DAS GOLDENE ZEITALTER DES ISLAMS

Um 800 waren die chinesische Hauptstadt Changsha, die byzantinische Hauptstadt Konstantinopel und die neue Hauptstadt des Kalifenreiches Bagdad die mit Abstand bevölkerungsreichsten Metropolen auf dem eurasischen Kontinent. Wenn man auf die gleichzeitigen karolingischen Pfalzen blickt, die Landstadt Rom, innerhalb deren Mauern Ackerbau betrieben wurde, oder auf die auf Pfählen errichtete Wassersiedlung am Rialto, wird klar, wie entwicklungsbedürftig Europa damals war und wie sehr es buchstäblich am Anfang stand. Derweil kam es im Jahr 750, zur selben Zeit als Pippin III. im Frankenreich den letzten Merowingerkönig absetzte, zu einem Dynastiewechsel im islamischen Kalifenreich.

750

ABBASIDEN    Marwan II. war von 746 bis 750 der 14. Kalif und letzte Herrscher der Omaijaden. Bei den Persern, die sich innerhalb des Vielvölkerreichs der Kalifen zweitklassig behandelt fühlten, formierte sich der Widerstand. Sie warfen den Omaijaden Geldverschwendung und Verweltlichung vor. Thronstreitigkeiten innerhalb der Dynastie und die Ermordung des elften Kalifen 744 setzten deren Ansehen binnen kürzester Zeit rapide herab.

Abu Muslim, heute noch in Persien als Nationalheld verehrt, führte seit 747 die abbasidische Widerstandsbewegung. 749 wurde Abu al-Abbas zum Kalifen ausgerufen; er stammte aus einer Seitenlinie der Familie des Propheten. Abbas besiegte die Omaijaden und rottete sie mit bestialischer Grausamkeit aus (bis auf den zufällig nicht anwesenden Omaijaden-Prinzen Abd ar-Rahman, den Begründer des Emirats von Córdoba). Als es zwischen dem neuen Kalifen und Abu Muslim zu Spannungen kam, wurde dieser vor den Augen von Kalif Abbas ermordet.

Da Abbas bald darauf – eines natürlichen Todes – starb, übernahm sein Bruder Al-Mansur von 754 bis 775 das Kalifat. Dieser gründete die neue Hauptstadt der Abbasiden: Bagdad. Das persische Wort bedeutet: »Von Gott gegeben«, »Geschenk Gottes«.

756

EMIRAT VON CÓRDOBA    Die Araber hatten seit 711 die iberische Halbinsel weitgehend erobert und das Westgotenreich zerstört, sich aber in den rund 40 Jahren seither untereinander stark zerstritten. Nach dem Omaijaden-Massaker gelang Prinz Abd ar-Rahman (731–788) eine mehrjährige, abenteuerliche Flucht durch Syrien und quer durch Nordafrika bis ins heutige Marokko. Über mütterliche berberische Verwandte kam er als Offizier nach al-Andalus, stürzte mithilfe seiner Truppen den dortigen Statthalter und begründete 756 das Emirat von Córdoba. Hier entstand nach der Völkerwanderung die erste und eine der glänzendsten Kulturen Europas mit einer einzigartigen Symbiose muslimischer, jüdischer und christlicher Traditionen. Der arabische Bevölkerungsanteil betrug etwa zehn Prozent. Die Araber herrschten fast 300 Jahre lang über fast ganz Spanien. Nur in den Pyrenäen hielten sich kleine christliche Königreiche wie Asturien und Leon. Abd ar-Rahman begann auch mit dem Bau der Großen Moschee in Córdoba, der Mezquita. 929 nahm Abd ar-Rahman III. den Kalifentitel an, seitdem hieß das Staatswesen Kalifat von Córdoba.

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BAGDAD – MÄRCHEN AUS TAUSENDUNDEINER NACHT    Al-Mansurs Sohn Al Mahdi förderte die Künste und die Wissenschaften. Da die Abbasiden persischer Herkunft waren, übernahmen sie die persische Art der üppigen Hofhaltung nach dem Vorbild der Sassaniden. Al Mahdi designierte neben seinem erstgeborenen Sohn auch seinen Sohn von einer Nebenfrau namens Harun ar-Raschid zum fünften abbasidischen Kalifen. Harun ermordete seinen Vorgänger alsbald.

Harun ar-Raschid, der von 786 bis 809 regierte, wurde in Europa durch die Märchen aus Tausendundeiner Nacht unvergesslich. Tausendundeine Nacht, arabisch alf waila wa-laila, entstand aber erst mehr als 200 Jahre später. Mit seinem Zeitgenossen Karl dem Großen tauschte Harun mehrmals Gesandtschaften aus, unter anderem schenkte er ihm einen indischen Elefanten, im ganzen Orient ein Zeichen von Macht, Wertschätzung und Reichtum. Auch mit China unter den Tang-Kaisern wurden Gesandtschaften getauscht, nur gegen Byzanz führte Harun mehrmals Krieg.

