MODERNES UND ALTES EUROPA
Die Kreuzzüge bringen einen Kulturtransfer vom Orient nach Europa mit sich, angefangen bei den indisch-arabischen Zahlen und den Windmühlen, die man erstmals in Syrien sah, über die verfeinerte Textil- und Waffenverarbeitung bis hin zu Reisanbau und neuen Früchten. In der islamischen Welt ist die Einheitlichkeit des Kalifats durch den Mongolensturm zersplittert. Im gleichen Jahrzehnt (1300–1310), in dem der Papst nach Avignon umzieht und Frankreich das führende Königreich in Europa wird, beginnt der Aufstieg der türkischen Osmanen. Die Mongolen auf dem chinesischen Kaiserthron werden bald wieder von einer einheimischen Dynastie, den Ming, ersetzt. Mit seinem Reisebericht reißt Marco Polo den Horizont der Europäer bis nach China auf, wenn auch vorerst nur sehr vage.
Italien wird der kulturelle Impulsgeber Nummer eins in Europa: Literatur, Malerei, Architektur, Bildhauerei und nicht zuletzt Musik. Noch Mozart schreibt »italienische Opern«.
1298/1299
MARCO POLO: IL MILIONE Auch wenn viele Details aus dem Leben des Venezianers Marco Polo (1254–1324) nicht gesichert sind, steht doch fest, dass er 1271 nach China aufbrach, dort die Gunst des Kaisers Kublai Khan gewann, etwa 20 Jahre in China blieb und 1295 nach Venedig zurückkehrte. Als Marco Polo sich 1298/1299 in genuesischer Gefangenschaft befand, entstand seine Reiseerzählung Le livre des merveilles du monde (»Das Buch von den Wundern der Welt«), bekannt als Il milione, ein Spitzname, der sich zunächst auf Marco Polo selbst bezog, da er in Venedig dauernd von den »Millionen« des Großkhans sprach.
Bald wurde das Buch ins Italienische und Lateinische, dann auch in andere Sprachen übersetzt, ungefähr 150 Abschriften sind erhalten (eine ungeheure Wirkung – damals gab es noch keinen Buchdruck). Der Reisebericht des Venezianers veränderte das Weltbild der Europäer tiefgreifend. Die Schilderungen der sagenhaften Reichtümer »Catheys« (China) und »Zipangos« (ein nicht genau lokalisiertes »Japan«) regten die Fantasie an. Die gesamte »Indienfahrerei« rund 200 Jahre später hat hier ihren sozusagen literarischen Ursprung.
ca. 1305
GIOTTO DI BONDONE: DIE ARENA-KAPELLE Die Arena-Kapelle in Padua ist ein äußerlich schlichtes Gebäude auf dem Gelände eines ehemaligen, »Arena« genannten römischen Amphitheaters. Sie war Teil eines Wohnpalastes, den der Bankier Scrovegni ab 1300 hier am Stadtrand von Padua errichten ließ. Mit der kompletten Ausmalung sämtlicher Innenwände beauftragte er den Freskenmaler Giotto (1266–1337) aus Bondone bei Florenz. In über 100 Einzeldarstellungen schuf Giotto Szenen aus dem Leben von Maria, Jesus Christus und der Passion von einer bis dahin nie gesehenen Natürlichkeit, Lebendigkeit und dramatischen Bewegtheit. Diese Malerei wirkte völlig anders als die schematischen Figuren der am byzantinischen Ikonenstil orientierten Kunst seiner Zeit. Giotto stellte die biblischen Szenen erstmals vor den Hintergrund natürlich gemalter Landschaften und Stadtansichten. Die plastische Modellierung seiner Gestalten durch Licht und Schatten bestimmte die gesamte Malkunst bis Picasso.
Sowohl Dante als auch Boccaccio erwähnen den Künstler in ihren Werken. Petrarca besaß ein von Giotto gemaltes Bild.
ca. 1310
DANTE ALIGHIERI: DIE KOMÖDIE Den geläufigen Titel Die göttliche Komödie gab ihr erst der Dante-Bewunderer Giovanni Boccaccio; er meinte damit eine »hervorragende Komödie«, so wie man heute auch sagt: ein göttlicher Genuss. Dante verwendete den schlichten Titel La Comedia so, wie man das Wort damals in Italien (und heute noch in Hollywood) verstand: Geschichte mit Happy End. Es ist aber keine Seifenoper, sondern ein hochgelehrtes Werk über die Wanderung des Dichters durch die drei Jenseitsreiche Hölle, Fegefeuer und Paradies.
Über Dantes (1265–1321) Leben ist wenig bekannt. 1302 wurde er aus seiner Heimatstadt Florenz verbannt, Die Komödie entstand im Exil ab 1307 auf Italienisch. Für die Italiener ist die Komödie Gründungs- und Hauptwerk ihrer Literatur und wegen der damaligen Vorreiterrolle Italiens auch der modernen europäischen Literatur.
ca. 1345
FRANCESCO PETRARCA: CANZONIERE Weil sein Vater Petracco ein papsttreuer Florentiner Notar war, kam Francesco Petrarca (1304–1374) im Alter von sieben Jahren nach Avignon. (Petrarca ist eine latinisierte Form des Vaternamens.) Er wohnte später in einem Haus in Vaucluse und bestieg 1336 den nahe gelegenen Mont Ventoux, den Paul Cézanne um 1900 so oft malen wird. Nur zum Vergnügen einen Berg zu besteigen und seine Naturempfindungen in einem Brief auszudrücken, war etwas völlig Neues. Jeder mittelalterliche Mensch hätte darüber den Kopf geschüttelt.
