MÖNCHE UND RITTER

In Europa breitete sich eine religiöse Unruhestimmung aus. Bußprediger und die Armutsbewegung kamen auf, was in der Gründung großer Bettelorden und asketischer Klöster und Orden kulminierte wie Grande Chartreuse (1084) oder Citeaux, dem Mutterkloster der Zisterzienser (1098). Die Reconquista, das Vorbild für die Kreuzzüge, nahm an Fahrt auf, und nicht zuletzt die »Ketzerbewegungen«.

seit ca. 930

JAKOBSWEG    Das an einem äußersten Zipfel des südwestlichen Europa völlig entlegene Santiago de Compostela entwickelte sich im Hochmittelalter als eine Art Ersatz-Jerusalem zur wichtigsten Pilgerstätte der Christenheit nach Rom und Jerusalem. Jerusalem war durch die islamische und mittlerweile auch seldschukische Expansion nur noch schwer zugänglich.

Schon bald nach 800, kurz nachdem die Araber Spanien erobert hatten, glaubte man, in Nordspanien den »wahren Jakob« gefunden zu haben. Der Leichnam des Apostels Jakobus, Oberhaupt der allerersten Jerusalemer Christengemeinde, sollte auf wundersame Weise in dem gebirgigen, nur schwer zugänglichen christlichen Rückzugsgebiet in einem Boot an der galizischen Küste angeschwemmt worden sein.

Die Jakobspilgerschaft war mit Klöstern, Herbergen, Hospitälern und Kirchen bestens organisiert, die Pilgerwege durchzogen wie ein Spinnennetz ganz Europa. Auf dem Weg dorthin oder als Sammelpunkte entstanden bedeutende Wallfahrtszentren wie Vézelay in Frankreich. Eine Pilgerwanderschaft von Köln nach Santiago dauerte bei einer Strecke von rund 1500 Kilometern mindestens zweieinhalb Monate. Wollte man an Ostern dort sein, musste man im Winter aufbrechen. Im Spätmittelalter kamen etwa eine halbe Million Menschen pro Jahr nach Santiago.

1085

RECONQUISTA I    Mit Reconquista ist Wiedereroberung gemeint, genauer gesagt, die Rückeroberung des seit 711 von den Arabern (»Mauren«) größtenteils eroberten Spaniens durch die christlichen Königreiche von Norden her. 1085 wurde Toledo durch König Alfons VI. von Leon und Kastilien erobert, ein bedeutender Zwischenschritt. Toledo war schon unmittelbar vor der maurischen Eroberung fast 200 Jahre lang Hauptstadt des christlichen Reiches der Westgoten gewesen. Alfons machte es umgehend wieder zu seiner Residenz. Durch die Eroberung Toledos erwarb sich Alfons den Beinamen »Spaniens Schild«.

1095

»GOTT WILL ES!«    Schon der »Canossa«-Papst Gregor VII. hatte 1074 einen Kriegszug zur Befreiung des Heiligen Grabes in Jerusalem geplant, war aber dann durch den Investiturstreit zu sehr in Anspruch genommen. Nun predigte Urban II., wie Gregor ein führender Exponent der Cluny-Reform, den Kreuzzug. Auslöser war ein Hilferuf des byzantinischen Kaisers, der sich von den Seldschuken bedroht sah. Kaiser Alexios I. Komnenos machte sich Hoffnungen auf die Rückeroberung des durch die Schlacht von Mantzikert 1071 verlorenen Kleinasiens/Anatoliens. Dafür bat Byzanz um die Hilfe der »Franken«, wie in der Kreuzzugszeit alle abendländischen Ritter pauschal genannt wurden.

