DER DREIßIGJÄHRIGE KRIEG

Während die atlantischen Seemächte zügig global expandierten, trieben die Habsburger mit prunkvoller Kunst und jesuitischer Bildung, aber auch mit Macht und Gewalt die Gegenreformation voran.

REKATHOLISIERUNG    Die Bevölkerung des Reiches war ganz überwiegend protestantisch geworden. Das Herrscherhaus der Habsburger aber war streng katholisch, und die Habsburger machten sich nun daran, ihre Länder zu rekatholisieren. Böhmen war ein Brennpunkt. Das ausgesprochen wohlhabende Böhmen war einerseits ein Juwel in der habsburgischen Krone, andererseits schon seit den Hussiten eine Hochburg reformatorischer Gesinnung, und das hieß zugleich: national-tschechisch und anti-habsburgisch. Auf dem Hradschin in Prag residierte der in Spanien erzogene Kaiser Rudolf II. von 1576 bis 1612, ein glühender Gegenreformator. Rekatholisierung hieß: Schließung von reformatorischen Schulen und Kirchen, Verbot von Gottesdiensten, Enteignung, Verfolgung und Schikanierung führender Protestanten. Man schickte die Bevölkerung zwangsweise in die Messe; wer das nicht wollte, konnte ja auswandern. Als einziges von allen habsburgischen Ländern verfügte Böhmen noch über eine Ständeversammlung; um sie kristallisierte sich der Widerstand.

23. Mai 1618

PRAGER FENSTERSTURZ    1618 war Rudolfs Neffe Ferdinand II. schon seit einem Jahr König von Böhmen. Der strenge Katholik und Jesuitenschüler Ferdinand residierte in Wien. In Prag hielten hochrangige katholische Regierungsbeamte die Stellung.

Am Mittwoch, dem 23. Mai 1618, marschierte eine Abordnung der böhmischen Ständeversammlung auf die Prager Burg. Sie hielten eine Art improvisierte Gerichtsverhandlung über die vier anwesenden Königsstatthalter, unter diesen Jaroslav Graf von Martinitz und Wilhelm Slawata, ab. Gegenstand der Verhandlung war ein sogenannter Majestätsbrief Rudolfs II. von 1609, den ihm die böhmischen Stände in einer Situation der Schwäche abgetrotzt hatten; darin hatte er ihnen Religionsfreiheit zugestanden. Diese sahen die Standesmitglieder durch erneute Repressalien aus Wien verletzt. Anlass der böhmischen Aufgeregtheiten war die Schließung einer evangelischen Kirche in Braunau im Jahr zuvor. Dagegen hatten die Böhmen im März 1618 protestiert und sich nachdrücklich auf den Majestätsbrief berufen. Die Reaktion aus Wien war ein Verbot von Ständeversammlungen. Das brachte das Fass zum Überlaufen.

Während des erbittert geführten Streitgesprächs wurde es den Böhmen zu bunt. Einige adlige Herren packten die beiden Statthalter, zerrten sie zum Fenster und warfen sie aus dem Wladislaw-Saal der Prager Burg hinaus. Doch die Außenmauer ist an dieser Stelle nicht gerade, sondern rampenartig schräg, und die weiten Mäntel der Statthalter blähten sich wie Fallschirme. Sie gelangten, wenn auch etwas unsanft, so doch wohlbehalten zu Boden. Unter Schüssen von oben flüchteten Martinitz und Slawata ins Palais der erzkatholischen Adelsfamilie Lobcowicz. Der Fenstersturz gilt als Auslöser für den Dreißigjährigen Krieg, dem ersten großen gesamteuropäischen Weltkrieg.

1619

WINTERKÖNIG    Ende August 1619 versammelten sich die Böhmen abermals und erklärten den habsburgischen König Ferdinand II. für abgesetzt. Zwei Tage darauf, am 28. August, wählten die Stände den jungen calvinistischen Kurfürsten Friedrich V. von der Pfalz aus dem Geschlecht der Wittelsbacher zu ihrem König. Der neu gewählte und im November 1619 gekrönte böhmische König war ein politisches Leichtgewicht, das sich auf Hofbällen verlustierte. Er war der Winterkönig, denn seine Herrschaft sollte nur ein Jahr dauern. Indessen rüstete die katholische Seite zum Krieg, allen voran der mittlerweile auch zum Kaiser avancierte Ferdinand II. und das Oberhaupt der Katholischen Liga, der Bayern-Herzog Maximilian. Schon 1608 hatte sich eine protestantische »Union« überwiegend norddeutscher Fürstentümer und Reichsstände unter Führung der Pfalz gebildet, wogegen sich 1609 eine »Liga« katholischer Fürstentümer, vor allem Bayern, habsburgische Fürsten und die geistlichen Fürstbistümer, erklärte. Dies waren die beiden Machtblöcke, die sich gegenüberstanden. Der Anlass für eine Auseinandersetzung war gegeben. Gleichwohl schlugen beide Seiten nicht sofort los, sondern taktierten vorsichtig. Die katholische Seite wollte nicht das ganze protestantische Deutschland gegen sich aufbringen und die protestantische Union dachte nicht daran, den leichtfertigen Friedrich zu unterstützen. So verständigte man sich im Sommer 1620 darauf, dass die protestantische Union sich in die »innerböhmischen Angelegenheiten nicht einmischen wolle«. Damit hatte die Katholische Liga unter ihrem Feldherrn, dem streng katholischen Grafen Tilly, freie Hand in Böhmen. In der Schlacht am Weißen Berg bei Prag am 8. November 1620 wurde der Winterkönig vernichtend geschlagen.

