Kapitel 48
Sie waren froh, daß sie zwei Laternen hatten. Hardenburg und sein verblichener Kamerad hatten je eine gehabt. Lange würden sie allerdings nicht vorhalten. Sie hatten die Kleidung der Männer durchsucht und einen Schatz an Streichhölzern gefunden, eine Taschenuhr und einen Briefentwurf, der mit „Mein hochverehrter Freund und Gönner“ begann – ein Name stand nicht dabei. Trotzdem hatten sie ihn mitgenommen. Die dicke, warme Wollweste, die Hardenburg gegen die Kälte getragen hatte, wärmte jetzt McMullen, der gemeint hatte, in seinem Alter wären kalte Höhlen der Gesundheit abträglich.
Delacroix hatte sein Messer wieder an sich genommen und es an der Kleidung des Opfers abgewischt. Dann waren sie losgegangen, wenngleich auch in die Gegenrichtung, in der Leutnant von Görenczy verschwunden war.
Die Lampe gab nur wenig Licht und würde bald ausgehen. Sie eilten voran, stolpernd und stumm. Als sie an eine Gabelung kamen, wählten sie den Weg, der aufwärts führte. Nach einiger Zeit führte der Felsspalt allerdings wieder abwärts, brachte sie tiefer in die Eingeweide des Berges.
„Wir sollten umkehren“, schlug Delacroix vor und hielt an, als der Weg vor einem Abgrund endete, den sie auf Händen und Füßen hinabklettern mußten. „Wir müssen unterhalb der Talsohle sein. Hier kann es keinen Ausgang geben.“
McMullen sah ihn bedrückt an.
„Wenn wir jetzt umkehren, laufen wir unseren Verfolgern direkt in die Arme – wenn sie schon unterwegs sind.“
„Können Sie sie spüren?“ fragte Delacroix, der wußte, daß McMullen die Begabung hatte, nahende Menschen ausfindig zu machen.
„Nicht ohne Magie anzuwenden, und das könnte dem Meister unsere Position preisgeben.“ McMullen klang pikiert und gleichzeitig auch ein wenig ehrfürchtig.
„Kann er uns so nicht spüren?“
„Eventuell. Ich weiß es nicht. Vielleicht reicht es ihm ja, uns in den Höhlen sterben zu lassen. Wenn er den Berg tatsächlich schließen konnte, braucht er uns nicht zu verfolgen. Andererseits kann selbst er einen solchen Spruch nicht ewig aufrechterhalten. So viel Energie hat niemand. Doch er kann uns eine Weile hier festhalten.“
„Dann brauchen wir ein Versteck“, antwortete Delacroix.
„Das suchen wir gerade. Doch wir müssen noch weiter. So nah an ihrem Quartier sind wir zu leicht aufzufinden.“
„Ich weiß. Weit werden wir aber nicht kommen. Diese Kerze wird bald heruntergebrannt sein, und wir brauchen die andere, um zurückzufinden.“
Sie standen einander stumm gegenüber. Dann sprach Delacroix wieder.
„Miese Lage. Die mieseste, in der wir je waren. Doch das habe ich früher auch schon behauptet. Entweder werden unsere Abenteuer Jahr für Jahr übler, oder es kommt uns jedes Mal wieder so vor.“
„Wir stecken ganz schön in der Klemme. Aber tot sind wir noch nicht, und auch noch nicht machtlos. Bevor wir hier Hungers sterben, werden wir eben zurückgehen und die Sache ausfechten. Ich verlasse mich auf Ihre berühmt-berüchtigte Kampfeswut, um uns eine Bresche durch ein Dutzend Österreicher zu schlagen.“
„Danke für so viel Gottvertrauen. Aber Kugeln prallen nicht an mir ab, und Zauberei auch nicht. Die Burschen haben mein Amulett. Unsere Chancen stehen schlecht, alter Freund.“
McMullen nickte und grinste zerknirscht.
„Sie waren schon besser. Trotzdem, wir sollten weitergehen. Wir vergeuden wertvolles Licht.“
Sie begannen den Abstieg. Wer einen halbwegs sicheren Stand hatte, nahm die Laterne und beleuchtete den weiteren Weg.
„Vorsicht!“ ermahnte Delacroix. Doch da war es schon zu spät, sein Freund rutschte bereits. Er hörte ihn fluchen, während seine Stimme nach unten verschwand. Dann war ein Aufschlag zu hören.
