CHINA UNTER DEN MING-KAISERN
1368
MING-DYNASTIE Erst unter der Ming-Dynastie, die seit 1368 bis 1644 die chinesischen Kaiser stellte, wurde die Große Mauer als das imposante Steinbauwerk vollendet, wie man sie heute fotografieren kann. Nach der »Fremdherrschaft« der Mongolen (Yüan-Dynastie) mobilisierten die Ming-Kaiser erhebliche Ressourcen, um mit dem Blut, Schweiß und Tränen zwangsverpflichteter Bauern dieses Bollwerk zu errichten. Die Bedrohung aus den nördlichen Steppen, dieses jahrhundertealte Dauerthema der chinesischen Außenpolitik, sollte ein für allemal gebannt werden.
Wie so oft, gingen die wichtigsten Impulse und Weichenstellungen von dem ersten Kaiser und Dynastie-Begründer, dem Heerführer Chu Yüan-chang (1328–1398) aus. Nach dem Tod von Kublai Khan war den Mongolen-Kaisern die Herrschaft zunehmend entglitten. Aufgrund sozialer Missstände, Korruption der Beamten und tibetischer Mönche drohte das Reich der Mitte wieder zu zerfallen. Dem Bauernsohn und ehemaligen Mönch Chu Yüan-chang gelang es, sich zum Heerführer aufzuschwingen und sich gegen seine Rivalen durchzusetzen. 1359 besetzte er Nanking, 1368 Peking. 1368 proklamierte er sich selbst zum Kaiser unter dem Namen Hongwu. Der anschließende Reform- und Konsolidierungsprozess dauerte jahrzehntelang.
Was danach geschah: Die Ming-Dynastie regierte 276 Jahre bis 1644. Während der europäischen Reformationszeit und der anschließenden Religionskriege schwelgte China im Luxus eines unangefochtenen Reiches und einer selbstgewissen, jahrtausendealten Kultur, verbunden mit dem dekadenten Übermut der herrschenden Schichten. Seit Beginn des 16. Jahrhunderts kapselte sich China durch die Zerstörung seiner Hochseeflotte und den Bau der Mauer zunehmend von der Außenwelt ab. Den chinesischen Porzellanexport besorgten die holländischen und englischen Kolonialgesellschaften. Als in Europa der Dreißigjährige Krieg zu Ende ging, wurde die reformunfähige und geschwächte Ming-Regierung von der nicht-chinesischen Mandschu-Dynastie aus dem Norden überwältigt, die bis 1911 regierte.
VERBOTENE STADT UND HIMMELSTEMPEL »Verbotene Stadt« ist die allgemein gängige Bezeichnung für den chinesischen Kaiserpalast mitten in Peking. Diese größte Palastanlage der Welt wurde 1407 bis 1420 erbaut (Gesamtfläche: 740000 Quadratmeter, bebaute Fläche 150000 Quadratmeter, 9999 Räume). Herzstück ist die »Halle der Höchsten Harmonie« (Tai He Dian).
1403 hatte der dritte Ming-Kaiser Yongle die Hauptstadt von Nanking ins weiter nördlich gelegene Peking verlegt, hauptsächlich weil die Abwehrkämpfe gegen die Mongolen von dort aus leichter zu koordinieren waren. Yongle war einer der bedeutendsten Kaiser von China überhaupt. Auf seinen Befehl wurde in Peking auch der Himmelstempel erbaut. Die ausgedehnte Anlage mit dem kreisrunden Tempel entstand ab 1420, musste aber nach einem Brand 1890 neu errichtet werden. Der Himmelstempel war das zentrale Heiligtum der Song,-, Ming- und Ching-Dynastien. Hier fand die alljährliche kaiserliche Zeremonie zur Wintersonnenwende statt. Die gesamte Anlage hat eine strenge Nord-Süd-Ausrichtung, wie übrigens bei allen chinesischen Tempeln die Eingangsfront nach Süden zeigt. So ist man beim Betreten gezwungen, nach Norden zu blicken, zum unveränderlichen Polarstern, dem Zentrum der himmlischen Harmonie.
MING-VASE Während der Ming-Zeit entsteht das blau-weiße Dekor des chinesischen Porzellans, das ein Inbegriff für dieses äußerst begehrte Exportgut in Europa ist und dort vielfach »nachgeahmt« wird (Delfter Ware). Chinesisches Porzellan war nicht nur in Europa, sondern auch am späteren Mogul-Hof in Indien sehr begehrt.