UNABHÄNGIGKEITSBEWEGUNGEN

Mit der Griechischen Revolution, dem Aufstand der Griechen gegen die türkischen Osmanen seit 1821, beginnt die Geschichte der modernen Freiheitsbewegungen. Bei derartigen »Revolutionen« handelt es sich immer um Nationalrevolutionen oder Nationalbewegungen gegen eine »fremde« Vormacht oder Kolonialmacht. Der Freiheitskampf der Griechen, begonnen noch zu Lebzeiten Goethes und Beethovens, war eine europäische Angelegenheit. Durch ganz Europa ging eine Welle des Philhellenismus: Der antikenbegeisterte bayerische König Ludwig I. spendete reichlich, der romantische englische Dichter Lord Byron eilte nach Griechenland, nahm an den Kämpfen teil und starb dort im Alter von 32 Jahren, Alexander Puschkin war Mitglied der zivilen Befreiungsorganisation. Der Unabhängigkeitskrieg wurde durch eine europäische militärische Intervention entschieden und 1830 ein territorial kleines Griechenland als konstitutionelle Monarchie mit dem Wittelsbacher Prinzen Otto als erstem König errichtet. Die neue Hauptstadt Athen war damals mit 2000 bettelarmen Einwohnern nicht größer als ein Dorf. Als nächster europäischer Staat erreichte Belgien 1830 seine Unabhängigkeit von den Niederlanden. Der neue belgische König Leopold aus dem Haus Sachsen-Coburg-Gotha war ein Verwandter der englischen Königin Victoria.

1821

SIMÓN BOLÍVAR    Die heutigen Staaten Venezuela, Kolumbien, Panama, Ekuador, Peru und das nach ihm benannte Bolivien verdanken dem großen Führer der südamerikanischen Unabhängigkeitsbewegung von der spanischen Herrschaft ihre Existenz. Der aristokratische Bolívar (1783–1830) führte den Befreiungskampf, der ohne dramatische Gemetzel ablief, zuerst militärisch und begründete einen Staat Großkolumbien (1821–1830), der nach seinem Tod in die Staaten Venezuela, Kolumbien, Panama und Ecuador zerfiel. Bolívars Versuch, auch das heutige Peru samt dem »oberperuanischen« Bolivien anzugliedern, scheiterten. Simón Bolívar orientierte sich an der Amerikanischen Revolution und ihren Prinzipien. Ihm schwebte eine Art Vereinigte Staaten von Lateinamerika vor. Treibende Kraft hinter der südamerikanischen Unabhängigkeitsbewegung war die kreolische Oberschicht, der Simon Bolívar selbst entstammte. Das waren die Nachfahren der Konquistadoren beziehungsweise der mit ihnen eingewanderten spanischstämmigen Siedler, die bereits seit Langem Herren über Grund und Boden waren und sich von der Herrschaft des Mutterlandes befreien wollten wie die Nordamerikaner auch. An der Befreiung der unterdrückten, eingeborenen Bevölkerung hatten sie kein Interesse und natürlich auch nicht an der Befreiung der Sklaven.

1847/1857

RISORGIMENTO    Va pensiero, sull ali dorate – »Flieg, Gedanke, auf goldenen Schwingen« sangen die italienischen Patrioten 1842 nach der triumphalen Uraufführung von Verdis Nabucco sogleich als Befreiungslied und träumten wie das von Nebukadnezar (Nabucco) geknechtete jüdische Volk von der Befreiung aus der – österreichischen – Fremdherrschaft. Das inbrünstige Va pensiero ist bis heute eine Art inoffizielle Nationalhymne der Italiener.

Risorgimento, der historische Begriff für die Einigungs- und Unabhängigkeitsbewegung in Italien, war der Titel einer seit 1847 in Turin erscheinenden Zeitschrift des piemontesischen Grafen Cavour (1810–1861), Architekt der Einheit Italiens und Ministerpräsident des norditalienischen Königreichs Sardinien-Piemont, das sich an die Spitze der liberalen nationalen Bewegung stellte. Risorgimento bedeutet: Wiederauferstehung.

In großen Teilen Norditaliens (Lombardei, Venetien, Toskana) herrschte Österreich. 1848 wurde eine unabhängige Republik Venedig ausgerufen, und die Lombardei schloss sich an das unmittelbar benachbarte Sardinien-Piemont an. Diesen »Aufstand« ließ der soeben gekrönte österreichische Kaiser Franz-Joseph I. (der Ehegatte von »Sissi«) von Feldmarschall Radetzky niederschlagen. In den Fünfzigerjahren gewann Cavour die Unterstützung Napoleons III. Dank französischer Militärhilfe gelang ihm 1859 die Vertreibung der Österreicher nach der Schlacht von Solferino. Gleichzeitig rollte der Freischärlerführer Garibaldi (1807–1882) die ohnehin schwache spanische Bourbonen-Herrschaft im Königreich Neapel mit einer Freiwilligenarmee von Süden her auf. Im März 1861 wurde das Königreich Italien unter Viktor Emmanuel II. als konstitutionelle Monarchie proklamiert, mit Florenz als Hauptstadt. 1866 gelang die Eroberung Venetiens mit preußischer Hilfe und ohne preußische Hilfe 1870 die Einnahme des Kirchenstaates und damit die Vollendung der Einheit Italiens. Nach Florenz wird Rom 1871 Hauptstadt.

Übrigens: In anderer Hinsicht epochemachend war die seit Waterloo blutigste Schlacht von Solferino bei Mantua. Hier besuchte der Schweizer Geschäftsmann Henri Dunant den französischen Kaiser Napoleon III. an der Front, weil er mit ihm über ein Bewässerungsprojekt in Algerien sprechen wollte. Angesichts des Leids der vielen Verwundeten ergriff Dunant spontan Hilfsmaßnahmen; unter dem bleibenden Eindruck von Solferino gründete er 1876 das Rote Kreuz.

Wann tranken die Türken ihren Kaffee vor Wien?: Weltgeschichte - alles, was man wissen muss
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