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Kjell hatte sich für den Fußweg entschieden. Während er mit strammen Schritten die Hantverkargatan hinablief, konnte er sich für den Abend geschmeidige Worte zurechtlegen.
Das Gefühl hatte bereits gestern Abend begonnen, sich in seinem Magen breitzumachen. Ein recht empfindlicher Magen. Wenn sich dort Gefühle breitmachten, war er besser beraten, nicht jedesmal darauf zu hören. Aber diesmal war es immer stärker geworden, das Gefühl, etwas übersehen zu haben. Wir haben irgendeinen Zusammenhang völlig verkannt. Als er das Stadthaus passierte und die Brücke überquerte, erkannte er, dass er die gesamte Ermittlung noch einmal in Gedanken durchgehen musste. Rückblickend kam es ihm vor, als wäre alles rasend schnell gegangen, dabei konnte er sich gut erinnern, wie quälend er die ersten Fortschritte gefunden hatte. Als er die Altstadt erreichte, war er sich ganz sicher. Mit dem Tatort stimmte etwas nicht. Mit der Wohnung von Josefin, oder mit den Funden darin.
Die Gassen der Altstadt verhinderten jedoch, dass er weiterdenken konnte. Wann war er zuletzt hier gewesen? Das musste im Frühling gewesen sein, als er mit Linda in diesem Lokal gegessen hatte. Viele Gassen waren so krumm, dass der Blick nur einige Schritte weit reichte und man wohl oder übel bis zum Ende gehen musste, wenn man wissen wollte, wohin sie führten. Kjell sah auf den Zettel. Själegårdsgatan 8. Dem Plan nach lag das gleich bei der deutschen Kirche. Er kannte zwar die Gegend, hatte sich aber nie darum geschert, wie die Gassen hießen. Nach dem zweiten Abbiegen passierte er die Kirche und erkannte, dass er zu weit gegangen war. Noch zwei Gassen weiter hatte er die Adresse gefunden. Das Büro lag an einer Ecke im Erdgeschoss. Was das wohl kostete, hier ein Büro zu haben, überlegte er beim Eintreten. Jernberg - Fägerskiöld - Maurizon - Agencies. Die Tür war nur angelehnt. Kjell klopfte und trat ein. Die Zimmerdecke lag in dem alten Gebäude recht niedrig, und die Wände waren in schwedischer Weise auf halber Höhe vertäfelt. Der Rest war das Gegenteil. Die Einrichtung glich der des Museums für moderne Kunst auf Skeppsholmen, mit riesigen weißen Flachmonitoren auf jedem der zehn Schreibtische. Bis auf eine sehr schöne Frau waren die Räume menschenleer. Und sie lächelte sogar.
Kjell stellte sich vor und zeigte seinen Ausweis. Er fühlte sich ein wenig komisch auf dieser surrealen Bühne.
»Wie kann ich dir helfen?«
»Was für eine Agentur ist das denn hier?«
»JFM? Wir vermitteln Versicherungen für Großunternehmen.«
»Wie groß ist die Firma?«
»Im Umsatz recht groß.« Sie bemerkte Kjells verwunderten Blick. »Das ist nur die Besuchsadresse, die Büros sind am Sergels Torg. Bitte nimm Platz.«
Die Schöne erkannte, dass Kjell sich nach einem Glas Wasser sehnte, und servierte es ihm, während sie erklärte. »Das hier ist nur für ausländische Kunden gedacht. Die wollen eben das Stockholm sehen, das sie sich vorstellen. Deshalb Gamla Stan, schöne enge Gassen mit Kopfsteinpflaster. Und innen wollen sie natürlich schwedisches Design sehen.«
Kjell hatte den Eindruck, dass sie bei ihrer Panoramahandbewegung auch sich selbst mit einschloss. Sie wirkte aufgeweckt, und es war ihr sicher nicht entgangen, dass sie den Job bekommen hatte, weil sie aussah, wie sich sechs Milliarden Menschen eine schöne Schwedin vorstellten. Wahrscheinlich gab es auch eine Küche, wo sie für ausländische Besucher Fleischbällchen und Blaubeerkuchen zubereitete. Alle anderen Stockholmer mussten ihre ausländischen Besucher zu Ikea fahren, wenn sie all das erleben wollten.
»Ich habe hier eine Kreditkartenabrechnung für einen Friseurbesuch am sechsten Juli. Die Karte ist auf eure Firma eingetragen. Ich wüsste gern, wer diese Karte hier benutzt hat.«
Sie nahm die Quittung entgegen und betrachtete sie. Dann stand sie auf, tat einige effektvolle Schritte über den Holzboden zu einem Regal am anderen Ende des Raumes und zog einen der Ordner heraus, die Kjell für Attrappen gehalten hatte. Er fragte sich, ob bei Vertragsunterzeichnungen nicht nur Champagner, sondern vielleicht auch Prostituierte eine Rolle spielten.
