Kapitel 40
Sie schlummerte, eingewickelt in den dicken Mantel, zusammengerollt auf dem harten, rissigen Boden. Sie war zu müde gewesen, um auch nur einen Schritt weiterzugehen, doch der Tag war noch nicht um. Nur eine kleine Pause, hatte sie gebettelt. Nur eine halbe Stunde.
Er wäre lieber weitergegangen. Doch er konnte nicht riskieren, daß sie vor Erschöpfung stolperte und fiel. Verlor sie ihre Konzentration, war auch sie verloren. Das nächste Mal mochte er nicht schnell genug sein, sie zu fangen, ehe sie sich schwer verletzte und er sie nicht mehr heilen konnte. Oberflächliche Blessuren waren leicht zu heilen. Gebrochene Knochen nicht.
Der Berg war groß. Sie kannte alle Gipfel dieser Gegend, doch nur von außen. Bisweilen kamen sie leicht und schnell voran, auch wenn ihr Weg nicht gerade war und sie mitunter umkehren mußten, um eine andere Richtung zu versuchen. Manchmal wurde die Kletterei schwierig und gefährlich und stahl ihnen viel Zeit. Dann wieder waren die Durchgänge im Fels so klein, daß sie sich mit Gewalt hindurchquetschen mußten, ohne zu wissen, ob der Weg nicht immer enger werden würde, ob sie genug Platz haben würden umzukehren, falls sie in eine Sackgasse gerieten. Die Aussicht steckenzubleiben beunruhigte ihn am meisten.
Gesagt hatte er das nicht. Er wollte das zarte Pflänzchen Zutrauen, das in ihr keimte und das sie so nötig brauchte, nicht zerstören. Sie jammerte nie, schenkte ihm ihr Vertrauen und arbeitete sich vorwärts, Schritt um Schritt. Sein Instinkt ließ ihn die Richtung ahnen. Sie selbst hatte jeden Richtungssinn verloren. Er spürte winzige Luftzüge und richtete sich danach aus. Frische Luft konnte nur eines bedeuten, eine Öffnung nach draußen. Seine Sinne sagten ihm, dies sei keineswegs ein geschlossenes Gefängnis. Es war nur schwierig; ein Labyrinth ohne Minotaurus – zumindest hoffte er das. Nicht daß ihm Minotauren Angst eingejagt hätten.
Er selbst war in keiner großen Gefahr. Er konnte länger überleben als das Mädchen, viel länger, wenn er ihr Blut nahm.
Sie schlief nun, erschöpft bis auf die Knochen. Sie war widerstandsfähiger als der Großteil der Damen von Stand, die er kannte. Sie stieg gerne auf Berge, hatte sie gesagt. Sie war lange Streifzüge und Ausritte gewohnt. Doch mit seinem Stehvermögen konnte sie nicht mithalten. Kein Mensch konnte das, und schon gar keiner, von dem er regelmäßig trank.
Als er sie geheilt hatte, hatte ihr süßes Blut ihn die Beherrschung verlieren lassen. Während sie ohnmächtig war, hatte er von ihr getrunken, hatte die Zähne tief in ihre Kniekehle geschlagen, wo die Haut weich und zart war. Es war schwer gewesen, wieder aufzuhören, doch es war ihm gelungen. Er hatte die Bisse geheilt und ihr Zeit gelassen, sich zu erholen. Sie wußte nicht, was er getan hatte. Sie hatten gelacht, als sie von einem Angriff, von dem sie nichts ahnte, wieder erwacht war. Ihr Vertrauen hätte ihn beschämen müssen.
Er war hellwach. Die vollständige Finsternis tat ihm gut. Also hatte er sich diesmal nicht neben sie gebettet, nicht, weil er es nicht gewollt hatte, sondern weil er es zu sehr gewollt hatte. Sie würde allein ruhen. Auch ein Wiegenlied wurde diesmal nicht gebraucht. Sie schlief sogleich, ihr regelmäßiger Atem mahnte ihn, dafür zu sorgen, daß es ihr gut ging. So gut wie möglich. Oder daß sie wenigstens am Leben blieb.
