GRÜNDERJAHRE DER ANTIKE

Nicht nur die Hellenen, auch andere Völker erschienen nach dem Zusammenbruch des Hethiter-Reiches in Kleinasien und an der Ägäis-Küste. Sie hinterließen ihre Spuren im Gedächtnis der Geschichte und spielten eine wichtige Rolle bei der Vermittlung altorientalischer Kultur nach Europa.

800–500 v. Chr.

ETRUSKER II    Von den Etruskern, die sich selbst Rasenna nannten, hat die heutige Toskana, ihr Hauptsiedlungsgebiet in Mittelitalien zwischen Arno und Tiber, ihren Namen: Etrusci wurde zunächst zu Tusci und dann später zu Toskana.

Sie sind ein nicht-indoeuropäisches altmediterranes Volk, vermutlich aus dem Umkreis der minoischen Kultur in Westanatolien, die dem Druck der eisenzeitlichen Wanderung auswichen. Wahrscheinlich überlagerte ein kleiner »etruskischer«, kulturell überlegener Stamm die eingesessene bäuerliche Villanova-Kultur in Mittelitalien. Die Etrusker waren Händler, Seefahrer und Seeräuber mit Handelsbeziehungen in der ganzen Mittelmeerwelt, zu Griechen, phönizischen Karthagern und den Hallstatt-Kelten.

Politisch organisierten sich die Etrusker in unabhängigen Städten, nicht in einem »Reich«. Etruskische Gründungen sind Arezzo, Perugia, Volterra, Cortona, Orvieto und einige andere heute nicht mehr besonders bedeutende, damals aber wichtige Orte wie Vulci oder Veji.

Oberste Gottheit war ein später bei den Römern Vertumnus genannter Vegetationsgott, der ein ziemliches Ungeheuer gewesen sein muss. Die Etrusker fühlten sich sehr abhängig vom Willen ihrer Götter, deswegen verwendeten sie viel Zeit und Mühe darauf, diesen zu erforschen. Die von den Auguren betriebene Eingeweideschau und ähnliche divinatorische Praktiken zur Vorhersage des Schicksals vererbten sie den Römern.

Die bedeutendsten erhaltenen Bauwerke der Etrusker befinden sich nicht über, sondern unter der Erde. Es sind die ausgedehnten Nekropolen mit ihren verzweigten und geradezu wohnlich ausgestatteten Grabkammern.

800 v. Chr.

PHRYGIEN UND DER GORDISCHE KNOTEN    Die Phryger waren ein indogermanisches Volk, das im 12. Jahrhundert v. Chr. auf dem Balkan vermutlich in der Nachbarschaft von hellenischen und makedonischen Stämmen siedelte. Etwa parallel mit den Dorern wanderten sie bis nach Kleinasien ein und waren an der Zerstörung Trojas beteiligt.

Um 800 v. Chr. entsteht ein phrygisches Reich mit der Hauptstadt Gordion. Der mythische Reichsgründungskönig Gordios war Herrscher geworden, weil eine phrygische Orakeldelegation auf die Frage, wer Staatschef sein solle, in Delphi die Antwort bekam: Der Erste, der euch bei der Heimkehr auf einem Streitwagen begegnet. Das war Gordios. Joch und Deichsel eines Streitwagens waren mit dem sehr verschlungenen Gordischen Knoten verbunden, der von den Göttern geknüpft war. Kein Wunder, dass Gordios den Streitwagen im Zeus-Tempel als Kultobjekt aufstellte. Dort blieb er jahrhundertelang. Bis Alexander der Große kam.

MIDAS    Gordios und Midas sind durch die Legende personifizierte Figuren. Eigentlich sind es phrygische Königsbezeichnungen wie früher auf Kreta »Minos« oder in Ägypten »Pharao«. Dementsprechend wird Midas immer als »Sohn« des Gordios bezeichnet. Dabei ist er einfach einer seiner Nachfolger – ob Sohn oder nicht. Midas ist ebenso legendär wie sein »Vater«: Alles, was er anfasste, verwandelte sich in Gold. Die Legende vom Gold-Midas deutet auf den Reichtum des phrygischen Reiches in der heutigen West-Türkei zwischen Ägäis und Schwarzem Meer.

