Kapitel 4

Meist konnte er sich nicht erinnern, wer er war. Bisweilen glaubte er, ein Knabe zu sein. Wenn dieser Gedanke durch seinen Kopf glitt, fühlte er, daß er Eltern haben sollte. Doch er konnte sich nicht an Eltern erinnern. Wenn er es versuchte, war er plötzlich sicher, aus Luft, Wasser und Fels geboren zu sein. Folglich konnte er keine Eltern haben.

Auch keine Lehrer, und doch gab es da die Spur einer Erinnerung an jemanden, der ihn einst unterrichtet hatte. Es war ein wolkenverhangener Eindruck, versteckt hinter der Erkenntnis, daß er etwas falsch gemacht hatte. Er hatte gefehlt, ein Gebot übertreten.

Gebote banden ihn nicht. Menschliche Regeln galten nicht für ihn. Kein Gesetz außer dem von Zeit, Licht und Finsternis. Er kaute auf der Finsternis. Auf rätselhafte Weise ernährte sie ihn, schob ihn voran, immer einen Schritt vor der alles verzehrenden Zeit.

Zeit bedeutete wenig hier, wo das Wasser durch den Stein sickerte, tropfte, strömte und schließlich durch den Berg raste. Wasser war so lebendig wie er. Es ließ sich herab, seine Botschaften zu transportieren und nahm sich dafür Zeit, drehte sich in Spiralen zusammen um jeden einzelnen Wassertropfen, der klar und glitzernd durch den Fels nach unten reiste.

Warum das so war, wußte er nicht. Er ahnte nur, daß es ein Warum geben müsse, und dann gab es sicher auch ein Weil. Er lächelte. Sein Gesicht schmerzte dabei, und von Zeit zu Zeit wurde ihm klar, daß er sich Knochen und Zähne gebrochen hatte, als er in den Felsspalt gefallen war, so tief hinab. Es war logisch, daß ihm alles wehtat.

Wenn er versuchte, sich zu konzentrieren, verschwand der Schmerz in tröstlichem Vergessen. Eine andere Realität machte sich in ihm breit, und er wußte, daß es nicht Knochen und Zähne waren, die gebrochen waren, sondern seine Seele. Seine Zähne waren intakt, und so er lächelte, würde er alle drei Reihen Zähne zeigen. Nur fand er keinen Anlaß zu lächeln. Er wußte, daß er mit seinem Blick ins Wesen der Menschen sickern konnte, in ihre Erinnerungen, ihre Gefühle. Ihre Furcht wie ihre Freude waren sein Mahl. Er schenkte ihnen dafür Träume, die er spann. Denn er war Alp.

Die Silbe waberte durch seinen Geist, fand aber keinen Widerhall in seinem Wissen. Der Name bedeutete ihm wenig, verrann im klaren, herabtropfenden Wasser.

Ian. Jemand hieß Ian. Nur konnte er sich nicht erinnern, wer, obgleich ihm war, als sei dieses Wissen von Bedeutung. Oder eventuell auch nicht. Vielleicht war es nur eine Szene aus einem menschlichen Traum, ein streunender Gedanke, eine zarte Erinnerung, die er auf der Traumjagd gefangen hatte.

Jagen konnte er nicht mehr. Das hatten sie ihm genommen. Sein Geist war implodiert, als sie versucht hatten, sein Wesen aus ihm herauszuquetschen. Sie hatten ihn hinter Kalteisen auf den Boden gelegt, verstaut, verwahrt. Er war durch Salz und Kalkstein gesunken, denn er war ein Teil davon.

Sicher würde ihn jemand suchen. Seine Eltern würden ihn vermissen. Sein Lehrer würde sich sorgen.

Fels hatte keinen Lehrer, Salz keine Eltern. Die plötzliche Sicherheit, daß jemand nach ihm suchen würde, verschwand hinter der genauso plötzlichen Angst, daß jemand ihn würde finden wollen. Er wollte nicht gefunden werden. Das würde den Tod bedeuten.