Ein Weilchen hatte er neben ihr gesessen, sie beobachtet und darüber gegrübelt, wie es kam, daß er eine solche Verantwortung auf sich geladen hatte. Es war, als hätte er ein Kind. Nun, nicht ganz. Er trank nicht von Kindern und schon gar nicht von eigenen, und wenn er ihren jugendlich frischen Körper betrachtete, zusah, wie sich ihre Brüste beim Atmen hoben und senkten, wußte er, daß sie kein Kind mehr war.
Normalerweise versuchte er, sich nicht allzu sehr zu engagieren. Abstand machte das Leben leichter. Er war sich seiner eigenen Gefährlichkeit bewußt. Wenn er Menschen allzu nahe an sich heran ließ, gefährdete er die, die ihm teuer waren, und mußte dann mit dem Verlust leben. Es mußte sich lohnen, ein solches Risiko einzugehen.
Das hieß nicht, daß er nicht lieben oder keine tiefen Gefühle haben konnte. Er liebte Cérise mit ganzem Herzen, Sinn und Körpereinsatz. Doch er war wachsam, besuchte sie nur, wenn er sich genährt hatte. Cérise war allerdings eine Ausnahme, so wie die wenigen besonderen Menschen, die er vor ihr geliebt hatte. Wenige waren es gewesen im Vergleich zu den Horden von Menschenwesen, anmutigen Frauen, verlockenden Männern, deren Blut er getrunken und deren Körper er besessen hatte, Jahrhundert für Jahrhundert, in der Befriedigung seiner Gier und seiner Lust. Ganz zu schweigen von den Tausenden, die er getötet hatte, weil sie seinem Hunger zum Opfer gefallen waren.
Auch Freunde hatte er gehabt. Doch gute Freunde waren selten, so selten wie wahre Liebe. Charly sah er als Freundin. Er mochte ihre aufrichtige Art, ihr offenes Wesen und die Wärme ihrer Gefühle. In ihr wohnte kein Arg, sie spielte keine Tricks, sie ließ sich nicht zu dem machen, was die männliche Meinung in einer allzu strengen Gesellschaft sich als künstliches Ideal geschaffen hatte. Sie war ehrlich und freimütig, unschuldig in weitaus mehr als nur einem Sinn, ein Mädchen, das gegen Asko gerne Schach gespielt hätte, weil es genau das als eine besondere Herausforderung empfand. Ein Mädchen, mit dem er selbst gern weit mehr als nur Schach gespielt hätte. Vielleicht würde er das noch. Der Schock, den sie erlitten hatte, saß tief, doch sie würde eine fabelhafte Liebhaberin sein, das wußte er. Sie war wißbegierig und tapfer, und seine reiche Erfahrung sagte ihm, daß sie nicht scheu kichern oder zimperlich sein würde. Sie würde lieben lernen mit dem gleichen wißbegierigen Geist, mit dem sie die ganze Welt erlernen wollte. Wie sie Schach spielte, so würde sie auch lieben, sich mit Hingabe der Herausforderung stellen.
Er mußte aufhören, daran zu denken. Die Erinnerung an ihre zarte Haut an seinen Lippen verfolgte und quälte ihn. Seine Zunge hatte ihr Bein erkundet, und er hatte das mehr als nur gemocht. Doch ihre Bewußtlosigkeit war keine Einladung. Er mochte willige Partner. Er liebte es, die Freude zu sehen und zu spüren, die er selbst bereitete, das Gefühl, wenn ein Wesen in seinen Händen lebendig wurde, wenn das Verlangen der oder des Erwählten mit seinem eigenen wuchs, Zurückhaltung sich in wilde Hemmungslosigkeit verwandelte, in absolute Hingabe. Der Mann, der Charly angegriffen hatte, hatte ihr dies genommen.
Arpad stand auf und ging von ihr fort, inspizierte die verschiedenen Möglichkeiten weiterzukommen. Vielleicht konnte er ihr etwas Mühe und Anstrengung ersparen, wenn er herausfand, in welche Richtung sie jetzt am besten gingen. Sie schlief fest und würde für einige Zeit nicht aufwachen, und in ihrer Nähe gab es keine wirklichen Gefahren. Er hatte ihr versichert, daß sie auf keine Bestien oder Berggeister treffen würden.
