Kapitel 60
Eine weitere große Öffnung nach draußen hatten sie nicht gefunden, waren einfach weitergegangen, immer weiter durchs Dunkel. Manchmal, wenn der Weg nicht zu schwierig oder anstrengend war, unterhielten sie sich. Charly war fasziniert von Arpads Wissen. Sein langes Leben hatte ihm viele Erkenntnisse beschert, die außergewöhnlichsten Menschen der Geschichte hatte er persönlich kennengelernt. Er war belesen, fand aber Bücher eher irrelevant, während Charly voller Ehrfurcht vor ihnen und ihren Autoren war. Er interessierte sich mehr für das Leben an sich als für Bildung aus Büchern und hatte sich mit den menschlichen Wissenschaften zwar sporadisch, jedoch nie intensiv und tiefgreifend auseinandergesetzt. Er sammelte Wissen eher zufällig auf dem Weg durch ein langes Leben.
Sein Erinnerungsvermögen war unglaublich. Sein Verstand ebenso. Er sprach viele Sprachen, kannte die unterschiedlichsten Kulturen. Doch obwohl er die mentale Kapazität hatte, die komplexesten Philosophiekonzepte zu verstehen, erinnerte er sich lieber an den Philosophen persönlich als an dessen Theorien. Sein Respekt vor deren Gedankenkonstrukten war nicht groß. Meist fand er sie amüsant.
„Worte“, sagte er. „So viele Worte. Ihr Menschen habt dieses unbegreifliche Bedürfnis, alles zu definieren. Doch euer Ausblick auf die Welt ist begrenzt, und weil euch jede tiefere Einsicht fehlt, kratzt ihr nur an der Oberfläche. Es ist, als versuche ein Blinder, Farben zu definieren.“
„Doch unter Blinden“, antwortete Charly, „könnte seine Definition Bestand und Wert haben. Sie könnte in diesem Zusammenhang wirklich treffend sein.“
Sie hörte sein reuiges Lachen.
„Da magst du rechthaben. Sehr scharfsinnig. Du wärst eine fabelhafte Gastgeberin für intellektuelle Soireen. Die klügsten Köpfe würden dich rühmen und preisen. Sie würden dich alle lieben.“
„Danke“, gab sie trocken zurück. „Ich frage mich, ob ich das als Kompliment werten kann, auch wenn es oberflächlich so klingt. Schließlich hast du gerade gesagt, daß diesen klugen Köpfen die tiefere Einsicht fehlt, sie beschränkt sind und nur an der Oberfläche kratzen.“
Er lachte laut, und wann immer er das tat, hob sich ein Schatten von ihrer Seele. Sein Lachen war die Klangwerdung reinster Freude.
Charly war glücklich, wenn sie über Philosophie, Kunst oder sogar technischen Fortschritt sprechen konnte. Die Diskussionen lenkten ihre Gedanken von der Wirklichkeit und den noch schwärzeren Zukunftsaussichten ab. Sie mochte diesen Mann, wenn sie mit ihm redete. Die Frau, die er liebte, mußte glücklich sein. Dennoch bezweifelte sie, daß Arpad und seine Liebste viel Zeit mit Philosophieren verbrachten.
Nur war er eben nicht ausschließlich wunderbar. Das wußte sie. Manchmal wurde ihr die Ausweglosigkeit ihrer Situation plötzlich wieder bewußt, und sie keuchte fast bei der Erkenntnis, daß jeder Schritt sie ihrem Tod näher brachte. Daß der Tod tatsächlich neben ihr schritt und ihr die Hand hielt, mit ihr über die Bedeutungslosigkeit menschlicher Philosophie konversierte.
Sie wußte, daß er dieses jähe Aufflammen von Angst spürte. Doch er sagte nichts dazu. Manchmal drückte er ihr aufmunternd die Hand. Er wußte, daß sie nicht darüber reden wollte, sich sicherer fühlte, wenn sie ihre Lage ignorieren konnte. Er tat, was er konnte, um es ihr leichter zu machen – ohne Zauber anzuwenden. Sein einziger Versuch, ihren Geist in eine Art freien, fröhlichen Gemütszustand zu manipulieren, war kläglich gescheitert. Angst hatte sie ergriffen, als sie plötzlich meinte, er bereite sie mit seiner Manipulation für das vor, was er letztlich mit ihr vorhatte.
Sie hatten sich kurz ausgeruht, doch Charly hatte nicht schlafen können. Dabei wurde sie jetzt immer müder und wußte, daß die kurzen Pausen und kleinen Schläfchen ihr nicht reichten, um Kraft zu schöpfen.
