Kapitel 52

Sie wird kommen, sagte die Mutter. Ihre Liebe ist wie ein Fanal.

Sie wird kommen, sagte die Greisin. Ihre Liebe ist hinter der Fassade der Jahre versteckt, doch sie wird kommen.

Sie wird kommen, sagte die Jungfrau, und ihre Tapferkeit ist das einzige, das ich an ihr mag. Es sollte nicht sie sein. Nicht sie.

Sie wird kommen und den Preis entrichten, sagte die Mutter; vielleicht hat sie schon bezahlt, aber noch nicht genug.

Du hättest es verhindern sollen, sagte die Jungfrau.

Er war so einsam, sagte die Mutter. Schon so lang. Mein armes Kind. Seine Einsamkeit schnitt mir in die Bergseele.

Alle unsere Kinder sind einsam, sagte die Greisin. Wie viele es auch sein mögen, es sind zu wenige, um nicht einsam zu sein.

Die Jungfrau lächelte dem Wind zu und forderte ihn auf, durch die Berge zu fegen. Der Bluttrinker ist nicht einsam, sagte sie nach einer Weile.

Er ringt mit einer Aufgabe, die zu schwer für ihn ist, sagte die Greisin.

Er wird scheitern, sagte die Mutter.

Er tut sein Bestes, sagte die Jungfrau.

Doch was ist sein Bestes? fragte die Greisin.

Er hat lieben gelernt, sagte die Mutter.

Hat er gelernt zu respektieren? fragte die Jungfrau.

Er hat gelernt, um den Tod zu trauern, den er bringt, sagte die Greisin. Doch er bringt ihn dessen ungeachtet. Es ist seine Art. Er ist, was er ist. Ein Raubtier.

Auch wir sind, was wir sind, sagte die Mutter. Unendlichkeit des Seins.

Ja, und Leben, sagte die Jungfrau. Doch Menschen sterben. So ist das eben.

Sie sahen einen Augenblick lang der Zeit zu, wie sie sich rückwärts wandte und wiederholte.

Er hat die Römer gesehen und denkt, er sei alt, sagte die Greisin keckernd. Er sollte es besser wissen.

Er balanciert auf dem schmalen Grat menschlicher Realität, sagte die Jungfrau. Wie ein Hochseilartist tanzt er weit über der Welt, wie sie wirklich scheint.

Er ist nicht über ihr, sagte die Mutter, sondern mitten darin. Die Menschen haben ihn vergiftet.

Menschen haben ihn geliebt, sagte die Jungfrau.

Menschen haben ihn genährt, sagte die Greisin.

Sie beobachteten, wie ein Fuhrwerk mühevoll bergauf ruckelte. Eine Gruppe Männer schob es, Sklaven der Römer. Ein Sklaventreiber ließ die Peitsche tanzen. Für einen Augenblick gellte Schmerz durch die Wirklichkeit.

Warum sehen wir uns das an? fragte die Jungfrau.

Weil es sich nie ändert, sagte die Greisin.

Weil das größte Talent, das die Menschen haben, ist, anderen Schmerz zuzufügen, sagte die Mutter.

Wir helfen, wenn wir können, sagte die Jungfrau.

Wir helfen, wenn man uns bittet, sagte die Mutter.

Wir helfen, wenn wir es wollen, sagte die Greisin.

Wenn man uns bittet, helfen wir, wenn wir können und wollen? fragte die Jungfrau. Reicht das?

Wenn es so wäre, wäre es nicht ausreichend, sagte die Mutter.

Doch so ist es nicht, sagte die Greisin. Was ist, ist und was sein wird, wird sein. Den Menschen ist die Wahlfreiheit gegeben.

Doch sie wählen immer wieder den Tod anderer, sagte die Mutter.

Nicht alle, protestierte die Jungfrau.

Von einer Ewigkeit zur nächsten gesehen alle, sagte die Greisin.

Nur in diesen Bergen und nur in diesen Tagen – sind sie nicht alle Meuchler, sagte die Jungfrau.

Was Menschen anderen Menschen antun, ist nicht unsere Sache, sagte die Greisin. Ihres Unvermögens wegen sind sie ausgestoßen. Sie kennen keinen Frieden.

Ihrer Liebe wegen ist ihnen verziehen, sagte die Mutter. Liebe kennen sie.

Die Welt drehte sich wirbelnd, und die drei sahen eine andere Szene, eine Wüste, in der die Sonne wie flüssiges Feuer brannte, einen Wasserfall, der so einzigartig war, daß seine Regenbögen sangen, eine Bergkette, ganz oben an der Spitze des Universums.

Sie haben singen gelernt, sagte die Jungfrau. Ich mag ihre Melodien.

