Kapitel 25

Charly fühlte sich schuldig. Sie hatte sich danebenbenommen. Sie mußte sich entschuldigen.

„Es tut mir leid“, sagte sie und hörte das Echo ihrer eigenen unsicheren Stimme. „Ich wollte nicht andeuten, Sie würden ... wären ... kein Ehrenmann. Bitte verzeihen Sie. Bitte ...“

Sie klang erbärmlich und dumm, geradezu beschränkt. Dabei war sie nicht dumm. Ihr Verstand war immer überdurchschnittlich gewesen. Es mußte ihr nur gelingen, ihn trotz ihrer Panik einzusetzen. Sein Daumen strich über ihren Handrücken, und es kostete sie einige Überwindung, ihm die Hand nicht sofort zu entziehen.

Schweigen. Vielleicht hatte er sie nicht verstanden?

„Ich möchte mich in aller Form bei Ihnen entschuldigen, Graf Arpad. Ich ...“

Er unterbrach sie, ohne sie loszulassen.

„Ihr Dryas. Wie war sein Name?“ fragte er völlig zusammenhanglos. Sie verstand nicht. Was wollte er?

„Bitte?“

„Ihr Dryadenfreund. Wie hieß er?“ Seine Stimme war dunkel, leise und sehr ruhig. Sie wollte ihm trauen. Sie rang darum.

„Sein Name war Sevyo.“ Es war seltsam einfach, über Sevyo zu reden. „Wir haben als Kinder zusammen gespielt. Manchmal kam er als Knabe, manchmal als Mädchen. Dann und wann war er eine weise Frau. Ich liebte ihn. Sehr. Ich meine ...“

Sie hatte mit einem Mal Angst, er könne ihre Worte falsch interpretieren und die Freundschaft mit Sevyo als ebenso moralisch verwerflich ansehen wie ihre Eltern.

„Ich weiß, was Sie meinen. Dryaden sind in jeder Form, die sie annehmen, sehr liebenswert. Wie nannte er Sie?“

„Charly.“

„Ich werde dich von nun an auch Charly nennen, und du mich Arpad.“

Sie nickte, bemerkte, daß er plötzlich zum Du übergegangen war. Die damit verbundene Nähe widerstrebte ihr. Sie versuchte, ihm ihre Hand zu entziehen, doch er hielt sie fest.

„Du mußt jetzt genau zuhören und begreifen, was ich dir sage. Du bist eine tapfere, kluge Frau. Ich weiß, du bist erschöpft. Zum Teil ist das meine Schuld. Ich weiß, du hast ein furchtbares Erlebnis hinter dir. Doch wenn du überleben willst, mußt du mir vertrauen. Eine andere Chance gibt es nicht.“

Sie lief rot an, war dankbar für die Finsternis. Dann wurde ihr klar, daß es für ihn nicht dunkel war. Sie senkte verlegen ihren Kopf.

„Ich halte deine Hand fest, weil du dich an meine Berührung gewöhnen mußt. Du hast bewiesen, daß du nicht allein hier herauskommst. Du würdest bei dem Versuch umkommen. Du brauchst mich, und ich bin für dich da. Würdest du Sevyo vertrauen, dich aus solch einer Situation zu retten?“

„Ja“, sagte sie.

„Dann mußt du mir vertrauen, wie du ihm vertrauen würdest. Wir sind sehr verschieden. Wir gehören beide zu den Sí, aber jeder von uns ist anders. Dryaden leben von Wärme, Süßwasser und Liebe. Ich lebe von Blut und Leidenschaft. Das weißt du.“

„Sie sind ein Vampir.“

„Ich habe dein Blut getrunken. Du hast mir das Leben gerettet. Denn ich bin kein wandelnder Kadaver. Ich bin nicht untot. Die Mythen sind alle falsch. Ich gehöre zu den Na-Daoine-maith, bin ein Feyon, genau wie Sevyo. Manche mögen mich unnatürlich nennen, andere übersinnlich. Ich habe dein Blut getrunken, und ich werde es wieder tun, und das wird dich nicht zum Vampir machen oder zur Untoten. Der menschliche Körper reproduziert Blut rasch.“

Er hielt ihre Hand jetzt mit ziemlicher Kraft, und ihr wurde klar, daß sie wieder versucht hatte loszukommen. Er hatte es nicht zugelassen.

