Kapitel 57
Ein Boot auszuleihen war nicht schwer gewesen. Niemand hatte Udolf und seine brandneue Ehefrau dabei gestört. Er hatte das Gepäck verstaut und dann versucht, dem Mädchen in den Kahn zu helfen. Das war nicht leicht gewesen. Ihre voluminösen Röcke hatten sich im Holz verhakt, und fast wären sie beide im See gelandet.
Marie-Jeannette hatte einen kleinen Aufschrei von sich gegeben, und er hatte ihr bedeutet, still zu sein, denn er wollte nicht die Aufmerksamkeit der Wirtsleute auf sich ziehen. Eine frühmorgendliche Diskussion um ein Boot war das Zweitletzte, was er wollte. Noch höher auf seiner Agenda zu vermeidender Dinge stand nur ein weiteres unfreiwilliges Bad im kalten See.
Sie hatten Glück. Das Boot schaukelte heftig, doch das Mädchen war klug genug, sich sofort zu setzen und sich nicht mehr zu bewegen. Marie-Jeannette schenkte ihm ein versonnenes Lächeln und sah zu, wie er das Ruder ergriff. Er hoffte, daß er das Boot nicht zum Kentern bringen würde. Mit Pferden konnte er umgehen, wacklige Boote hingegen waren nicht seine Stärke. Kämpfen, beschossen und verfolgt werden, Feinden entkommen – all das gehörte zur Pflicht. Man überlebte – oder nicht. Seine Würde vor einer achtzehnjährigen weiblichen Dienstbotin zu verlieren war weitaus unangenehmer. Die Möglichkeit, bei der relativ einfachen Aufgabe zu versagen, sie ohne Schiffbruch ans andere Ufer zu bringen, machte ihn rasend.
Sie sprachen erst, als sie schon ein paar Minuten vom Wirtshaus weggerudert waren. Ihre behandschuhten Hände fuhren hoch und setzen ihr Hütchen zurecht.
„Das wird ein richtiges Abenteuer! Ich liebe Abenteuer“, sagte sie glücklich.
Er lächelte, und ihm wurde wieder bewußt, wie atemberaubend schön sie war und daß es ihm schwer fiel, sich auf andere Dinge zu konzentrieren. Ihre grünen Augen blitzten vor Lebensfreude, und ihre Locken strahlten in der Morgensonne intensiv rot. Ihr Lächeln war frei und verlockend, und ein Anflug von Keßheit war darin, der ihn herauszufordern schien. Sie war ein Traum.
Außerdem würde sie seine Ehefrau spielen. Er freute sich schon darauf, ihren Gemahl darzustellen. Die Tarnung, die sie gewählt hatten, bürgte für eine interessante Nähe.
Das Boot schaukelte, und er balancierte es sorgfältig aus. Er mußte sich besser konzentrieren. Nicht ganz leicht, bei der Aussicht.
Er hatte schon früher mit ihr geschäkert. Ein halbes Jahr zuvor hatte er ihr einen Kuß geraubt, und es war ein sehr süßer Kuß gewesen. Doch trotz ihrer unkomplizierten Offenheit hatte sie ihm klargemacht, daß sie nicht leicht zu haben war. Was sie wirklich wollte konnte er nicht ausmachen. Der Ehebund konnte es nicht sein. Sie war eine Angestellte. Also stand das außer Frage. Er wußte das. Sie mußte es genauso wissen.
Vielleicht suchte sie einen Beschützer, einen begüterten Herrn möglicherweise, der ihr ihre Wünsche erfüllte und im Gegenzug die seinen erfüllt bekam. Alle seine Wünsche von einer solchen Traumvision erfüllt zu bekommen mußte verdammt noch mal überwältigend sein. Nur war er vermutlich nicht begütert genug, um sich ein so über alle Maßen exquisites Spielzeug leisten zu können.
„Es kann gefährlich werden, Christine“, sagte er, und ihm wurde bewußt, daß er sich für seine Antwort zu lange Zeit gelassen hatte. „Wir müssen wachsam sein. Du mußt versprechen, immer zu tun, was ich dir sage.“
„Sind Sie sicher, daß Sie mich nicht Lola nennen wollen?“
„Ganz sicher, Liebling, und du mußt mich duzen. In diesem Abenteuer bist du schließlich meine Ehefrau, nicht wahr?“
Sie nickte und sah ihn offen an.
