GRÜNDERJAHRE IM
NORDEN
UND OSTEN
Im 9. Jahrhundert destabilisierte sich Europa wieder. Die zerstrittenen und geschwächten karolingischen Nachfolgereiche vermochten das räuberische Vordringen der Wikinger im Norden und der Ungarn im Südosten nicht aufzuhalten.
793
WIKINGER Etwa zu der Zeit, als sich in Bagdad und Córdoba die islamische Hochkultur entfaltete, machten sich am Nordrand Europas die Wikinger unangenehm bemerkbar. Ihre rücksichtslose Grausamkeit, Raub-, Brand- und Mordlust waren gefürchtet. Sie galten als unglaublich kampfstark. Ihr Terror zog sich von Friesland über Flandern bis nach Frankreich. Der Überfall auf die Klosterinsel Lindisfarne vor England 793 war das erste Schreckensfanal.
Der Name leitet sich ab von dem altnordischen Wort vikingen für die Raub- und Plünderungszüge, die die vikingr, die »Seeräuber«, von den skandinavischen Nordseeküsten ihrer Heimat aus unternahmen. Es handelt sich demnach nicht um eine ethnische oder geografische Bezeichnung, sondern um eine soziale – im Grunde sind mit vikingr nur die Schiffsbesatzungen der berühmten, für die damalige Zeit überragend seetüchtigen Drachenboote gemeint, die in erster Linie gerudert wurden. Die Mannschaften rekrutierten sich aus jüngeren Angehörigen der bäuerlichen Aristokratie, für die die vikingen eine Lebensphase gesellschaftlicher Bewährung darstellten, in der man Ruhm und Reichtum erwarb.
nach 814
NORMANNEN Zeitgenössische Berichte sprachen allerdings von »Normannen« oder »Dänen«. Die Bezeichnung »Nordmanni« ist durch Einhard, den Biografen Karls des Großen, überliefert (bis heute sehr präsent in »Normandie«).
Seit Lindisfarne erlitten die Nordseeküsten alljährlich vikingen, und nach dem Tod Karls des Großen (814) wagten sich die Normannen auch ins Innere des fränkischen Reiches. Sie zerstörten Köln, Bonn, Trier und plünderten 856/857 Paris. 881 eroberten sie Aachen und missbrauchten die Pfalzkapelle als Pferdestall.
Überall, wo sie hinkamen, durchliefen die Wikinger/Normannen eine Entwicklung von Plünderern, die Beute nahmen, zu Kaufherren, die ansässig wurden, und, um ihren Handel zu schützen, Reiche gründeten, etwa in Russland, der Normandie, England oder im mittelalterlichen Sizilien. Die Normannen in der Normandie traten 912 zum Christentum über. Die Christianisierung Skandinaviens ging erst um 1000 von Hamburg und Bremen aus.
ab 750
WARÄGER Die Wikinger waren nicht nur in der Nordsee unterwegs. Von Schweden drangen sie gleichzeitig über das Baltische Meer (Ostsee) in den ostslawisch-finnischen (später »russischen«) Raum vor, von wo aus sie als »Waräger« über die großen Flusssysteme, namentlich des Dnjepr, Richtung Byzanz zogen. Der Glanz und Reichtum dieser einzigen wahren europäischen Metropole ihrer Zeit hatte eine magische Anziehungskraft. Der ordnenden Hand der warägischen Oberschicht verdankte das spätere Russland seinen Namen und seine ersten Herrschaftsgebilde, insbesondere die »Kiewer Rus« im Süden in der heutigen Ukraine und die Städtegründungen der warägischen Kaufleute wie Nowgorod im Norden. Die Bezeichnung »Waräger« (altnordisch Vaeringjar) kommt vermutlich von altnordisch varar (»Eid«) und meint eine Gruppe von Handelskaufleuten, die sich gegenseitig Hilfe schworen – analog und mit gleicher Wortbedeutung wie bei »Hanse«.
862
KYRILLISCHES ALPHABET Kyrill war einer der beiden hochgebildeten Offizierssöhne Kyrill und Method (820–885), die als »Slawenapostel« in die Geschichte eingingen. Ihr Missionsgebiet war das damalige Großmähren. Nachdem Karl der Große die Awaren dort in den Jahren 791 bis 796 besiegt hatte, wollten die Slawen das alte Joch weder gegen die fränkische Oberherrschaft noch gegen den Einfluss der aggressiv missionierenden Bischöfe von Passau eintauschen. Also wandte sich der mährische Fürst Rastislaw an den Kaiser in Byzanz, der ihm die beiden Brüder Kyrill und Method sandte. Deren Mission war wohlvorbereitet. Die Entwicklung der glagolitischen Schrift und die Übersetzung der liturgischen Texte durch Kyrill vor 862 gehörte dazu.