„Ich muß ein paar Stunden schlafen. Es muß schon wieder längst Nacht sein. Wir sind schon so lang unterwegs.“
„Es ist erst Nachmittag. Versuche, noch ein bißchen auszuhalten. Dann lasse ich dich schlafen. Möchtest du, daß ich dir ein Schlaflied singe?“
Er klang leicht amüsiert, und beinahe hätte sie sein Angebot aus lauer Peinlichkeit abgelehnt. Dann korrigierte sie die Entscheidung.
„Ja“, sagte sie. „Tu das. Du hast eine so schöne Stimme. Wenn ich schon nichts Angenehmes sehen kann – gar nichts, um genau zu sein –, dann möchte ich wenigstens etwas Schönes hören.“
Sie hörten auf zu reden, als der Pfad endete und Charly vorsichtig ihre Füße auf einen steilen Anstieg setzte. Starke Arme faßten sie und zogen sie hoch, und sie wunderte sich über seine warmen Hände hier in der kalten Höhle. Sie wunderte sich auch, daß sie jetzt vor seiner Nähe weniger Angst hatte als zu Anfang, obgleich sie wußte, daß er sein einwandfreies Benehmen nicht unendlich lange würde durchhalten können. Sein Anstand und noch mehr sein Sinn für Humor hatten ihr über die schreckliche Erfahrung des Vorabends hinweggeholfen. Der Angriff war zwar noch in ihrer Erinnerung verankert, wo er auch für immer bleiben würde, doch er bestimmte nicht mehr ihr Handeln und Fühlen. Schließlich hatte sie Glück gehabt. Sie war beizeiten gerettet worden.
All das war in einem anderen Leben geschehen, in einer anderen Wirklichkeit und einem anderen Menschen. Es schien ihr bisweilen, als gehöre ihr ganzes bisheriges Leben einer gänzlich fremden Frau. Sie quälte sich mit schmerzenden Muskeln und erschöpften Gliedmaßen durch den Berg, und ihr Sinn schwirrte vor nervöser Energie. Die Erinnerung an ihr Leben im Licht schien sich zu verändern, sich ihr zu entfremden, als hätte sie über ein solches Leben nur einen Roman gelesen. Nichts davon war mehr wahr. Die Realität war mit dem Licht verschwunden.
Wenn sie an ihre Auseinandersetzungen mit Anna bezüglich anständigen Benehmens für junge, unverheiratete Damen dachte, schienen ihr ihre Frustration und ihr Ärger darüber unbedeutend und klein. Sie wanderte mit dem Tod durch die Finsternis – und fand, daß sie seinen Humor mochte und seinen scharfen Verstand schätzte.
Er fing sie, als sie ausrutschte.
„Du bist unkonzentriert. Wo sind deine Gedanken?“
Sie rappelte sich mühsam auf, setzte sich dann im Dunkel neben ihn und rang nach Luft.
„Meine Gedanken waren bei dir, mehr oder weniger, und ich bin neidisch. Ich habe darüber nachgedacht, wie unbedeutend mein Leben bisher war. Ich habe nichts erreicht und fast nichts gesehen. Wenn ich über mein Leben im Schlößchen über dem Altausseer See nachdenke, scheint es mir, als hätte ich alle Möglichkeiten der Welt gehabt und nicht genutzt. Jede Wahl, die ich je hatte, habe ich vertan – ohne vernünftigen Grund. Du bist so weit gereist, hast so vieles gesehen. Ich habe immer nur geträumt, was ich täte, wenn … und das ‚Wenn‘ habe ich noch nicht einmal definiert. Vielleicht bin ich nur eine Blinde beim Versuch, Farben zu definieren. Doch statt sie zu definieren, würde ich Farben gerne überhaupt erst einmal sehen. Nach all dieser Finsternis kommt es mir so vor, als könnte ich sie jetzt viel besser verstehen – wenn ich sie nur noch mal sehen könnte. Wenn du diesen Berg verläßt, wirst du der Nacht treu bleiben, denn sie gehört dir. Doch ich …“ Sie sprach nicht weiter, wußte nicht, was sie sagen wollte oder auch nur denken sollte. „Ich rede ziemlichen Unsinn, nicht wahr?“ fragte sie und grinste verschämt.
„Deine Worte sind etwas durcheinander, aber deine Gefühle scheinen es nicht mehr zu sein. Viel besser. Als wir loszogen, war es umgekehrt.“ Er hielt inne und stellte die Frage, die sie auf keinen Fall beantworten wollte. „Hast du noch Angst vor mir?“
Sie starrte in die Dunkelheit und sagte eine Weile nichts.