1618–1648

TILLY UND WALLENSTEIN    Der Dreißigjährige Krieg heißt so, weil er vom Jahr des Prager Fenstersturzes (1618) bis zum Westfälischen Frieden (1848) gezählt wird. Die eigentlichen Kriegshandlungen hielten sich anfangs jedoch in Grenzen. Tilly schwenkte nach seinem Sieg am Weißen Berg rasch in die protestantische Pfalz und trieb dort gemeinsam mit dem habsburgisch-spanischen General Spinola, der aus den Niederlanden herbeigeeilt war, die Rekatholisierung mit Morden und Brandschatzen voran.

1623 sah es so aus, als sei der Krieg zu Ende. Der Winterkönig wurde vom Kaiser abgesetzt, seine pfälzische Kurwürde eingezogen und als – lang ersehnte – Belohnung vom katholischen Kaiser an den erzkatholischen Herzog von Bayern neu vergeben. Da Kaiser Ferdinand II. wenig Gefallen daran fand, sich dem bayerischen Herzog und neuen Kurfürsten des Heiligen Römischen Reiches Maximilian I. unterzuordnen – der nun als Haupt der Liga militärisch auf katholischer Seite führend war –, heuerte er den böhmischen Kleinadligen und Geschäftemacher Wallenstein an, damit dieser eine kaiserliche Armee aufstellte.

Aber auch Wallenstein machte Krieg eher auf eigene Faust gegen die Protestanten und verwüstete Norddeutschland. 1630 musste Kaiser Ferdinand II. seinen Generalissimus auf Druck der Kurfürsten wieder entlassen. Da landete der junge schwedische König Gustav II. Adolf 1630 im pommerschen Usedom, um den Protestanten zu Hilfe zu eilen. Kardinal Richelieu hatte dieses Eingreifen diplomatisch vorbereitet. Der katholische Premier Ministre Frankreichs paktierte auch mit den Protestanten – Hauptsache, es ging gegen Habsburg.

Tilly, nunmehr oberster Feldherr der Kaiserlichen und der Katholischen Liga, zog Gustav Adolf entgegen. Die grausame Belagerung und Zerstörung Magdeburgs durch Tilly brachte alle Protestanten auf die Seite des Schwedenkönigs. Der vernichtete 1631 die katholischen Heere bei Leipzig; Tilly konnte fliehen. Gustav Adolf zog durch Mitteldeutschland an den Rhein. Bei der Gelegenheit wurde die bedeutende Heidelberger Universitätsbibliothek, die Palatina, nach Schweden verfrachtet. Dann ging es weiter nach Süddeutschland, wo Tilly an der Donau fiel. Gustav Adolf zog kampflos in München ein. Der Kaiser musste Wallenstein kniefällig anflehen, wieder die Armeeführung zu übernehmen. Der ließ sich lange bitten, rekrutierte dann aber binnen kürzester Zeit 50000 Mann und lockte Gustav Adolf nach Sachsen. Am 16. November 1632 fiel der Schwedenkönig in der Schlacht bei Lützen. Zwar gewannen die Schweden dennoch die Schlacht und Wallenstein musste sich nach Böhmen zurückziehen, aber die protestantische Seite fand nie mehr zu einem kraftvollen Einsatz zurück. Wallenstein wurde am 25. Februar 1634 in Eger auf Veranlassung des Kaisers ermordet. Dieses zwölfjährige verheerende Kriegsgeschehen geriet nach Lützen völlig außer Kontrolle und splitterte sich in zahllose Scharmützel, Nebenkriegsschauplätze und umherziehende Heerhaufen auf, deren Wüten die gesamte Bevölkerung nachhaltig in Mitleidenschaft zog. Seit 1641 gab es ernsthafte Absichten, das Kriegsgeschehen zu beenden, 1644 machten sich die kaiserlichen Gesandten auf den Weg nach Münster und Osnabrück. Vier Jahre lang wurde verhandelt, bis der Westfälische Friede zustande kam, der eine neue Staatenordnung für Europa bedeutete.

1648

WESTFÄLISCHER FRIEDE    Die Kriegsparteien hatten sich bereits 1641 in Hamburg auf die Orte geeinigt und wie die Beteiligten zu verteilen waren. Es wollte nämlich durchaus nicht jeder mit jedem reden. Deswegen hatte man zwei benachbarte westfälische Städte gewählt: das katholische Münster und das protestantische Osnabrück. Man vermied damit, dass Frankreich und Schweden sich in Fragen der Etikette und des Vorrangs ins Gehege kamen. Ungefähr drei Jahre lang verhandelten die Gesandten: in Osnabrück der Kaiser und das Reich mit den Schweden, in Münster die kaiserlichen Gesandten mit Frankreich. Außerdem wurde in Münster das Verhältnis zwischen Spanien und den Niederlanden geklärt.

Der »Westfälische Friede« ist nicht ein einziges Dokument, sondern ein Bündel mehrerer Verträge. Durch die Anwesenheit von Kaiser und Reichsständen in Osnabrück wurde auch die »Verfassung« des Reiches geändert: Die Territorien (Fürsten, Reichsstädte) erhielten die volle Souveränität (Steuern, Gesetzgebung, Rechtsprechung, sogar Bewaffnung und Bündnisrecht). Damit wurden die vielen deutschen Fürstentümer unabhängige kleine Staaten. Spanien und die anderen europäischen Staaten erkannten die Unabhängigkeit der Niederlande an. Die Niederlande wurden ein vollkommen souveräner Staat. Ebenso die Schweizer Eidgenossenschaft. Frankreich erhielt das Elsass einschließlich Breisach und die lothringischen Bistümer Metz, Toul und Verdun und war der große territoriale Gewinner des Dreißigjährigen Krieges.

Wann tranken die Türken ihren Kaffee vor Wien?: Weltgeschichte - alles, was man wissen muss
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