Er hatte gelogen. Was eine Bestie war, war Definitionssache; die meisten Menschen klassifizierten ihn als solche, und es gab viel Leben in diesen Bergen, doch sie konnte es weder sehen noch fühlen. Sie hatten mehrere Quellen gefunden, schäumende Bäche, die aus Felsspalten hervorsprudelten. Manche strömten langsam, manche brachen mit unaufhaltsamer Vehemenz hervor. Jedesmal bestand er darauf, daß sie trank, auch wenn sie nicht wollte. Sie brauchte die Flüssigkeit, und vielleicht würde das Wasser ihr ja vorgaukeln, daß sie etwas im Magen hatte.
Zuerst hatte sie aus seinen Händen getrunken. Doch bald konnte er es nicht mehr ertragen, die Bergquellen zu berühren. Nicht einmal die Aussicht, ihre weichen Lippen an seinen Fingern zu spüren, machte die Qual erleidenswert. Das Wasser war voll mit Leben. Starke Wesenheiten berührten ihn, forderten ihn auf, mitzukommen und sich im ewigen Kreis zu verlieren. Es machte ihn nervös, ängstigte ihn sogar. Furcht war nichts, das er oft fühlte, keine Emotion, die er ohne Gegenwehr akzeptierte. Was Furcht betraf, so teilte er weit lieber aus, als daß er sie hinnahm. Doch er war nur ein Feyon und somit kein Gegner für die Gesamtheit von Kreaturen, die ihren zeitverlorenen Tanz in jedem einzigen Wassertropfen tanzten.
Die Begegnung hatte ihn an die Urkraft alter, geheimnisvoller Orte erinnert. Macht, die älter war als seine, dunkler oder auch heller, andersartig, nicht an Zeit und Ort gebunden. Üblicherweise mied er diese Mächte, denn sie bedeuteten ihm nichts, außer daß sie ihm seine Grenzen aufzeigten. Doch war es an der Zeit, sich daran zu erinnern und alte Verbindungen neu einzugehen.
Er berührte die Höhlenwand, und lebendiges Wasser floß über seine Hand. Er zischte vor Beklemmung. Dieser Ort war alt, uralt. Berge, Wasser und Luft gebaren die unterschiedlichsten Lebensformen. Nichtmenschlich, kaum materiell, in manchem wie er und dann auch wieder vollständig anders. Solche Geschöpfe strotzten vor Macht, waren die Kraft, die Leben im Urzustand schuf, ohne menschliche Einwirkung. Er bedeutete ihnen nichts, war nicht mehr als ein vom Pfad abgekommener Nachkomme, der sich in der Menschenwelt verloren hatte, schwach und unbedeutend.
„Ich weiß, daß ihr da seid“, murmelte er. Seine Stimme klang wie das Zürnen einer Bestie, und er entblößte seine langen Eckzähne, nicht aus Hunger oder Lust, sondern um sich als mächtiger Jäger zu manifestieren. Er spürte, wie seine Aggression und sein Grimm in ihm wuchsen. „Ich kann eure Gegenwart fast spüren. Ihr seht zu. Die Menschen haben euch einst als Göttinnen verehrt. Warum verdient ihr euch nicht diese Bezeichnung?“
Wir sind, was wir sind, schien der salzige Fels in seinen Kopf zu sprechen. Wir sind, was wir waren. Wir werden sein, weil wir sind, gluckerte das Wasser.
Er war nicht sicher, ob sein eigener Geist die vagen Antworten geformt hatte oder ob jemand ihm tatsächlich antwortete. Er hatte zu lange mit seiner Beute deren Welt geteilt, um kryptischen Prophezeiungen etwas abgewinnen zu können.
„Zeigt euch!“ befahl er. „Bei der Macht, die mir innewohnt, befehle ich euch: Zeigt euch!“
Du hast keine Befehlsgewalt über uns, sagten die Stimmen. Deine Herrschaft erstreckt sich nur auf Menschen, nicht auf uns. Wir sind das Rückgrat der Erde. Du bist nur eine Mücke, die in einer Sommernacht nach Blut sucht. Vetter, du bist vom Weg abgekommen.