550 v. Chr.

KRÖSUS, DER MÜNZERFINDER    Gyges oder Krösus, der bekannteste König des benachbarten Lydien, war auch sehr reich. Er regierte von 556 bis 541 v. Chr. Die Lyder waren keine zugewanderte, sondern eine alteingesessene Bevölkerung. Deren altindogermanische Sprache war dem Hethitischen viel näher als dem Griechischen oder Phrygischen.

Lydien deckte sich territorial teilweise mit dem früheren Phrygien. Die ionischen Griechen und die kleinasiatischen Reiche waren sehr eng benachbart. Die lydische Hauptstadt Sardes lag nur einen Tagesritt von Ephesos entfernt. Auch die Lyder befragten das delphische Orakel. Die Festlandgriechen beneideten Krösus um die großzügigen Weihegeschenke, die er Delphi stiftete. Gleichwohl lag man im Dauerstreit, weil die Lyder die Griechenstädte an der Küste Milet, Ephesos, Smyrna und Magnesia beherrschen wollten. Die Landschaften waren fruchtbar, vor allem in den Flusstälern. Zu den Flüssen gehörte der wegen seines sehr gewundenen Laufes sprichwörtlich gewordene Mäander. Weiterer Wohlstand kam aus dem Ägäis-Orient-Handel und aus den Goldvorkommen im Fluss Paktolos, die schon den Midas reich gemacht hatten.

Ein bis zwei Generationen vor Krösus kamen die Lyder auf die epochale Idee, kleine Edelmetallstücke von einem bestimmten Gewicht und daher auch einem bestimmten Wert mit einem Königssiegel zu bedrucken. Das war die Erfindung der Geldmünzen. Bis auf den heutigen Tag erinnert der Name mancher Währungen (»Pfund«) an diesen Ursprung des Geldes. Dass die Erfindung gerade in Lydien gemacht wurde, lässt auf die Intensität des Handels in diesem Gebiet schließen. Münzen erleichtern den Warentausch erheblich.

Da die lydischen Münzen mit dem Königssiegel des Krösus schnell in der ganzen damals bekannten Welt in Umlauf kamen, hielt man Krösus für einen sagenhaft reichen Mann. Die neue Erfindung verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Vor allem die benachbarten Griechen erwiesen sich als sehr fix im Geld drucken, zuerst ab 570 v. Chr. in Ägina; Korinth und Athen folgten schnell.

Was danach geschah: Krösus war der letzte lydische König. Er unterwarf noch die griechischen Städte an der kleinasiatischen Ägäis-Küste außer Milet und machte sie tributpflichtig. Während seiner Regierungszeit war das babylonische Reich jenseits des Grenzflusses Halys bereits von den Persern unterworfen. Diese gedachte er herauszufordern und befragte deswegen das Orakel von Delphi. Es beschied ihn mit dem berühmten doppeldeutigen Spruch: »Wenn du den Halys überschreitest, wirst du ein großes Reich zerstören.« Frohgemut setzte er über den Fluss – und wurde von den Persern besiegt. Er hatte sein eigenes Reich zerstört. Kleinasien wurde daraufhin das Aufmarschgebiet für den Vorstoß der Perser nach Griechenland.

750 v. Chr.