Petrarca reiste durch ganz Europa, nach Paris, in die Niederlande, an den Rhein, später wieder nach Italien, als Gesandter auch nach Prag. Er war stets auf der Suche nach antiken Manuskripten, die Beschäftigung mit der Antike war der Hauptlebensinhalt des Gelehrten. Hierin fand er »alternative« Lebensformen zu denjenigen seiner eigenen Zeit. Sein Hauptwerk sind Gedichte, die meist als Canzoniere (»Lieder«) herausgegeben werden. Auch er schrieb in der »Volkssprache« Italienisch.
ca. 1350
GIOVANNI BOCCACCIO: DAS DEKAMERON besteht aus jeweils zehn Novellen, die sich die Mitglieder einer Reisegesellschaft an zehn Tagen zu ihrer Unterhaltung gegenseitig erzählen. Diese Herrschaften (sieben Damen, drei Herren) sind auf der Flucht vor der Pest von Florenz aufs Land gereist. Das Dekameron (»Das Hundert-Werk«) entstand um 1350, nach dem Pestjahr 1348 in Florenz. Mit all seinen Schwänken und Abenteuern ist es auch heute noch sehr vergnüglich zu lesen. Boccaccio (1313–1375) bewunderte Dante und war mit Petrarca befreundet. Auch er und andere Intellektuelle ihres Freundeskreises forschten in Bibliotheken nach Texten aus der Antike.
Es war diese Mentalität, die bewusste Suche nach neuen geistigen Inhalten, neuen geistigen und künstlerischen Ausdrucksformen und nach neuen Lebensformen, die die »Renaissance«, die »Wiedergeburt« der Antike einleitete.
1300
ABLASSHANDEL UND JUBELJAHR – ERSTES »HEILIGES JAHR« Um der Kirche eine neue Einnahmequelle zu erschließen, verkündete Papst Bonifaz VIII. 1300 erstmals ein »Heiliges Jahr«: Allen Christen wurde ein Sündenablass in Aussicht gestellt, wenn sie nach Rom pilgerten. Der Erfolg war überwältigend. Das Gedränge auf der Engelsbrücke von der Altstadt zum Vatikan war so groß, dass man Linksverkehr einführen musste. Der schwunghafte Ablasshandel verbesserte nachhaltig die Lage der päpstlichen Finanzkassen. Schon im alten Israel hatte es die Tradition gegeben, in jedem fünfzigsten Jahr einen Schuldenerlass durchzuführen, angekündigt durch das Blasen des Schofars, eines Kultinstrumentes aus Widderhorn. »Widderhorn« heißt auf Hebräisch jovel. Die Verbindung von Jubel und Ablass ist also seit biblischen Zeiten sehr eng. Mit dem Ablasshandel betrieb die Kirche in den folgenden 200 Jahren einen derartigen Missbrauch, dass Martin Luther, davon angewidert, über Maßnahmen zu einer tiefgreifenden Reform der Kirche nachsann. Nachdem er sie per Thesenanschlag veröffentlicht hatte, entwickelte sich daraus die Reformation.
1302
UNAM SANCTAM ist der Titel einer der berühmtesten Papstbullen. 1302 verkündete Bonifaz VIII. die Doktrin von der übergeordneten Stellung des Papsttums über alle weltlichen Gewalten. Anlass war ein jahrelanger Streit um eine Kleriker-Steuer mit dem französischen König Philipp IV., genannt der Schöne, der von 1285 bis 1314 regierte. Philipp IV. verhinderte den Transfer des Geldes nach Rom. Daraufhin exkommunizierte Bonifaz den König.
Aus dem triumphalen Veranstaltungserfolg des Heiligen Jahres folgerte Bonifaz, die ganze Christenheit läge ihm zu Füßen. Er hatte sich verschätzt. Die Bulle diente dazu, die Exkommunikation Philipps und seine Vorladung nach Rom theoretisch zu untermauern. Aus Bibelstellen wird sodann der weltliche Machtanspruch der Kirche mit dem Hinweis begründet, dass alle Menschen Sünder seien, auch die Könige, und folglich der Papst über allen stehe und alle ihm zu Gehorsam verpflichtet sind.
Mit dieser Auffassung hatte noch Papst Gregor VII. den deutschen Kaiser Heinrich IV. in Canossa auf die Knie zwingen können, mittlerweile wurde das als eine Einschränkung der Souveränität des französischen Königs empfunden. Philipp berief, erstmals in der Geschichte Frankreichs, im April 1302 eine Nationalversammlung ein, die »allgemeine Versammlung der Stände« (Etats généraux). Dadurch versicherte sich erstmals ein Monarch der Unterstützung der öffentlichen Meinung. Philipps persönliche Frömmigkeit war über jeden Zweifel erhaben. Im Canossa-Konflikt war noch der Papst der moralisch Stärkere gewesen.
Im Jahr darauf ließ Philipp IV. den Papst seine tatsächliche Macht spüren. Französische Söldner plünderten den Papstpalast. Der Achtzigjährige bekam drei Tage lang nichts zu essen und zu trinken. Guillaume de Nogaret, der französische Gesandte, ohrfeigte den Papst und verlangte dessen Abdankung. Bonifaz weigerte sich. Da die Franzosen den Papst nicht töten wollten, zogen sie nach drei Tagen wieder ab. Bonifaz starb nach diesem Schock im folgenden Monat.