Kapitel 53

Sophie öffnete die Tür vorsichtig, lugte durch den Spalt und versuchte gleichzeitig, Cérise nicht in der Schußlinie zu stehen. Marie-Jeannette und von Görenczy standen im Flur, letzterer in trocknen Sachen, sein halblanges, dunkles Haar trockengerieben und ordentlich gekämmt. Alle Spuren von Wasser und Schlamm waren verschwunden.

„Meine Damen“, sagte er, „ich weiß, es ist eine Zumutung, aber da wir keinen angemesseneren Ort haben, möchte ich höflich bitten, daß Sie mich einlassen, damit wir ein paar Dinge besprechen können.“

Sein Blick flog durch den Raum und blieb kurz an Corrisande, die rot anlief und zu Boden schaute, und an Cérise Denglot, die nicht errötete, sondern ihre Pistole weiter auf ihn gerichtet hielt, hängen.

„Bitte erschießen Sie mich nicht“, fügte er zynisch hinzu. „Das wäre laut, unordentlich und verdammt unsubtil. Denken Sie an Ihren Ruf. Harmlose Landschaftsmaler niederzuschießen könnte ihn beschmutzen.“

„Aber nein“, gab Cérise mit einem bösen Lächeln zurück. „Einen Herrn zu erschießen, der weit nach Mitternacht versucht, in mein Schlafgemach einzudringen, würde meinen Ruf nicht beflecken. Die Leute würden mir dazu gratulieren, daß ich ein so reiner, unbefleckter Engel bin.“

„Ja“, gab Udolf ebenso mißvergnügt zurück. „Die Leute im allgemeinen sind ja solche Idioten, nicht wahr?“

„Görenczy, Sie Flegel, wenn Sie sich nicht benehmen können …“ begann Cérise Denglot hitzig, wurde jedoch von Frau Treynstern unterbrochen.

„Bitte kommen Sie doch herein, Herr Grossauer, und nehmen Sie Platz! Hier ist ein Stuhl. Wir werden uns auf die Betten setzen. Mehr Bequemlichkeit können wir Ihnen leider nicht bieten.“

Von Görenczy und Marie-Jeannette traten in den kleinen Raum. Die Zofe schloß die Tür und lehnte sich dagegen. Auf ihrem hübschen Gesicht lag ein süßes Lächeln, als ihre Blicke dem Offizier durch den Raum folgten. Cérise fragte sich, was wohl aus der Wärmflasche geworden war, die sie dem Mann versprochen hatte. Von Görenczy stand nun vor Corrisande, verneigte sich tief und streckte ihr die Hand entgegen.

„Ich danke Ihnen für die Rettung meines Lebens. Ich werde mich bis ans Ende meiner Tage an Ihre freimütige Tapferkeit erinnern.“

„Das werden Sie gefälligst lassen“, schalt Cérise. „Sie werden die Angelegenheit schnellstens vergessen und nie mehr daran denken – und sie auch keinem gegenüber erwähnen.“

Die feingliedrige Frau in dem hübschen Morgenmantel errötete erneut, doch streckte sie ihm ihre Hand entgegen, und er beugte sich darüber zu einem perfekten, höflichen und untadeligen Handkuß.

„Ich mag mein Leben“, sagte er zu Corrisande und meinte doch Cérise. „Ich werde niemanden vergessen, der so viel dazu beigetragen hat, es zu erhalten.“

„Dann sollten Sie ganz sichergehen, daß Sie nur die Aspekte im Gedächtnis behalten, die wir Ihnen zugestehen, und alle anderen vergessen“, tadelte Cérise.

Er lächelte fröhlich.

„Selbstverständlich“, sagte er zu Corrisande, als hätte sie gesprochen. „Ich werde nur die Seiten im Gedächtnis behalten, an die ich mich gern erinnere, und alle anderen sofort vergessen.“

Corrisande senkte ihren Blick, und Cérise bemerkte trocken: „Ich glaube, ich werde Sie doch erschießen müssen. Ich denke nicht, daß man mich dafür belangen wird. Im Gegenteil. Vermutlich werde ich ein Dankesschreiben von Ihren Vorgesetzten erhalten und ein Präsent von jeder Frau, die Sie je trafen.“

Bevor der Offizier noch auf diesen letzten Angriff reagieren konnte, mischte sich Frau Treynstern wieder ein.

