PHILOSOPHIE DER AUFKLÄRUNG

Für ein Fest auf der Themse, bei dem der Hofstaat auf Barken nach Chelsea schipperte, komponierte Georg Friedrich Händel (1685–1759) im Jahr 1717 die Wassermusik. Händel war, wie viele andere auch, ein Hofkünstler, der vom König und vom Adel protegiert und besoldet wurde. Aber er war auch ein rühriger Opern- und Konzertunternehmer. Anders waren die überteuerten Star-Gagen für die Kastraten und Primadonnen auch nicht aufzubringen. Im harten Musikgeschäft in London gingen Händels Firmen meist wieder bankrott. Solche Unternehmungen wären in Frankreich, wo alles vom Hof alimentiert wurde, undenkbar gewesen. Händels Zeitalter ist das Zeitalter der englischen Aufklärung.

ENGLISCHE AUFKLÄRUNG    Die nüchternen, puritanisch geprägten Engländer gaben wenig auf philosophische Spekulation und viel auf realistische Erfahrungswerte. Ein berühmter Zeitgenosse Händels war Isaac Newton (1643–1727). Der legte wesentliche Grundlagen für die modernen Naturwissenschaften, insbesondere für den Gedanken, dass jede physikalische Wirkung eine berechenbare Ursache hat. Männer wie Thomas Hobbes und John Locke hegten ähnliche philosophische Vorstellungen. Locke (1632–1707) machte sich wie der Franzose René Descartes (»Ich denke, also bin ich«) Gedanken über das menschliche Erkenntnisvermögen. Seine Schlussfolgerung lautete: Es gibt keine angeborenen (göttlichen) Ideen, sondern nur durch das Geistesleben (kulturell) geprägte Begriffe. Locke war der Meinung, es gäbe unveräußerliche Naturrechte des Menschen auf Leben, Freiheit und Eigentum und die Regierung bedürfe der Zustimmung der Regierten. Mit diesem Argument ließen sich die Privilegien von Monarchen, Adel und Klerus hinterfragen, die ja bisher auf »göttliches Recht« bauten.

Nach dem Tod Ludwigs XIV. (1715) begannen einige Franzosen, sich für das fortschrittliche Gesellschaftsmodell und die naturwissenschaftlichen, philosophischen und staatspolitischen Erkenntnisse ihres Nachbarvolkes zu interessieren.

ab 1748

GEWALTENTEILUNG    Auch Baron de la Brède et de Montesquieu (1689–1755) hatte sich drei Jahre in England aufgehalten und erkannt, dass dort innerhalb des parlamentarischen Regierungssystems die individuelle und die politische Freiheit am weitesten gediehen waren. Er beschäftigte sich auch mit den antiken Republiken Rom und Athen. In seiner Schrift De l’esprit des lois (»Über den Geist der Gesetze«) prägte er den Begriff der »Trennung der staatlichen Gewalten«, die sich gegenseitig ausbalancieren und kontrollieren sollten, um die größtmögliche konkrete Freiheit der Staatsbürger zu gewährleisten. Die Schriften und Gedanken dieses fern vom Hof und vom Staatsgetriebe lebenden Mannes fanden schnell Verbreitung. Noch im Erscheinungsjahr (1748) folgten 22 Auflagen sowie die deutsche Übersetzung. Montesquieus Prinzipien wurden zuerst in der amerikanischen Verfassung (1787) und danach in der französischen Verfassung von 1791 verwirklicht. Sinn der Gewaltenteilung wie Montesquieu sie postulierte, war und ist es, den Einzelnen vor willkürlichen Übergriffen der Amtsträger zu schützen.

