe.«
Oskar tat einige Schritte auf seinen Vater zu, der
in seinen Sessel eingesunken war und der Zigarette zwischen seinen
Fingern beim Verglimmen zusah. Henning sah ihm am Mund an, wie
schwer es ihm fiel, dazusitzen und die Polizei ihre Arbeit machen
zu lassen.
»Ich habe es dir gesagt, genau das habe ich dir
gesagt!«, schrie Oskar seinem Vater entgegen.
Rosenfeldt zog an seiner Zigarette und wandte sich
an Henning. »Wir hatten Befürchtungen, dass ihr die falsche
Richtung einschlagen könntet. Oskar hat Schwierigkeiten, anderen
Menschen dabei zuzusehen, wie sie Fehler begehen.«
Henning hatte bisher in der Mitte des Raumes
gestanden. Nun nahm er auf dem breiten Sofa Platz. »Ich habe nicht
behauptet, dass Josefin Teil dieser Schwesternschaft ist. Es gibt
jedoch auf jeden Fall eine Verbindung. Wir müssen diesen Schritt
jetzt tun. Alles deutet in diese Richtung.«
Rosenfeldt nickte.
Henning zog den Notizblock aus der Tasche seiner
Jacke. Auf der Fahrt hatte er sich alle Punkte notiert, die er
ansprechen wollte. »Wir haben inzwischen den Abend vor dem Mord
rekonstruiert. Zwischen dem Medborgarplatsen und Skanstull wurde in
kurzer Zeit auf technisch recht eigenartige Weise Geld mit Josefins
Bankkarte abgehoben. Alle Automaten liegen auf diesen siebenhundert
Metern Götgatan. Abgesehen davon, dass es in der Stadt nur wenige
Stellen mit so einer Dichte von Automaten gibt und vielleicht auch
der Charakter des Ortes eine Rolle spielt, erstaunt mich, dass der
Beginn dieser Tour nur hundert Meter von deiner Wohnung entfernt
liegt, Oskar. Kann es sein, dass sie bei dir gewesen ist?«
»Natürlich! Ich habe ja schon gesagt, dass ich ganz
unerwartet aufgebrochen bin.«
»Ja ja. Wenn sie zu dir kommt, hat sie dann den
Schlüssel dabei, oder ist der nur für Notfälle?«
»Sie bewahrt ihn nicht an ihrem Schlüsselbund auf.
Bisher hat sie immer geklingelt.«
»Ihr versteht, warum ich frage, ja? Deine Wohnung
war in Unordnung, typische Spuren, dass sie von einem anderen
durchwühlt worden wäre, gab es nicht. Bisher dachten wir an Profis.
Es kann aber auch deine Schwester gewesen sein.«
»Aber warum? Ich habe ja nichts, was sie brauchen
könnte.«
»Sie hat etwas bei dir gelassen, das ein anderer
vor uns aus der Wohnung geholt hat.«
Die beiden sahen Henning interessiert an. Bisher
war es ihnen schwergefallen, sich in ihrer Aufgewühltheit auf
Details einzulassen, aber nun war es spannend genug.
»Es gibt zwei Möglichkeiten«, fuhr Henning fort.
»Daten oder eine Warnung.«
»Warum denn eine Warnung?«, wendete Rosenfeldt ein.
Henning nickte. Das erschien ihm auch unwahrscheinlich. Es mussten
Daten gewesen sein, und vielleicht eine Bitte oder gar ein Auftrag.
Obwohl er keine Indizien hatte, bekam er den Film nicht mehr aus
seinem Kopf: Josefin hatte ihren Bruder aufgesucht. Von dort hatte
sie ihren Weg die Götgatan entlang nach Süden fortgesetzt. Nur den
Grund verstand er noch nicht.
Henning bat Rosenfeldt, noch einmal zu erzählen,
wie die letzten Tage in Frankreich gewesen waren.
»Drei Tage vor ihrer Abreise hat sie mir erzählt,
dass sie zurückwolle. Es sah alles danach aus, als hätte sie genug.
Sie kannte ja jeden Ort in der Bretagne in- und auswendig. Sie war
in Vannes, in Rennes und so weiter. Am Tag vor ihrer Abreise sind
wir zum Mont Saint Michel gefahren. Morgens haben wir eine
Wattwanderung gemacht, am Nachmittag gebadet und am Abend haben wir
in Michel gegessen und waren recht lange oben auf der
Kirchenterrasse. Sie hat wie immer gewirkt, ein wenig angespannt
vielleicht.«
»Wofür braucht sie hunderttausend Kronen? Was meint
ihr?«
Oskar lachte abfällig. Die Antwort kam vom
Vater.
»Josefin ist nach ihrer Oma Hedvig geraten. Beide
sind am gleichen Tag im September geboren, daher lag es in unserer
Familie immer nahe, darin eine Wesensgleichheit zu vermuten.«
»Wenn im Lokal der Kellner an den Tisch kommt,
fragt sie, was ein kleines Bier kostet«, erläuterte Oskar. »Also
das Gegenteil von mondän.«
»Hedvig?«
»Nein, Josefin.«
»Sie kam fast völlig ohne Geld aus«, erklärte der
Vater. »In einer unfassbaren Genügsamkeit. Sie kauft nicht all die
kleinen Sachen zwischendurch, die anderen Menschen das Geld durch
die Finger rinnen lassen.«
»Hm.« Henning fuhr sich ums Kinn. »Ganz sicher ist
nicht, dass sie das Geld selbst abgeholt hat«, gab er zu. Aber
ziemlich sicher, antwortete ihm sein Bauch.