„Ich nehme an, dir steht eine wahre Antwort zu“, meinte sie schließlich. „Doch im Grunde würde ich lieber lügen.“
„Tu‘s nicht“, bat er.
Sie nickte. Ihn anzulügen wäre sinnlos.
„Ich fürchte mich vor vielen Dingen. Ich fürchte die Dunkelheit, fürchte die Aussicht, nie mehr Tageslicht zu sehen. Ich habe Angst, daß du mir nicht alles gesagt hast, daß es Dinge gibt, die du mir verschweigst. Ich habe Angst, daß ich die Möglichkeiten, die ich in meinem Leben hatte, nutzlos vergeudet habe – und nun sind keine für mich übrig, nicht eine. Ich habe sogar Angst, daß ich Herrn Meyer aus meinem Traum nie mehr sehen werde – und ich würde doch so gern mit ihm sprechen. Wirklich gern. Ich weiß, daß es dumm ist, einem Traum so hinterherzuspinnen. Doch er hat sich in meinem Herzen breit gemacht, obgleich er dazu kein Recht hat.“ Sie hielt inne, atmete tief ein und fuhr fort: „Es gibt auch Dinge, vor denen ich keine Angst mehr habe. Vielleicht sollte ich dafür dankbar sein. Ich habe keine Angst mehr, mich vor dir lächerlich zu machen oder dir die Wahrheit zu sagen. Ich weiß, du wirst nichts davon gegen mich verwenden. Ich habe keine Angst, daß du mich allein in der Dunkelheit läßt.“
Doch manchmal, hätte sie gerne hinzugefügt, aber konnte es nicht, habe ich Angst, daß du mir wehtun wirst. Das zu sagen würde zu weit gehen, und diese Gefühle in Worte zu fassen hatte sie noch nicht den Mut.
Er zog sie hoch.
„Gehen wir noch ein Stück“, sagte er. „Nur noch ein bißchen. Ich danke dir für deine Offenheit. Deine Ehrlichkeit ehrt mich.“
„Wirst du im Gegenzug genauso offen und ehrlich sein?“ fragte sie und lächelte in seine Richtung.
„Möchtest du das, Charly? Daß ich absolut offen und ehrlich zu dir bin?“
Sie schluckte und antwortete nicht. Nein, absolute Offenheit und Ehrlichkeit war mehr, als sie ertragen konnte. So tapfer war sie nicht.
Sie schritten voran.
„Vielleicht nicht ganz offen, ich bin sicher, das könnte recht verunsichernd sein“, sagte sie nach einer Weile. „Aber ich wüßte doch gern, was heute geschehen ist. Warum hat der Berg gebebt? Du warst besorgt, ich konnte es fühlen. Meine Wahrnehmung wird immer besser. Nicht so gut wie deine natürlich. Schließlich bin ich nur ein blinder Maulwurf, dem der tiefere Einblick fehlt und der nur an der Oberfläche kratzt, doch etwas hat dich beunruhigt, und ich wüßte gerne, was es war.“
„Oh“, sagte er. „Ich wünschte, ich könnte dir eine genaue Antwort geben, aber Tatsche ist, daß ich nicht genau weiß, was geschehen ist. Es fühlte sich wie ein Erdbeben an, doch es war keins. Ich kann Erdbeben schon früh nahen spüren. Es war auch kein Gebirgsschlag, obgleich das bei den Höhlen hier immer passieren kann. Es fühlte sich mehr an, als hätte jemand eine Tür geöffnet. Ich sagte dir doch, daß wir Sí auf unterschiedlichen Zeit- oder Daseinsebenen leben. Nicht alle, aber manche. Es hat sich angefühlt, als wäre jemand in diese Welt gekommen, der nicht hergehört. Das kann gut sein oder schlecht. Meist eher schlecht für Menschen. Die Grenzen zwischen den Wirklichkeiten gibt es nicht ohne Grund. Doch das sind alles nur Vermutungen“, sagte er leichthin und zog sie einen weiteren Hang hoch. „Ich könnte mich irren. Vielleicht habe ich zu lange unter Maulwürfen gelebt, um zu verstehen, was sich da zutragen hat. Vielleicht betrifft es uns auch gar nicht.“
„Aber das glaubst du nicht.“
„Es mag uns schon betreffen. Doch du mußt immer daran denken, was ich bin. Ich bin Sí. Ich gehöre zu den na Daoine-maithe. Ich kann Dinge, die Menschen nicht können.“
„Du bist mächtig und stark“, sagte sie und begriff, daß er ihr mit der Aussage die Angst nehmen wollte und nicht vorhatte, sie weiter zu ängstigen.