Unter Haruns Sohn Al Ma’mum erlebte Bagdad seit 813 den Beginn einer lang anhaltenden kulturellen Blütezeit. 830 gründete er das »Haus der Weisheit«, eine Akademie für die führenden Gelehrten der arabischen Welt. Sämtliche erreichbaren Schriften aus dem antiken Griechenland, von den Ärzten Hippokrates und Galen über die Philosophen Platon und Aristoteles bis zu den Mathematikern Euklid und Archimedes wurden hier gesammelt und übersetzt. Von hier aus gelangte das antike Wissen dann im Spätmittelalter und in der Renaissance durch Rückübersetzung aus dem Arabischen ins Lateinische wieder nach Europa. Ähnliche Akademien entstanden in Córdoba und Sevilla, um 1000 in Kairo und als seldschukische Neugründung 1067 die Medrese Nisamija des Seldschuken-Wesirs Nisam.

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ARABISCHE ZAHLEN    Das Rechnen mit den sogenannten arabischen Zahlen, das einzige Rechensystem, das sich weltweit durchgesetzt hat, verdankt die Welt dem arabischen Gelehrten Khwarizmi, arabisch Al-Chwarizmi (ca. 780–840). Er war einer der herausragenden Gelehrten Bagdads. Das Rechensystem und die Zahl Null (arabisch sifr) waren durch den regen Handelsaustausch von Indien nach Bagdad gelangt, wo Al-Chwarizmi es in seinem Lehrbuch Über das Rechnen mit indischen Zahlen (825) in schlüssiger Weise so systematisch darstellte, dass es lange als seine Erfindung galt. Deshalb spricht man heute von den »arabischen Zahlen«.

Al-Chwarizmi gilt als »Vater der Algebra«, denn eines seiner weiteren Werke trägt den langen Titel Al kitab al muchtsar fi hisab al-jabr wa-l-muquabala (»Das umfassende Buch vom Rechnen durch Ergänzung und Ausgleich«). Es enthält 800 Beispiele dieser Rechenkunst. Im Hochmittelalter wurde es von Gerhard von Cremona (1114–1187) in Toledo ins Lateinische übersetzt und bis ins 17. Jahrhundert an den europäischen Universitäten als Grundlehrbuch der Mathematik verwendet. Der lateinische Titel lautet Ludus Algebrae Almucgrabalaeque.

PAPIER(-HERSTELLUNG)    Während die Araber unter den Abbasiden-Kalifen nach Osten expandierten, dehnten die Tang-Kaiser gleichzeitig ihr chinesisches Reich nach Westen hin aus. 751 stießen die Armeen in Zentralasien, im landschaftlich schönen Flusstal des Talas am Fuße des Pamir-Gebirges zu einer Schlacht zusammen. Da die Araber die Oberhand behielten, liefen auf chinesischer Seite kämpfende Krieger aus Turkvölkern zu den Arabern über.

Trotz des etwas abgelegenen Schauplatzes im heutigen Kirgistan hatte die Schlacht zwei kulturgeschichtlich sehr bedeutsame Konsequenzen: In der Folge nahmen die Turkvölker den islamischen Glauben an. Seither sind die Turkvölker Zentralasiens und somit auch die später nach Anatolien vorgestoßenen »Türken« muslimisch. China dehnte sich seither auch nie mehr weiter nach Westen aus.

Außerdem verbreitete sich durch chinesische Kriegsgefangene und in Samarkand ansässige Handwerker die bereits jahrhundertealte chinesische Erfindung der Papierherstellung. In Bagdad wurde eine Papiermühle errichtet. Rund 100 Papierhändler betrieben alsbald ihre Geschäfte in einem eigenen Suk. Diese kann man sich als frühe Form von Verlagen vorstellen, denn manche Händler waren Schriftsteller und Gelehrte aus dem Haus der Weisheit.

Der Wert von Papier erhöht sich eben, wenn es beschrieben oder bedruckt wird: als Buch, besser noch als Banknote. Auf die Idee mit dem Papiergeld waren die Chinesen auch bereits gekommen, sie hat sich aber erst später durchgesetzt.

Was danach geschah: Die Abbasiden herrschten über ein riesiges Weltreich vom Indus bis zum Atlantik, mit Iran, Irak, Syrien, Palästina, Ägypten und Nordafrika bis Marokko. Es war das einzige Weltreich seiner Zeit neben dem byzantinischen und das sehr viel dynamischere. In der Zeit Haruns und seiner unmittelbaren Nachfolger gab es einen Wirtschafts-, Handels-, Bank- und Bauboom ohnegleichen. Die Verstädterung nahm zu, gleichzeitig wurde die Landwirtschaft durch den Ausbau der Bewässerungssysteme enorm intensiviert und durch den Anbau besonders rentierlicher Produkte wie Baumwolle, Zuckerrohr und Orangen buchstäblich bereichert. Das Abbasiden-Reich wurde extrem zentralistisch regiert. Alles wurde in Bagdad entschieden. Unter schwächeren Kalifen brach es daher seit etwa 900 auseinander, lokale Machthaber und Dynastien erkannten den Kalifen nur noch formell an. Die politische Einheit der islamischen Welt drohte ein für allemal zu zerbrechen. In dieser Situation tauchte am Rand der islamischen Welt das Nomadenvolk der Ogusen auf, angeführt von Seldschuk.

Wann tranken die Türken ihren Kaffee vor Wien?: Weltgeschichte - alles, was man wissen muss
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