Kapitel 20
Sie in den langen, weiten Röcken den Baum hinunter zu schleppen war schwierig. Wenigstens trug sie nur ein Hauskleid und keine Krinoline, sonst wäre sie in den Ästen steckengeblieben. Er war stark genug, daß ihr Gewicht ihn nicht belastete, doch sie war groß und so verkrampft, daß sie kaum manövrierfähig war. Sie zuckte bei jeder Berührung zusammen, versteifte sich in seinen Händen.
Jahrhundertelang hatte er Erfahrung darin sammeln können, wie man Frauen hielt oder trug, hatte immer gewußt, wie man sie führte und willfährig machte. Er war, was er war. Doch sie war in etwa so geschmeidig und beweglich wie ein Eichenstamm. Seine empfindlichen Ohren bemerkten ihren ängstlichen Atem, der klang, als sei er nur Sekunden von entfesseltem Schluchzen entfernt. Er hörte ihr Herz hämmern und mußte sich immer wieder sagen, daß Menschen nicht wie er dazu in der Lage waren, den Herzschlag anderer von weitem wahrzunehmen. Ihr verängstigtes Herz trommelte ihre Panik durch die Bergwelt.
Er überlegte, ob er sie mit einem Zauber belegen sollte, ihren Verstand übernehmen, ihren Geist von innen her beruhigen und leiten. Doch er hatte keine Zeit, es sanft zu tun, und wenn er seine mentale Präsenz ganz plötzlich in sie trieb, war das nur eine andere Form von Vergewaltigung. Ihr seltsames Talent, Manipulationen zu fühlen, würde ihr den Angriff allzu deutlich verraten. Sie würde ihm nie mehr trauen.
„Kommen Sie!“ zischte er und rannte zurück auf den Stall zu, wo sein Pferd stand. Er hielt sie am Handgelenk fest, spürte besorgt ihren flatternden Puls, zog sie hinter sich her. Sie war nicht annähernd so schnell, wie er gerne gewesen wäre. Doch nicht einmal ein menschlicher Athlet war seinem Tempo gewachsen, geschweige denn eine geschwächte Frau. Feyongeschwindigkeit gegen zitternde Mädchenbeine.
Auf halbem Weg stolperte sie und fiel, und er fing sie, stellte sie wieder auf, bevor sie sich verletzen konnte. Sie schrie nicht, versuchte nur, ihr Gleichgewicht wiederzuerringen und rannte weiter. Sie trug die falschen Schuhe, stellte er fest, vornehme Halbstiefeletten, wie sie drei oder vier Jahre zuvor modern gewesen waren. Von ihrem Rock und Unterrock hingen Teile herunter, wo der Angreifer die Kleidung zerrissen hatte. Der Sí würde ihr diese Stolperfallen abreißen müssen, doch wenn er jetzt ihr Kleid zerriß, würde sie vermutlich hysterisch werden.
Sie hielt ihn auf, gefährdete ihn. Ohne sie war er sicher, die Situation barg keine Schrecken, jetzt, wo er wußte, was er zu erwarten hatte. Doch ihre unvollkommenen menschlichen Fähigkeiten hemmten ihn. Er überlegte, sie rasch und schmerzlos zu töten.
Er tat es nicht. Er schuldete ihr sein Leben. Sie stand unter seinem Schutz, und er wollte dem verräterischen Feyonhasser zeigen, daß auf ihn mehr Verlaß war als auf seine hochgepriesene menschliche Rasse. Nein. Er wollte sie nicht ermorden.
Wenn man sie wirklich faßte, dann würde er dafür sorgen, daß sie den Männern nicht lebend in die Hände fiel. Daß er schmerzlos töten konnte, hatte er bewiesen. Verdient hatte der Bursche so viel Gnade nicht. Es wäre besser gewesen, sein Blut zu trinken und ihn zu entleeren. Jedoch nicht vor Asko. Der Mann wußte, daß er Sí, nicht aber, daß er Vampir war.