Er bekämpfte den Instinkt, auf die Knie zu sinken. Er war Sí, er war unbeugsam. Knien würde er nicht grundlos.
„Ich bin nicht vom Weg abgekommen“, sagte er böse. „Ich habe mich weiterentwickelt. Die Menschen haben ein Wort dafür. Evolution. Ich achte euch, die ihr so alt seid. Ihr mögt sein, was ihr seid, Gottheiten, Urkraft, Geist, Ursprung, Sí, Fey, Daoine-maithe, die lebende Erde selbst, und ich bin, was ich bin.“
„Ein Zerstörer“, schalt eine alte Frauenstimme, und weniger als einen Atemzug lang vermeinte er, ein runzliges, strenges Gesicht zu sehen, ein Antlitz voller Unwillen.
„Ein Menschenmörder“, sagte eine fürsorgliche Stimme voller Besorgnis.
„Ein Verführer der Unschuld“, kam von den vollkommenen Lippen eines hübschen jungen Mädchens.
Sie waren so schnell fort, daß er sie mit den Augen kaum hatte wahrnehmen können. Gleichwohl kannte er sie. Die Ewigen Frauen, die Lebensbewahrerinnen – Göttinnen nach der gleichen menschlichen Definition, die ihn zur Bestie stempelte. Doch Definitionen waren die Domäne der Menschen. Er und die Kräfte um ihn herum hatten keinen Bedarf an Definitionen, sie existierten schlichtweg. Die Drei waren allerorten, und doch waren sie allenthalben anders. Hier im Gebirge nannten die Einheimischen sie die „Saligen“. Sie besaßen große Kraft, die sie nie anzuwenden schienen. Nicht wie er, dem die ungleich kleinere Herrschaft über Menschen außerordentlich viel bedeutete. Fast konnte er ihre Verachtung riechen.
„Ich achte das Leben!“ rief er ins Dunkel. „Ich töte nur, wenn ich muß, und die junge Frau, die bei mir ist, ist immer noch unberührt. Leider!“ Er schlug voller Zorn mit der Faust gegen den Fels. „Ich spreche euch das Recht ab, über mich zu urteilen, wenn ihr nicht helfen wollt.“
Er drehte sich um und lehnte sich gegen die feuchte, harte Wand.
„Ihr habt die Kraft. Ich verlange nicht viel. Helft uns hier heraus. Helft uns hier heraus, bevor ich sie umbringe.“
Er ballte die Fäuste, dann öffnete er sie, streckte die Finger aus, die plötzlich mit langen Krallen bewehrt waren.
„Bitte“, sagte er. Doch er erhielt keine Antwort. Nichts deutete darauf hin, daß er nicht allein im Berg war. Allein mit seiner Beute.
Er wischte sich die nassen Hände an seinem Gehrock ab. Bergwasser. Wie er es haßte. Es sollte wohl besser zurück zu Charly gehen. Bergwasser hatte eigene Zeitbegriffe. Damit oder durch es hindurch zu kommunizieren konnte einen viel kosten. Zeit flog und zerrte schwächere Lebewesen wie ihn einfach mit. Stunden mochten vergangen sein, oder nur Atemzüge. Er sollte das unterscheiden können, doch er konnte es nicht. Augenblicke, Minuten, Stunden? Sein Unvermögen, es zu spüren, machte ihn wütend. Ein schwächeres Lebewesen – wann hatte er sich zum letzten Mal selbst so gesehen?
Er kramte seine Taschenuhr hervor. Sie war aus Gold, ein Geschenk Cérises. Er trug sie, weil sie modern war, nicht weil er sie brauchte. Er wußte immer genau, welche Sekunde des Tages im Moment verrann, wie viel Zeit blieb, bis die Sonne aufging, wann sie wieder untergehen und ihn die Nacht von seinen Hemmnissen befreien würde.
Nun fühlte er nichts außer Desorientierung, ein Gefühl, das er verachtete. Er war Jäger, Räuber, nächtlicher Verfolger. Er sollte sich nicht schwach und unbedeutend fühlen. Er sollte es nicht nötig haben zu bitten. Er hätte es nie versuchen dürfen. Er war Sí, Teil der Na Daoine-Maithe, und es war unbedeutend, ob er die Lebensart der Menschen nachahmte und ihren Goldschmuck trug.
