KLASSISCHES GRIECHENLAND
Nach dem Sieg über die Perser begannen in Athen die 50 bis 60 Jahre der griechischen Klassik. Es war das Perikleische Zeitalter.
450–430 v. Chr.
PERIKLES Der Aristokrat, Offizier und Staatsmann Perikles (ca. 500–429 v. Chr.) aus der gleichen Familie der Alkmeoniden wie Kleisthenes, wurde seit 443 jährlich als Stratege wiedergewählt. Dadurch und dank seiner berühmten rhetorischen Qualitäten leitete er 15 Jahre lang die Geschicke Athens, festigte aber auch die demokratischen Institutionen. Die Vormachtstellung im Delisch-Attischen Seebund machte Athen zur reichsten, mächtigsten und politisch fortschrittlichsten (»demokratischsten«) Stadt Griechenlands.
Während Perikles’ »Regierungszeit« gewann die Athener Akropolis durch den Bau der Propyläen und des Parthenons wesentlich ihre heutige Gestalt. Bauleiter war der Bildhauer Phidias (500–432 v. Chr.), der später die Zeus-Statue in Olympia schuf, eines der sieben Weltwunder. Perikles selbst starb 429 v. Chr. an der Pest.
431–404 v. Chr.
PELOPONNESISCHER KRIEG Noch zu Perikles’ Lebzeiten brach 431 v. Chr. der Peloponnesische Krieg zwischen Athen und Sparta aus. So wie Athen als griechische Vor- und Seemacht dem Delisch-Attischen Bund vorstand, stand Sparta an der Spitze seines Peloponnesischen Bundes, ein Zusammenschluss einiger Landgemeinden auf dem Festland. In den Krieg wurden auch andere griechische, kleinasiatische und unteritalische Staaten verwickelt. Sogar die Perser griffen ein und unterstützten Sparta. Hauptfigur war der Offizier und Staatsmann Alkibiades, ebenfalls ein Alkmeonide.
Das Ergebnis nach einer nahezu dreißigjährigen Abfolge von Feldzügen und Waffenstillständen war 404 v. Chr. die endgültige Niederlage der Athener und ein vordergründiger Sieg Spartas. Damit endeten das klassische Zeitalter und die attische Demokratie. Beide Seiten waren regelrecht ausgeblutet, sodass auch Sparta seine neue Vormachtstellung nicht lange halten konnte. Die gegenseitige Schwächung ermöglichte den Aufstieg des makedonischen Königreichs im Norden unter König Philipp II. (ca. 380–336 v. Chr.). In diese Zeit der Selbstzerfleischung der griechischen Poliswelt fällt die Blüte der athenischen Philosophenschulen.
ab ca. 470 v. Chr.
SOKRATISCHES DENKEN Sokrates (ca. 470–400 v. Chr.) betrieb Philosophie, indem er den ganzen Tag über auf der Agora umherging und die Leute mit hartnäckigen Fragen nervte. Der gelernte Steinmetz hielt sich tagsüber auf dem Marktplatz auf, stellte sich unwissend (»Ich weiß, dass ich nichts weiß«) und forderte die Passanten dazu auf, ihm zu erklären, was Tugend, Tapferkeit oder Gerechtigkeit seien. Das waren seine Hauptthemen. Sokrates gab sich nicht mit vorgefertigten Antworten aus der Mythologie zufrieden. Ihm war wichtig, dass der Mensch mit seinem eigenen Verstand Kriterien entwickelt, anhand derer er das Gute erkennt, um sich in jeder Lebenssituation dafür entscheiden zu können.
Kennzeichnend für Sokrates’ Denkmethode ist daher der Dialog, die Erörterung des Für und Wider, die Dialektik. Dies steht deutlich im Gegensatz zu den Monologen, den flammenden Reden der damals beliebten Rhetoriklehrer und Sophisten.
Die vielen bohrenden Fragen, die er auf der Agora stellte, wurden Sokrates letztlich zum Verhängnis. Er ging damit so vielen eitlen Besserwissern auf die Nerven, dass er nach einer Verleumdungskampagne zum Tod durch den Schierlingsbecher verurteilt wurde. Sokrates gilt als das Musterbeispiel eines Philosophen im abendländischen Sinn, eines kritischen Denkers und wortwörtlichen Hinterfragers.
ab ca. 430 v. Chr.