„Ich verstehe“, sagte sie und schenkte ihm ein heiteres Lächeln. „Sie – du würdest eine Lola nie heiraten.“
„Richtig“, erwiderte er. „Meine Eltern würden mir das nie verzeihen.“
Das Lächeln verschwand, und der Mund verzog sich zu einem anmutigen Schmollen.
„Du tust natürlich immer nur, was deinen Eltern gefällt“, murrte sie. „Du bist sehr tüchtig und gesittet. Vor einem halben Jahr warst du noch anders.“
Er seufzte.
„Nein.“ Er hatte sie geküßt. Er hatte sie nicht gebeten, seine Ehefrau zu werden. Lieber Himmel. Was für ein Thema am frühen Morgen! Er mußte sie auf andere Gedanken bringen. „Marie-Jeannette, ich meine, Christine, wenn wir im Dorf ankommen, möchte ich, daß du dich … vielleicht … ein wenig … verliebt gibst. Wir sind ein Ehepaar auf Hochzeitsreise. Wenn die Leute das auf den ersten Blick sehen, kommen sie möglicherweise gar nicht auf die Idee, uns mit etwas anderem in Verbindung zu bringen.“
Sie nickte.
„Leute sehen stets nur, was sie sehen wollen. Ich weiß das. Corrisande, ich meine, Mrs. Fairchild, hat mir viel beigebracht, weißt du.“
Er sah sie mißtrauisch an.
„Was denn?“
„Englisch, und inzwischen lerne ich auch Deutsch. Sie hat mir auch Manieren beigebracht und wie man mit Herren von Stand konversiert.“
„Du lieber Himmel, wozu das denn?“
„Weil ich nicht immer Zofe bleiben möchte. Ich habe andere Pläne. Ich könnte … Schauspielerin werden.“
Sie wäre sogar eine gute Schauspielerin. Selbst wenn ihr dramatisches Talent nicht überragend sein sollte, würde ihr Aussehen ihr doch eine Karriere bescheren und sie berühmt machen. Er musterte sie genau. In der exquisiten Kleidung der Sängerin wirkte das Mädchen wie eine Dame. Nicht ein Hauch von Gesindetrakt haftete ihr an. Sie zeigte einen Stolz, der ihre Grazie in Einklang mit ihrem Wesen setzte. Sie hielt den Kopf erhoben und saß anmutig und ruhig da.
Er riß sich von dem Anblick los und konzentrierte sich auf ihr Fortkommen.
„Wir sind gleich da. Ich werde am Steg anlegen, und wir werden zu einer Gaststätte gehen. Wir könnten uns ein Zimmer nehmen. Sei es nur, damit es aussieht, als hätten wir die Nacht dort verbracht und würden nun nach Aussee zurückreisen.“
„Das ist eine gute Idee“, nickte sie. „Ich hoffe, wir finden bald eine Transportmöglichkeit“, fuhr sie fort und kopierte ganz selbstverständlich den Sprachstil ihrer Arbeitgeberin. „Der Gedanke an jene Männer gestern Nacht macht mich sehr unruhig. Sie waren ekelhaft. Sie könnten mich erkennen, und dich natürlich auch.“
„Das wäre schlecht“, entgegnete er trocken. „Sie würden uns in einem Kampf besiegen, und ich glaube nicht, daß sich die Leute hier in so einen Streit einmischen würden, wenn er sie nichts anginge.“
„Natürlich nicht. Warum sollten sie? Sie wüßten ja nicht einmal, für wen sie Partei ergreifen sollten.“ Dann fügte sie konspirativ hinzu: „Ich habe ein Messer im Strumpfband. Corrisande hat mir beigebracht, wie man damit umgeht. Wenn es brenzlig wird, kann ich dir also helfen.“
Ihr Lächeln war so voller Unverfrorenheit, daß er ein Grinsen nicht unterdrücken konnte. Sie war unglaublich süß und er war für sie verantwortlich. Er mußte sie wohlbehalten – in jeder Hinsicht – zurückbringen.
„Meine liebe ... Ehefrau. Ich kann nicht zulassen, daß du beim ersten Anzeichen möglicher Schwierigkeiten die Röcke hebst, um an interessanten Stellen nach Waffen zu suchen. Ich werde sie mir gern in einer stillen Minute ansehen. Nur zur Sicherheit, natürlich. Aber ich werde verdammt noch mal meiner jungen Frau nicht erlauben, der Welt ihre Strumpfbänder zu zeigen – ganz egal, was darin stecken mag.“
Sie sah ihn beleidigt an.