Die Uhr war stehengeblieben. Du bist vom Weg abgekommen, hatten sie gesagt. Doch was machte das für einen Unterschied? Er war, was er war und würde immer nur das sein. Nur Menschen versuchten, etwas anderes zu sein, als sie waren, und er war kein Mensch, sondern etwas weit Großartigeres und Mächtigeres.
Er hätte nicht um Hilfe bitten sollen. Es war von Anfang an unwahrscheinlich gewesen, daß er welche erhalten würde. Kräfte, die der Zerstörung frönten, würden die Qual des Mädchens und auch seine eigene genießen, und die Mächte des Lebens waren nicht auf der Seite einer Mücke, die in einer einzigen Sommernacht nach etwas Blut suchte.
Was für ein Affront! Ein eklatanter Angriff. So unwichtig war er nicht. Er hatte mehr als ein Leben berührt und verwandelt durch das, was er getan oder sich versagt hatte. Er hatte lange gelebt. Er hatte viele Leben zerstört, sorglos zunächst, im Bewußtsein seiner Macht. Er hatte sich entwickelt. Noch immer konnte er das Töten genießen. Charlys Angreifer das Leben zu nehmen war zutiefst befriedigend gewesen.
Doch er hatte gelernt. Liebe, Gnade und Fürsorge waren ihm nicht mehr fremd. Warum auch? Liebe, Gnade und Fürsorge gab es unter den Sí wie unter den Menschen.
Er kletterte die schmalen Abgründe entlang zurück zu der Stelle, an der er seinen Schützling gelassen hatte. Er bewegte sich flink und grazil, trittsicher, elegant und blitzschnell. Kein Mensch konnte sich bewegen wie er. Er war keine Mücke, die in einer Sommernacht nach etwas Blut suchte. Wenn er Blut wollte, war es nicht weit entfernt. Er mußte es nur nehmen, und wenn er seine Kraft und Macht demonstrieren wollte, so gab es genug Wege, das zu tun. Sie würde weinen und schreien, aber sie würde ihn nicht aufhalten können, und er konnte leicht ihren Sinn so verwirren, daß sie dem Anschein nach Lust und Leidenschaft verspürte. Kein Geschrei, nur Stöhnen und Keuchen vor erzwungener Erregung. Es würde sie zerstören.
Sie war wach, saß in ihren Mantel eingehüllt und hatte die Arme um die Knie gelegt. Ihre nachtblinden Augen waren weit offen, und sie blickte direkt nach vorne, ohne etwas zu sehen. Sie sah ihn nicht kommen, hörte nicht seinen geräuschlosen Schritt. Sie sah besorgt aus. Ihre Lippen bewegten sich lautlos, süße, volle Lippen. Vielleicht betete sie, ganz allein in der Dunkelheit. Er beobachtete sie, musterte ihren Körper, kreuzte ihren blinden Blick, roch ihre Angst. Sie saß und wartete, eine andere Wahl hatte sie nicht. Wenn er jetzt kehrtmachte und ging, würde sie hier für immer sitzen und warten. Oder er konnte sie überwältigen, ehe sie noch wußte, wie ihr geschah. Er konnte ihr Blut trinken, bis sie keinen Tropfen mehr hatte und dann weitergehen, gesättigt. Er konnte ihr mit einem einzigen Prankenhieb die Kleider vom Leib reißen. Er konnte sie überwältigen und genießen.
Sie summte vor sich hin, summte das Wiegenlied, das er ihr in der letzten Nacht gesungen hatte. Sie hatte eine weiche Altstimme, zart und wohltönend, doch unspektakulär und ungeschult. Er stimmte mit ein.
„Dunkelheit hält uns umschlungen;
Lieder werden sanft gesungen,
Sphären sind von Klang durchdrungen
In stiller Nacht.“
Ihre Miene wandelte sich von Sorge in Glücksgefühl und Erleichterung. Er merkte, daß er lächelte, obgleich sie es nicht sehen konnte.
„Du bist wieder da“, sagte sie und streckte ihm die Hände entgegen, dorthin, wo sie ihn vermutete.