„Nein. Ich lasse nicht los. Das mußt du aushalten. Du kannst nichts sehen, nicht wahr? Du bist vollständig blind?“

Sie nickte.

„Zu diesem Eingang können wir nicht mehr hinaus. Also müssen wir einen anderen suchen“, fuhr er fort. „Die Luft ist frisch, man kann einen Luftzug spüren. Es gibt andere Wege ins Freie. Kennst du einen? Was weißt du über diesen Gipfel?“

Sie riß sich zusammen. Seine Hand war warm und trocken. Es sollte nicht so schlimm sein, sie zu halten. Wenn sie nur die Angst vor Berührung überwinden könnte, wäre alles einfacher. Sevyo hätte ihre Hand auch gehalten. Sie versuchte, sich auf diesen Gedanken zu konzentrieren.

„Es gibt eine Erzählung“, sagte sie, „wonach vor langer Zeit zwei Bergleute hier verloren gingen. Sie kamen auf der anderen Seite des Gipfels heraus, über dem Toplitzsee. Manchmal haben Leute versucht, den Weg zu finden. Aber niemandem gelang es. Das Bergwerk ist seit Generationen stillgelegt. Vor Jahrhunderten war sie im Besitz meiner Familie, doch dann fielen die Bergwerke alle an die Krone. Der Salzabbau lohnt sich nicht mehr. Der Hauptabbau ist auf der anderen Seite des Tales. Hier gibt es kaum Salz. Der Berg ist aus Kalkstein.“

„Das ist gut. Kalkstein ist voller Höhlen, und Höhlen führen irgendwann ins Freie.“

Nicht immer, dachte sie, aber sie schwieg.

„Wir werden einen Weg durch den Berg finden. Du mußt gehen können, klettern und springen. Das kannst du nur, wenn du etwas siehst. Also wirst du mit meinen Augen sehen, und dazu mußt du lernen, mir zu vertrauen, und zwar ohne jeden Zweifel. Wir werden daran arbeiten. Meinst du, du kannst das?“

Sie wußte es nicht, nickte aber. Sie wollte nicht, daß er sie wieder alleinließ. Also würde sie lernen, ihm zu trauen.

„Ich reise bei Nacht, Charly, denn ich sehe an einem hellen Sonnentag so wenig wie du jetzt. Wenn es bewölkt ist, kann ich mich gut orientieren. Ich habe eine Brille mit dunklen Gläsern. Doch meist bin ich nachts unterwegs, und ich lenke mein Pferd mit einem kleinen Zauber. Rosa traut mir vollkommen und hat gelernt, ihre Schritte nach dem zu setzen, was ich sehe. Auf gewisse Weise sieht sie durch mich, wenngleich nicht mit ihren Augen, sondern mit ihrem Zutrauen. Dich kann ich genauso durch diesen Berg führen, doch dazu mußt auch du mir vertrauen, und das, obgleich ich dich manipulieren und mir deinen Geist erschließen werde. Du mußt aufhören, gegen mich zu kämpfen, denn so ich auch die Macht habe, dich gegen deinen Willen zu lenken, würde das nicht nur dich, sondern auch mich erschöpfen. Du würdest sehr darunter leiden. Du kannst nicht gegen mich an.“

Wieder ließ er ihre Hand nicht los. Diesmal fragte er nicht, ob sie glaubte, das zu können.

„Ich verstehe, daß das schwer ist“, fuhr er fort, „weil du spürst, wenn man dich manipuliert, und es haßt. Diesen Ekel mußt du überwinden – und noch mehr. Ich werde deinen Rock kürzen, damit du beim Klettern nicht darüber fällst, und ich werde dich immer wieder anfassen müssen, während wir unterwegs sind, nicht nur deine Hand. Wenn wir uns ausruhen, werden wir uns aneinanderkuscheln, denn hier ist es kalt, Charly. Ich bekomme keine Erkältungen, aber du wirst nicht überleben, wenn du dir eine Lungenentzündung holst. Wir werden es uns also in deinem schönen, warmen Mantel gemütlich machen, und du wirst in meinen Armen schlafen, und wenn du gestärkt aufwachst, werde ich von deinem Blut trinken, denn auch ich muß bei Kräften bleiben.“

Sie versuchte, ein Jammern zu unterdrücken, doch es gelang ihr nicht völlig.