„De vrai“, sagte sie und kopierte diesmal Cérise Denglots entnervende Angewohnheit, bei Bedarf in die französische Sprache zurückzufallen. „Du mußt nicht so hart sein. Natürlich habe ich nicht vor, jedem vorbeikommenden Herrn meine Beine zu zeigen. Aber wenn wir in Schwierigkeiten kommen, sollst du wissen, daß ich ein Messer habe und damit umgehen kann.“ Ihr Gesicht erstrahlte in diebischer Freude. „Möchtest du es vielleicht sehen?“
Ihre Hände wanderten an den Saum ihres Rockes, und ihre Augen sprühten vor schlecht verborgenem Schalk.
„Nicht jetzt! Lieber Himmel. Wir sind fast da!“
Sein Tadel klang härter als nötig, und er wurde sich bewußt, daß er ihr Angebot fast angenommen hätte. Sie hatte die Aussicht, diese Beine zu Gesicht bekommen, fest in seinen Gedanken verankert. Er fand es im Moment schwierig, sich auf etwas anderes zu konzentrieren.
Verdammt sollte sie sein. Sie wußte genau, wie sie einen Mann aus der Fassung bringen konnte. Er fühlte sich für einen Augenblick etwas verloren und stellte dann den Status Quo zwischen ihnen wieder her, indem er sie strikt anblickte und seine Schnurrbartenden zwirbelte. Leider waren letztere nicht mehr vorhanden. Seine Hand fuhr suchend durchs Gesicht, und das Mädchen kicherte.
„Wirklich, mon amour – oh, du mein Gatte. An diesem Schnurrbart kann man sich nicht mehr festhalten. Er ist fort und bietet keinen Schutz mehr.“
„Mein liebes Kind“, erwiderte er nachdrücklich. „Ich bin mir sicher, daß ich nicht umhin komme, dir kräftig deinen allerliebsten Duweißtschonwas zu versohlen, bevor wir wieder hierher zurückkommen.“
Sie schmollte niedlich.
„Mein Ehemann, ich … ah … habe deinen Namen leider vergessen, aber ...“
„Martin. Ich denke, man hat entschieden, Martin sei ein schöner Name.“
„Alors, Martin …“
„Paß auf deine Hände auf, Liebling!“
Er hatte das Boot längsseits zum Steg gebracht, und es schaukelte einen Augenblick lang heftig. Dann sprang er auf die Planken, band das Boot an und hob das Gepäck heraus. Nachdem ihre Sachen sicher waren, beugte er sich zu ihr herunter, um ihr aus dem Boot zu helfen.
Wieder schaukelte das Boot ob des veränderten Schwerpunkts, doch es gelang ihm, die junge Frau festzuhalten und an Land zu heben, ehe sie in den See fiel. Es war keinesfalls ein gewandtes Manöver, und es endete damit, daß er seine Arme um ihre Taille geschlungen hatte und sie ihre Finger in seine Schultern krallte.
In dieser engen Verstrickung blickte sie zu ihm auf, ihr Gesichtchen direkt unter seinem, ihre Augen groß, die Lippen leicht geöffnet. Der frische Morgenwind hatte ihre Wangen rosig gefärbt. Er beugte sich hinunter und küßte sie, ehe sein Verstand noch hinterfragen konnte, ob das eine gute Idee war. Ihr Gesicht war kalt, doch ihr Mund war warm und bereit. Für kurze Zeit vergaß er alles um sich herum, fühlte nur die weichen Lippen an seinen, die sich ihm öffneten. Ihre Zunge spielte mit seiner. Dann spürte er einen Druck an seinen Schultern. Sie schob ihn sanft von sich.
Er riß sich von der Liebkosung los und blickte in das kecke, amüsierte Gesicht.
„War das verliebt genug für unsere Tarnung, mein Ehemann?“
Kein vernünftiges Wort schien sich in seinem Kopf formen zu wollen, und er fühlte Ärger in sich hochsteigen. Auch war er atemlos, was die Sache nicht besser machte.
„Wir sollten besser losgehen, n’est-ce pas?” sagte sie mit einem so kessen Lächeln, daß er sie am liebsten gleich wieder geküßt hätte, und dann immer wieder. „Wenn du bitte so freundlich wärst, mein Gepäck zu nehmen, mon cher. Ich will mich hier nicht vor aller Welt danebenbenehmen. Der Priester würde uns schelten, und Frau Treynstern – stell dir nur vor, was sie sagen würde. Ich bin mir sicher, daß Liebkosungen solcher Art an öffentlichen Orten verboten sind, und, enfin, dies ist ein sehr öffentlicher Ort.“
Er suchte nach einer entsprechenden Antwort, doch ihm fiel nichts Brauchbares ein. Also nahm er das Reisegepäck und wies ihr den Weg zum Ufer.