Das war auch besser so. Torlyn war sicher, daß der brave bayerische Leutnant das Mädchen nicht mit ihm mit geschickt hätte, wenn er gewußt hätte, daß sein ehemaliger Kampfgefährte sich von Blut ernährte. Der Mann war so voller Vorurteile, daß er sich kaum damit abfinden konnte, die Welt mit Lebewesen zu teilen, deren Kräfte den seinen überlegen waren. Der in jeder Beziehung erfundene, jedoch schaurig-gruselige Vampirmythos, den die Menschen sich zurechtgelegt hatten, würde die Sache nicht besser machen.
Er zog die Frau um die Ecke. Sie strauchelte erneut, und ihm wurde klar, daß sie in der Dunkelheit kaum sehen konnte, wohin sie trat. Für ihn war es taghell. Doch sie mußte so gut wie blind sein.
„Da ist mein Pferd“, sagte er und glitt mit einer eleganten Bewegung in den Sattel. Dann gab er ihr die Hand. „Steigen Sie hinter mir auf. Sind Sie eine gute Reiterin?“
Er zog sie hinter sich und beruhigte sein Pferd, das einen zweiten Reiter nicht gewohnt war und die weiten Röcke vermutlich als störend empfand. Es scheute und wich rückwärts zur Seite.
„Ich denke schon“, murmelte sie, und schon warf die nächste Bewegung des Pferdes sie fast ab.
„Halten Sie sich fest. Nein. Nicht so. Rücken Sie näher an mich heran. Legen Sie die Arme um mich!“
Er spürte ihre Beklemmung. Sie wollte ihm nicht nah sein und schon gar nicht ihn umfassen und seinen Körper an ihrem fühlen.
„Hören Sie! Wir müssen schnell sein, und es wird ein scharfer Ritt. Sie sitzen hinter dem Sattel. Das ist keine sichere Position. Wenn Sie fallen, werden die Männer Sie bekommen. Sie werden Sie auf dem Boden für sie daliegend finden. Für sie alle.“
Er spürte, wie sie erschrak und bebte. Seine Worte waren grob gewesen, doch es war nicht die Zeit für Vorsicht. Er ritt los. „Also halten Sie sich gut fest. Ich bin im Augenblick Ihre beste Chance.“
Sie umfaßte ihn, und ihre Finger krallten sich panisch in seine Taille. Er spürte ihren weichen Körper an seinem Rücken.
„Nicht loslassen!“ befahl er und wechselte in den Galopp, als er die Stimmen der Männer nahen hörte. Sie hatte sie auch gehört. Ein furchtsames Stöhnen drang an sein Ohr, und ihre Hände krallten sich noch tiefer in seine blutverschmierte Kleidung.
„Da sind sie!“ schrie jemand.
„Die Hunde los!“ rief eine andere Stimme, und er spürte den Aufruhr in den Ställen. Sie würden ein, zwei Minuten brauchen, um ihre Jagdpferde zu satteln. Doch das war alles, was sie an Vorsprung haben würden. Rosa war ein gutes Tier, doch kein Rennpferd. Zudem trug sie jetzt zwei Reiter.
Die Jagdhunde waren draußen. Jemand hatte sie losgelassen.
Er bog von dem breiteren Weg in einen schmaleren ein.
„Nein“, schrie Charly atemlos vor Anstrengung. „Falsche Richtung. Zum Dorf geht es nach rechts. Dieser Pfad führt in die Berge.“
Zum Umkehren war keine Zeit, und die Wildnis war sicherer als die Zivilisation. „Wohin führt der Weg?“
„Zu einem Platz, wo wir Holz schlagen. Recht hoch. Dort endet er. Da geht es nicht weiter.“
Er spürte, wie ihre Angst in Grauen umschlug.
„Durch den Wald kommen wir allemal“, beruhigte er sie. „Die Wildnis ist unsere Freundin. Halten Sie sich fest.“
Das tat sie. Er vernahm ihr unterdrücktes Weinen, als die Hunde lauter wurden. Jagdhunde waren schneller als Pferde.
Er mußte sich auf Rosa konzentrieren. Keine Zeit, sich um das Mädchen, die Hunde oder eine Bande Mörder Gedanken zu machen. Oder um von Orven und dessen sonderbare Rolle in dieser Geschichte. Er schob das alles beiseite und kümmerte sich nur um den Weg.