GRIECHISCHE KOLONISATION    Nach der Dorischen Wanderung und der Konsolidierung der griechischen Stadtstaaten rund um die Ägäis waren diese um 750 v. Chr. kraftvoll und »überbevölkert« genug: An den Küsten des Mittelmeeres und des Schwarzen Meeres wurden nahezu 150 neue Städte gegründet – nicht gerechnet die Dunkelziffer der gescheiterten Expeditionen, die hoch gewesen sein muss. Die Anführer dieser Auswanderungsgruppen waren oftmals gescheiterte Existenzen aus Adelsfamilien, die sich bei Handelsgeschäften verspekuliert hatten, bei Wahlen durchgefallen waren oder sonstwie in ihren Heimatgemeinden nicht mehr auf Ruhm und Reichtum nach alter Väter Sitte hoffen durften. Gier nach Reichtum war ein wesentliches Antriebselement, wie bei den Condottieri der Renaissance und den Konquistadoren. Sich als Söldnerführer oder Pirat hervorzutun, galt nicht als anrüchig. Beutemachen war schon ein Zeitvertreib der frühen Aristokratie gewesen. Nun schlossen sich ihnen verarmte Bauern und ähnliche Zukurzgekommene an. Fast alle griechischen Landgemeinden, auch auf den Inseln, beteiligten sich an der Kolonisationsbewegung, Sparta und Athen jedoch kaum. Es kam zu neuen Polisgründungen, von denen sich einige als erfolgreicher erwiesen als ihre Mutterstädte.

Zu den bekanntesten griechischen Gründungen zählen: Cumae (griechisch Kyme) bei Neapel war 734 v. Chr. die erste griechische Kolonie. Syrakus auf Sizilien wurde 733 gegründet, dessen Mutterstadt war Korinth. Massalia, das heutige Marseille, entstanden um 600 v. Chr., und Neapolis, »Neustadt«, das heutige Neapel, waren Metropolen der Antike und des Mittelalters. Sie sind bis in die Gegenwart bedeutende Großstädte geblieben. Sybaris, gegründet um 720 v. Chr. in Unteritalien, wurde wegen seines Reichtums und Luxus zum Inbegriff für übersättigtes Wohlleben. Nicht nur die Griechen, auch die Phönizier gründeten Kolonien. Die berühmteste und erfolgreichste wurde Karthago.

750 v. Chr.

KARTHAGO    hieß phönikisch Qart-hadascht und das bedeutet so viel wie »Neustadt«. Angeblich gab es Karthago schon 814 v. Chr., aber vermutlich doch erst kurz nach 750 v. Chr. Die Mutterstadt ist Tyros im heutigen Libanon. Mit seiner Gründung ist die Sage von Dido verknüpft. Auf der Flucht vor ihrem Bruder gelangte die tyrische Prinzessin Dido an die nordafrikanische Küste und durfte sich hier so viel Land aneignen, wie eine Kuhhaut umspannte. Dido schnitt die Kuhhaut in dünne Streifen, legte sie aneinander und gewann dadurch ein großes Stück Land. Laut Vergils Aeneis, dem kaiserzeitlichen Gründungsepos Roms, schaute auch der Trojaner-Prinz Äneas bei seiner Flucht aus dem zerstörten Troja bei Dido vorbei. Sie verliebten sich heftig, Äneas wäre gern geblieben, aber er hatte noch einen Termin, denn er sollte auf Geheiß der Venus Rom gründen. Der englische Barockkomponist Henry Purcell schrieb dazu die ergreifendste Abschiedsarie der Opernliteratur Remember me.

Während die Griechen eher Unteritalien und die ligurische und südfranzösische Küste kolonisierten, waren die Karthager vorzugsweise an der nordafrikanischen Küste, auf den großen Inseln Sardinien und Korsika, den Balearen und im Süden der Iberischen Halbinsel aktiv. Sie gründeten ihrerseits Cádiz (Gades), Lissabon (Alis ubbo), Malaga (Malaka) und Barcelona.

Was danach geschah: Nachdem Tyros 568 v. Chr. Teil des persischen Reiches geworden war, wurde Karthago vollkommen unabhängig und im 4. und 3. Jahrhundert zur reichsten Stadt am Mittelmeer mit rund einer halben Million Einwohnern. Wegen der Rivalität um die Vorherrschaft in Sizilien und Sardinien kam es im 3. Jahrhundert v. Chr. zu Auseinandersetzungen mit dem aufstrebenden Rom, die in den drei Punischen Kriegen mündeten. Poeni (deutsch »Punier«) ist das lateinische Wort für »Phönizier«.

Wann tranken die Türken ihren Kaffee vor Wien?: Weltgeschichte - alles, was man wissen muss
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