Sie stolzierte hocherhobenen Hauptes mit der natürlichen Selbstsicherheit einer Schönheit, die sich ihres Ranges als Dame bewußt war. Eine Hausangestellte, ermahnte er sich. Ein Mädchen vom Personal. Unter normalen Umständen würde sie ihm die Stiefel putzen. Unter normalen Umständen würde er vorausschreiten, und sie käme mit dem Gepäck hinterdrein.
Sie wandte sich lächelnd um.
„Das ist das Wirtshaus, in dem wir übernachtet haben. Wir sollten es nicht nehmen. Vielleicht erkennen sie mich ja wieder.“
Er nickte und folgte ihr stumm, als sie zielsicher die Dorfstraße entlanglief. Für Stadtverhältnisse war es noch sehr früh, doch hier auf dem Land waren die Menschen bereits auf. Höchstwahrscheinlich war es keine so gute Idee gewesen, direkt am Steg anzulegen. Sie würden auffallen, und ihm fiel keine einzige Ausrede ein, warum sie schon so früh mit ihrem ganzen Gepäck den See überquert hatten. Auch war er sich nicht mehr sicher, ob es eine gute Idee war, eine junge Frau dabei zu haben, die im wahrsten Sinne des Wortes unvergeßlich schön war. Das bedeutete, daß man sich an sie erinnern würde. Mit einem der hübschesten Mädchen der Welt zu reisen war eine Sache, von der man weit mehr hatte, wenn man sich nicht gerade auf gefährlicher Mission befand.
„Ich glaube, ich sollte besser meinen Schleier herunterziehen.“ Sie fummelte an ihrem Hut, und ein Hauch von Spitze schattierte ihr Gesicht. „Hélas! Jetzt kann mich niemand mehr erkennen.“
Sie schritt rasch den Weg am Fluß entlang. Nach einer Weile erreichten sie ein weiteres Gasthaus. Sie wartete, daß er sie einholte, setzte sich dann auf eine Holzbank, die unter einem schmalen Fenster stand, und strich ihre Röcke mit einer kleinen, behandschuhten Hand glatt.
„Du mußt zuerst reingehen, mon mari. Es gehört sich nicht für mich, ein solches Etablissement zu betreten, ehe du es für passend erklärt hast.“
Von all den Dingen, die ihm an seiner frisch erworbenen Gattin langsam den letzten Nerv raubten, war bei weitem das größte Ärgernis ihre Tendenz, ihn herumzukommandieren und ihm Benimmratschläge zu geben.
„Natürlich“, antwortete er bissig. „Ich weiß. Ich stamme nicht aus der Gosse.“
„Da bin ich aber froh“, sagte sie und schenkte ihm ein entzückendes Lächeln. Einen Moment lang hätte er sie wirklich gern übers Knie gelegt. „Ich wäre ungern mit jemandem verheiratet, der aus der Gosse stammt.“ Ein unschuldiger Augenaufschlag begleitete diese Aussage.
Von Görenczy knirschte mit den Zähnen. Dann zwang er sich, das nutzlose Geplänkel zu ignorieren, und klopfte. Als niemand kam, öffnete er die Tür und trat in den Korridor.
„Entschuldigung!“ rief er in den dunklen Gang. „Hallo? Entschuldigung. Wir suchen ein Zimmer …“
Er wollte gar kein Zimmer. Er wollte einen Wagen. Doch er konnte nicht gut auf der Straße stehen bleiben und warten, daß einer vorbeifuhr, der zufällig auf dem Weg nach Aussee war.
Eine Frau in Bauerntracht trat auf ihn zu. Wie die Ladner-Wirtin trug auch sie ein schwarzes Tuch um den Kopf. In der Hand hielt sie ein Geschirrtuch, das sie fahrig zerknautschte.
„Gnä’ Herr“, sagte sie. „Mein Mann ist nicht da.“
Von Görenczy verstand, was sie damit sagen wollte. Sie wollte nicht mit ihm sprechen. Doch das hatte sie nicht direkt gesagt, und so ignorierte er die verdeckte Abfuhr.