Schon waren sie zurück, wo sie eben noch gewesen waren, und lauschten einem Jungen und einem Feyon, die mit ein und derselben Stimme sangen.

Der Mensch konnte schon singen, ehe er hierher kam, sagte die Mutter.

Unser Sohn konnte schon Gefühle verweben, noch bevor der ewige Schnee in diesem Teil der Welt schmolz, sagte die Greisin.

Ich mag seine Melodien, sagte die Jungfrau.

Jeder könnte seine Melodien mögen, sagte die Mutter.

So er überlebt, sagte die Greisin.

Es gibt eine Realität, in der er das tut, sagte die Jungfrau.

Es gibt eine Realität, in der er im Salz verschwinden wird, sagte die Greisin.

Laß sie uns besuchen, sagte die Mutter.

Sie werden uns nicht weiser machen, sagte die Greisin.

Sie könnten uns traurig machen, sagte die Jungfrau.

Die Zeit wirbelte nochmals, und die beiden Älteren blickten in das süße, jugendfrische, reine Gesicht ihrer Gefährtin.

Du hast zu vielen Menschenliedern gelauscht, sagte die Mutter.

Du hast zu viele Menschenträume erkundet, sagte die Greisin.

Ihr habt zu oft Menschen aufgegeben, sagte die Jungfrau.

Sie lächelten einander an und somit doch auch wieder nur sich selbst.

Werden sie wissen, wie sie uns rufen sollen? fragte die Jungfrau.

Werden sie wissen, ob sie uns rufen sollen? fragte die Mutter.

Sie werden nicht einmal wissen, wie sie uns nennen sollen, sagte die Greisin.

Menschen finden für alles Namen, sagte die Jungfrau.

Menschen finden für alles Begründungen, sagte die Mutter.

Menschen finden für alles Begriffe, sagte die Jungfrau.

Ja, und dann halten sie sich für weise, sagte die Greisin. Dabei ist Weisheit für sie wie die fernste Bergspitze, auf der ewiger Schnee liegt, wo die Wolken die Gipfel verhüllen. Unerreichbar für Menschen.

Doch sie werden die Gipfel der Welt erkunden. Irgendwann werden sie sie erreichen, einen nach dem anderen, durch Nebel und Eis. Sie werden sie erstürmen und sich ihre Geheimnisse zu eigen machen, wie sie es mit allem tun.

Doch wird sie das weise machen? fragte die Greisin.

Kaum, sagte die Mutter. Sie werden es trotzdem tun. Wie sie alles immer trotzdem tun.

Haben wir sie nicht auch gemacht? fragte die Jungfrau. Warum haben wir das getan?

Es schien damals gut, sagte die Greisin.

Ja, und amüsant, sagte die Mutter. Leben zu schaffen ist amüsant – selbst für Menschen.

Haben wir Leben geschaffen, um glücklich zu sein? Haben wir unser Ziel erreicht? fragte die Jungfrau.

Möglicherweise, sagte die Mutter.

Möglicherweise auch nicht, sagte die Greisin.

Aber wir haben Leben geschaffen? fragte die Jungfrau.

Es gibt eine Realität, in der wir das getan haben, sagte die Mutter.

Es gibt eine Realität, in der wir das nicht getan haben, sagte die Greisin.

Arme Menschen, seufzte die Jungfrau. Wie sollen sie das je begreifen?

Das können sie nicht, sagte die Greisin.

Vielleicht stimmt es für sie auch nicht, sagte die Mutter. Alles ist relativ. Nicht einmal wir sind absolut, und sie – sie sind nur kleine Menschen.

Doch manchmal nehmen sie uns wahr, sagte die Greisin, wie sie das Land wahrnehmen und die Jahreszeiten, den Schnee und den Sonnenschein. Wie sie Freude empfinden und Trauer, Mut oder Schuld.

Dann machen sie uns zu dem, was sie glauben, das wir sein sollten, sagte die Mutter.

Dann sind wir genau das, sagte die Greisin.

Sie haben uns Namen gegeben, sagte die Jungfrau.

Einbeth, Warbeth und Wilbeth, sagte die Greisin.

Margarethe, Katharina und Barbara, sagte die Mutter.

Glaube, Liebe, Hoffnung, sagte die Jungfrau und seufzte tief.

Doch was ist nun die Realität? fragte die Greisin.

Ist sie überhaupt jemals relevant? fragte die Mutter.

Abermals wirbelte die Zeit vorbei, und das Gespräch fand nicht statt, hatte nie stattgefunden. Durch das salzflözige Gestein sang eine Stimme.

„Ohne Zurück - setzt‘ ich aufs Glück

fand dessen Segen - auf meinen Wegen

doch ohne ein Wort – ging es fort, weit fort.“

Schön, seufzte eine unendlich junge Stimme seit Tausenden von Jahren.