IDEALISTISCHES DENKEN Sokrates’ bedeutendster Schüler war Platon (ca. 430–350 v. Chr.). Er verallgemeinerte dessen Fragestellungen und erörterte das Problem: Wie erlangt man gesichertes Wissen, und wie kann man es von bloßen Meinungen unterscheiden? Nach Platon ist das Denken immer auch von Sinneseindrücken beeinflusst und nur die reinen Ideen sind absolut real und wahr. Diese hält er für Urbilder, die zeitlos und ewig existieren. Er meint, der Mensch würde »sich strebend stets bemühen«, deren Kenntnis zu erlangen. Diese Liebe zur Weisheit heißt auf Griechisch philosophia.
Beim Tod seines »vielgeliebten« Lehrers Sokrates war Platon Ende zwanzig. Nach dem Ende des Peloponnesischen Krieges herrschten in Athen bürgerkriegsähnliche Zustände mit ständig wechselnden Regimen. Auch Platon wurde angefeindet. Er hielt es in Athen nicht mehr aus und reiste jahrelang umher. Als er als Mittvierziger nach Athen zurückkam, erwarb er um 387 v. Chr. am nordwestlichen Rand der Stadt ein Grundstück in einem Olivenhain, wo man die angebliche Grabstätte des athenischen Sagenhelden Akademos verehrte. Dort versammelte Platon seine Schüler, und damit war die erste Akademie eröffnet.
ab ca. 384 v. Chr.
DAS STREBEN NACH GLÜCK Der makedonische König Philipp II. gewann den nordgriechischen Arztsohn Aristoteles (384–322) als Prinzenerzieher für seinen dreizehnjährigen Sohn Alexander, alsbald Alexander »der Große«. Aristoteles hatte als junger Mann Platons Akademie besucht und verehrte seinen Lehrer, stimmte aber bei Weitem nicht in allem mit ihm überein. Der Universalgelehrte war viel praktischer orientiert, sah sich auch als Naturforscher und betrieb systematische Tier- und Pflanzenkunde, auch wenn nicht alle seine »Erkenntnisse« korrekt waren. So hielt er einem uralten Vorurteil folgend das Herz für das zentrale Geistesorgan des Menschen und nahm an, das Gehirn sei nur zur Kühlung des Blutes da.
Waren Aristoteles’ naturkundliche Theorien also alles andere als korrekt, so waren die philosophischen Folgerungen, die er aus seiner Forschung zog, durchaus interessant. So erkennt er in den Organismen von Pflanzen und Tieren deren Zweckmäßigkeit: etwa die Form eines Gebisses, eines Auges, der Fortbewegung, die dem jeweiligen Zweck perfekt angepasst ist. Diese in der Natur zu beobachtende Sinnhaftigkeit sieht er als allgemeingültiges »teleologisches« (auf ein Ziel ausgerichtetes) Prinzip, das er auch auf andere Bereiche (Seele, Kunst, Ethik) überträgt. Als Sinn und Zweck des menschlichen Strebens erklärt Aristoteles das Erreichen der Glückseligkeit durch Selbstverwirklichung – die Entfaltung dessen, was im Menschen angelegt ist.
In der Neuzeit wurde dieser aristotelische Gedanke in der Formulierung pursuit of happiness (»Das Streben nach Glück«) in die Präambel der amerikanischen Verfassung als Staatsziel aufgenommen: die freie Entfaltung der Persönlichkeit. Aristoteles ging selbstverständlich davon aus, dass das Gute in jedem Menschen angelegt ist und dass er sich bei der Selbstverwirklichung davon leiten lässt. Der Gedanke, der Mensch sei grundsätzlich schlecht und verworfen (Erbsünde) und müsse von außen erlöst werden, wäre ihm fremd gewesen.
Seit dem Eintritt von Aristoteles in die Akademie festigte Philipp II. von Makedonien seine königliche Position gegenüber dem Adel und dehnte seine Herrschaft in Nordgriechenland aus. In der Schlacht von Chaironeia am 2. August 338 v. Chr. besiegte er die griechischen Städte im Süden. An dieser Schlacht nahm bereits der junge Aristoteles-Schüler Alexander als Reiterführer teil. Zwei Jahre danach wurde sein Vater Philipp ermordet.