„Das macht nichts. Das macht gar nichts.“ Er nickte ihr zu und versuchte dabei, so wenig militärisch wie möglich zu wirken. Er war ein Mann von Welt, der mit seiner Gattin reiste. Sie würde erwarten, daß er überheblich war. „Meine Frau und ich reisen heute zurück nach Aussee und würden gern hier warten, bis wir eine Fahrgelegenheit organisiert haben. Können Sie uns behilflich sein?“
In ihren Augen machte sich Panik breit, ihre Blicke gingen von von Görenczys Gesicht zu seinem Gepäck, das er abgestellt hatte, und wieder zurück zu ihm.
„Ihre Frau?“ fragte sie tonlos.
„Ja, meine Frau.“ Er nickte. „Sie hat draußen Platz genommen und genießt die Morgensonne. Vielleicht können wir ja einen Raum mieten, in dem wir warten können?“ Er griff in die Tasche und holte einige Münzen hervor, die er ihr auf der flachen Hand entgegenhielt.
Ihr Blick wandte sich dem Geld zu und wich nicht mehr davon.
Dann griff sie danach, und es verschwand so schnell in ihrem Kleid, daß Udolf sie nie und nimmer hätte aufhalten können.
„Nach Aussee?“ fragte sie mißtrauisch.
„Richtig. Unsere Flitterwochen sind vorbei. Wir sind auf dem Weg zurück nach … Wien.“
Sie musterte ihn kritisch. Dann wies sie mit einer Kopfbewegung auf eine Tür.
„Da drin können Sie warten. Ich werde meinem Sohn auftragen, daß er eine Kutsche für Sie mietet. Er fährt bald nach Aussee, und da kann er eine für Sie mieten, die Sie hier abholt – und Ihre Frau auch.“
„Oh,“ antwortete Udolf. „Warum können wir nicht gleich mit ihm fahren? Wir würden auch dafür bezahlen.“
Sie musterte ihn ängstlich.
„Er nimmt das Fuhrwerk. Das paßt sich nicht für Sie, gnä‘ Herr.“
„Wir haben es eilig, wissen Sie.“
Sie nickte erneut.
„Waren Sie letzte Nacht bei Ladners?“ fragte sie argwöhnisch.
„Bei wem?“ fragte er zurück, da ihm nicht einfiel, was er sagen sollte.
Die Frau wollte eben die Frage wiederholen, als die Tür sich öffnete und Marie-Jeannette eintrat, von Kopf bis Fuß gekränkte Würde.
„Martin“, begann sie in einem zutiefst beleidigten Tonfall. Sie sprach gebrochenes Deutsch mit französischen Einlagen. „Kannst du nicht ein klein wenig sein plus vite? Ich will heim. Wir hätte nicht kommen sollen. Es war keine gut‘ Idee. Hier ist es zu kalt, um romantisch zu sein.“
„Romantisch“, wiederholte Udolf ruhig.
„Natürlich, du hast gesagt, hier wäre es romantisch, und hast die Kutsche fortgeschickt. Aber es ist nicht romantisch, gar nicht, pas du tout. Ich will nach Hause.“ Sie schmollte und sah ihn vorwurfsvoll an. Ihre Unterlippe zitterte leicht, als würde sie jeden Augenblick in Tränen ausbrechen.
„Liebling, wir fahren doch gleich heim. Diese gute Frau …“
„Warum hast du nur die Kutsche zurückgeschickt? Je ne comprends pas. Das war keine gute Idee. Die Berge sind hier so hoch und niederdrückend.“
„Hoch und …?“
„Deprimierend.“
„Aber sie sind sehr schön ...“
„A bas! Jetzt wirst du gleich erklären, sie wären romantisch!“
„Mein Kind, natürlich …“
„Vielleicht wären sie romantisch, wenn du nicht immer streiten würdest. Toute la nuit. Die ganz‘ Nacht. Wie kann etwas romantisch sein, wenn du immer streitest?“
„Liebling! Christine. Sei doch …“
In diesem Augenblick begann sie zu Udolfs Entsetzen in ihr Taschentuch zu weinen. Er stand hilflos da. Was tun? Diese Art von Einmischung hatte er nicht erwartet. Was mochte das Mädchen beabsichtigen?
Doch die reservierte Frau reagierte jetzt. Sie trat vor, öffnete die Tür zum Hinterzimmer und gab ihm mit einem Wink zu verstehen, er solle das erschütterte Mädchen dort hineinführen. Ihr Gesicht zeigte deutlich ihr Mißfallen. Offenbar verabscheute sie die tränenreiche Szene und fand, diese solle wenigstens nicht mitten auf dem Korridor stattfinden.