„Natürlich“, antwortete er, griff nach den Händen und drückte sie. Dann setzte er sich. „Du hast hoffentlich nicht an mir gezweifelt?“
Sie wurde rot, heißes Blut färbte ihren Teint unter blasser Haut und gab ihm eine frische, begehrenswerte Farbe.
„Nicht richtig. Ich hatte nur etwas Angst. Die Zeit vergeht so schrecklich langsam, wenn man gar nichts sieht. Jeder Augenblick dehnt sich ins Unendliche.“
Ihr Herz schlug gleichförmig. Es war Zeit, sich zu nähren. Die Halsschlagader trommelte eine Einladung. Sie hatte einen so schönen Hals, und war ganz in seiner Macht. Die Macht einer Mücke, die auf Blut aus war in einer Sommernacht.
„Gib mir deine Hand!“
Sie verstand sofort, hielt ihm mit dem Puls nach oben die Hand entgegen. Er ergriff die Hand, sie in seinen.
„Vertraust du mir?“
„Mit ganzem Herzen.“
Mit dem gleichen Herzen, das wie ein allzu volltönendes Instrument das Trommelsolo in einem danse macabre anstimmte.
„Eventuell solltest du das nicht.“
Er küßte ihr Handgelenk, spürte seine lustvolle Vorfreude ins Unermeßliche steigen. Seine Lippen reisten über ihre Haut zur Handfläche, seine Zähne glitten daran entlang ohne sie zu verletzen, voller Vorfreude, ein Vorspiel, in die Länge gezogen, um genau den richtigen Moment abzuwarten, wenn keine Steigerung der Vorfreude mehr möglich war.
„Ich bin am Leben, weil du bei mir bist, Arpad“, sagte sie, und ihre Stimme klang angespannt und zaudernd.
Seine Zunge kostete die Haut über ihrem Puls, bereitete sie vor. Sie war sein. Sein Fang, sein Opfer, seine Eroberung. Er hielt den Schmerz in ihrem Geist auf und biß zu. Ihr Stöhnen klang neu und anders, seine empfindlichen Ohren erfaßten den Unterschied. Sie war ängstlich. Doch sie war nicht abgeneigt.
Ihr Blut schmeckte wundervoll. Er zwang sich, langsam zu trinken, obwohl ihm mehr danach war, mit aller Kraft den Lebenssaft in sich zu saugen, um seinen großen Hunger, seine ihn beherrschende Lust zu stillen. Bedächtig. Wenn er es bedächtig tat, würde es leichter sein aufzuhören. Es mußte doch etwas geben, womit seine immense Gier in den Griff bekommen konnte, das ihm half, sich selbst zu überwinden. Sie war so wundervoll, salzig von der Luft und von ihrem eigenen Schweiß. Ihre Haut schmeckte wie nach einem Liebesakt.
Er genoß jeden Schluck Leben. Aus dem Augenwinkel heraus beobachtete er sie, während er trank, und begann, mit sich zu ringen, als eine plötzliche Blässe über ihr Gesicht ging und sie sich schwer gegen den Fels lehnte. Er heilte ihre Blessuren. Zu viel. Er hatte zu viel genommen.
Er nahm sie sanft in die Arme. Sie wehrte sich nicht, schob ihn nicht fort, ließ sich kraftlos umfassen.
„Es ist vorbei. Keine Angst.“
Sie lehnte den Kopf an seine Schulter. Ihr Atem ging flach. Verdammt! Warum konnte er sich nicht beherrschen?
„Ich habe keine Angst. Mir wird es gewiß gleich besser gehen. Gib mir nur etwas Zeit.“
„Alle Zeit, die du haben willst.“ Er strich ihr übers Haar. Alle Zeit, die sie noch hatte, ehe er irgendwann viel zu weit gehen würde. „Hast du gut geschlafen?“
Er erlaubte ihr nicht, sich in eine Bewußtlosigkeit zu flüchten. Es war wichtig, sie wachzuhalten, sie reden zu lassen.
„Ja. Ich war so furchtbar ermattet.“
„Hast du etwas Schönes geträumt?“
Er spürte, wie sie tief errötete.