„Ich weiß, das ist schwer für dich. Doch das sind die Bedingungen. Du mußt sie akzeptieren, wenn du weiterleben willst.“

Sie sagte nichts, und er fuhr fort: „Es gibt einen anderen Weg, wenn du für diesen nicht den Mut aufbringst. Ohne mich wirst du stürzen und dich verletzen. Vielleicht würde es Tage dauern, bis du stirbst, qualvolle, lange, finstre Tage. Das kann ich nicht zulassen. Wenn du den Herausforderungen des Lebens nicht gewachsen bist, werde ich dir helfen zu sterben. Es wird nicht wehtun. Ich bin sanft. Ich kann dir zur Flucht aus dieser Welt helfen, wenn du ihre Erfordernisse nicht mehr erträgst. Ich lasse dir die Wahl.“

Es klang hart und empfindungslos, wie er ihr die Aussichten auflistete. Doch er war ehrlich, und das konnte sie akzeptieren. Er hatte ihr eine furchtbare Wahl gelassen. Sie hatte das Gefühl, nicht genug Luft zu bekommen. Ihre Kehle bebte beim Atmen. Er konnte sie jederzeit töten, das wußte sie. Aber gefragt zu werden, ob sie das wünschte, war beängstigend.

„Sie würden mich töten – wie?“ fragte sie.

„Ich würde dein Blut trinken und dir den Hals brechen. Aber ich will es nicht. Ich will viel lieber, daß du lebst. Soll ich dich zum Nachdenken alleine lassen?“

Sie schwieg. Ihre Gedanken waren voller Worte und Bilder. Ihr Geist würde von ihm gelenkt, ihr Körper an seinem ruhen, seine Zähne in ihr Fleisch dringen, er würde ihr Blut trinken. Alles war schrecklich und grauenhaft. Doch allein sein wollte sie nicht und auch nicht sterben. Sie mußte versuchen, ihm zu trauen. Wenn sie es nicht konnte, dann würde er sie umbringen. Sanft. Der Gedanke blieb in ihrem Gehirn, und ihr Herz flatterte vor Angst. Sein Daumen strich wieder über ihre Hand. Sanft.

„Nein“, entgegnete sie. „Gehen Sie nicht. Ich will leben. Ich habe nur ...“ Angst, daß ich zu schwach und zu feige dazu bin, wollte sie sagen, aber sagte es dann nicht. „Bitte glauben Sie mir, ich bin normalerweise nicht so hysterisch, wie Sie mich gesehen haben. Doch ich kann Ihnen nicht versprechen, daß es nicht wieder passiert. Dieser Mann ...“ Sie schauderte und stockte.

„Ich weiß“, flüsterte er. „Das hätte nicht geschehen dürfen. Ich verstehe, daß es dich verwirrt hat, aber dir ist nichts geschehen. Wir waren rechtzeitig da. Du bist noch immer die süße, unberührte Jungfer, die du warst, ehe er dich angriff.“

Ihr wurde warm vor Scham. Seine intime Kenntnis ihres Körpers war wie ein Schlag ins Gesicht. Er wußte zu viel von ihr, ihre verborgensten Geheimnisse, die er weder hätte kennen noch erraten sollen, und sprechen sollte er schon gar nicht darüber.

„Arpad ...“ Sie wußte nicht, was sie sagen sollte.

„Ich bin ein Feyon. Ich spüre das. Ich bin ein Mann, und den Menschen gelte ich als triebhaft. Über die Jahrhunderte wurde ich Fachmann, was körperliche Belange angeht. Das mußt du verstehen. So bin ich.“

Sie zog die Knie an und verbarg ihr Gesicht darin. Ohne aufzublicken sagte sie nach einer Weile: „Sie greifen Frauen an und trinken ihr Blut.“

Er seufzte und strich gedankenvoll über ihre Hand.