Der Wald wurde dichter. Er beugte sich tief über das Pferd, um Ästen aus dem Weg zu gehen, und fühlte, wie sie an ihn geklammert seine Bewegung mitmachte. Er spürte sie immer noch zittern.
Die Nacht war mucksmäuschenstill. Außer den gedämpften Tritten Rosas auf dem weichen Waldboden, die seiner erhöhten Wahrnehmung schon laut vorkamen, vernahm er deutlich das angstvolle Atmen der jungen Frau und ihrem panischen Herzschlag und Puls. So wie sie sich festhielt, lagen ihre Handgelenke oberhalb seines Bauches. Fast konnte er ihr süßes Blut auf seiner Haut spüren, zu deutlich, um es zu ignorieren.
Keine Zeit für heißhungrige Träume. Er hatte getrunken. Er hielt sich an der Erinnerung des Mahls im Keller fest. Das mußte reichen. Selbst wenn er sie in Sicherheit brachte, sollte er ihr nicht noch mehr nehmen. Nicht gleich. Sie war zu schwach, sie mochte es nicht überleben, und er wollte, daß sie lebte.
Der Weg stieg immer steiler an, führte schräg den Hügel hoch nach Nordosten, ohne die Richtung zu ändern. Wenn man Holz diesen Pfad entlang beförderte, mußte er gerade sein. Doch er war auch so steil, daß der Vampir sich immer wieder weit vorbeugen mußte, und das Mädchen hielt sich mit panischer Willenskraft an ihm fest. Wenn sie losließ, würde sie vom Pferd gleiten. Die Hunde würden dann noch vor den Männern bei ihr sein.
Er wünschte, er könnte ihr mehr Kraft geben. Er nahm ihre Schwäche deutlich wahr und wußte, daß er zu einem Teil dafür verantwortlich war. Lange würde sie nicht durchhalten. Wenn sie wieder ohnmächtig wurde, war sie verloren. Er wünschte, er hätte eine Waffe, doch er hatte keine, trug nie welche. Seine Stärke und Schnelligkeit, sein Talent, die Wirklichkeit zu beugen und seine rasiermesserscharfen Klauen reichten gemeinhin aus, ihn zu schützen. Es war die Frage, ob sie auch ausreichen würden, sie beide zu schützen.
Der Pfad wurde noch schmaler und um einiges steiler, und dann fiel sie auch schon. Er versuchte noch, sich im Sattel umzudrehen, um sie zu halten, doch sie schlug bereits auf dem Boden auf. Der Aufschlag trieb ihr den Atem aus den Lungen, er hörte es. Er glitt vom Pferd.
Sie war weich gefallen. Der Boden war moosig. Doch sie war blaß, und sie stand nicht wieder auf. Er spürte fast, wie sie aufgab. Einen Herzschlag später war er bei ihr und ergriff ihren Arm.
„Ich kann nicht mehr“, schnaufte sie. Ihre Stimme brach vor Ermüdung.
„Sie müssen!“ befahl er und zog sie hoch. „Ich will, daß Sie das hier überleben. Seien Sie stark. Ich weiß, daß Sie das können.“
Im nächsten Moment hatten die Hunde sie eingeholt, sausten mit langen Sprüngen bergauf, ihre spitzen Zähne glänzten weiß. Ein wimmelnder Haufen Vernichtung im Angriff. Er sah sie klar, sie hörte wahrscheinlich nur ihr Gebell und ihr Knurren nahen und sah ihre Augen in der Finsternis funkeln. Sie bekreuzigte sich und schloß die Augen.
Doch Hunde waren leicht zu kontrollieren. Wenn er etwas war, dann ein Leitwolf. Er war selbst ein wildes Tier, war Herr über das Land. Dies war sein Revier, wie alles, was er beanspruchte. Diese Überzeugung sandte er in ihre kleinen, zielgerichteten Hirne.
Sie hielten an und heulten zaudernd. Sie hatten vergessen, weswegen sie gekommen waren. Der Befehl „Faß!“ war aus ihrem Gedächtnis entschwunden. Er vergab ihn neu.
„Faß!“ murmelte er, und sie tobten davon. Jetzt würden ihre Jäger Spaß mit ihnen haben.
