Kapitel 37
Asko war es nicht gelungen, Kontakt zu den Gefangenen aufzunehmen. Doch er hatte darauf bestanden, daß man sie mit Wasser und Nahrung versorgte. Hardenburg hatte es nicht gemocht, unmenschlich genannt zu werden. Von Waydt hatte ihm übertriebene Gutherzigkeit vorgeworfen. Meister Marhanor hatte nur zur Kenntnis gegeben, er sei im Moment zu beschäftigt und schwache Gefangene seien einfacher zu befragen als starke.
Asko erinnerte sich der Worte, die Graf Arpad einmal über der Taktik der Bruderschaft geäußert hatte. „Sie foltern uns, um mehr Informationen über uns zu erhalten. Diese Informationen können sie dann wieder gegen uns verwenden.“ Sie wußten, wie man Menschen zum Sprechen brachte. Er tauschte das Wort „Menschen“ gegen „Sí“ aus. Er hatte Sí gemeint. Sie als Menschen zu bezeichnen, das war ihm noch nie passiert.
Wieder stand die Szene vom Vortag vor seinem geistigen Auge, der dunkle Graf, der ihm entgegenstand, die zitternde junge Frau zwischen ihnen, voller Angst, sie würden das mit ihr fortsetzen, was von Waydts Lieblingsschläger begonnen hatte. Er hatte etwas in den Augen des Feyons gesehen, Besorgnis, Anteilnahme und Zorn. Das hatte es ihm ermöglicht, das verängstigte Mädchen mit dem Mann mitzuschicken. Dem Sí.
Asko war zerschlagen. Fast sechsunddreißig Stunden war er jetzt auf den Beinen. Er mußte schlafen. Schlafmangel ließ einen Fehler machen, und in seiner Position konnte er sich keine Fehler leisten.
Er ging in eine der kleineren Kavernen, wo die anderen Techniker und er ihr Lager aufgeschlagen hatten. Pralle Strohsäcke dienten ihnen als Matratzen, und Decken stapelten sich auf den Lagern. Die Säcke mußten oft neu gefüllt werden, denn sie wurden allzu schnell feucht, obgleich der Meister das Klima in den Höhlen angeblich positiv beeinflußte. Wieder wurde ihm klar, wie kurzsichtig der Gedanke gewesen war, ausgerechnet hier in den schwer erreichbaren Höhlen diese Höllenmaschine zu bauen. Er hoffte nur, die andauernde feuchte Kühle würde nicht auch noch seine Gesundheit angreifen. Allerdings war ein Tod als Folge der Schwindsucht nicht die größte Gefahr, der er sich aussetzte.
Er rollte sich in seine Decken ein. Im Augenblick konnte er den Gefangenen nicht helfen. Um sich etwas auszudenken, brauchte er einen wachen Geist. Vielleicht gab es später die Möglichkeit, etwas zu tun, wenn Marhanor in seine Aufgabe vertieft war, ein magisches Netz um den Berg zu weben.
Auch was Charlotte und den Sí anging, konnte er momentan nichts tun. Wenn sie überlebt hatten, dann waren sie jetzt in absoluter Dunkelheit. Asko hoffte, daß der Feyon die Frau nicht einfach ihrem Schicksal überlassen hatte. Der Gedanke, sie könnte langsam allein in der Dunkelheit zu Grunde gehen, machte ihm schwer zu schaffen. Er atmete zischend aus.
Warum er schon wieder an sie dachte, wußte er nicht. Vielleicht weil ihr Mut ihn beeindruckt hatte, ihre seltsame Rechtschaffenheit, ihr unbesonnener Widerstand und selbst ihre harten Tritte – auch die hatten im wahrsten Sinne des Wortes Eindrücke hinterlassen. Sein Schienbein war voller blauer Flecken. Doch er war ihr nicht gram deswegen; vielleicht, weil die Behandlung, die sie erlitten hatte, so brutal gewesen war. Verraten zu werden von dem Mann, den man als Verlobten ansah, geschändet fast, durch die Nacht gejagt von einer Bande Mörder und schließlich in einem Berg begraben mit einer Kreatur, die trotz ihrer Widernatürlichkeit die einzige Aussicht auf Rettung war. Keine gute Aussicht.
Keine Frau sollte so leiden. Deshalb dachte er wieder an sie, aus diesem Grund und aus keinem anderen. Es war ihr Schicksal, das ihn berührte, nicht etwa ihre intelligenten, braunen Augen oder ihr warmherziges Lächeln.
