DIE TÜRKEN IN EUROPA

ab 1330

OSMANISCHES REICH    Nach dem Mongoleneinfall war die relativ einheitliche Herrschaft der Seldschuken in viele Kleinfürstentümer oder »Horden« zerbrochen, um das turkmongolische Wort zu verwenden. Osman (1258–1326) war einer dieser Hordenführer im Westen Kleinasiens, ungefähr dort, wo einstmals Troja und Pergamon waren. Zu Beginn seiner Karriere als Herrscher begann Osman, sein Territorium auszudehnen. Bei seinen Gebietserweiterungen achtete er stets darauf, die Christen zu beschützen. Kleinasien war seit der Antike griechisch besiedelt – und dies blieb so bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Griechen waren natürlich orthodoxe Christen. Diese Toleranz wird als einer der Gründe für die schnelle Erweiterung des Osmanenreiches gesehen. Neu eroberte Gebiete übergab Osman in Statthalterschaft an Verwandte und enge Vertraute, begründete damit eine Art Feudalsystem und machte sein halbnomadisches Volk auf diese Weise sesshaft.

Das Fürstentum, das Osmans Sohn Orhan erbte, war etwa so groß wie Bayern. Orhan nahm den Sultan-Titel an und begründete die Janitscharen. Er setzte als erster Türken-Herrscher mit der Eroberung der Festung Gallipoli an den Dardanellen 1354 seinen Fuß auf europäischen Boden. Bei seinem Tod (ca. 1362) war das Osmanische Reich schon so groß wie das heutige Ungarn.

Was danach geschah: 150 Jahre später erobern die Osmanen Konstantinopel und beherrschen jahrhundertelang den Balkan sowie den gesamten Nahen Osten, zeitweise auch Ägypten und Nordafrika. Die moderne Türkei geht nach dem Ersten Weltkrieg aus den Resten dieses Osmanischen Reiches hervor.

1330

JANITSCHAREN    Orhan war auch der Gründer der als grausam gefürchteten Janitscharen, einer Elitetruppe der Osmanen und Leibwache des Sultans. »Janitscharen« geht auf das türkische Wort Yeniçeri (»neue Truppe«) zurück. Sie wurden schon als Knaben zwangsrekrutiert, lebten zölibatär und streng erzogen möglichst abgeschottet in eigenen Kasernen. Formell gesehen waren sie Sklaven. Die Janitscharen durften keine Vollbärte tragen, sondern nur Schnurrbärte. Wegen ihrer anerzogenen Loyalität konnten sie in hohe Ämter der osmanischen Reichsverwaltung aufsteigen. Einer der bekanntesten Janitscharen war der Architekt Sinan (ca. 1490–1588), der Erbauer zahlloser hochbedeutender Gebäude des Osmanischen Reiches. Sinans Moscheen prägen heute noch das Stadtbild von Istanbul.

Selbstbewusst geworden, erlangten die Janitscharen ab dem 16. Jahrhundert zunehmend Einfluss im Staatsapparat, widersetzten sich Reformbestrebungen, revoltierten gegen einzelne Sultane und ermordeten sogar einige. 1826 wurde die Janitscharen-Truppe aufgelöst.

1398

DIE SCHLACHT AUF DEM AMSELFELD    Nach ihrer Landung in Europa drängen die Osmanen Byzanz praktisch nur noch auf das Gebiet der Hauptstadt zusammen und wenden sich erobernd gegen die christlichen Völker auf dem Balkan. Den erbittertsten Widerstand leisten die Serben, aber auch sie werden am 15. Juni 1398 in der Schlacht auf dem Amselfeld nahe Priština besiegt.

Auf beiden Seiten waren große Ritterheere versammelt. Der serbische Fürst Lazar hatte rund 25000 Mann aufgeboten, der türkische Sultan Murad 40000. Beide starben in der Schlacht. Für die Serben ist »das Amselfeld« ein ungeheurer Mythos, ein epischer Kampf zwischen Gut und Böse, ritterlicher Tugend und Verrat, durchzogen von geradezu märchenhaften Legenden. In der serbisch-orthodoxen Kirche gilt Lazar als Heiliger.

Gerade das Opfer der Niederlage bewirkte aus serbischer Sicht, dass sich die Serben trotz anschließender jahrhundertelanger, als grausam empfundener osmanischer Fremdherrschaft ihren orthodoxen Glauben und ihre serbische Identität bewahrten.