„McMullen? Alles klar?“
Einen Atemzug lang war nichts zu hören. Dann hob das Fluchen wieder an.
„Verflixt und zugenäht. Ich werde zu alt für solche Ausflüge. Früher konnte ich klettern wie eine Bergziege.“
„Haben Sie sich verletzt?“ fragte Delacroix.
„Hauptsächlich Kratzer und ein lädierter Hosenboden. Hier ist es feucht.“
Der Ex-Colonel befestigte die Laterne an seinem Gürtel und kletterte ebenfalls weiter nach unten, suchte dabei sorgfältig nach Halt. Er brauchte eine Weile, um die Distanz zu überbrücken, die sein Freund unfreiwillig in so kurzer Zeit gemeistert hatte. Doch schließlich stand er neben McMullen und begutachtete ihn im mageren Licht der Laterne. Der Mann war zerschunden, doch sonst tatsächlich unverletzt.
„Wohin?“ fragte Delacroix.
„Ich höre Wasser“, antwortete McMullen. „Gehen wir dem Geräusch nach. Wasser muß irgendwo aus diesen Höhlen herauskönnen. Eventuell können wir sie mit ihm verlassen.“
„Hier gibt es zu viel Wasser“, brummelte Delacroix, während sie weiterstolperten. Den Pfad erfühlten sie mehr, als sie ihn sahen. Der enge Felsweg hatte sich geöffnet und führte allmählich wieder nach oben. Das ließ ihn hoffen, daß sie irgendwann einen Ausgang finden würden.
„Ja. Viel Wasser. Wir wollen hoffen, daß draußen kein Wolkenbruch niedergeht, denn dann säßen wir noch mehr in der Klemme. Das Wasser würde sich hier sammeln.“
„Sie sind mir ein echter Trost“, bemerkte Delacroix säuerlich.
„Ich weiß“, gab sein Begleiter zurück. „Wir McMullens sind für unsere heitere und zuversichtliche Wesensart weithin bekannt. Möchten Sie vielleicht ein Liedchen angestimmt haben?“
„Nicht jetzt, nein.“
Sie verfielen wieder in Schweigen und konzentrierten sich auf ihr Fortkommen. Das Gebiet war hügelig und schwierig. Im kargen Licht der kleinen Laterne konnten sie Kalksteinformationen und überhängende Wände ausmachen. Alles wirkte eindrucksvoll, sogar schön, doch keiner der Männer hatte Sinn für die spektakuläre Umgebung.
Sie gingen schweigsam weiter, die meiste Zeit abwärts. Der Boden war komplett mit Wasser bedeckt, und das Licht glitzerte auf den schwarzen Wellen, die ihre Schnürstiefel mit jedem Schritt aussandten.
„Wenn das Wasser noch tiefer wird, müssen wir zurück“, sagte Delacroix schließlich. „Wir können den Grund kaum noch sehen. Ich will nicht unerwartet in einer Kluft verschwinden und auf direktem Wege zur Hölle fahren.“
McMullen nickte nur. Sie gingen weiter.
„Dieser Berg ist ein einziges Labyrinth“, murrte McMullen nach einer Weile. „Ich verstehe nicht, wie all diese Felsteile aufeinander getürmt ein ganzes Gebirge halten können. Im Grunde erwarte ich jeden Augenblick, daß alles über uns zusammenbricht. Das wäre nur folgerichtig. Schließlich gibt es so was wie Schwerkraft.“
„Danke, daß Sie mich darauf aufmerksam gemacht haben“, bemerkte Delacroix. „Es geht mir gleich viel besser.“
„Gut!“ gab McMullen zurück. Sie gingen weiter.
Die etwas größere, überspülte Höhle endete auf der andern Seite in einer vertikal aufsteigenden Wand. Hier ging es nicht weiter. Sie starrten die Wand an.