Urban hielt seine Kreuzzugspredigt am 27. November 1095 vor den Toren von Clermont-Ferrand. Alles war sorgfältig vorbereitet: Urban schilderte dramatisch die Leiden der Christen im von Muslimen besetzten Jerusalem und die Zerstörung der Grabeskirche 1009. Wie verabredet, fiel der Bischof des benachbarten Le Puy auf die Knie und bat, ziehen zu dürfen. An diesem Tag fiel auch schon die oft wiederholte Losung der Kreuzzüge. Die Volksmassen reagierten fanatisiert: »Deus lo vult!« »Dieu le veut!« »Gott will es!«. Von nun an erfasste der Wille, »das Kreuz zu nehmen«, um Jerusalem zu befreien, 200 Jahre lang die europäische Ritterschaft bis hinauf zu Kaisern und Königen.

Mit dem von Papst und Kirche sorgfältig geplanten Kreuzzugsprojekt wurden viele politische Ziele gleichzeitig verfolgt. In Spanien ging es um die Eindämmung der islamischen Expansion. Urban verfolgte den Plan einer Wiedervereinigung mit der Ostkirche in Konstantinopel. Aus römischer Sicht sollten die Kreuzzüge das politisch zersplitterte Europa auf ein großes gemeinsames Ziel einschwören, natürlich unter der Führung des Papsttums. Nicht zuletzt gaben die Kreuzzüge dem vagabundierenden europäischen Jungadel – die zweiten, dritten Rittersöhne, die nicht geerbt hatten und überall die Gegend unsicher machten – eine sinnvolle Aufgabe.

1098

ZISTERZIENSER    Einigen strengen Mönchen war selbst die cluniazensische Reform zu »üppig« geraten, denn auch Cluny war inzwischen nicht nur in geistlicher und politischer Hinsicht machtvoll, sondern auch sehr reich. Sie gründeten 1098 in einer abgelegenen Gegend von Burgund in Citeaux ein neues Kloster, wo sie strikt nach der Ordensregel des heiligen Benedikt beten und arbeiten wollten. Von Citeaux ist der Ordensname »Zisterzienser« abgeleitet.

Europaweite Bedeutung erlangte die neue Frömmigkeit durch Bernhard von Clairvaux (1090–1153), der Citeaux im Jahre 1112 beitrat und zwei Jahre später erster Abt des Tochterklosters Clairvaux in der Champagne wurde. Clairvaux wurde der eigentliche Ausgangspunkt des Zisterzienserordens. Die Mönche duldeten beispielsweise in ihrer Architektur, für die es genaue Vorschriften gab, keinerlei »Verzierungen«.

Bernhard war eine der geistig und politisch einflussreichsten Persönlichkeiten seiner Zeit. Er predigte außerordentlich erfolgreich den Zweiten Kreuzzug und förderte den Gedanken der christlichen Ritterschaft, der Ordensritter. Scharenweise nahm der Adel Frankreichs, Flanderns und aus dem Rheinland das Kreuz.

Auch für das eigentliche Mönchsleben im Kloster hatten die Zisterzienser enormen Zulauf, gerade aus dem Adel. Sie waren führend bei der zivilisatorischen Erschließung Europas, siedelten vorzugsweise in abgeschiedenen Gegenden und entwickelten ihre Klöster zu agrarischen und handwerklichen Musterbetrieben. Benediktinerklöster waren große Wirtschaftseinheiten, aber erst recht die Zisterzienserklöster. Sie sind in ihrer »weltlichen« Tätigkeit fast schon Prototypen moderner Unternehmen, sogar mit »internationalen« Verbindungen. Bekannteste Beispiele in Deutschland sind das Kloster Eberbach im Rheingau (heute Staatsweingut des Landes Hessen) oder das Kloster Maulbronn.

1099–1291

KREUZFAHRERSTAATEN    Sehr zur Überraschung von Kaiser Alexios tauchten die Kreuzfahrer schon im Jahr nach der Predigt von Papst Urban unter der Führung etlicher westeuropäischer Grafen 1096 vor Konstantinopel auf. Wegen innenpolitischer Probleme waren die Seldschuken nur bedingt abwehrbereit. Deshalb gelang den Kreuzfahrern 1099 tatsächlich die Eroberung von Jerusalem. Sie errichteten in der Levante vier Kreuzfahrerstaaten, darunter das »Königreich Jerusalem«.