Der eigentliche Urheber der kyrillischen Schrift ist nicht bekannt, man vermutet einen Schüler des Kyrill; Kyrill von Thessaloniki (826–869) war aber so bedeutend, dass die Schrift nach ihm benannt wurde, auch wenn sie eine ganz andere war als jene älteste slawische Schrift, die Glagoliza. Das Kyrillische ist nämlich aus Großbuchstaben des griechischen Alphabets entwickelt worden, mit einigen Anleihen aus der Glagoliza. Deswegen ist sie der griechischen auch viel ähnlicher.
ca. 900
KIEWER RUS Kiew in der heutigen Ukraine gilt als Mutter aller russischen Städte. Hier ergriffen die Waräger die Herrschaftsinitiative und vereinten Kiew mit Nowgorod im Norden – auch wenn es in der Nestorchronik, der russischen Staatsgründungslegende, in bewegenden Szenen umgekehrt dargestellt wird. Demzufolge reiste ein Regent aus Nowgorod mit einem kleinen Waräger-Prinzen den Dnjpr hinab bis Smolensk und präsentierte den Jungen dort auf Kiewer Gebiet dem Volk als neuen Fürsten. Kiew war aber wegen seiner relativen Nähe zu Byzanz sicherlich die bedeutendere Waräger-Residenz und die Initiative ging von dort aus.
Allem Anschein nach bezeichneten die finno-ugrischen Völker, die damals am Nordrand des Baltischen Meeres bis tief ins Landesinnere siedelten, die Waräger als Rus oder Rhos. Die Waräger selbst nannten sich auch so, daher »Kiewer Rus«. Nach ihrer Bekehrung zum Christentum übernahmen sie die ostslawische Sprache, behielten aber diese Bezeichnung bei. Der neue Name ging auf die von ihnen beherrschten slawischen Stämme über. »Russen« und »Russ(land)« sind daher keine slawischen Wörter. Altrussland hatte keine Herrscher slawischen Ursprungs; die Fürsten waren alle Waräger aus der führenden Dynastie der Rurikiden, benannt nach dem Wikinger Rurik. Der letzte Rurikide regierte bis 1598; er war der Nachfolger Iwans des Schrecklichen.
988
DIE TAUFE RUSSLANDS Während der ersten Jahrzehnte ihrer Herrschaft in Kiew festigten die Waräger-Fürsten ihre Stellung. Sie griffen Byzanz immer wieder an, aber Byzanz war zu stark.
Fürst Wladimir (960–1015) regierte mit harter Hand und war ein ausgesprochener Götzendiener. Der gemeinsame Feind der Byzantiner und der »Rus« waren die auf dem Balkan mächtig gewordenen Bulgaren. Wladimir und Kaiser Basileus II. wurden nun sogar Verbündete: Wladimir sollte sich (und die Rus) taufen lassen und erhielt dafür im Gegenzug die Hand der Kaiserschwester Anna. Eine Porphyrogenneta, eine »purpurgeborene Prinzessin«, heiraten zu dürfen, war die höchste diplomatische Anerkennung, die Byzanz zu vergeben hatte. (Dem deutschen Kaiser Otto II. wurde in dieser Zeit die gleiche Ehre nicht zuteil. Er bekam nur eine Nichte – Theophanu.)
Wladimirs Taufe wurde in Kiew mit großem Pomp inszeniert, einschließlich Zerschlagen der Götzenbilder und Massentaufe im Dnjepr. Dann musste er die Zwangsbekehrung der Slawen mit Feuer und Schwert durchsetzen. Damit waren die Kiewer Rus endgültig konsolidiert.
Was danach geschah: Kiew blieb bis ins Hochmittelalter der bedeutendste Ort Russlands. Um 1125 stieg Susdal unter Fürst Jurij Dolgoruki zur neuen Vormacht auf. In einem Sumpfgebiet am Rande seines Herrschaftsgebietes ließ dieser 1156 eine Festung (russisch Kreml) errichten. Der Fluss, der durch dieses Sumpfgebiet fließt, heißt Moskwa.
ab ca. 880
DANELAG UND NORMANDIE Seit etwa 880 waren die »Dänen« (Normannen) auch im Westen der britischen Hauptinsel dauerhaft präsent. Zeitweilig wurden sie von dem ersten bedeutenden angelsächsischen König Alfred dem Großen (ca. 848–899) beherrscht, der erstmals »ganz England« vereinigte. Mit Danelag wurde im Mittelalter das vom wikingischen Heer besetzte Nordwestengland bezeichnet. Die »Dänen« besetzten das Gebiet nicht nur militärisch, sondern besiedelten es auch. Orte mit Namen wie Derby und Selby, wovon es Hunderte gibt, oder mit Endungen wie -ton, -thorpe und -ey sind normannische Gründungen. Die letzte normannische vikingr-Gruppe, die 911 unter ihrem Anführer Rollo Frankreich heimsuchte, kehrte nicht mehr in die Heimat zurück, sondern blieb in dem Gebiet um die Seine-Mündung. Rollo konvertierte zum Christentum, unterstellte sich 911/912 formell dem karolingischen Westfrankenkönig Karl und erlangte so die Anerkennung der normannischen Eroberung; sie wurde unter seinen Nachfolgern das Herzogtum Normandie. Hauptstadt war Rouen. Sein direkter Nachfahre in der siebten Generation war Wilhelm, der Eroberer Englands. In den 150 Jahren dieser sieben Generationen übernahmen die Normannen völlig die überlegene fränkische Kultur und die französische Sprache.