„Es gibt mächtigere und stärkere Kreaturen als mich“, sagte er. „Heilige, Götter, Göttinnen, Dämonen, Teufel, Geister, wie immer ihr die Mächte an der Grenze eurer beschränkten Realität genannt habt. Wir sind sehr ungleich. Wir verfolgen unterschiedliche Ziele und haben unterschiedliche Absichten, was unser Verhalten Menschen gegenüber – und auch uns selbst gegenüber – angeht. Doch bei mir bist du sicher. Mach dir keine Sorgen.“
„Aber du machst dir welche. Ich spüre es.“
„Lieber Himmel, Charly. Wenn deine Wahrnehmungsfähigkeit so weiter wächst, wirst du demnächst den Blinden die Farben definieren“, spottete er.
„Vielleicht sollte ich das“, gab sie zurück. „Vielleicht würde das die Wahrnehmungsfähigkeit meiner Rasse erhöhen.“
„Verzeih mir meine Selbstsucht. Doch ich bin dagegen, daß die menschliche Wahrnehmung wächst.“
„Weißt du, das kann ich sogar verstehen. Ich würde auch nicht wollen, daß mein Abendessen mich plötzlich genauer wahrnimmt.“
Er stand versteinert vor Schock.
„Liebes Mädchen“, begann er, schluckte dann. „Mein liebes Mädchen. Manchmal denke ich, dein Sevyo hat dir zu selten den Hintern versohlt, als du klein warst. Hat dir nie jemand gesagt, daß Menschen sich nicht über bluttrinkende Monster lustig machen sollen?“
„Ich fürchte nein“, gab sie zurück. „Aber meine Ausbildung war auch nicht vollkommen. und Sevyo hat mir nie den … versohlt. Auch sehe ich nicht, wie seine Nachlässigkeit in dieser Angelegenheit mein Verhalten gegenüber bluttrinkenden Monstren hätte beeinflussen sollen.“
Er kicherte.
„Höchstwahrscheinlich ist es jetzt zu spät“, sagte er mit einem Seufzen. „Ich werde wohl mit der Erkenntnis leben müssen, daß meine Freundin überhaupt keinen Respekt vor mir hat. Ich kann nur hoffen, daß meine Unfähigkeit, gescheite junge Damen das Fürchten zu lehren, sich nicht nachteilig auf mein Selbstbewußtsein auswirkt und mich in tiefe Melancholie stürzt.“
Sie lachte, und ganz plötzlich, verging ihr der Humor, und wie ein Blitz traf sie die alte Furcht, brachte das Wissen darum zurück, was er war, was sie war und wie es enden mußte. Sie taumelte, verlor den Halt, stürzte. Er fing sie auf. Sie fühlte seinen Atem an ihrem Ohr.
„Schsch … Charly, keine Angst! Du bist ganz sicher. Wo ist denn deine Respektlosigkeit geblieben?“
Er streichelte ihr das Haar, und sie rang nach Fassung, versuchte, die Unbeschwertheit wiederzuerlangen, die sie eben noch gefühlt hatte. Gescheite junge Damen fürchteten sich nicht vor ihm, und sie war beides, jung und gescheit. Sie fürchtete sich nicht, sie weigerte sich, sich vor dem Mann zu fürchten, dessen Hand durch ihre wirren Locken strich. Sie lehnte es ab, der verführerischen Möglichkeit nachzugeben und sich in Verzweiflung und Panik zu ergehen.
Sie schwiegen. Ihr Kopf lehnte an seinem Hals, sie fühlte sein Seidenhaar an ihrer Wange.
„Arpad“, begann sie und hielt dann inne.
„Charly?“
„Du wirst mir nicht wehtun, nicht wahr? Was immer auch geschehen wird, wehtun wirst du mir nicht?“ fragte sie und sprach schließlich die Angst aus, die sie im Schatten ihrer Courage in sich verschlossen hatte.
Seine Umarmung wurde heftig, nur für einen Moment, dann ließ er wieder locker.
„Ich verspreche dir, ich werde dir keine Schmerzen zufügen.“ Mehr sagte er nicht, versprach nicht, sie nicht anzufassen, sie nicht anzugreifen, sie nicht zu töten. Sie wünschte, sie hätte nicht gefragt. Seine beruhigenden Worte waren alles andere als beruhigend. Sie bedeuteten nur, daß auch er wußte, wie dies hier ausgehen würde.
Wenn sich nicht bald etwas änderte, würde sie das Tageslicht nie mehr erblicken, und Herrn Meyer würde sie auch nicht wiedersehen.
Welche der beiden Erkenntnisse sie mehr schmerzte, darüber wagte sie nicht einmal nachzudenken.