1402

TIMUR LENK    Seit 1240 hielten die Goldene Horde beziehungsweise ihre Nachfolge-Khanate Russland in Schach. In Peking waren die mongolischen Khane und Kaiser um 1360 von den Chinesen vertrieben worden. Dort regierte nun die Ming-Dynastie.

Wie ein Komet erschien in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts der turkmongolische, aus Usbekistan stammende Eroberer Timur Lenk (1336–1405). Er hatte in die Familie von Dschingis-Khan eingeheiratet und schuf in kürzester Zeit wie dieser ein eigenes Weltreich. Es umfasste ganz Mittelasien mit den heutigen Ländern Afghanistan, Pakistan, Iran und Irak. Timur Lenk fiel 1398 in Indien ein und plünderte Delhi. Dies war auch das Ende des Sultanats von Delhi. Sein Urenkel Babur begründete dort 1526 das glanzvolle Mogul-Reich. Dann bedrohte Timur in buchstäblich lebensgefährlicher Weise die Osmanen in Anatolien. Sein Beiname Lenk bedeutet »der Lahme«, weil er Knochenverwachsungen auf der rechten Körperseite hatte. Timur Lenks Grausamkeit ist legendär; bei seinen Eroberungen wurden die Menschen zu Hunderttausenden abgeschlachtet. Er herrschte überwiegend von Samarkand aus. Die Stadt ließ er im persisch-islamischen Stil prachtvoll ausbauen. Wie bei Alexander überdauerte sein Reich aber kaum sein eigenes Leben.

Timur wurde im damaligen Europa schlagartig berühmt, nachdem er 1402 den Osmanen-Sultan Bajazid bei Ankara geschlagen hatte und dieser nach einigen Monaten Gefangenschaft starb. Damit war das Osmanische Reich vorübergehend staatsrechtlich ausgelöscht. Diese Nachricht schlug ein wie eine Bombe. Unter Sultan Bajazid hatte das Osmanische Reich soeben, nach der Schlacht auf dem Amselfeld, seine bisher größte Ausdehnung erreicht, und Bajazid hatte gerade mit der Belagerung von Konstantinopel begonnen. Wegen des Erscheinens von Timur Lenk musste der Sultan diese Belagerung abbrechen, um sich ihm entgegenzustemmen, verlor aber seine Armee und sein Leben. Ausgerechnet durch einen anderen turkmongolischen Eroberer schien das Abendland vor der Türkengefahr gerettet. Trotz des vernichtenden Sieges über die Osmanen zog Timur Lenk aus unbekannten Gründen wieder aus Anatolien ab. Sonst hätte vielleicht er statt der Osmanen Byzanz erobert.

1453

FALL VON KONSTANTINOPEL    Sultan Mehmet II. (1432–1481), der Urenkel Bajazids, war entschlossen, die Stadt mit allen Mitteln zu erobern. Die ultimative Belagerungsphase begann im April 1453. Extra gegossene Riesenkanonen, Tunnel unter den Mauern, eine Verlagerung der türkischen Kriegsschiffe über Land vom Marmarameer in das durch eine Kette abgesperrte Goldene Horn – nichts wurde unversucht gelassen.

Nach einer letzten ergebnislosen Verhandlung zwischen dem Sultan und dem byzantinischen Kaiser Konstantin XI. zur Übergabe der völlig eingeschlossenen Stadt befahl Mehmet den Generalangriff in den frühen Morgenstunden des 29. Mai. Nach mehrmaligem vergeblichem Anrennen soll eine kleine, unverschlossene Pforte den Janitscharen den Zutritt zur Stadt ermöglicht haben. Sie öffneten rasch die Tore und die übermächtige osmanische Armee strömte in die Stadt. Bereits am Vormittag war Konstantinopel völlig in der Hand der Türken. Mehmet trägt den türkischen Beinamen Fatih: »der Eroberer«.

Damit endete das tausendjährige Byzantinische Reich. Dieser direkte Nachfolger Ostroms hatte unter christlichen Vorzeichen vieles von der spätantiken und sogar der antiken Kultur das ganze Mittelalter hindurch bewahrt. Byzanz war während des gesamten Mittelalters das Bollwerk des Abendlandes gegen die Ausbreitung der Araber und der Türken. Welche mächtige Schutzfunktion die Stadt hatte, zeigt sich daran, dass die Türken nur gut 70 Jahre nach der Eroberung Konstantinopels bereits vor den Toren Wiens standen.