„Das stimmt. Allerdings nicht nur. Ich nehme auch Männer. So lebe ich. So überlebe ich. Doch ich bin nicht wie dein Angreifer. Ich tue es nicht, um meinen Opfern Schmerz zuzufügen oder sie zu erniedrigen. Ich überzeuge sie – auf meine Art –, daß sie mich wollen. Das tun sie fast immer. Leidenschaft, körperliches Verlangen ist das, was die Menschheit fortleben läßt. Ohne diesen Antrieb wärt ihr seit langem ausgestorben. Meist tue ich nicht mehr, als nur die Hemmungen und anerzogenen moralischen Bedenken aus dem Weg zu räumen. Meine ... Opfer mögen, was ich mit ihnen tue und was sie dabei fühlen, und ich selbst erfreue mich an ihrem Genuß, so wie auch an meinem eigenen. Wenn ich von ihnen gehe, haben sie mich schon vergessen. Nicht weinen. Keine Angst. Ich werde dir nichts tun, was du nicht willst. Ich werde mich zusammenreißen – und du auch. Wir werden an unserer Willenskraft arbeiten.“

Sie spürte sein melancholisches Lächeln.

„Wenn du deine Ansicht änderst, Charly, verspreche ich dir, daß körperliche Liebe wundervoll sein kann und nicht erniedrigend, abscheulich und gewalttätig sein muß. Aber ...“ Anscheinend fühlte er, daß sie kurz davor war, in Panik davonzulaufen, denn er beeilte sich hinzuzufügen „... du hast mein Versprechen. Nichts gegen deinen Willen.“

Mit der freien Hand wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht. Immer wieder ertappte sie sich dabei zu denken, er könne ihre Reaktionen in der Finsternis nicht sehen. Dann wurde ihr klar, daß er sie die ganze Zeit sehen konnte, während sie nichts hatte als seine warme Baritonstimme, um sich daran festzuhalten – und seine Hand.

„Charly?“ Sie hörte, daß er sich bewegte, seine Position änderte, doch was er tat, sah sie nicht. Dann fühlte sie seine andere Hand an ihrem Gesicht und zuckte zusammen. Er wischte ihr eine Träne ab. Es erinnerte sie an Sevyo, und sie lehnte die Wange gegen seine Hand.

„Nicht weinen. Ich wollte dir keine Angst machen. Ich werde nicht mehr davon sprechen. All deine Instinkte sind auf Flucht eingestellt. Aber ich bin deine einzige Rettung, Charly, und du bist doch eine Kämpferin, die nicht klein bei gibt.“

Seine Hand lag sanft an ihrem Gesicht, und er drehte ihren Kopf ein wenig zur Seite. „Tut dir das blaue Auge sehr weh?“ fragte er.

Sie nahm ihren Mut zusammen, versuchte, vernünftig und ruhig zu wirken, während seine Hand über ihre Haut fuhr. Ganz gelang es ihr nicht. Seine Berührung war liebevoll, aber zu intim. Sie holte tief Luft.

„Ein bißchen. Ich bin so zerschlagen. Mir tut alles weh.“

Ein Finger tippte auf ihre Nase.

„Morgen wird es besser sein, mein Herz.“

„Wollten Sie mich nicht Charly nennen?“

Sie hörte ihn lachen.

„Ja, ich werde dich Charly nennen. Aber mein Herz bist du dennoch. Denn nur eine beherzte, großherzige und herzensgute Frau hätte mir so geholfen wie du diese Nacht, und selbst wenn ich spüre, daß dieses große Herz jetzt voller Furcht ist, ist es doch immer noch auch voller Mut. Ich höre, wie es panisch schnell hämmert. Ich kann deine Angst riechen. Ich weiß, was du fühlst. Ich spüre deinen Abscheu. Meine Instinkte sagen mir, daß ich dich in die Arme nehmen, dir die Tränen von den Wangen küssen und deinen Geist mit meinen Gedanken liebkosen sollte, bis er sich beruhigt, und dein Instinkt sagt dir, daß du aufspringen und schreiend in die Dunkelheit davonrennen möchtest. Also werden wir nicht auf unsere Instinkte hören. Wir wollen doch sehen, ob wir uns nicht wie normale, disziplinierte Leute benehmen können.“

Sie hatte aufgehört zu weinen.

„Ich fühle mich nicht sehr vernünftig und diszipliniert“, ächzte sie und versuchte zu lächeln, wobei sie sich seltsam vorkam, weil sie ihn nicht sah.

„Von mir würde eh niemand behaupten, Vernunft und Disziplin seien meine Stärken. Doch wir können lernen.“ Seine Hand verließ ihr Antlitz. Er stand auf, hielt immer noch ihre Linke.

