DIE JUNGEN GERMANISCHEN REICHE

Zu Theoderichs Zeit um 500 gab es auf ehemals weströmischem Gebiet fast nur noch germanisch beherrschte Reiche und Völker: Theoderichs Ostgoten regierten als dünne Oberschicht ganz Italien bis in die Provence. In Gallien südlich der Loire bis weit nach Hispanien waren die Westgoten kurzzeitig eine europäische Großmacht. An der Rhône saßen die Burgunden, zwischen Rhône und Oberrhein der lose, aber mächtige Stammesverband der Alemannen. Diese standen bereits unter Oberherrschaft der Franken, die sich von Rhein, Mosel, Maas und Schelde ausgebreitet hatten. Die nördlichen Nachbarn der Franken an der Nordseeküste waren die Friesen. Zwischen Elbe, Werra und Donau gab es ein kurzlebiges Thüringisches Reich mit Schwerpunkt an der Saale. Westlich der Thüringer, zwischen Elbe und Weser, saßen die Sachsen, nördlich von ihnen, meerumschlungen von Nord- und Ostsee, die Angeln, Dänen und Jüten.

ab 450

SACHSEN UND ANGELN    Nach dem Abzug der Römer um 400 sahen sich die Briten von einer Invasion der Pikten und Skoten aus dem Norden bedroht. Einem britischen Hilferuf folgend zogen die Angeln und Sachsen, germanische Nordseeanrainer, auf die Insel. Das war um 450, also zur Zeit des Hunnensturms in Gallien. Zunächst fuhren Söldner, dann kam es zum Familiennachzug. Schließlich verdrängten die Angeln und Sachsen die eingesessenen keltischen Briten und gründeten eigene Kleinkönigreiche. Der Begriff »angelsächsisch«, Grafschaftsnamen wie »Anglia« für Siedlungsgebiete der Angeln, »Wessex«, »Sussex«, »Essex« für Siedlungsgebiete der Sachsen erinnern noch heute daran. Auch »England« ist wortgeschichtlich natürlich nichts anderes als »Land der Angeln«.

DIE NEBEL VON AVALON    Die Briten hatten den Teufel mit Beelzebub ausgetrieben. Statt der gefürchteten Skoten und Pikten machten sich nun Germanen als Herrscher breit. Der Kampf der keltischen Briten gegen die Angeln und Sachsen bildet den Hintergrund der Artus-Sage. Da Artus die Schlacht nicht gewinnen kann, wird er in das mystische Nebelreich Avalon entrückt, von wo er dereinst wiederkehren soll. Um diesen Kern der Artus-Legende rankten sich im Mittelalter weitere Sagenstoffe, vor allem die vom Gral. Die Tafelrunde der Ritter um König Artus war in ganz Europa das glanzvoll verklärte Idealbild der höfischen Kultur der Troubadour-Zeit. Nicht zufällig versammelte Artus seine erlesene Ritterschar in Camelot um einen runden Tisch: So ließen sich Rangstreitigkeiten vermeiden, die in der auf Ehre bedachten Adelsgesellschaft des Mittelalters stets Anlass für Unfrieden boten.

ca. 450

DIE LANGHAARIGEN MEROWINGER    An der Nordseeküste siedelten außerdem die Friesen und ihre Nachbarn, die Franken. Angestoßen von der Wanderung der Angeln und Sachsen schoben sich die Franken nun entlang der Küste nach Süden vor. Um 450 überschritten fränkische Siedler Rhein und Schelde.

Die Nachkommen des legendären Merowech bildeten in der Gegend des heutigen Ostbelgien/Nordfrankreich ein germanisches Kleinkönigreich. Merowech, der erste Salfranken-Häuptling, soll aus der Verbindung der Königin mit einem stierköpfigen Seeungeheuer hervorgegangen sein, das sehr an den Minotaurus erinnert. »Merowinger« ist also der Name der fränkischen Königsdynastie. Sie trugen besonders lange Haare, und diese galten als Ausdruck ihrer übernatürlichen Königsmacht, berichtet der frühmittelalterliche Verfasser der Franken-Chronik Gregor von Tours. Den Herrschaftsschwerpunkt vermutet man zu jener Zeit in der Umgebung von Tournai. Dort wurde 1653 zufällig das prunkvoll ausgestattete Grab des Königs Childerich gefunden. Auf seinem Siegelring steht Childerici Regis, dem »König Childerich« gehörend. Er war der Vater von Chlodwig, dem eigentlichen Begründer des Abendlandes.

497

»IN DIESEM ZEICHEN WIRST DU SIEGEN«    Chlodwig besiegte den letzten römischen Herrscher in Nord- und Mittelgallien, ließ fränkische Siedler nachrücken und konsolidierte so klug seine Herrschaft. Später wurde sogar die Hauptstadt in dieses Gebiet verlegt: nach Paris.

Der entscheidende Moment aber war die Schlacht gegen die Alemannen bei Zülpich in der Eifel (496). Sie wurde für Chlodwig zum Schlüsselerlebnis. »In diesem Zeichen wirst du siegen«, prophezeite ihm eine Erscheinung. Der heidnische Heerführer gelobte, dem Christengott zu vertrauen, errang den Sieg und unterwarf die mächtigen Alemannen. Als Dank für den göttlichen Beistand ließ sich Chlodwig nach der Schlacht mitsamt seinem Kriegeradel, angeblich 3000 Männer, in einer in den Chroniken bewegend geschilderten Zeremonie in Reims taufen: Eine Taube flog in letzter Sekunde mit der Salböl-Ampulle im Schnabel in die Kathedrale ein.

Das für die gesamte weitere Geschichte Entscheidende war die Taufe nach katholischem Ritus. Die anderen Germanenvölker waren Arianer. Weil Chlodwig Katholik wurde, erhielt der von den Goten bedrängte, schwache Papst einen neuen Schutzherrn. Als Gegenleistung salbte und krönte er Chlodwig zum König. Die Taufe in Reims war die Geburtsstunde des Abendlandes. Bei dieser Ausrichtung aller westeuropäischen Königreiche auf Rom blieb es. Die Franzosen sehen im Übrigen in dieser Zeremonie problemlos den Beginn ihrer Nationalgeschichte – was ein bisschen verfrüht ist. Bis zu seinem Tod brachte Chlodwig noch das inzwischen von den stammesverwandten ripuarischen Franken besiedelte Gebiet rheinaufwärts und mainaufwärts unter seine Herrschaft; »Franken« und »Frankfurt«, das später auch ein Kerngebiet des karolingischen und deutschen Kaisertums wurde, erinnern daran.

Wann tranken die Türken ihren Kaffee vor Wien?: Weltgeschichte - alles, was man wissen muss
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