Kapitel 32
Zwei kräftige Einheimische ruderten die Boote, Vater und Sohn, wie es aussah. Sie trugen Lederhosen, Stiefel und feste graue Wolljanker mit grünen Borten. Wenn sie einander von Boot zu Boot etwas zuriefen, versuchte Corrisande, sie zu verstehen, doch ihr Akzent war schwierig. Nur einzelne Worte wurden ihr klar, und die schienen anzudeuten, daß die Männer sich über ihre Passagierinnen ein wenig lustig machten und dabei gänzlich ignorierten, daß zumindest eine der Reisenden sie verstand. Offensichtlich waren sie nicht an Damen gewöhnt, die ohne männliche Begleitung reisten, und gleich drei davon, die einen halben Haushalt an Gepäck sowie eine eigene Kammerzofe mitführten – so etwas war ihnen wohl noch nicht untergekommen.
Die Boote waren groß, doch mit einem Ruderer und zwei Passagieren waren sie voll. Corrisande grübelte darüber nach, warum die Sängerin nicht auch noch ihr Klavier eingepackt hatte. Sie fühlte sich sehr ungeschützt in diesen flachen Nachen, die nach ihrem Dafürhalten Särgen mehr ähnelten als Booten. Die Menge an Gepäck ließ sie tief im Wasser liegen, und Corrisande fürchtete, jede noch so geringe falsche Bewegung würde sie sofort auf den Grund des Sees schicken. Sie blickte hinüber zum anderen Boot, in dem Cérise und Frau Treynstern in der gleichen angespannten Bewegungslosigkeit verharrten. Sogar Marie-Jeannette, die sich mit Corrisande im Boot befand, war ungewöhnlich ruhig. Das schöne Mädchen hatte die Hände in die Seiten des Bootes gekrallt und flirtete nicht einmal mit den anwesenden Männern, was eher untypisch war. Der Schiffer ruderte in einem ruhigen Rhythmus. Er stand dabei am Heck des Nachens und führte ein einzelnes Ruder. Diese Art des Antriebs sah seltsam aus, und vermutlich brauchte man eine Menge Kraft dafür.
So viel Wasser. Corrisande fühlte, wie ihr das Herz bis in den Hals schlug. Der langgezogene See lag umringt von Bergen, die nicht weit hinter dem Ufer sofort in die Höhe wuchsen. Herbstfarben ließen die Bäume leuchten, die sich nach oben hin verloren, wo der graubraune Fels aus dem Grün hervorbrach und sich steil nach oben reckte. Die Sonne schien, die Luft war von brillanter Klarheit, prickelte fast vor Leben. Grundlsee, wo sie die Nacht zugebracht hatten, lag hingestreut am westlichen Seeufer. Im Osten waren von weitem nur ein paar winzige Häuser zu erahnen, Gössl, ein Weiler, der keine eigene Poststation hatte.
Diese lag einsam dazwischen, am langgestreckten Nordufer, und nannte sich Ladner. Nur ein Pfad führte von Grundlese dorthin, viel zu schmal und unwegsam, um mit der großen Kutsche dort entlangzureisen. Es blieb ihnen nur das Boot als Transportmittel.
Das machte sie sehr abhängig von den einheimischen Ruderern. Es hieß auch, daß sie immer wieder über diesen See mußten, wohin sie auch wollten. Corrisande mißfiel der Gedanke.
Das Wasser war ruhig, nicht zu vergleichen mit dem Meer oder dem Ärmelkanal. Von Seegang konnte man nicht sprechen, das Wasser kräuselte sich nur glitzernd. Dennoch schwankte das Boot. Corrisande hatte den Ärmelkanal oft genug überquert, denn ihre Heimat war England, doch ihr Vater lebte in Frankreich, wo auch sie ein paar Jahre zugebracht hatte. Bisher hatte sie sich noch nie unwohl gefühlt, während sie von einem zum anderen Ufer fuhr, egal ob sie bei ruhiger See oder stürmischen Winden unterwegs war. Die Malaise, die manche Menschen auf Booten und Schiffen heimsuchte, hatte sie immer verschont.
Als Abkömmling einer Nereide wäre es auch ein Widerspruch in sich gewesen, seekrank zu werden. Sie hatte Wasser nie gefürchtet. Jetzt schon. Ihr Magen schien in ihr zu schwimmen. Die Übelkeit konnte sie eventuell ihrer Schwangerschaft zurechnen, denn es schien ihr fast ungehörig, auf einem flachen See bei Windstille seekrank zu werden.