Da die Kreuzfahrerstaaten ab 1144 durch Ägypten in Bedrängnis gerieten, predigte insbesondere Bernhard von Clairvaux den Zweiten – erfolglosen – Kreuzzug.

Seit 1171 war der kurdischstämmige Salah ad-Din oder Saladin (1138–1193) Sultan von Ägypten und vereinigte es 1174 mit Syrien. Damit waren die Kreuzfahrerstaaten eingekreist. 1187 eroberte er nach 88 Jahren fränkisch-christlicher Herrschaft Jerusalem. Die Befreiung der Heiligen Stadt war damit wiederum das Hauptziel des Dritten Kreuzzugs (1189–1192), an dem unter anderem König Philipp II. von Frankreich, Richard I. Löwenherz und Friedrich Barbarossa teilnahmen. Richard Löwenherz eroberte Akkon 1191 und schloss Frieden mit Saladin, der den christlichen Pilgern den Zugang nach Jerusalem sicherte. Aus der Bruderschaft deutscher Kreuzritter in Akkon ging 1198 der Deutsche Orden hervor. Saladin ist in Europa mehr noch als in der muslimischen Welt eine der berühmtesten und am meisten respektierten Gestalten der Geschichte. Sein »ritterliches« Verhältnis zu seinem Gegner Richard Löwenherz ist legendär. Lessing machte ihn in Nathan der Weise zur Symbolfigur für tolerantes Denken.

1204–1261

LATEINISCHES KAISERREICH    Der Vierte Kreuzzug endete 1204 auf halber Strecke nach dem Zug über den Balkan mit der Eroberung von Konstantinopel durch die »Franken«. Zwar hatte Papst Innozenz III. den Krieg gegen Byzanz und die Belagerung der Hauptstadt zweimal ausdrücklich verboten. Aber den Venezianern, Ausrüster der Kreuzfahrer und wirtschaftliche Rivalen des griechisch-byzantinischen Kaiserreichs, gelang es geschickt, das Heer nach Konstantinopel umzulenken. Die byzantinische Kaiserstadt wurde grausam geplündert, die Venezianer schafften die ursprünglich aus Rom stammende Quadriga aus dem Hippodrom von Konstantinopel nach Venedig und platzierten sie über dem Hauptportal des Markusdoms. Balduin, Graf von Flandern (1172–1205), wurde erster Kaiser eines nunmehr, im Gegensatz zu den griechischen Byzantinern, so genannten »Lateinischen Kaiserreichs«.

Im Jahre 1261 eroberte Kaiser Michael VIII. Konstantinopel im Handstreich und mit der Unterstützung der Genueser zurück. Die neue Palaiologen-Dynastie war die letzte in Byzanz, das sich von dem Schlag der Franken nicht mehr erholte.

1230–1250

RECONQUISTA II    Ferdinand III. der Heilige (1199–1252), König von Kastilien, vereinigte 1230 durch Erbanfall Kastilien und Leon. Dadurch legte er die Grundlage zum Aufstieg Kastiliens zur Vormacht in Spanien und zur nächsten Phase der Reconquista: 1235 wurden den Arabern die Balearen abgenommen, 1236 Córdoba, 1246 Jaén, 1248 Valencia und Sevilla, 1250 Cádiz. Seitdem hielt sich von der einstigen arabischen Herrschaft in Andalusien nur noch Granada.