1454

ABENDLAND – DAS EUROPÄISCHE HAUS    Der Begriff und das Bewusstsein vom »Abendland« im Sinne eines gemeinsamen, christlichen Europas tauchen erstmals im Zusammenhang mit der akuten türkischen Bedrohung auf. Noch vor seinem Pontifikat als Renaissance-Papst Pius II. formulierte Enea Silvio Piccolomini, ein hochgelehrter Humanist, 1454 auf einem Reichstag in Frankfurt: »Wenn wir die Wahrheit gestehen wollen, hat die Christenheit seit vielen Jahrhunderten keine größere Schmach erlebt als jetzt. Denn in früheren Zeiten sind wir nur in Asien und Afrika, also in fremden Ländern geschlagen worden, jetzt aber wurden wir in Europa, also in unserem Vaterland, in unserem eigenen Haus, an unserem eigenen Wohnsitz aufs Schwerste getroffen.« Piccolomini verwendet erstmals wieder das Wort Europa, das im Horizont der mittelalterlichen Reiche seit den Zeiten Karls des Großen aus dem Blickfeld geraten war, verbindet es mit der Christenheit und nennt es Vaterland und Europäisches Haus.

Der zweite Beleg für dieses Bewusstsein findet sich als »die Abendländer« 1529 bei dem Reformator Kaspar Hedio, der es auf Deutsch für das bis dahin gebräuchliche »Okzident« verwendet; auch er meint damit die »christlichen Abendländer«. 1529 war das Jahr der kurzen, bald wieder abgebrochenen ersten Belagerung Wiens durch die Türken unter Süleiman I. Dieses Ereignis fand europaweit Beachtung. Auch Luther schrieb darüber zwei Traktate und bezeichnete die Türken als »Gottesplage«.

1462

DRACULA    Nach seiner epochalen Tat legte Mehmet nicht die Hände in den Schoß. Er eroberte unter anderem noch das Kaiserreich Trapezunt am kleinasiatischen Südrand des Schwarzen Meeres sowie große Territorien auf dem Balkan, in Griechenland, Serbien, Bosnien und in der Walachei des Dracula-Vorbildes Vlad III. Vlad trägt den Beinamen Tepes, »der Pfähler«. Dieser Türkenhasser ließ Zehntausende türkischer Kriegsgefangener, aber auch eigene Untertanen pfählen; eine besonders grausame Tötungsart. Seinen Beinamen »Dracula« (»kleiner Drache«) erhielt er schon früher, weil sein Vater, Fürst Vlad II., Mitglied des von Kaiser Sigismund gegründeten katholischen Drachenordens war und sich Vlad Dracul nannte. Dracula ist die Verkleinerungsform.

Was danach geschah: Mehmet war ein kultivierter Mann und fähiger Herrscher. Er baute die türkische Flotte aus, straffte die Verwaltung und erließ eine Gesetzessammlung. Gleich nach der Eroberung von Byzanz begann er mit dem Bau des Topkapi-Palastes und veranlasste die Errichtung Hunderter von Moscheen, Medresen und Bädern. Die verbliebenen byzantinischen Adligen ließ er allerdings samt ihren Familien köpfen.

1453 war ein weltgeschichtliches Wendejahr in Eurasien, das sich nur mit 490/480 v. Chr. (Marathon/Salamis), 622 v. Chr. (Mohammeds Flucht), 1492 (Entdeckung Amerikas), 1789 (Französische Revolution) und 1989 (Mauerfall und Ende des Kalten Krieges) vergleichen lässt. In Europa war ein Bewusstsein von Abendland entstanden, durch den Fall von Konstantinopel war der internationale Fernhandel zwischen dem Mittelmeer und Asien unterbrochen. Für Venedig, Genua und all die anderen gab es nichts mehr zu verdienen. In Portugal hatte man sich schon angewöhnt, den Blick nach Westen zu wenden, auf den Atlantik und entlang der afrikanischen Küste.

Wann tranken die Türken ihren Kaffee vor Wien?: Weltgeschichte - alles, was man wissen muss
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