Doch die Angst vor dem Wasser blieb. Es war eine irrationale Angst, die sie durchströmte, je länger sie auf das blaue Naß blickte. Es sah so ruhig und vertrauenswürdig aus, doch sie war beinahe sicher, daß es unter der trügerischen Oberfläche brodelte und tobte. Sie hatte das Wappen des Dorfes Grundlsee gesehen, einen Wassermann. Seine Präsenz war fast fühlbar. Sie hoffte, daß das Wesen sie nicht wahrnahm.
Dann schalt sie sich ob ihrer Feigheit und allzu überschäumenden Phantasie und blickte den Ruderer am Heck an, einen älteren Mann. Cérise hatte sich das Boot mit dem jungen Mann ausgesucht.
„Das Wappen Ihres Dorfes, der Wassermann – bedeutet er etwas?“
Der Mann schmunzelte. Es lag eine Spur Herablassung darin. Gleich würde er ihr einen ganzen Satz Lügen auftischen.
„Madame“, sagte er und versuchte, langsam und deutlich zu reden, damit die fremde Touristin ihn auch verstand. „Dieser See gehört einem mächtigen Wasserwesen. Vor langer Zeit ging es einmal einem Fischer ins Netz, der es gefangennahm und behielt, so sagt man. Da zeigte der Wassermann dem Fischer eine Salzmine und machte ihn reich. Dann ging er ins Wasser zurück. Manchmal schenkt er uns einen besonderen Fang.“
„Haben Sie ihn je gesehen?“ frage Corrisande.
„Wenn der Mond scheint“, fuhr er fort und grinste dabei, „kommt er manchmal an die Oberfläche und bestraft Fischer, die ihn nicht achten. Er ist äußerst gefährlich, und ganz sicher hätte er eine hübsche Dame wie Sie gerne zur Braut.“
Der Mann machte sich über sie lustig. Wenn er gewußt hätte, daß sie zu dem Wassermann gleichsam in einem entfernten verwandtschaftlichen Verhältnis stand, so hätte er sicher sehr rasch zu grinsen aufgehört. Doch sie befand sich in seinem Boot, und hier konnte er sie foppen, ohne fürchten zu müssen, daß sie aufstand und ging.
Sie hatte ihn nach einer Legende gefragt, und genau das hatte sie auch bekommen – eine Legende. Sie zwang sich zu einem Lachen und dankte ihm.
„Wie interessant“, bemerkte sie. „Auf der Karte gibt es in diesem Tal noch zwei weitere Seen. Können Sie mir etwas darüber sagen?“
Der Mann wurde ernst.
„Das sind keine guten Orte für charmante junge Damen wie Sie“, mahnte er allzu väterlich. „Sie sind wild, und es gibt unheimliche Lebewesen dort.“
„Ja, und Menschen verschwinden, nicht wahr?“ fragte Corrisande und gab sich redlich Mühe, dabei besonders jung und arglos auszusehen. Sie hatte dafür ein Talent. Männer im Alter des Bootsführers reagierten im allgemeinen sehr gut darauf. Sie mochten es, stark und überlegen zu wirken, und arglose, hilflose Frauen gaben ihnen Gelegenheit dazu.
Doch dieser Mann reagierte nicht wie erhofft. Sein Gesicht schien zuzuschnappen, und seine Miene wurde hart und unerbittlich. Nichts würde er sagen. Doch so leicht gab sie nicht auf.
„Man hat uns berichtet, ein junger Engländer und sein Lehrer seien hier vor einem Monat verschwunden. Glauben Sie, sie sind ertrunken?“
Der Mann zuckte die Achseln, und sein Blick ging weit in die Berge.
„Wer weiß? Das Gebirge ist wild, die Seen sind tief, und oben am Kammersee gibt es nur noch Wildnis. Jäger gehen dorthin. Schöne junge Damen sollten das besser nicht tun. Wer hat Ihnen von dem Engländer berichtet?“
Corrisande lächelte.
„Jemand, mit dem ich im Gasthaus gesprochen habe.“
Einen Augenblick lang schwieg er, dann musterte er seine anmutigen Passagierinnen und schien an einer Antwort zu kauen.
„Gnä’ Frau, gehen Sie nicht dorthin. Beim Ladner sind Sie sicher. Da kann Ihnen nichts geschehen. Das sind gute Leute. Da sind Sie gut aufgehoben, und morgen kommen wir dann und rudern Sie zurück nach Grundlsee. Sie sollten in Aussee bleiben. Das ist mehr für Damen wie Sie. Viele Sommerfrischler kommen dahin. Aber hier ist es wild. Die Gegend ist was für Jäger und Waldarbeiter, für Förster und Fischer. Für Männer. Wir sind einfache Leute. Sehen Sie sich doch um. Hier sind die Berge wild. Fahren Sie morgen zurück.“
Er wirkte, als habe er in seinem ganzen Leben noch nie so viel auf einmal gesprochen. Bedrückt sah er aus. Corrisande nickte und lächelte ihn an, um ihn zu beruhigen.