Portugal hatte bereits 1248 die Algarve erobert, damit die Reconquista für sich abgeschlossen und damit auch als erster europäischer Staat seine bis heute gültigen Grenzen erreicht. Die Kreuzzüge hatten Europa einen intensiven Kulturkontakt mit dem »Morgenland« gebracht, aber politisch nichts erreicht. In zivilisatorischer Hinsicht wie in seiner politischen Dynamik war der Orient dem damals noch geistig schwerfälligen Okzident haushoch überlegen. Genau das sollte sich durch die »Horizonterweiterung«, die die Kreuzzüge den Abendländern bescherte, allmählich ändern. Fast genau 200 Jahre nach dem Fall von Akkon (1291) setzten Europäer und eben nicht die Araber oder Türken den Fuß in die Neue Welt (1492).

um 1150

DIE TANZENDEN DERWISCHE    Seit ihrem kriegerischen Aufbruch von der Arabischen Halbinsel im 7. Jahrhundert hatten sich den Arabern neue Horizonte erschlossen; sie hatten Reiche und Dynastien gegründet und in der hochkultivierten Welt des Vorderen Orients eine ganz neue Stufe des Wohlstandes erreicht. Die religiöse Zucht pflegt unter solchen Umständen zu leiden. Wie im christlichen Bereich gab es daher auch in der islamischen Welt das Bedürfnis frommer Männer, sich aus dem weltlichen Treiben in die Askese zurückzuziehen.

Das geläufige und vereinfachende Bild der Sufi sind die »tanzenden Derwische«, die einen wesentlichen Zug des Sufismus verdeutlichen: Die unmittelbare Gotteserfahrung durch Ekstase, durch Musikhören, Fasten, litaneiartiges Beten, Einsamkeit, Schlafentzug oder den Wirbeltanz, war ihnen weit wichtiger als die rituelle Befolgung des Korans.

Der erste Sufi-Orden wurde um 1150 in Bagdad gegründet. Seine Mitglieder trafen sich einmal wöchentlich. Sie waren verheiratet, gehörten zu den Handwerkern und Händlern und waren weit entfernt vom intellektuellen Gelehrtentum der arabischen Wissenschaft des Mittelalters. Überhaupt nahmen die arabischen Volksmassen nie am intellektuellen Diskurs der Gelehrtenzirkel teil. Dementsprechend verbreitet waren und sind im muslimischen Kulturkreis Aberglaube, Wunderglaube und Heiligenverehrung, gerade bei den Sufi.

um 1150

DAS ELIXIER DER GLÜCKSELIGKEIT    lautet der Titel eines Werkes des islamischen Theologen Al-Ghazzali (auch Algazel, 1058–1111). Er ist der Erneuerer des Islams und in der islamischen Welt so bekannt und bedeutsam wie Luther für Europa. Nach einer Zeit als Sufi entwickelte Al-Ghazzali in seinem Hauptwerk Die Wiederbelebung der Wissenschaften von der Religion aus der Verschmelzung mystischer Religionserfahrung und intellektueller Durchdringung der Lehren des Korans eine ethisch tiefgründige Auffassung seiner Religion. Er vertrat eine strikte Korangläubigkeit im Sinne eines vollkommenen Gottvertrauens. Natürlich gehören die »Pfeiler des Islams« (Glaubensbekenntnis, Gebet, Fasten, Almosen, Mekka-Pilgerschaft) zum gottgefälligen Leben.

Als Großwesir und Kanzler des Seldschuken-Sultans Alp Arslan, des Siegers von Mantzikert gegen Byzanz, stand der wie Al-Ghazzali aus dem nordostiranischen Tus stammende Nisam ul-Mulk (1018–1092) im Zentrum der seldschukischen Macht in Bagdad. Nizam wurde 1063 Wesir. Er war ein ausgesprochen umsichtiger Staatsmann. Die von ihm gegründete Madrasa in Bagdad wurde binnen kurzer Zeit zu einer der bedeutendsten Hochschulen überhaupt. Nisams Buch über die Staatskunst (Siyasat-name) hat einen Stellenwert wie Der Fürst von Macchiavelli. Nisam wurde von Assassinen ermordet, einer islamischen Sekte, die er in seiner Politik und seinem Buch bekämpfte.

Wann tranken die Türken ihren Kaffee vor Wien?: Weltgeschichte - alles, was man wissen muss
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