„Es ist spät. Wir sind müde, und Mrs. Fairchild ist ermattet. Kommen Sie zur Sache.“

Er drehte sich zu ihr um, schlug die Hacken zusammen und verneigte sich. Er verstand einen Befehl, wenn er einen hörte, und eine übergeordnete Autorität zu erkennen lernte man ebenfalls beim Militär.

„Frau Treynstern, ich weiß nicht, was für eine Rolle Sie in dieser Affäre spielen …“

„… und es geht Sie auch nichts an“, unterbrach Cérise Denglot.

„… aber ich werde so frei sein, Sie als Teil dieser wirren Angelegenheit zu betrachten, wenn Sie erlauben.“

„Ich erlaube keinesfalls, daß Sie mich als Teil einer ‚wirren Angelegenheit‘ betrachten, sondern bitte mir ein wenig mehr Respekt aus, Herr Grossauer. Wie auch immer.“ Frau Treynstern schenkte dem jungen Mann ein trockenes Lächeln und blickte ihn streng an. „Wenn man zusammennimmt, was Sie uns erzählt haben und was wir bereits wußten – oder doch annahmen –, so komme ich zu dem Schluß, daß Sie hier im Spionageauftrag sind. Ich sollte Ihnen also sagen, daß ich Österreicherin bin und nicht gestatten werde, daß mein Land durch feindliche Intervention Schaden nimmt.“

Der Offizier verbeugte sich noch einmal und blickte ein wenig betreten drein.

„Frau Treynstern, ich schätze Ihre Ehrlichkeit, doch glauben Sie mir, ich bin nicht im Dienste einer ‚fremden Macht‘ hier unterwegs. Die Vorgesetzten, denen ich berichte, sind Ihre Landsleute, und nichts liegt mir ferner, als Ihrem Land Schaden zuzufügen. Vielleicht sollten wir damit anfangen, daß Sie mir sagen, was Sie alle hierher gebracht hat und was Sie bislang herausgefunden haben.“

Er folgte Sophies Geste und nahm Platz. Corrisande sprach als erste.

„Wir sind hier, weil wir alle drei Warnungen erhalten haben, daß die, die wir lieben …“, sie lächelte Frau Treynstern etwas betreten zu, „… oder schätzen, sich in großer Gefahr befinden. Wir hatten alle den gleichen Traum, in dem sich mein Mann und Graf Arpad in einem Berg befanden, in einem Bergwerk oder Höhlensystem. Ihr Leben war in Gefahr. Wir entschlossen uns zu handeln. Ich hatte keine Nachricht von meinem Mann, und Mlle. Denglot wußte auch nichts über den Verbleib Graf Arpads. Ich wußte, in welche Richtung mein Ehemann zusammen mit McMullen gereist war, um dessen Neffen zu finden. So sind wir den Herren hinterhergereist. Der Junge hatte in seinem Brief eine Adresse angegeben und von einem Geheimnis gesprochen, dem er auf der Spur war. Weder Philip noch Mr. McMullen maßen dem eine Bedeutung bei, doch je mehr wir erfahren, desto wahrscheinlicher scheint es, daß hier üble Machenschaften am Werk sind. Sie haben meinen Mann gesehen – war er gesund?“

Udolf zwirbelte seine Schnurrbartenden und blickte unglücklich drein.

