KIRCHE UND KETZER

Im Jahr der Magna Charta hielt Papst Innozenz III. das Vierte Laterankonzil ab. Kurz zuvor waren im Süden Frankreichs die Katharerkriege entbrannt, angeführt von den französischen Königen Philipp II. und seinem Sohn Ludwig VIII. als Kreuzzug gegen die »Ketzer«. Das war der große Auftakt zur Ketzerverfolgung im Spätmittelalter.

1215

VIERTES LATERANKONZIL    Sitz des Papstes in Rom war seit der Antike und während des gesamten Mittelalters nicht der Vatikan, sondern die am Rande des antiken und erst recht des mittelalterlichen Roms gelegene Basilika S. Giovanni in Laterano, St. Johannes im Lateran, kurz »Lateran«.

Dort wurden mehrere Konzilien abgehalten, das bedeutendste war das vierte Laterankonzil 1215 unter Innozenz III. Viele seiner Beschlüsse haben heute noch Wirkung. Das Konzil war mit 1200 Äbten und Bischöfen stark besucht, und Innozenz III., gelernter Kirchenrechtler, war bestens vorbereitet. Siebzig Dekrete und Dogmen lagen fertig formuliert bereit zum Abnicken. Die Zahl der Sakramente wurde auf sieben festgelegt; die Heiligen- und Reliquienverehrung bedurfte jetzt der päpstlichen Kanonisation; die Ehe wurde zum Sakrament erklärt. Vor allem aber gab es nun ein verbindlich formuliertes Glaubensbekenntnis – eine wichtige Voraussetzung zur Feststellung der Abtrünnigkeit.

1208–1229

KATHARER    Der Katharerglaube war ein asketisches, ethisch strenges Christentum: Die Welt galt ihnen als »böse«, weil vom Teufel beherrscht. Nur durch gutes Verhalten und Reinheit lässt sich das Gottesreich gewinnen; griechisch katharos bedeutet »die Reinen«. Von »Katharer« ist das Wort »Ketzer« abgeleitet. Die Aufnahme in die katharische Kirche, die sich durch presbyterhafte Züge mit flachen Hierarchien auszeichnete, erfolgte durch Handauflegen, die sogenannte Geisttaufe. Bei ihnen verband sich eine als häretisch angesehene Praxis erstmals mit einer Volksbewegung.

Der südfranzösische Adel stand gegen König Philipp und hinter den Katharern. Philipp und sein Sohn Ludwig VIII. führten die Kriege mit großer Grausamkeit. In Béziers wurde die Bevölkerung 1209 massakriert. Mit der dramatischen Belagerung der letzten katharischen Bergfestung Montségur und der Ausrottung der Katharer war Südfrankreich dann fest in französischer Hand und die katharische Ketzerei für die Kirche beseitigt.

ca. 1230

INQUISITION    Natürlich waren von der Kirche erfahrene Prediger, vor allem aus dem Zisterzienserorden, zur Bekehrung der Abtrünnigen entsandt worden. Unter ihnen auch der junge Dominikus, der Begründer des Dominikanerordens, in dessen Händen von da an die Inquisition lag.

Ein Konzil in Toulouse regelte 1229 im Wesentlichen das Verfahren der inquisitio haereticorum, der »Untersuchung der Häretiker«. Die Beschuldigten hatten durchaus Rechte im Verfahren, das auf Verhör und Zeugenbefragungen hinauslief. Es gab sogar »Freisprüche«, falls die häretische Gesinnung nicht erwiesen werden konnte. Man war nicht darauf aus, alle Ketzer auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen, meistens genügten den Inquisitoren Bußübungen. Die Mitwirkung des »weltlichen Arms« bei der Ketzerverfolgung hatte der junge Kaiser Friedrich II. schon 1220 genehmigt und die Verbrennung als Todesstrafe für hartnäckige Ketzer verfügt. Die Folter wurde im Inquisitionsprozess erst 1352 durch Papst Innozenz VI. genehmigt. Die besonders krassen Autodafés (Ketzerverbrennungen) in Spanien und der Großinquisitor wurden erst 1478 eingeführt. In Deutschland spielte die Inquisition bis zum Beginn der Hexenprozesse um 1450 kaum eine Rolle.

Die Inquisition erscheint heute so gewaltsam, weil Strafprozesse über Glaubensfragen geführt wurden; das ist wegen der Religionsfreiheit mittlerweile undenkbar. Auch die Anwendung der Folter ist natürlich nicht mehr erlaubt. Andererseits war sie prozessrechtlich gesehen insofern »modern«, weil erstmals Protokolle geführt und die Untersuchungsrichter sich an ein vorgeschriebenes Verfahren (»Prozess«) halten mussten. Erstmals wurde »von Amts wegen« ermittelt. Bisher hatte das mittelalterliche Prinzip gegolten: Gab es keinen Kläger, dann gab es auch keinen Richter – selbst bei schweren Verbrechen.

um 1204

BETTELORDEN    Um das Jahr 1000 begannen die Städte rapide zu wachsen. Könige und Fürsten förderten dies durch die Verleihung von (Steuer-)Privilegien und »Freiheiten«. Innerhalb dieser für das Mittelalter vergleichsweise großen Volksmassen entstanden die Bettelorden als Alternativbewegung gegen die Oberschicht. Die beiden ersten, Franziskaner und Dominikaner, sind nach ihren Gründern, Franziskus von Assisi (1182–1226) und Dominikus (1170–1221), benannt. Giovanni Bernadone, genannt Francesco, war ein reicher Tuchhändlersohn aus Assisi mit guter Ausbildung, in seiner Jugend ein ausgesprochener Partylöwe. Eine einjährige Kriegsgefangenschaft um 1204 legte den Grundstein für seine innere Umkehr. Weil er zu viel für wohltätige Zwecke spendete und Baumaterial für eine Kirchenrenovierung sammelte, klagte sein Vater ihn vor Gericht an. Der Legende nach zog sich Francesco während des Prozesses nackt aus und machte damit seinen Protest gegen seinen Vater und die »unchristlichen Sitten« seiner Zeit deutlich. Fortan zog er als Wanderprediger in der Nachfolge Christi durch die Toskana. Eine typische Protestbewegung gegen das Gebaren der Kirche, Höfe und Städte.

Der rasche Erfolg solcher Erweckungsbewegungen wie der franziskanischen zeigt, wie grotesk die Verweltlichung des Klerus empfunden wurde. Innerhalb weniger Jahre breiteten sie sich als Volksbewegungen in ganz Europa aus. Auch die Armen- und Krankenpflege der heiligen Elisabeth von Thüringen (1207–1231) ist ein typisch »franziskanischer« Vorgang. Anders als bei der katharischen Ketzerei gelang der Kirche hier die Integration – sowohl spirituell als auch organisatorisch. Schließlich beäugte sie alles sehr skeptisch, was mit Glaubensdingen zu tun hatte, was sie aber nicht direkt kontrollieren konnte. Francesco war nahe daran, als Ketzer angeklagt zu werden.

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