„Auf jetzt.“ Er zog sie auf die Füße. „Ich werde versuchen, dich zu führen. Ich lasse dich los und gehe ein paar Schritte weg, und du mußt deine Angst loslassen und dich mir öffnen, damit ich dich führen kann. Du mußt lernen, den Weg mit meinen Augen zu sehen. Wir kommen hier nie raus, wenn ich jeden deiner Muskeln mit Gewalt bewegen muß.“

Dann war er fort. Sie hörte keine Schritte, wußte nicht, wohin er verschwunden war. Sie war wieder allein. Er hatte ihr aufgetragen, zu ihm zu kommen, doch sie wußte nicht, wohin.

Plötzlich fühlte sie seine Präsenz in ihrem Geist und wollte schreien vor Entsetzen über das Eindringen seiner Gedanken. Sie unterdrückte den Schrei, sie würde nicht noch einmal wehklagen. Was immer passierte, sie würde sich keine hysterischen Anfälle erlauben.

Ihr wurde klar, daß sie auf den Knien lag und ihren Kopf mit den Armen schützte. Geschrien hatte sie nicht, aber versagt. Wenn sie versagte, konnte er ihr nicht helfen. Er würde sie töten.

Sie versuchte, ihre Atmung in den Griff zu bekommen, sich nicht von Panik überwältigen zu lassen. Er würde sie nicht gleich umbringen, wenn sie es beim ersten Mal nicht konnte. Seine Hände faßten ihre Arme und zogen sie hoch.

„Das ging nicht so gut. Du mußt es zulassen. Du mußt dich öffnen. Versuche, mir zu trauen. Ich verspreche, ich werde dir nicht wehtun.“

„Aber ich traue Ihnen ja!“

„Nicht genug. Dein Kopf will mir trauen, doch dein Herz ist schon halb davongelaufen. Daß deine Beine ihm nicht schon nachgerannt sind, ist nur deinem Willen zuzuschreiben. Er ist bewundernswert, doch im Moment nicht hilfreich. Versuche einfach, nichts zu tun. Laß es zu. Denk nicht nach. Mach dich frei von allen Gedanken. Werde ruhig.“

Wie machte man sich von allen Gedanken frei? Sie waren voller Finsternis und Furcht. Ruhig werden auf Befehl?

„Ich bin ruhig“, log sie.

„Nein. Dein Herzschlag hallt von den Tunnelwänden wider. Ich habe doch gesagt, ich kann deine Gefühle spüren.“

Sie sagte eine Weile nichts.

„Werden Sie mich ermorden, wenn ich es nicht kann?“ fragte sie schließlich jämmerlich.

Er verlor den Kampf gegen seine Instinkte und zog sie in die Arme.

„Ich will deinen Tod nicht. Das mußt du in deinen Schädel bekommen, und von dort aus in deinen ganzen Sinn.“

Sie wehrte sich nicht, stand verspannt da, seine Arme umschlangen sie, und sie spürte seine warmen Hände auf ihrem Rücken. Sie versuchte, sich vorzustellen, er wäre Sevyo, und lehnte ihre Wange an ihn. Viel größer als sie war er nicht. Ihr Antlitz lag an seinem Hals. Eine Hand fuhr ihr über den Rücken.

„Arme Charly“, sagte er nah an ihrem Ohr, und seine Stimme klang atemlos. „Armes Mädchen. Ich kann dem menschlichen Sinn so viel vorgaukeln, aber was ich mit dir tun soll, weiß ich nicht. Ich kann dir die Erinnerung an das Geschehene nehmen, doch dann würdest du dich auf einmal mit einem Fremden in einer Höhle wiederfinden und wüßtest nicht warum. Das wäre kaum besser.“

Sie erschauderte. Der Gedanke war beunruhigend.

„Wir versuchen es noch einmal. Denk an Sevyo. Stell dir vor, ich sei Sevyo. Du hättest doch keine Furcht vor ihm? Hat er deinen Sinn je gelenkt?“

„Möglicherweise. Ich weiß nicht. Ich habe es nie bemerkt.“

„Er hat dir nur beigebracht, es bei anderen zu merken?“

„Ich weiß nicht.“

„Dryaden sind äußerst besitzergreifend und zielbewußt. Du hast ihm gehört.“

„Er hat mich geliebt“, erwiderte sie gekränkt.