„Er ist gesund und unversehrt. Er hat einen Gegner niedergeschlagen, einen anderen mit dem Messer erledigt. Er und McMullen mußten einen anderen Weg aus dem Berg finden. Meine Damen“, er sah sie alle an, „Sie sollten nicht hier sein. Die ‚Machenschaften‘ sind absolut übel, und die Leute, die darin verwickelt sind, haben keinerlei Skrupel. Dennoch denken sie“, er sprach zu Frau Treynstern, „– das will ich Ihnen nicht verheimlichen –, das, was sie da tun, sei zum Wohle Österreichs. Asko hat jedoch berichtet, ihr Plan sei gänzlich skrupellos und werde den Tod abertausender unschuldiger Menschen zur Folge haben – ein Großteil davon Zivilisten. Ganze Regionen in Stadt oder Land würden zerstört, leergefegt, und jeder Feyon, den sie erwischen könnten, getötet.“ Er blickte Corrisande an. „Sie wissen, Asko mag die Sí nicht. Doch selbst er war bestürzt. Mehr darf ich nicht sagen. Höchstwahrscheinlich habe ich schon zu viel gesagt.“

„Lieber Himmel!“ rief Frau Treynstern aus.

„Oh nein!“ seufzte Corrisande. „Gehören sie zur Bruderschaft?“

Leutnant von Görenczy zuckte die Achseln.

„Delacroix nimmt es an. Sie haben einen außerordentlich mächtigen Magier. McMullen hat seinen Meister gefunden. Asko glaubt auch, daß der Mann irgendwie mit der Bruderschaft zu tun hat. Aber wir haben keinen Beweis dafür. Er konnte ihn nicht gut fragen.“

„Was für eine Rolle spielt Leutnant von Orven bei alledem?“ fragte Cérise Denglot.

„Er hat sich in die Gruppe eingeschleust. Sie trauen ihm. Er ist schon eine Weile dabei und hätte mir vor ein paar Tagen berichten sollen, doch ich bin in eine Felsspalte gefallen und konnte nicht heraus. Delacroix hat mich befreit. Ich scheine der Familie Fairchild dauernd Dank für meine weitere Existenz zu schulden. Einer hat mich aus den Tiefen der Erde befreit, eine aus dem Wasser.“

„Wir haben alle unsere Elemente.“ Corrisande schmunzelte. „Was gedenken Sie nun zu tun?“

„Ich muß nach Ischl, zum Rapport. Ich muß wissen, wie weiter vorgegangen wird, und dann muß ich Asko informieren und ihn da herausholen, ehe jemand Verdacht schöpft. Das Problem ist, wir wissen nicht, wer hinter all dem steckt. Es muß ein einflußreicher Mann sein. Was immer wir unternehmen mag nutzlos sein, wenn wir ihn nicht eruieren können.“

„Der Baron“, sagte Sophie. „Unsere Wirtin sagte, die Burschen gehörten zum Baron. Den Namen hat sie nicht erwähnt.“

„Wir könnten sie wecken und fragen“, schlug Corrisande vor.

Von Görenczy schüttelte den Kopf.

„Sie ist wach. Wir waren nicht gerade leise. Sie muß uns gehört haben. Normalerweise würde man erwarten, daß eine Wirtin aufsteht und nachsieht, was in ihrem Haus vor sich geht. Es ist bedenklich, daß sie es nicht getan hat. Vielleicht steckt sie mit drin.“

„Sie mochte die Kerle nicht ein bißchen“, sagte Cérise.

„Das mag sein“, gab der Chevauleger zur Antwort. „Doch sie ist Österreicherin und mag in Abhängigkeit zu diesem Baron stehen. Also sollten wir damit rechnen, daß sie Informationen – zumal über mich – weitergeben würde.“

„Ich finde, wir sollten es riskieren“, meinte Sophie.

„Frau Treynstern, ich achte Ihren Standpunkt und Ihre Ratschläge, aber ich möchte doch unterstreichen, daß Sie nicht in der Position sind, meine Risiken zu kalkulieren.“

Die Brauen der Dame zuckten nach oben, und sie verneigte sich steif.

„Verzeihung. Ich werde mich in Ihre Angelegenheiten nicht mehr einmischen.“

„Udolf, Sie sind ein solcher Narr“, schalt Cérise verächtlich. „Wir wollen helfen. Nicht weil Sie so ein charmantes Gottesgeschenk an die Frauen sind, sondern weil wir auf derselben Seite stehen. Also schlucken Sie Ihren dummen, eitlen Stolz hinunter und hören Sie auf unseren Rat.“

„Rat, liebe Cérise, kann man erteilen, wenn man weiser und besser informiert ist als der, dem man rät.“

„Das mag sein,“ gab die Sängerin zurück, „doch selbst wenn wir vielleicht nicht mehr wissen als Sie, wird doch niemand, der halbwegs richtig im Kopf ist, behaupten, Sie wären weise.“

„Cérise, ich weigere mich …“

Diesmal unterbrach Marie-Jeannette.