„Da hinauf“, sagte Delacroix schließlich. „Da oben ist ein Loch, in etwa acht Fuß Höhe.“
„Acht oder achtzig, das macht keinen Unterschied. Da kommen wir nicht rauf.“
„Möglicherweise können wir hochklettern. Oder ich könnte Sie hochstemmen. Dann könnten Sie wenigstens mal mit der Laterne hineinleuchten, um zu sehen, ob es da weitergeht.“
„Wozu? Ich kann sie nicht hochziehen, nicht mit Körperkraft und nicht mit Magie. Sie sind zu schwer.“
„Aber hier unten können wir uns nicht verstecken. Wir können uns noch nicht einmal setzen, wenn wir nicht im Wasser sitzen wollen.“
„Ich höre rechts Wasser fließen. Vielleicht finden wir da ein Schlupfloch.“
Sie folgten dem Verlauf der Steilwand. Delacroix fuhr mit den Fingern daran entlang, sie war rauh und glitschig. Das eiskalte Wasser reichte ihnen jetzt bis über die Knöchel.
„Da drüben ist ein Wasserfall“, sagte McMullen.
„Sieht eher aus wie ein Vorhang aus Wasser“, gab Delacroix zurück. Sie standen vor einem hohen Felsüberhang, von dem aus Wasser wie ein dünnes Silbertuch aus der Finsternis fiel.
„Dahinter ist etwas“, sagte Delacroix und starrte es unverwandt an. „Ich gehe durch und sehe nach. Nehmen Sie die Laterne und warten Sie hier. Es nützt nichts, wenn wir beide naß werden.“
„Reizend, Delacroix. Aber Sie halten die Laterne, und ich gehe. Hier, nehmen Sie mein Jackett und meine schöne neue Weste. Meine Hose ist bereits naß, und ich weigere mich strikt, sie auszuziehen.“ McMullen schob seine Sachen in Delacroix‘ Hände. „Versuchen Sie nicht, mich umzustimmen. Ich fühle es in meinen Fingerspitzen, ich sollte gehen. Da ist etwas, eine Präsenz, eine Kraft, möglicherweise das Wasser selbst. Ich weiß es nicht. Es ist schwach. Vielleicht ist es ja nichts. Doch ich habe zu viele unglaubliche Dinge in meinem Leben gesehen, um die Existenz britenfressender Höhlenmonster grundsätzlich auszuschließen.“
„Lassen Sie sich nicht beißen!“ mahnte Delacroix, der nicht versuchte, McMullen von seinem Entschluß abzuhalten. Er kannte das Talent seines magisch begabten Kameraden zu gut, um nicht auf dessen Gefühle zu hören. Er spürte auch, wie sich seine Nackenhaare aufstellten. Das konnte viele Gründe haben, die Dunkelheit, ihre erbärmliche Situation oder einfach nur die vermaledeite Kälte. Er gab nichts auf Ahnungen. Sie waren zumeist nur Wetterfühligkeit oder Verdauungsprobleme.
McMullen ging los. Er setzte seine Schritte vorsichtig und schritt auf die spiegelnde dunkle Fläche des unterirdischen Wasserfalls zu. Mit ausgestreckten Fingern berührte er ihn behutsam.
„Wahrscheinlich wirklich nur das Wasser“, sagte er. „Irgendwas ist damit. Es ist voller Energie, fühlt sich beinahe lebendig an. Es gibt Theorien, daß alles Leben im Wasser begann. Wenn man das hier spürt, möchte man es fast glauben.“
„Sind Sie plötzlich Darwinist geworden?“
„Der Mann hat nicht unrecht. Ich glaube mehr von seinen Behauptungen, als er je von meinem Wissen akzeptieren würde. Ich habe ihn mal getroffen. Er denkt, die Naturgesetze allein hielten die Welt zusammen. An die Macht des Arkanen glaubt er nicht.“
„Vielleicht hat er ja recht damit?“ gab Delacroix zurück, um ein wenig zu frotzeln.
„Delacroix, Ihre eigene Gattin ist teilweise eine Feyon. Sie haben mir erzählt, sie kann unter Wasser atmen, ohne zu ertrinken. Das ist unnatürlich.“
„Corrisande ist nicht unnatürlich! Sie ist nur … ein bißchen anders“, gab Delacroix erbost zurück. „Für sie ist unter Wasser atmen ganz natürlich, und warum sollte es das nicht sein? Fische tun es dauernd.“
„Ihre Frau ist aber kein Fisch, Delacroix …“
„Dafür bin ich ausnehmend dankbar“, unterbrach der Ex-Colonel.