Der Berg über ihm erschien mit einem Mal schwerer und drohender als noch einen Tag zuvor. Das Höhlensystem erstreckte sich schier endlos durch den Stein, und die Mannschaft hatte nur einen winzigen Teil des Ganzen erforscht. Die Maschine entstand in der größten Höhlung. Durch einen Spalt im Gestein fiel Tageslicht von draußen in die „Werkstatt“. Die ersten Arbeiter hatten die Höhle zum Arbeitsplatz gemacht, ein Segeltuchdach gegen tropfendes Wasser gespannt. So viel Aufwand für eine furchtbare Idee.
Die kleineren, trockeneren Höhlen waren zu Schlafquartieren und Kommandozentrale geworden. Die Beleuchtung war mit der Schöpfung eines Herrn Goebel gelöst, der mit Hilfe von Elektrizität Glaskugeln zum Schimmern bringen konnte. Ein kleines Mühlrad in einem der unterirdischen Rinnsale sorgte für Strom. Leider war Herrn Goebels Erfindung offenbar noch nicht vollkommen, denn die Glaskugeln barsten immer wieder, und Asko war sicher, daß diese Erfindung nicht halb so nützlich war, wie sie auf den ersten Blick schien. Sie roch geradezu nach „zurück ans Reißbrett“ und war vermutlich völlig unverkäuflich, nicht nur, weil sie dauernd kaputt ging, sondern auch, weil man in Privathaushalten wohl niemals selbst elektrische Energie erzeugen können würde. Wer besaß schon einen Bach mit Mühlrad? Eine dumme Idee.
Letztlich kamen sie hier nicht ohne Laternen, Kerzen und Fackeln aus, und an die Dunkelheit gewöhnte man sich mit der Zeit. Blaß waren sie alle, so blaß wie die Fey, die sie jagten, Nachtjäger waren sie geworden und krochen im Dunkel herum.
Hardenburg hatte diesen Ort gewählt, weil er abgelegen war und nicht den Blicken zufälliger Reisender ausgesetzt. Er hatte ihn auch gewählt, weil er annahm, es wimmle in der ganzen Gegend nur so vor Fey. Die Fülle von Märchen und Aberglauben in dieser Region ließ diese Vermutung zu, und zum Dritten hatte er diesen Ort ausgesucht, damit er die Maschine testen konnte, ohne die Menschen der Umgebung zu gefährden. Im toten Gebirge wohnte niemand. Hier gab es nur den gelegentlichen Jäger.
Gleichwohl war es eine dumme Idee. Sollte er einen erfolgreichen Testlauf mit der Maschine haben – und Asko betete, daß es dazu nie kommen würde –, dann würden sie die Maschine nicht abtransportieren können, ohne sie komplett zu zerlegen. Doch das war nicht sein Problem. Er hatte herauszufinden, was zu tun war.
Er hoffte, die Instruktionen würden die Zerstörung der Maschine und jedes einzelnen Planes davon anordnen. Doch solange er keine Nachrichten an einen Verbindungsmann geben konnte, blieben zwangsläufig auch weitere Befehle aus.
Er drehte sich in seiner behelfsmäßigen Bettstatt um. Er war so zerschlagen. Er sollte längst schlafen, doch seine Gedanken kreisten immer wieder um seine Probleme. Um die Maschine zerstören zu können, würde er es mit der ganzen Mannschaft aufnehmen müssen, und ihre Zerstörung war sinnlos, solange auch nur ein Plan überlebte, egal ob dieser auf Papier oder in Hardenburgs wirrem Geniegehirn existierte. Wahrscheinlich hatte auch der Kopf der Verschwörung eine Abschrift.
Alle Pläne mußten mit der Maschine verschwinden. Asko machte sich nichts vor. Auch die Mitarbeiter würden verschwinden müssen, wenn man verhindern wollte, daß alsbald der nächste Irre die Idee wieder aufgriff.
Doch er war sich keineswegs sicher, ob er das konnte. Selbst wenn er herausfand, wer hinter der ganzen Sache steckte – und bislang war ihm eben dies nicht gelungen –, so war er doch kein Killer. Jemanden im Kampf zu töten war eine Sache. Eine ganze Gruppe Menschen, mit der er wochenlang zusammen gewesen war, zu ermorden, eine ganz andere.