Er war Salz. Sein Wesen durchzog das Gebirge, streckte sich nach draußen und hatte doch die Fähigkeit verloren, zu fassen und zu berühren. Er vermochte nicht mehr, aus nebulösen Erinnerungen ein kohärentes Muster bunter Freude oder grauer Furcht zu weben.

Helft mir, bat er und sandte seine Bitte durch die Energiestränge der Liebe, die Kraftlinien des Daseins. Doch seine Botschaft war schwach. Vielleicht hörten sie ihn nicht, die Gebieterinnen der Berge, die Saligen, die das Leben im Gestein und darauf bewachten. Sie konnten ihn noch nicht gehört haben. Hatte man sie auch gefangen? Unmöglich. Undenkbar. Oder? War das Unmögliche möglich, wenn man das Undenkbare dachte? Oder hörten sie schlichtweg nicht zu?

Wie konnten sie seine brennende Not nicht wahrnehmen? Wie konnten sie ihn ohne Hilfe lassen? Er würde zugrunde gehen, wenn ihm niemand half.

Er konnte nicht erlöschen. Er war unsterblich wie das Salz und so alt wie der Berg. Seine zerbrochenen Hände berührten den Boden unter ihm, und er war der Boden. Er war der Fels, der seine Knochen zerschmettert hatte, er war das Rückgrat, das das Gebirge ausmachte. Er konnte nicht erlöschen. Nicht so.

Trotzdem mußten sie ihm helfen. Er fühlte sich abscheulich, konfus, ekelhaft menschlich und dann wieder furchtbar nicht-menschlich. Er konnte sich nicht konzentrieren. Er fühlte sich schuldig für das, was er jenen, die ihn liebten, angetan hatte.

Doch es war stets so gewesen. Er hatte sich immer denen angetan, die liebten. Ihr Geist war so weit offen. Er lauerte ihren Gedanken auf, sang seine Salzmusik in sie. Sie waren seine liebste, leichteste Beute. Doch nicht die einzige. Er schien sich zu erinnern, daß er sein Traumnetz durch die Sterblichen spann, ihre Gefühle trank, während sie hilflos schlummerten, offen für sein Eindringen.

Was für ein Gedanke! Er sank durch die Ritzen des Vergessens, so wie alle anderen das getan hatten, und wieder flammte nur eine Erinnerung auf, nämlich die, daß er ein Junge war. Ein junger Mann. Siebzehn Jahre alt. Auf der Suche war er gewesen, hatte etwas finden wollen, hatte es fast gefunden. Eine Landschaft driftete durch seine Erinnerung. Gipfel, harsch und steil.

Er liebte diese Gipfel, darüber war er mit sich eins. Die Liebe zu den Gebirgen schien das einzige zu sein, das er eindeutig wußte und spürte. Alle Aspekte seines abstrusen Seins waren sich darüber einig. Er war auf großer Fahrt durch die Welt, und hatte den Traumpfad gefunden nach ... er wußte weder wohin noch woher.

Etwas finden. Wie konnte er etwas finden, wenn er sich nicht mehr durch Luft, Wasser und Stein strecken konnte? In der Randzone von Kraft und Macht schwebte er und wartete. Bisweilen gelang es ihm, seine diffuse Panik um Gegenwart und Zukunft auszusenden, ohne zu wissen, wen sie erreichte. Er konnte nur wirre Spiegelscherben verzerrter Wirklichkeit zu Bildern formen und durch die Nachtluft senden, in der Hoffnung, daß sie jemanden fanden, der ihm, der allen Fey helfen würde, ehe es zu spät war.

Er erinnerte sich wieder an das Knistern der Blitze, gezügelt von denen, die ihn gefangen hatten. Dann verzagte er. Sterbliche. Solch unvollkommene, schwache Wesen zu besiegen hätte ihm ein Leichtes sein müssen. Zeitgebundene kleine Nichtse waren sie.

Doch er war nur ein Knabe. Seine Eltern würden sich sorgen. Er würde sterben, starb bereits, lag im Gestein begraben. Sie würden um ihn trauern ... und er würde ihnen Träume schicken.