„Danke“, sagte sie brav. „Ihre Besorgtheit gereicht Ihnen zur Ehre. Gibt es denn viele Männer, die hierher reisen, um zu jagen oder zu fischen?“
„Ein paar“, antwortete er und fiel wieder in seine Einsilbigkeit zurück.
„Haben Sie denn in der letzten Zeit auch noch andere Engländer über den See gerudert?“
„Vielleicht“, brummte er. „Wer weiß? Ich fahre viele.“
Offenbar würde er ihr nichts mehr erzählen. Sie würde es anders anstellen müssen – höchstwahrscheinlich mit einem neuen Gesprächspartner. Dieser Mann wollte ihr nichts sagen. Immerhin hatte er sie gewarnt und war gar nicht glücklich darüber gewesen, als sie die beiden anderen Seen erwähnt hatte.
Also mußten sie dorthin. Da der Ladnergasthof einsam am Ufer lag, brauchten sie wieder einen Ruderer, um nach Gössl und von dort zum nächst höher gelegenen See, dem Toplitzsee, zu gelangen. Sie hatte die Seen auf der Karte gesehen. Der Toplitzsee hatte nur etwa ein Viertel der Größe des Grundlsees, und der noch weiter in den Bergen gelegene Kammersee schien wenig mehr zu sein als ein Weiher. Vermutlich konnte man ihn zu Fuß umkreisen. Um den Toplitzsee zu wandern war unmöglich, denn die Bedienung in der letzten Gaststätte hatte ihnen gesagt, es gäbe keine Pfade ringsherum, denn die Berge wüchsen senkrecht aus dem Wasser empor. Es gab keinen Uferbereich, an dem man entlangpromenieren konnte. Auch dort würde sie wieder Boote und Ruderer mieten müssen. Doch wenn das Gasthaus Ladner wirklich ein Treffpunkt für Fischer und Jäger war, würden sie schon jemanden finden, der sie für entsprechendes Geld überall hin brachte. An Geld mangelte es ihnen nicht. Cérise war reich wie Krösus, Corrisande hatte auch schon vor ihrer Ehe über nicht unerhebliche eigene Mittel verfügt, und aus der stilvollen, stillen Eleganz, die sie an Frau Treynstern gesehen hatte, schloß sie, daß auch diese in begüterten Umständen zu Hause war.
Geld war also kein Problem. Die Weigerung guter Männer, Damen in die Wildnis zu führen, mochte eher eine Schwierigkeit sein. Marie-Jeannette würden sie im Gasthaus lassen, damit sie auf ihre Sachen achtgeben und auf sie warten konnte. Das Mädchen wußte zu wenig über die Angelegenheit, um eine Hilfe zu sein, und murrte zudem schon seit München. Es beschwerte sich außerdem über Cérises Art, mit ihr umzugehen, und über deren Ankleidegewohnheiten.
Marie-Jeannette war die begabteste Kammerzofe der Welt. Sie hätte eine Bettlerin in eine Königin verwandeln können, und im Grunde hatte sie auch nur bis zu Corrisandes Vermählung bei ihr bleiben wollen. Danach hatte sie eigene Pläne gehabt.
Corrisande war nun schon ein halbes Jahr verheiratet, und Marie-Jeannette hatte sie immer noch nicht verlassen. Statt dessen hatte sie eine neue Vereinbarung getroffen. Sie würde in ihrer gutbezahlten Anstellung bleiben, bis sie volljährig war und dann das eleganteste Damenausstattergeschäft Londons eröffnen. Oder auch nicht. Andere Möglichkeiten boten sich dem hübschen Mädchen auch.
Wenn man das bedachte, so war es nicht erstaunlich, daß Corrisandes Kammerzofe ihre momentane Lage – in einem schwankenden Boot, mitten in der Wildnis und unterwegs zu einem vermutlich wenig mondänen Gasthof – nicht eben genoß. Doch Corrisande hielt sich nicht mit den Leiden ihrer Dienerin auf. Statt dessen versuchte sie etwas neues, das großen Mut forderte. Sorgfältig streifte sie den Lederhandschuh von ihrer Rechten, ließ die Hand über den Bootsrand gleiten und berührte schließlich das Wasser, das ihr solche Furcht einjagte. Es war eisig. Sie schloß die Augen und konzentrierte sich auf das, was sie fühlte.
Das Wasser erschien ihr lebendig. Jeder einzelne Tropfen, losgelöst vom flüssigen Ganzen, berührte, kostete und testete sie. Stimmen drangen durch ihren Geist wie ein mißtönender Chor.