Udolf folgte der Aufforderung benommen.
„Es tut mir sehr leid“, entschuldigte er sich linkisch. „Meine Frau fühlt sich nicht wohl. Ich danke Ihnen für Ihre Gastfreundschaft …“
Sie streckte nicht die Hand aus, doch ihr Blick gab ihm zu verstehen, daß sie sich bei diesem Aufwand für unterbezahlt hielt. Er griff wieder in die Tasche und holte noch einige Geldstücke hervor. Auch sie verschwanden mit erstaunlicher Schnelligkeit.
Er trat ins Hinterzimmer und schlug sich fast den Kopf am niedrigen Türrahmen an.
„Denken Sie, Sie …“
„Ich werde nach dem Nachbarsjungen schicken. Sie haben einen Tilbury. Sie könnten Sie vielleicht nach Aussee …“
„Einen Tilbury? Sehr gut!“ Er wandte sich an Marie-Jeannette. „Hast du gehört, mein Liebling? Jetzt fahren wir heim!“
„In einem Tilbury!“ Marie-Jeannette wiederholte das Wort, als hätte man ihr eröffnet, sie müsse in einem Schubkarren reisen. „Die sind doch viel zu klein!“
„Ein Tilbury ist in Ordnung. Was willst du nur?“ Seine Stimme klang ein wenig entnervt. Allzu viel schauspielerisches Talent war dazu nicht nötig.
Die Wirtin drehte sich um und verließ den Austragungsort der Diskussion.
Marie-Jeannette grinste ihn verschwörerisch an, nahm sich dann zusammen und zog ihren hübschen Mund wieder in Schmollstellung. Sie jammerte:
„De vrai, meine Eltern hatten vollkommen Recht. Ich hätte auf sie hören sollen. Nun muß ich die Konsequenzen meiner unüberlegten Liebe tragen! C’est si triste!“
Wieder zitterte ihre Lippe, doch nach einem Augenblick der Unsicherheit stellte Udolf fest, daß sie mühsam ein Kichern unterdrückte.
Er sah sie strafend an.
„Mein Kind“, begann er in strengem Ton, konnte jedoch seine Schelte nicht zu Ende bringen.
„Nun bist du auch noch böse auf mich. Oh, mein Ehemann, ich kann es nicht ertragen, wenn du böse auf mich bist.“ Wieder verschwand ihr Gesicht in ihrem Spitzentaschentuch. Gleichzeitig trat sie zu ihm hin und flüsterte: „Sie lauscht gewiß. Das tun sie alle.“
„Wer?“ fragte er leise zurück.
„Du weißt schon. Leute ihres Standes.“
Udolfs Kinnlade klappte herunter. Doch er hatte keine Zeit, sie darum zu bitten, ihm ihre Version von Klassenunterschieden zu erklären. In diesem Augenblick hörte er, wie sich die Haustür öffnete und eine Gruppe Männer in den Korridor kam. Ihre Stiefel klangen laut auf den Steinfliesen. Durch die geschlossene Tür konnte Udolf sie hören, ohne alles genau zu verstehen.
Was er jedoch verstand, war, daß die Männer jemanden suchten, der ihnen entschlüpft war. Die Stimmen hörten sich anders an als nachts am See, aber er erkannte sie dennoch.
Jemand trat auf die Tür zum Hinterzimmer zu, und er sah, wie sich der Türgriff bewegte. Dann hörte er die Stimme der Wirtin.
„Da sind Gäste drin. Sie kommen besser in den Schankraum.“
„Gäste? Was für Gäste?“
„Flitterwöchner. Sie haben nicht aufgehört zu streiten, seit sie hier sind. Am besten, man läßt sie in Ruhe.“
„Was tun sie denn hier?“
„Sie versuchen, romantisch zu sein.“
Die Tür öffnete sich einen Spalt, und Udolf griff nach seiner liebreizenden Gefährtin, zog sie in seine Arme und küßte sie leidenschaftlich, während er darauf achtete, mit dem Rücken zur Tür zu stehen und ihre Gesichter zu verbergen.
Nach einigen Augenblicken schloß sich die Tür wieder.
„Das scheint ihnen zu gelingen“, kommentierte eine belustigte Stimme, dann erschallte dreckiges Gelächter. Die Schritte entfernten sich.