ROM IN DER KAISERZEIT
Nach dem Jahrhundert des römischen Bürgerkrieges vereinigte Augustus die höchsten Amtsbefugnisse tribucinium und imperium in seiner Hand und hob die übliche Beschränkung der Amtszeit auf ein Jahr auf. Das Bedürfnis nach Frieden stand obenan, und Augustus bescherte dies der Stadt und ihrem Weltreich. Im Großen und Ganzen hielt der Friede Roms, der Pax romana, auch eine Zeit der wirtschaftlichen Prosperität und der zivilisatorischen Entwicklung, rund 200 Jahre. Vor allem die durch Cäsar eroberten und seitdem romanisierten Gebiete Galliens und Westgermaniens profitierten davon und fanden Anschluss an den Lebensstandard des Mittelmeerraumes.
ZELOTEN Einzige politische Störfaktoren in diesem friedlichen Reich waren der Unruheherd des Judenstaates im Nahen Osten und die aus römischer Sicht abgelegenen Provinzen am Rhein. Wegen der ungeschickten römischen Besatzungspolitik vor allem im Zusammenhang mit der Durchsetzung des Kaiserkultes formierte sich der Widerstand der jüdischen Glaubenseiferer. Ein griechisches Wort dafür ist »Zeloten«. Als solche werden sie bereits im 4. Buch Mose erwähnt. Schon zur Jugendzeit Jesu schürten die Zeloten den Aufruhr, vor allem gegen die Vermögensschätzung, verübten Attentate und terroristische Überfälle gegen römische Amtsträger. Damit provozierten sie das harte Durchgreifen der Römer unter Titus.
DIASPORA Der spätere Kaiser Titus eroberte im Jahr 70 nach langer Belagerung Jerusalem und 73 die letzte zelotische Widerstandsfestung Masada. Unmittelbar vor der Erstürmung der schwer einnehmbaren Bergfestung begingen alle 900 jüdischen Kämpfer Selbstmord.
Titus’ Eroberung von Jerusalem ist für die jüdische Geschichte ein epochaler Einschnitt. Der letzte Mauerrest des zerstörten Tempels des Herodes ist heute die Klagemauer. Die überlebenden Juden zerstreuten sich über die ganze Mittelmeerwelt. Viele flüchteten nach Babylon, wo nach der Befreiung durch die Perser eine große, blühende jüdische Gemeinde zurückgeblieben war. Größere Gruppen gingen nach Kleinasien, vor allem nach Ephesos, nach Spanien, von wo sie nach der Eroberung Granadas durch die Katholischen Könige und Kolumbus-Sponsoren Isabella und Ferdinand 1492 erneut vertrieben wurden. Manche siedelten sich auch in den Römerstädten am Rhein an. Diese Diaspora (griechisch: »Zerstreuung«) ist die Ursache für die starken jüdischen Minderheiten in Spanien und Westdeutschland im Mittelalter und in der ganzen Welt bis in die Gegenwart.
Was danach geschah: Die Eroberung Jerusalems und die Zerstörung des Zweiten Tempels bedeutete das endgültige Ende des jüdischen Staatswesens, bis unter ganz anderen Voraussetzungen mit einem Mandat der UNO 1948 der moderne Staat Israel in Palästina neu begründet wurde. Das aufkommende Christentum war in den ersten beiden Jahrhunderten nach Christus aus römischer Sicht noch kein Thema, die kurzzeitige Christenverfolgung unter Nero, der auch Petrus und Paulus zum Opfer fielen, eher ein stadtrömisches, also lokales Problem.
79
DER AUSBRUCH DES VESUVS 79 n. Chr. kam es zu einem katastrophalen Ausbruch des Vesuvs. Die wohlhabenden Villenstädte Pompeij und Herkulaneum wurden binnen kürzester Zeit verschüttet und mit einer Asche- und Schlammschicht bedeckt. Um 1750 begann deren Wiederentdeckung und Ausgrabung, die bis heute nicht abgeschlossen ist. Trotz des tragischen Ereignisses geben uns keine anderen Bauwerke ein authentischeres Bild einer Stadt der antiken römischen Zivilisation. Erhalten haben sich neben den Tempeln, Amtsgebäuden, Theatern und Thermen auch die mit Wandmalereien, Mosaiken und Skulpturen geschmückten Villen sowie die Handwerksbetriebe und Läden mit ihren Gerätschaften bis hin zu den Gemeinschaftslatrinen. Eindrucksvoll und erschütternd sind die mit Gips ausgegossenen Gestalten von Mensch und Tier im Augenblick des Untergangs.
ab ca. 80
LIMES bedeutet »Grenze«. Seit etwa 80 wurde der antigermanische Wall zum Schutz der Rhein-Donau-Grenze errichtet.
Nach neuen archäologischen Funden gab es aber auch jenseits des Limes-Walles schon florierende römische Gutshöfe, und damit schon eine stärkere Durchmischung mit der eingesessenen keltischen oder germanischen Bevölkerung. Diese wurde also nicht nur hinter dem Limes »romanisiert«: Die Übernahme der römisch-mediterranen Zivilisation lässt sich an einer Fülle entlehnter Alltagswörter erkennen, die mit den dementsprechenden Alltagsgegenständen in den Norden kamen: »Mauer« (murus; die Germanen kannten keine Steinmauern, nur Holzfachwerk, Palisaden oder Erdwälle), »Straße« (via strata, »gepflasterter Weg«), »Mühle« (molina) und sehr viele Wörter aus dem Obst- und Gemüseanbau: »Pflanze« (planta), »Frucht« (fructum), »Wein« (vinum) und die Namen vieler neu eingeführter Pflanzenarten.
um 120
HADRIANSWALL Die Römer hatten unter Cäsar erstmals englischen Boden betreten, aber erst 100 Jahre später, unter dem dritten Kaiser Claudius, wurden Teile der Britischen Insel auch Teil des Römischen Reiches.
Die historische Trennlinie zwischen England und Schottland wurde um 120 unter Kaiser Hadrian zum Schutz gegen die Pikten errichtet. Diese waren keine Schotten, sondern vermutlich eine vorindogermanische Bevölkerung, die bis zur Ankunft der Römer bereits keltisch beeinflusst war. Ihr Name (lateinisch Picti = »Bemalte«) kommt von der verbreiteten Sitte, sich zu tätowieren. Der Hadrianswall war als Steinmauer wesentlich stärker befestigt als der Limes.