„Erzähl!“
„Nein!“ sagte sie entschlossen und zog den linken Mundwinkel nach unten, während ihr rechter nach oben zuckte. „Du würdest dich über mich lustig machen, mich auslachen.“ Sie lehnte bleiern in seinem Arm, vertraute ihm, daß er sie sicher hielt und nichts tat als eben nur das. Was für ein Fortschritt. Verdient hatte er es nicht.
„Ich verspreche, daß ich nicht lachen werde!“ antwortete er und beobachtete ihr Gesicht, wie es einen unentschlossenen Ausdruck annahm. „Wovon hast du geträumt? Von mir?“
„Nein.“ Nur nein. Keine Erklärungen.
„Ich bin betrübt. Von wem dann? Von Orven?“
Sie wand sich in seinem Arm, versuchte, ihr Gesicht an seiner Schulter zu verstecken, während eine erneute Röte in ihre Wangen schoß. Jetzt lachte er doch, freute sich diebisch über ihr Unbehagen.
„Ich denke, da sollte ich wohl eifersüchtig sein“, feixte er und lauschte nebenbei ihrem unsteten Herzschlag. „Da sind wir zusammen im Dunkeln, und du träumst von anderen Männern. Das bestürzt mich zutiefst.“ Er nahm ihr Gesicht in die Hand und hob es aus seinem Versteck. „Heraus damit! Was hast du im Traum mit deinem rotblonden Helden gemacht? Ich will alle Details wissen.“
Sie wartete einige Sekunden, dann begann sie zu sprechen, keuchte ein wenig zwischen den Sätzen. Doch es ging ihr besser. Sie war schwächer, als sie für eine Klettertour durch die Höhlen sein sollte, doch das war nicht zu ändern.
„Ich hörte einen Dudelsackpfeifer“, sagte sie. „Der Dudelsack tönte durch den Berg, und ich bin dem Klang gefolgt. Es war einfach. Mein Herz strahlte in einem himmelblauen Licht, wie ein Leuchtfeuer, ich mußte nur seiner Richtung folgen. Ich kam in eine Höhle tief unter dem Berg. Ein junger Mann stand da, er hatte rötliche Haare. Er lächelte, und man sah, daß er mehrere Reihen Zähne hatte, und dann kam ein zweites blaues Licht, und ich sah, daß Herrn Meyers Herz im gleichen Licht strahlte. Der Knabe stand zwischen uns. Er zog an dem Licht, als wäre es ein Seil. Dann verwob er die beiden Lichtenden, meines mit dem Herrn Meyers, und sagte ‚Findet mich durch die Kraftlinien der Liebe‘. Ich bin aufgewacht, ehe ich ihn fragen konnte, was er mit Kraftlinien meint.“
Er schwieg.
„Weißt du, was Kraftlinien sind?“
„Nein. Gibt es so etwas?“
„Ja. Das war ein bedeutsamer Traum. Ich kann ihn noch nicht ganz deuten, aber von Orven wird noch einmal eine Rolle in unserem Leben spielen.“ In ihrem kurzen, seinem langen Leben. Ihrem sehr kurzen Leben, wenn er nicht behutsamer wurde. „Was hast du gefühlt, als du dem Herrn Leutnant begegnet bist?“
Sie vergrub wieder ihr Gesicht und sagte nichts. Doch er spürte ihr betretenes Grinsen.
„Warst du in ihn verliebt – im Traum?“ hänselte er sie.
Sie nickte beschämt.
„Es war nur ein Traum“, sagte sie und blickte hoch, ohne ihn sehen zu können. Einen Augenblick später begann sie zu lachen und zu glucksen. Ihr bleiches Gesicht wirkte peinlich berührt. Ihre Augen glitzerten, die nußbraune Iris war nur ein schmaler Ring um die großen schwarzen Pupillen. Ihre Nase zuckte. Das tat sie immer, wenn lachte.
„Ich meine, ich habe mir Cupido immer ganz anders vorgestellt. Jedenfalls nicht in einem karierten Schottenrock. Allerdings ist er immer unpassend gekleidet – wenn überhaupt. Zumindest die Statuen, die ich kenne. Vermutlich muß man für den Kilt dankbar sein.“
Ihr Gelächter hallte gemeinsam durch die Höhlengänge.