»Das ist sicher eine Karte der Geschäftsleitung, wenn sie für einen Friseurbesuch verwendet wurde«, rief sie herüber und klappte den Ordner zu. »Ich rufe am Sergels Torg an.«
»Es ist eine Haarfärbung, wohl eine Frau.«
Sie nickte. Als am anderen Ende jemand abhob, klingelte im selben Moment auch Kjells Telefon. Es war Sofi. Ihre Stimme klang aufgeregt.
»Du musst sofort herkommen. Hier sind drei Frauen, eine hängt am Balkon und will springen. Zwei sind illegal.«
»Bei dieser Elvira Mu …?«
»Jajaja! Es sind Albanerinnen. Oder Kosovo. Die behaupten, Klara nicht zu kennen, aber sie sehen ihr ganz ähnlich.«
»Okay, ich komme!«
Kjell sprang auf und unterbrach die Frau, die wohl gerade mit der Buchhaltung sprach. »Ich muss weg.«
Die Frau sah ihn fragend an. »Was soll ich jetzt machen? Sie suchen den Beleg raus.«
»Kannst du es mir faxen?« Kjell kramte nach einer Visitenkarte.
Die Frau nickte.
Er stürmte aus dem Haus. Auf der Straße überlegte er, wie er jetzt nach Midsommarkransen kommen sollte. Er rannte die Gasse entlang zur U-Bahn. Das würde nichts bringen. Er blieb stehen und rief die Zentrale an. Sie verabredeten, dass ihn ein Streifenwagen am Mälartorg gegenüber der U-Bahn aufgreifen sollte. Kjell hastete weiter. Als die Gassen endlich aufhörten und man den Slussen am anderen Ufer sah, stand auch der Wagen schon da und fuhr sofort los, nachdem Kjell eingestiegen war. Während sie mit Blaulicht und Sirene durch den Söderledstunnel rasten, rief Kjell bei Barbro an.
»Ich bin bald da«, sagte Barbro.
»Am besten kehrst du um. Sofi hat einen Volltreffer.«
Barbro fluchte und legte auf.
Als der Streifenwagen im Nyårsvägen in Kransen bremste, war die Szene bereits in Auflösung begriffen. Sofi saß mit zwei Männern auf dem felsigen Rasenstreifen, der vom Haus steil zum Bürgersteig hin abfiel. Kjell steuerte über die Straße auf sie zu. Sie war so breit, dass Kjell die Frage zu Ende denken konnte, warum es immer Sofi war, die das schwerste Los von ihnen zog, allerdings nicht breit genug, um auch eine Antwort darauf zu finden. Wenn er sich seine eigenen zwanzig Jahre bei der Polizei vor Augen führte, dann fand er darin kaum etwas, was nicht ganz wohltemperiert verlaufen wäre.
Die letzte halbe Stunde musste zermürbend gewesen sein. Sofi saß verschwitzt zwischen einem uniformierten Polizisten und einem Feuerwehrmann. Der Feuerwehrmann war es auch gewesen, der sich nur durch einen Blick über das Balkongeländer Einblick in die Lage verschaffen wollte, dann aber wie aus einem Feuerwehrmannreflex zugepackt und das Mädchen hochgezogen hatte. Seine Arme ließen keinen Zweifel, dass er die Kraft dazu besaß. Vor ihm hatte dies keiner der Polizisten gewagt, aus Angst vor dem, was alles schiefgehen konnte. Wer zupackte und losließ, hatte das zu verantworten. Für Ingevald, wie der Feuerwehrmann hieß, war das keine Frage gewesen.
»Diese Leute springen oft mit Absicht«, erklärte Ingevald sein Motiv. »Damit verhindern sie, sofort ausgewiesen zu werden.«
Der Polizist zu Sofis Linken nickte bestätigend.
Sofi und Kjell sahen sich in die Augen. Sie ergriff seine ausgestreckte Hand und ließ sich in den Stand ziehen. Sie gingen ein Stück, um sich den Blicken der Nachbarn zu entziehen, die sich in Gruppen auf der Straße versammelt hatten. Sofi erzählte, was geschehen war.
»Ich war völlig überrascht, als sie mir die Tür vor der Nase zuschlug. Sie lebt ja schon seit vier Jahren in Schweden und arbeitet seit zwei Jahren vorne am Telefonplan in einem Geschäft als Verkäuferin.«
»Und die beiden anderen?«
»Die sind auf jeden Fall illegal hier. Ich habe sie getrennt nach Kungsholmen bringen lassen. Die Jüngste muss erst zum Arzt. Die hat sich über eine Viertelstunde dort festgehalten. Ich hätte es nicht mal eine Minute geschafft. Weisst du, was komisch ist? Keine der drei machte den Eindruck, beim Friseur gewesen zu sein. Keine hatte Strähnen.«
»Also gibt es mehr?«
»Ja, Elvira hat die Tür geöffnet, als erwartete sie jemanden.«
»Aber Klara haben sie nicht erkannt?«
»Sie haben nicht richtig auf die Zeichnung gesehen. Die Situation war so extrem, dass ich aus ihrer Reaktion nicht ablesen konnte, ob sie sie erkannt haben.«
»Bist du dir sicher, dass es wirklich Elvira ist?«
Die Falsche Tote
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