ab 1751

FRANZÖSISCHE AUFKLÄRUNG    Sehr wirkungsvoll war die von Denis Diderot gemeinsam mit einer Vielzahl bedeutender französischer Autoren seiner Zeit in Angriff genommene Encyclopédie. Sie erschien in 28 Bänden zwischen 1751 und 1780 und spiegelte das Weltwissen der Zeit. Vor allem das bürgerliche, intellektuelle Publikum konnte sich mit dem darin zum Ausdruck kommenden aufklärerischen Gedankengut identifizieren. Zustande gekommen war Diderots Enzyklopädie zunächst als Auftrag eines Pariser Verlegers, eine zweibändige englische Cyclopedia of Arts and Sciences zu übersetzen. Diderot beschloss, das Werk wesentlich zu erweitern. Obwohl es von der Kirche immer wieder indiziert wurde, gelang es einflussreichen Hofkreisen um Madame de Pompadour, das Projekt immer wieder voranzubringen. Auch die russische Zarin Katharina gehörte zu den Förderern Diderots. Die Encyclopédie war das Sammelbecken all jener französischen Schriftsteller und Intellektuellen, die daran glaubten, es bedürfe nur der Vermittlung von Wissen und Aufklärung, um der Vernunft und damit auch der allgemeinen Humanität zum Durchbruch zu verhelfen. Diderot selbst verfasste über 1000 Artikel.

TOLERANZ    Einer der bedeutendsten Enzyklopädie-Autoren war der Schriftsteller François Marie Arouet, genannt Voltaire. Voltaire hatte wie Montesquieu ebenfalls einige Zeit in England verbracht und wie dieser gegen das verkrustete Ancien Régime Frankreichs polemisiert. Voltaire hatte man allerdings wegen seiner ungezügelten Spottlust nahegelegt, für einige Zeit Frankreich zu verlassen. Neben der Enzyklopädie war er der hauptsächliche Verbreiter des aufklärerischen Gedankenguts. Voltaire war eine geistige und geistreiche Großmacht, berühmt in ganz Europa, zwei Jahre lang Dauergast Friedrichs des Großen in Sanssouci, im Briefkontakt mit Königen bis hin zur russischen Zarin Katharina. Voltaire war einer der ersten, der die Bedeutung der Kulturen Arabiens, Persiens, Indiens und Chinas erfasste. Vor allem aber wird ihm die Propagierung des Grundsatzes zugeschrieben: »Du bist anderer Meinung als ich und ich werde dein Recht dazu bis in den Tod verteidigen« – die oft zitierte »Meinungsfreiheit«.

1760

VOLONTÉ GÉNÉRALE    Völlig konträr zum herrschenden Absolutismus waren die Theorien des Genfer Bürgers und Uhrmachersohns Jean-Jacques Rousseau (1712–1778). Rousseau entwickelte eine sozialromantische Vorstellung vom Menschen als eines im natürlichen, »wilden« Urzustand guten Wesens, das erst durch Bildung, Gesellschaft und Kultur verdorben wird. Wie konnten die »edlen Wilden« sich in ihrer unveräußerlichen Freiheit zu einer (staatlichen) Gemeinschaft zusammentun? Sie schlossen einen Gesellschaftsvertrag (Contrat social) miteinander. Die Ordnung und Gesetze dieser staatlichen Gemeinschaft, durch (Mehrheits-) Abstimmungen festgestellt, repräsentieren die Volonté générale, den »allgemeinen Willen«, dem sich jeder Einzelne zu unterwerfen hat – auch wenn er persönlich anderer Meinung ist.

Diese nicht besonders realitätsnahe Konstruktion wurde durch die Französische Revolution als Prinzip der Volkssouveränität zur Grundlage der Legitimation staatlicher Herrschaft in den westlichen Demokratien.

Was danach geschah: Heute heißt es im Artikel 20 Absatz 2 des deutschen Grundgesetzes: »Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt.« Die Ideen Montesquieus von der Gewaltenteilung und die Rousseausche Volkssouveränität sind hier bündig zusammengefasst. Sie bildeten die gedankliche Grundlage für die Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika von 1787/1789. Durch den revolutionären Akt der französischen Nationalversammlung im Jahr 1789 wurde auch in Europa der Weg dafür frei gemacht.

Wann tranken die Türken ihren Kaffee vor Wien?: Weltgeschichte - alles, was man wissen muss
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