„Wie werden Sie nach Ischl kommen, Herr Leutnant?“

„Ein Pferd mieten, die Postkutsche nehmen oder mit einem Salztransport mitfahren. Ich habe noch nicht darüber nachgedacht.“

„Das sollten Sie aber“, empfahl Frau Treynstern. Offenbar war sie ihm nicht mehr gram. Junge Männer und ihr Hochmut waren nichts, was sie allzu sehr erschütterte. „Die Herren, die vorhin hier waren, sind unterwegs nach Grundlsee und von dort möglicherweise nach Aussee. Sie könnten ihnen in die Arme laufen. Wissen sie, daß Sie entkommen sind?“

Von Görenczy sah sie besorgt an.

„Ja. Sie haben frecherweise versucht, mich zu erschießen, aber nur mein Boot getroffen. Sie glauben wahrscheinlich, ich wäre ertrunken.“

„Doch wenn Sie lebendig in Grundlsee oder Aussee auftauchen, würden sie es vermutlich merken. Man würde Sie erkennen, oder nicht?“

„Ich weiß nicht. Als man uns gefangennahm, konnte ich nicht sehen, wer die Männer waren, die uns in den Berg schafften.“

„Also könnte jeder, dem Sie begegnen, Sie als flüchtigen Gefangenen erkennen, als jemanden, der ihm gefährlich werden kann? Ohne daß sie wiederum ihn erkennen?“ fragte Corrisande.

Von Görenczy nickte.

„Das muß ich riskieren. Ich muß durch Grundlsee, um nach Aussee zu gelangen, und durch Aussee, um auf die Straße nach Ischl zu kommen.“

Stille senkte sich über den Raum.

„Ich kann Sie nicht begleiten“, sagte die Sängerin schließlich. „Doch Sie wären weitaus sicherer, wenn Sie nicht allein unterwegs wären.“

„Das stimmt“, pflichtete ihr Frau Treynstern bei. „Nach einem Paar oder einer Gruppe sucht wahrscheinlich niemand. Sicher nicht nach Damen. Einer von uns sollte Sie begleiten.“

„Das geht nicht. Wir haben eine Audienz“, erinnerte Corrisande.

„Eine Audienz? Mit wem? Was …“

„Mit einer Heiligen“, schmunzelte Cérise geheimnisvoll.

„Mit dreien“, korrigierte Frau Treynstern.

„Genau, und mit einer Mutter“, fügte Corrisande kryptisch hinzu.

„Was …“ Doch Leutnant von Görenczy war es nicht vergönnt, etwas zu fragen.

„Ich könnte mitgehen“, schlug Marie-Jeannette vor und versuchte sichtlich, vernünftig und nicht übereifrig zu klingen. „Ich kann mich als seine Frau verkleiden. Niemand wird uns erkennen. Es ist ganz einfach, Ihr Aussehen ein wenig zu verändern, Leutnant. Wir nehmen Ihnen den Oberlippenbart ab, bleichen Ihr Haar an den Schläfen, schneiden es kurz – das läßt Sie ganz anders aussehen. Ich muß mir nur ein Kleid und etwas Gepäck borgen.“ Sie lächelte süß. „Mademoiselle Denglot und ich haben die gleiche Statur. Vielleicht eines ihrer Kleider …“

Cérise sprang auf.