„Ich muß schon sagen, Ihr Skeptizismus übernatürlichen Phänomenen gegenüber kommt hier zur Unzeit, wenn, was wir jetzt wirklich brauchen, ein Wunder ist.“
McMullen trat einen Schritt nach vorn und verschwand hinter dem Wasservorhang. Delacroix blieb allein mit seinen nagenden Sorgen zurück, um McMullen, um ihrer beider Überleben, und noch mehr um seine Frau. Diese letzte Sorge hatte er erfolgreich aus seinen Gedanken verbannen können, als er noch seine volle Konzentration gebraucht hatte. Doch nun hatte McMullen sie erwähnt, und der peinigende Gedanke, er könne sie verlieren, war zurück. Er fühlte sich ihr so nah, als müßte er nur seine Hände ausstrecken, um sie zu berühren. Gleichzeitig wünschte er, sie wäre Hunderte von Meilen entfernt, abgereist oder gar nicht erst mitgekommen.
Er schob seine Sorge auf die grenzenlose Einsamkeit, die hier im Dunkel fast körperlich greifbar war, Teil des Wassers, das gurgelte, platschte, tröpfelte und rauschte. Er horchte mit aller Konzentration. Es war laut. Das Wasser machte einen solchen Lärm, daß man einen Feind nicht würde kommen hören.
Er sah sich aufmerksam um. Kein Licht war zu sehen. Es war nicht anzunehmen, daß die Verfolger ohne Laternen unterwegs waren. Wenn sie kamen, würden sie mit Laternen und Fackeln, Stricken und wasserfestem Zeug gut ausgerüstet sie sein. Sie würden Waffen und Zaubersprüche dabei haben. Alles, was er hatte, war eine halb heruntergebrannte Kerze und ein Messer.
Er würde kämpfen, zusammen mit McMullen, und zusammen mit McMullen würde er fallen. Kämpfen war zwecklos, doch nachdem er einen von ihnen getötet hatte, würden sie sich kaum mehr auf Verhandlungen einlassen. Als er den Mann erstach, hatte er die Positionen festgezurrt. Sie waren Feinde.
Er fragte sich, ob von Görenczy es durch den Wasserfall geschafft hatte, ohne gefangen zu werden. Hilfe erwartete er nicht von ihm. Tage würden vergehen, ehe von Görenczy zurückkam, und Delacroix und McMullen waren nicht seine erste Priorität.
Das ließ ihn an Asko denken. Er hatte ihn auf seinem Felssims nicht sehen können, doch seine Stimme hatte anders geklungen. Sie besaß eine neue Härte, eine Erbarmungslosigkeit, die nicht zu dem jungen Mann paßte, der sich immer solche Gedanken um angemessenes Betragen, Fairneß und Ritterlichkeit machte.
Corrisande war Asko nicht mehr böse. Sie hatte ihn gemocht, seinen Anstand und seine Aufmerksamkeit geschätzt. Geliebt hatte sie ihn nicht, doch sie hatte genug Liebenswertes an ihm gefunden, um ihn als möglichen Ehemann in Betracht zu ziehen. Daraus hatte sie kein Geheimnis gemacht. Damen der Gesellschaft, sagte sie, hatten selten das Glück, den Mann zu heiraten, den sie liebten. Sie war vom Glück begünstigt. Der Mann, den sie mit ganzem Herzen liebte, war der, der sie geheiratet hatte.
„Delacroix, hören Sie mich?“ kam eine Stimme von der anderen Seite des Wasserfalls. Sie klang dumpf und fremd durch die Fluten.
„Klar“, gab er zurück.
„Sie können kommen. Hinter dem Wasserfall gibt es einen Stollen, der nach oben führt, aus dem Wasser heraus. Hier gibt es eine weitere, trockene Höhle. Sie hat sogar einen Spalt nach draußen – Frischluft. Wir werden morgen vermutlich etwas Tageslicht bekommen. Wir müssen dicht an der Außenwand des Berges sein. Kommen Sie!“
Das klang gut. Dort konnten sie sich verbergen. Vielleicht würden sie sogar einen Weg nach draußen finden.
„Ich reiche Ihnen zuerst ihre Sachen durch, mit der Laterne darunter. Vielleicht bleibt sie so trocken“, rief Delacroix.
Er trat vor bis an die eisige Wasserwand. „Sind Sie da?“ fragte er.
„Ja, ich stehe genau dahinter. Reichen Sie mir jetzt die Sachen durch!“ lautete die Antwort.