Selbst wenn er von Waydt und dessen Handlanger nicht mochte, den Professor als einen völlig überspannten Theoretiker ansah und fest daran glaubte, daß eine Welt ohne einen Meister Marhanor eine geringfügig bessere Welt sein würde, so war er doch immer noch kein Mörder. Man hatte ihn hierher gesandt, um etwas auszuspionieren und nicht, um Massenmord zu begehen.
Daran hätte er denken sollen, ehe er den Auftrag annahm. Er fragte sich, wie Delacroix in einer solchen Lage verfahren würde. Der Mann hatte viele Jahre Erfahrung als Spezialagent. Vielleicht hatte ihn das ja so rauh gemacht, so hart. Er war wie eine Stahlpeitsche. Doch selbst Delacroix hatte seine weichen Stellen – Corrisande, die man in der Maschine verbrennen würde, wenn man ihre Anwesenheit entdeckte.
Wenn Marhanor jetzt die Gegend nach Sí-Signaturen absuchte und vermaß, war es mehr als wahrscheinlich, daß er sie fand, und von Waydt und die Jäger würden lospreschen, um sie zu fangen, sie zu verschleppen und sie schließlich in die Maschine zu bannen. Verbrennen würde sie, ihre Seele würde zu Asche in einem Gerät, das er selbst mit gebaut hatte.
Er wünschte, er könnte sie warnen. Doch es gab keine Möglichkeit dazu, ohne auf sich aufmerksam zu machen. Er konnte nur hoffen, daß ihr Gefahreninstinkt sie davon abhielt, näherzukommen.
Doch sie wußte nicht, was da in den Höhlen auf sie wartete – und auf jedes andere Wesen mit Feyonblut in den Adern. Wenn ihr Mann vermißt wurde, so lag es nahe, daß sie nach ihm suchte. So war sie eben, immer ein gutes Stück waghalsiger, als gut für sie war; nie zu ängstlich, sich mitten in die Schußlinie zu begeben, wenn es etwas zu wagen galt.
Er rollte sich wieder auf seiner Bettstatt herum. Er mußte schlafen. Grübeleien würden ihn nicht weiterbringen. Er konnte nichts für Corrisande tun. Allerdings war ihm klar, daß, sollte sie gefangen werden, ihn das zum Handeln zwingen würde, ganz gleich, ob er Befehl dazu hatte oder nicht.
Schlaf. Seine Gedanken schienen in seinem Bewußtsein zu schwimmen, und er erkannte darin jene extreme Müdigkeit, bei der man die Orientierung verlor, sich im Dunkel um seinen eigenen Sinn drehte. Er versuchte, seine Sorgen loszulassen. Er konnte nichts für Corrisande tun, und auch nicht für Delacroix und wer immer bei ihm war. Oder für Charlotte von Sandling.
Deutlich sah er sie nun vor seinem geistigen Auge. Sie kletterte durchs Dunkel, rutschte, fiel und kroch dann weiter. Sie blickte in seine Richtung, ohne ihn zu sehen, und er stellte zu seinem Entsetzen fest, daß sie blind war, schlimmer noch, daß sie keine Augen hatte. Die ernsten braunen Augen waren aus ihrem Gesicht verschwunden. Blind war sie und schutzlos. Ihre Haut leuchtete weiß in der Dunkelheit, so blutleer blaß, als wäre sie schon nicht mehr am Leben. Mörder, sagte sie, und ihre Stimme hallte durch den Berg bis hin zu ihm und teilte ihm mit, was sie von ihm hielt. Ihre Anklage schnitt in sein Selbstbewußtsein.
Er wollte sie warnen, keinen Lärm zu machen, denn der Meister würde sie finden und den Flammen übergeben, und von Waydt würde sie finden und ihr wehtun. Doch sie hörte ihn nicht, kroch weiter durch die Finsternis und stürzte immer wieder, ohne auch nur aufzuschreien. Dennoch spürte er ihren Schmerz, als sei es sein eigener.
Dann sah er das dunkle Schattengespenst, das ihr wie ein Teil von ihr folgte. Ein Monster schlich hinter ihr her, war dicht hinter ihr, während sie sich blind durchs Dunkel wand. Er sah es, es bestand aus Finsternis und warf riesige, unlogische Schatten gegen die Wände. Krallen hatte es und Fangzähne, und es folgte ihr, kam immer näher, Sekunde um Sekunde, schnüffelte nach ihrem Leben, bereitete sich auf das Erjagen der Beute vor.