„Du unverschämtes …“

„Eine ausgezeichnete Idee, mein Kind“, unterbrach Frau Treynstern, die die Sängerin gar nicht erst in Fahrt kommen ließ. „Doch ich kann nicht gestatten, daß Sie allein mit einem jungen Mann reisen. Noch dazu als dessen Ehefrau. Es wäre schlichtweg unerhört.“

„Ich pfeife auf unerhört“, gab von Görenczy unpassenderweise zurück. „Ich kann doch kein Mädchen mit auf eine Reise schleppen, auf der es gefährlich wird.“

„Es wird weniger gefährlich, wenn sie mitkommt“, meinte Corrisande nachdenklich. „Sie hat recht. Sie ist gut darin, das Aussehen von Menschen zu verändern, also sollten wir sie gewähren lassen. Ich verlasse mich auf Ihre Ehre, Herr Grossauer. Ihr Verhalten wird einwandfrei sein. Sowohl ich als auch Philip wären ungehalten, wenn es das nicht wäre. Meine Wut mögen Sie verschmerzen, doch seine würden Sie zu spüren bekommen.“

„Teure Mrs. Fairchild …“ begann Leutnant von Görenczy empört, doch niemand hörte ihm zu.

„Dann sollten wir uns beeilen“, sagte Frau Treynstern. „Der Morgen ist nicht mehr fern, und ich denke, Herr Grossauer sollte sich ein wenig ausruhen, ehe es losgeht. Marie-Jeannette, suchen Sie die Sachen zusammen, die Sie brauchen. Danach werden wir den Herrn in einen glücklichen Frischvermählten verwandeln. Mademoiselle Denglot, ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie dem Mädchen alles Nötige leihen könnten. Corrisandes Kleider wären ihr zu klein, und mein Stil ist nichts für ein junges Mädchen. Wir werden für die beiden eine Tasche packen.“

„Meine Damen, ich versichere Ihnen, daß ich keineswegs …“

„Frau Treynstern, Sie glauben doch nicht, daß ich meine wertvollen Seidengarderoben auf eine Zofe hänge …“

„Das Grüne würde ihr stehen“, unterbrach Corrisande. „In den Bergen werden Sie es ohnehin nicht brauchen. Es ist zu vornehm für Spaziergänge in der Wildnis.“

„Aber …“ protestierte der Offizier.

„Aber …“ protestierte die Diva.

„Gehen Sie packen, Herr Leutnant, und vergessen Sie Ihre Waffen nicht, oder was immer Sie brauchen, um Sie beide zu beschützen“, unterbrach Frau Treynstern. „Wenn wir Sie erst in ein charmantes junges Paar auf einer romantischen Reise verwandelt haben, werden wir uns eins der Boote am Steg leihen.“

„Bleiben Sie nah beim Ufer. Da sieht man Sie nicht so“, riet Corrisande.

„Meine Damen, ich kann doch unmöglich …“ Der Offizier protestierte noch immer.

„Du lieber Himmel, jetzt tun Sie schon, was getan werden muß. Sie haben einen Auftrag. Philip hätte weniger Skrupel“, drängte Corrisande.

„Liebe Mrs. Fairchild, ich kann nicht glauben, daß Sie es begrüßen würden, wenn Ihr Ehemann mit Ihrer als Gattin verkleideten Zofe durch die Lande …“

„Junger Mann! Beeilen Sie sich. Wir haben nicht die ganze Nacht Zeit!“ befahl Frau Treynstern mit trügerischer Sanftheit.

Udolf sprang auf und verließ den Raum eine Spur zu eilig, wobei er etwas Unverständliches in seinen Schnurrbart brummelte.

Mlle. Denglot lachte plötzlich.

„Er wird uns dafür hassen! Das ist brillant. Was für ein Spaß! Frau Treynstern, Sie sind ja ein richtiger Feldmarschall. Wenn Sie ein Mann wären, hätten Sie sicher beim Militär Karriere gemacht.“ Sie sah die attraktive Zofe an und seufzte. „Es bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als sie in eine Dame zu verwandeln. Ich hoffe, Sie sind sich dessen bewußt, daß dazu mehr gehört als ein Seidenkleid.“

„Marie-Jeannette kann sich ausgezeichnet benehmen, wenn sie sich Mühe gibt“, bemerkte Corrisande süßlich, und ihre Zofe knickste brav und lächelte schelmisch.