Komm, sagten sie. Du bist eine von uns. Komm und sei wie wir! Wir sind das Leben, das über die Erde zieht, die Kinder des Firmaments und die Mutter der Wolken. Wir sind mächtiger als Fels und schneller als ein Wunsch. Wir sind allerorten. Komm!
Sie fühlte eine unbändige Sehnsucht, ein fast überwältigendes Verlangen, ins Wasser zu springen, um mit ihm eins zu werden, um damit zu verschmelzen, sich zu verlieren und nichts weiter zu sein als einzelne Tropfen. Kind, sagte eine Stimme, die Stimme einer gütigen Mutter, was tust du da? Weißt du, was du tust? Bedenke dein Leben und das in dir.
Komm, sangen die Stimmen. Mit uns kannst du überallhin, jeden kannst du finden. Wir sind stärker als Feuer, wir sind ewig. Komm, du gehörst zu uns.
Das Boot schaukelte heftig, und der Schiffer fluchte.
Sie merkte, daß sie sich weit über den Bootsrand gelehnt hatte. Marie-Jeannette hatte sie zurückgezogen.
„Geht es dir gut?“ fragte sie. „Es sah aus, als ob du gleich ins Wasser fallen würdest.“
„Ja, danke“, antwortete Corrisande. „Mir muß schwindlig geworden sein.“
Es würde ihr nichts anderes übrig bleiben, als das Wasser erneut zu berühren, wenn sie sich nicht in einem Boot befand. Wenn es zu ihr sprechen konnte, dann konnte es vielleicht auch ihre Fragen beantworten.
Nur würde sie vorsichtig vorgehen müssen. Sie war zu schwach, um der Versuchung des Wassers zu widerstehen. Sie war ein Mensch, oder doch zumindest so gut wie. Menschen waren wankelmütig. Wenn sie nicht achtgab, würde sie im mächtigen Naß untergehen, sich wie in ihren Träumen in eiskalten Tropfen verlieren.
Sie schauderte und sah sich um. Das Gebäude am Nordufer rückte langsam näher. Es war Zeit, den Einflußbereich des Wassers zu verlassen. Sie freute sich auf eine gute Tasse Kaffee oder Tee. Etwas zu essen wäre auch schön. Sie war ein Mensch, kein Wassertropfen. Sie brauchte Nahrung für sich und ihr Kind. Sie berührte ihren Bauch. Noch hatte sie nicht zugenommen. Alle Kleider paßten ihr noch. Trotzdem hatte Marie-Jeannette aufgehört, sie allzu fest zu schnüren.
Sie fragte sich, wem die andere Stimme gehörte hatte. Sie hatte geklungen wie die ihrer Mutter, dachte sie. Dann revidierte sie das Urteil, denn sie konnte sich an die Stimme ihrer Mutter nicht erinnern, da diese gestorben war, als Corrisande noch sehr klein war.
Jemand hatte sich um sie gesorgt. Frau Treynstern? Vielleicht hatten die Jahre, die sie mit Arpad verbracht hatte, sie ja den einen oder anderen übernatürlichen Trick gelehrt? Sie blickte zum anderen Boot und verwarf den Gedanken. Arpads frühere Geliebte hatte nichts mit der Warnung zu tun.
Sie fragte sich, ob dieses Rätsel sich irgendwann lösen würde. Sie war der Fragen und rätselhaften Warnungen müde, wollte keine weiteren Schattenbilder und Träume. Sie wollte Philip zurück, mehr nicht. Sie wollte seine Arme um sich spüren und die Leidenschaft, mit der er sie liebte, wollte die Hände in sein drahtiges, schwarzes Haar krallen, wollte das Glitzern in seinen gelben Augen sehen, wenn er lächelte, sie liebte, sie eroberte. Sie errötete und hoffte, daß ihre Gedanken sich nicht in ihren Gesichtszügen widerspiegelten.
„Wir sind bald da“, bemerkte Marie-Jeannette freudlos, „und es sieht ganz genauso unelegant aus wie das letzte Gasthaus. Ich will nur klarstellen, daß ich mich weigere, in einem Heustadel zu schlafen. Ich bin keine Hilfsmagd.“
„Vielleicht werden wir alle im Heustadel schlafen müssen“, antwortete Corrisande und drängte Philip und seine stürmische Liebe aus ihren Gedanken.
Marie-Jeannette schnaubte verächtlich und blickte zu Cérise.
„Das glaube ich kaum“, kommentierte sie spitz. „Wer hat schon von einer Göttin im Heuhaufen gehört? Tönerne Füße sind eine Sache, aber Strohhalme in der Frisur würde sie nicht überleben.“