Er konnte sie nicht warnen. Er saß fuchtelnd im Dunkeln, doch sie sah ihn nicht, und seine Warnungen verhallten ungehört entlang völlig leerer Tunnel, ohne sie zu erreichen.
Deshalb fing er an zu rennen, kletterte über Felsen, rutsche steile Wände hinab, stieg und fiel zurück, stieg und stieg, ohne je ein Ziel zu erreichen, immer in dem Wissen, daß er sie retten mußte. Ihr Leben war ihm kostbar, und wenigstens einmal noch wollte er sie lachen sehen. Dieses Lachen wurde ihm zum Ziel.
Die Erinnerung an das Lachen glitt durch ihn hindurch und verpuffte. Gehen Sie gern auf die Jagd, fragte sie ihn über den Eßtisch hinweg und lächelte freundlich. Ihr offener Blick traf seinen, war voller Intelligenz und Charme, und er versuchte, ihr zu sagen, daß er nicht zu den Jägern gehörte, daß er in Wirklichkeit ganz anders war, doch schon war sie wieder verschwunden und kroch weiter durch die Höhlen in stiller Agonie, mit dem lauernden Schatten hinter ihr, dessen Klauen sich langsam nach ihr ausstreckten.
Da fiel ihm ein, daß er seine Waffen vergessen hatte und – schlimmer noch – auch seine Befehle, und ohne die konnte er gar nichts tun. Er mußte warten, bis man ihm etwas auftrug. So verharrte er und sah zu, wie sie kroch und fiel und aufschrie vor Schmerz, während der Schatten der Bestie sie langsam einhüllte.
Im nächsten Moment hatte das Wesen sie ergriffen, und Hunger und Lust troffen von seinem gierigen Maul. Spielen Sie gerne Schach, fragte sie und lächelte gesittet. Ich liebe Schach. Wenn wir nur ein Schachbrett finden könnten, könnten wir zusammen eine Partie spielen. Irgendwo muß eines sein. Es gibt so viele, die Gebirge hier sind voller Schach.
Klauen rissen ihr die Kleidung vom Leib, und sie stand splitternackt da, zitterte und versuchte ihre Blöße zu bedecken. Nein, bettelte sie, bitte nicht. Er hörte das Vergnügen des Monsters, seinen leidenschaftlichen, rhythmischen Atem, das triumphierende Stöhnen seines Höhepunktes. Ihr Blut floß über die Felsen, durch die Spalten und Ritzen. In dem kleinen unterirdischen Fluß sammelte es sich, und alle Leuchtkugeln explodierten nacheinander in blutrotem Feuerwerk.
Fortschritt, sagte der Professor, der plötzlich neben ihm stand. Fortschritt ist eine fabelhafte Sache. Reparieren Sie das Licht, es muß aus Versehen etwas Leben hineingekommen sein. So etwas darf einfach nicht passieren.
Eine Instruktion. Asko konnte sie verstehen. Eine klare Aussage, leicht zu befolgen. Licht reparieren. Dunkel abstellen. Er drehte sich um und ignorierte das Blut, das von den Wänden und den Stalaktiten tropfte. Licht reparieren. Das war leicht.
Bitte, flehte ihre Stimme in seinem Kopf, bitte nicht. Doch er entgegnete nichts, denn dazu hatte er keinen Befehl. Das Leben war übersichtlich, wenn man Befehle befolgte und sonst nichts, und wenn man sich nicht gestattete zu lieben, würde man auch nie mehr enttäuscht. Das Herzeleid war für immer vorbei.
Corrisandes himmelblaue Augen sahen ihn über das blutige Wasser hinweg an. Tor, nannte sie ihn und drehte sich um, fand sich in Delacroix’ Armen und küßte ihn, wobei ihre Liebe für ihn wie ein Stern funkelte. Aus dem Funkeln wurden Flammen, und schon brannte sie, verging zu Asche und zerfiel in Delacroix‘ Händen, um mit dem Wind zu verwehen.
Sie haben versagt, sagte der Brite. Ihr Unvermögen hat sie getötet. Sie war mein Leben, und das haben Sie mir genommen. Dafür nehme ich Ihres. Er griff nach Askos Schulter und schüttelte ihn.
Die Hand an der Schulter wurde Wirklichkeit, und Asko schrie fast.
„Träumen Sie schlecht?“ fragte jemand. Einer der Techniker. „Machen Sie sich nichts daraus. Wir träumen alle schlecht. Pausenlos. Muß an dem verdammten Berg liegen. Es hat sicher nichts zu sagen.“