„Liebes Mädchen“, sagte Frau Treynstern streng. „Ich will, daß Sie sehr vorsichtig sind. Junge Männer sind voller Hinterlist, und dieses Prachtexemplar ist gewiß nicht besser als der Rest. Ich will nicht, daß Sie zu Schaden kommen. Halten Sie ihn von sich fern, und treten und beißen Sie, wenn er das nicht akzeptiert. Er wird Ihnen viele Komplimente machen. Seien Sie so klug, diese richtig einzuschätzen. Er ist ein junger Mann, und er wird mehr versprechen, als er je zu halten gedenkt. Sie wissen, was ich meine?“

„Oh ja,“ erwiderte Marie-Jeannette mit einem schwärmerischen Lächeln.

„Wisch dir dieses Lächeln aus dem Gesicht“, befahl Corrisande.

Die junge Zofe blickte sittsam zu Boden.

„So ist‘s besser“, brummte Cérise. „Mon Dieu! Wo kommt die Welt nur hin, wenn Dienstboten sich als Damen verkleiden und man Offizieren erklären muß, was sie zu tun haben.“

„Sie sollten sich wirklich häufiger moralisch entrüsten, Cérise“, kommentierte Corrisande boshaft. „Es steht Ihnen. Es verleiht Ihnen etwas Engelhaftes.“

„Liebe Corrisande. Ich bin ausnehmend oft moralisch entrüstet, meist über meine eigenen Entscheidungen. Der Zustand der Entrüstung ist anregend und gut für den Teint.“ Sie wandte sich an Marie-Jeannette. „Jetzt tummeln Sie sich. Holen Sie mein Kleid, wenn Sie es denn unbedingt tragen müssen!“

Das Mädchen knickste.

„Ich werde versuchen, dem Kleid gerecht zu werden, Mademoiselle“, sagte sie und grinste breit.

Die Diva sah sie zweifelnd an.

„Das Problem ist, daß Ihnen das möglicherweise sogar gelingt. Bitte behalten Sie im Kopf, daß von Görenczy ein Idiot ist. Er sieht gut aus, ist adrett und tollkühn. Aber er ist ein Idiot. Wenn er erst einmal in Ihrem Dekolleté versinkt, wird er irgendwelche Angreifer gar nicht kommen sehen. Wenn Sie also Ihre eigene Sicherheit schätzen – und Sie sollten die Gefahr nicht auf die leichte Schulter nehmen –, sollten Sie sich nicht ausschließlich auf ihn verlassen. Seien Sie wachsam und auf alles gefaßt – ohne daß er es bemerkt.“

„Richtig“, pflichtete ihr Sophie bei. „Vergessen Sie nicht die Gefahr, in der Sie sich befinden. Lassen Sie sich nicht ablenken. Sie haben eine wichtige Rolle übernommen.“

„Wir müssen morgen ohne Zofe auskommen“, klagte Cérise Denglot. „Ich kann nicht sagen, daß ich auf so große Entbehrungen vorbereitet war.“

„Denken Sie an Arpad und die Gefahr, in der er sich befindet. Ich bin sicher, der Gedanke wird Ihr Durchhaltevermögen stärken“, sagte Corrisande gehässig.

„Meine liebe Corrisande …“ begann die Diva giftig.

„Meine liebe Corrisande …“ unterbrach Frau Treynstern. „Bitte gehen Sie jetzt zu Bett und versuchen Sie, etwas zu schlafen. Die Nacht war bei weitem aufregender, als für Sie in Ihrem derzeitigen Zustand gut ist.“

„Seien Sie dankbar, daß Sie in diesem Zustand schon waren, bevor Sie schwimmen gegangen sind“, säuselte die Sängerin zufrieden.

Corrisande erwiderte nichts darauf, aus Angst, erneut die Fassung zu verlieren. Sie kroch ins Bett und zog die Decke bis zum Kinn hoch. Dann drehte sie sich zur Wand und versuchte – wie bereits im Wasser –, das Gesicht ihres Mannes vor ihrem geistigen Auge erstehen zu lassen. Diesmal gelang es ihr. Sie sah ihn im Dunkeln sitzen. Sein Antlitz war felsenhart.

„Ich liebe dich!“ wisperte sie stimmlos.

Seine gelben Augen schienen einen Moment in ihre zu blicken und gehörten dann plötzlich einem anderen.