Mit einer schnellen Bewegung streckte er seine Arme aus, fühlte sofort die eisige Kälte des Wassers, das auf seine Arme einprügelte und seine Ärmel durchnäßte. Bündel und Laterne wurden entgegengenommen, und er trat vor, um ebenfalls so schnell wie nur möglich durch das Naß zu kommen, damit er nicht vollständig durchweicht wurde.
Die eiskalten Fluten prasselten auf sein Gesicht und drangen in seine Kleider, und mit einem Mal hielt er reglos inne. Er hörte Corrisandes Stimme. Sie schrie im Wasser. Philip! schrie sie. Philip!
Er öffnete den Mund, um ihr zu antworten, doch er füllte sich sofort mit Wasser, und Delacroix keuchte und hustete. Philip! gellte es in seinen Ohren. Sie klang bestürzt, mehr noch, angsterfüllt. Er spürte ihre tiefe Verzweiflung. Corrisande – wo bist du?
Eine Hand griff ihn an den Rockaufschlägen und zog ihn vorwärts, und beinahe hätte er nach der Gestalt geschlagen, die ihn aus dem Wasser zog und die Verbindung unterbrach. „Warum stellen Sie sich denn mitten ins Wasser? Sie sind völlig durchnäßt! Was …“ McMullens Stimme verstummte, als er wahrnahm, in welchem Zustand sein Gefährte sich befand. „Was ist geschehen?“
Er sog tief den Atem ein, versuchte, ruhig zu werden, sein Leid, seine Wut in sich einzuschließen. Ihre Stimme hallte in seinen Gedanken wider.
„Corrisande. Ich hörte sie um Hilfe schreien. Ihre Schreie hallten durchs Wasser. Ich muß los und …“
Fast hätte er auf dem Absatz kehrtgemacht, doch McMullen hielt ihn noch am Jackett. Abermals versagte er sich den Impuls, ihn niederzuschlagen und zurück in den Wasserfall zu gehen. McMullen ließ ihn nicht los, sondern sprach eindringlich: „Sie können nichts tun. Sie können nicht zu ihr. Sie wissen nicht einmal, wo sie ist oder was geschehen ist.“
„Sie braucht meine Hilfe!“ Ihre Verzagtheit hatte ihn noch mehr beunruhigt als ihre Schreie.
„Das ist nicht sicher. Sie mögen sich geirrt haben. Das Ganze mag nichts als Feyontrug und Gleisnerei sein. Das Wasser ist voller Leben. Wahrscheinlich versucht es, Sie zu sich zu locken. Seien Sie vernünftig!“
Er war vernünftig – zerrissen, ja, brodelnd vor Ungeduld, loszuziehen und zu kämpfen, doch er war vernünftig. Sein Verstand sagte ihm, wie sinnlos es war, auf der Suche nach ihr planlos durch die Finsternis zu rennen. Sein Bauch war anderer Meinung. Jemand tat seiner Frau weh, und er war nicht da, ihr zu helfen. Er kochte vor Zorn über seine Hilflosigkeit.
„Wenn die ihr etwas …“
„Es gibt nichts, was Sie tun können.“ McMullen war bei weitem nicht stark genug, um ihn körperlich aufzuhalten, doch seine mentale Kraft erzielte die gleiche Wirkung. Dennoch, Delacroix mußte es noch einmal versuchen, egal wie zwecklos es war.
„Ich muß das Wasser noch einmal berühren. Ich muß sehen, ob ich sie noch einmal spüren kann“, beharrte er, und McMullen ließ ihn los.
Er trat zurück in die eiskalten Fluten. Corrisande? Meine Kleine? Wo bist du?
Er erhielt keine Antwort, nichts außer kaltem Wasser, das ihn durchweichte und ihm schier die Haut gefrieren ließ. So kalt. Sie war in diesem Wasser. Er wußte es. Er knirschte mit den Zähnen, knurrte die eisige Attacke an, erkannte einen Feind darin.
Doch gegen Wasser konnte man nicht kämpfen. Er trat zurück.
„Sie ist fort“, sagte er. „Ich kann ihre Präsenz nicht mehr fühlen.“
McMullen zog ihn sacht in Richtung des ansteigenden Stollens. „Höchstwahrscheinlich liegt sie im Bett und schläft. Vielleicht hat sie einen Alptraum. Es ist mitten in der Nacht.“
Delacroix wußte es besser. Jemand tat seiner Frau weh, und er konnte es nicht verhindern.