„Das hat er ganz sicher. Konzentriere dich auf diese Liebe. Sie wird dich schützen. Ich gehe noch einmal weg, und du kommst zu mir.“

Wieder war er plötzlich fort. Doch diesmal fiel sie nicht. Sie spürte seinen Willen in sie einsickern und schluckte. Er war so nah. Er war in ihr. Er berührte sie an ihrer intimsten Stelle, an ihrem Denken. Er schob sich zwischen ihre Gefühle.

„Oh Gott!“ japste sie, dann hörte sie seine Stimme.

„Gib nach, wehr dich nicht dagegen. Gib dich mir.“

Sie konnte sich ihm nicht geben. Ihr wurde übel bei der Erinnerung an den Mann, der sie aufs Bett gestoßen hatte. Auch ihm hätte sie sich nicht hingegeben. Nicht freiwillig – und jetzt konnte sie es genauso wenig. Sie konnte sich nicht preisgeben, ohne ihr Selbstbewußtsein, ihren Stolz und ihre Würde zu verlieren.

Doch es war ihre einzige Chance. Er wollte ihr helfen. Ihr Kopf wußte es, doch ihre Furcht sagte ihr, daß sie allein mit einem Mann war, einem Vampir, der Frauen angriff und sie sich gefügig machte. Er würde sie ermorden, wenn sie nicht nachgab.

Sevyo war anders gewesen. Die Stimme dieses Mannes, seine Berührung, seine Intensität – all das war Teil seiner Leidenschaft, seiner körperlichen Bedürfnisse. Selbst wenn er sie nur berührte, um sie zu trösten, war diese Berührung voller intensiver Männlichkeit. Er war gefährlich. Sie hatte Sevyo nur ein Mal als Mann gesehen. Erst jetzt verstand sie, daß er immer auch ein Mann gewesen war, nicht nur ein Kind oder eine weise Freundin. Besitzergreifend hatte Arpad ihn genannt. Zielbewußt. Das beschrieb auch ihn selbst. Seine Bewegungen beim Eintritt ins Speisezimmer waren gewandt gewesen, zielstrebig, fokussiert. Er wußte, was er wollte, und er ruhte nicht, bis er es hatte.

Er wollte, daß sie überlebte. Wenn sie ihm egal wäre, wäre er nicht hier. Wenn er sie ermorden wollte, wäre sie schon tot, und wenn er sie schänden wollte, hätte sie ihn nicht daran hindern können. Doch sie lebte, und er versuchte, ihr zu helfen.

Nicht wehren ... sie konnte sich doch gar nicht wehren. Sie war machtlos. Feuer konnte man nicht mit bloßen Händen löschen.

Dann begriff sie. Sie konzentrierte sich auf Sevyo, auf die Begegnung mit ihm, als er ein Mann gewesen war. Sie griff tief in ihre Erinnerung und suchte nach der Sehnsucht, die sie für ihn empfand. Dieses Sehnen öffnete dem anderen, der im Dunkel auf sie wartete, ihre Seele.

Sie wußte, wo er war, und ging zu ihm. Ihre Augen sahen nichts, doch sie wußte, was sie umgab und wie sie die Füße setzen mußte. Es tat nicht weh. Seine Präsenz war deutlich, aber nicht dominant. Sie versuchte, sie mit Liebe zu akzeptieren. Eventuell kam es nicht darauf an, wem die Liebe galt.

Sie nahm seine Hand. Dann gingen sie durchs Dunkel, Hand in Hand.

„Tapferes Mädchen“, sagte er nach einer Weile. „Wir gehen nicht mehr weit. Nur ein paar Minuten, damit du dich daran gewöhnen kannst.“

„Sie lenken mich wie Ihr Pferd?“ fragte sie nach einiger Zeit.

„Genau. Rosa hat länger gebraucht, es zu lernen. Ich war mehrere Nächte damit beschäftigt, sie zu zähmen.“

„Sie zähmen mich?“

„Ja, ich zähme dich. Aber ich hatte Hilfe. Sevyo hat mitgeholfen.“

Sie nickte.

„Morgen wirst du mir mehr über ihn erzählen – und du mußt aufhören, mich zu siezen. Das hast du bei Sevyo sicher auch nicht getan.“

„Nein.“

„Na also.“

Es würde ein Morgen geben. Das war gut – doch vorher würde sie in seinen Armen schlafen.

Sie stolperte.