„Kommen Sie!“ sagte er und nahm Charly bei der Hand. Er scheuchte Rosa fort. Es war eine Schande, aber weiter ins Unterholz konnte er die Stute nicht mitnehmen. Sie mußten versuchen, in der Wildnis einen Schlupfwinkel zu finden. Jetzt, da die Hunde sie nicht mehr bedrohten, konnte er sich auf die menschlichen Gegner konzentrieren. In der Dunkelheit würden sie ihn und das Mädchen verlieren, und einzeln mochte er sie nach und nach ausschalten. Nicht mit Zaubern, denn sie trugen ihre Amulette, doch mit seiner überlegenen Kraft und Geschwindigkeit. Vor dem Morgengrauen mußte er fertig sein.
„Gibt es hier einen dunklen Ort, an dem man sich verbergen kann?“ fragte er, während er die stolpernde Frau hinter sich herzog.
„St. Barbara. Das alte Salzbergwerk. Recht weit oben. Es ist verlassen. Aber es ist nicht sicher.“
„Sicherer als hier. Wie kommen wir da hin?“
„Hoch. Aber ich sehe nichts. Ich kann uns nicht hinführen. Ich sehe nicht mal, wohin wir gehen.“
Als wolle sie dieser Aussage Nachdruck verleihen, blieb sie mit dem Fuß an einer Wurzel hängen und fiel erneut hin. Sie versagte sich einen Schrei und versuchte, wieder aufzustehen. Er spürte, welche Mühe es sie kostete. Ihre Kraft schwand zusammen mit ihren Chancen.
„Beschreiben Sie den Weg!“ befahl er.
„Es muß einen Saumpfad geben. Weiter oben. Recht überwuchert. Er führt zum Bergwerkseingang. Es kann nicht mehr weit sein, aber ich sehe nichts.“
Er zog sie weiter, führte sie zwischen den Bäumen hindurch, warnte sie, wenn sie über Hindernisse steigen oder sich unter einen Ast hindurchbücken mußte. Viel half es nicht. Sie strauchelte und stolperte trotzdem immer wieder. Er steuerte sie, hielt sie, wenn sie fiel, schob sie von hinten. Sie kamen nur schleppend voran. Viel zu schleppend. „Das muß es sein“, murmelte er, als er über sich einen überwucherten Pfad ausmachte, der steil nach oben führte.
„Ich weiß nicht“, keuchte sie und sank auf die Knie. Ihre Worte waren kaum verständlich. „Bringen Sie sich in Sicherheit. Lassen Sie mich hier. Bitte. Ich kann nicht mehr. Es geht nicht. Ich werde mich im Unterholz verbergen. Möglicherweise finden sie mich ja nicht. Sie sind schließlich hinter Ihnen her. Nicht hinter mir.“
Wieder zog er sie hoch, doch sie blieb nicht mehr auf den Beinen. Er nahm sie in die Arme, und sie stöhnte vor Angst. Aber sie wehrte sich nicht, und so legte er sie sich über die Schulter und begann, den Berghang zu erklimmen. Er war dankbar, daß Sí so viel stärker waren als Menschen.
Er konnte die Jäger unterdessen gut hören. Schüsse knallten in der Nacht. Sie machten mit den Hunden kurzen Prozeß. Viel Ablenkung hatten sie nicht geboten. Das Bellen verstummte. Die Reiter näherten sich.
Schon hatten die Männer die Stelle erreicht, an der er abgestiegen war. Sein Gehör war so gut, daß er Teile ihres Gesprächs vernehmen konnte.
„Da ist sein Pferd“, sagte einer.
„Ich pfeife auf das Pferd. Wo sind sie hin?“
Laternenschein blitzte ein Stück unter ihm zwischen den Bäumen hindurch. Sie brauchten Laternen, um voranzukommen. Da war er besser dran. Sein Sehvermögen und die Tatsache, daß er ein weitaus tödlicherer Jäger war, als sie jemals sein würden, waren seine Vorteile. Doch wenn er jetzt umkehrte, um sie zu jagen, würde er das Mädchen in der Nacht allein lassen müssen.
Sie hatte ihn darum gebeten, aber er wollte es nicht. Sie war so hilflos, und er konnte nicht garantieren, daß er sie alle töten konnte, bevor sie sie erreichten. Was sie mit ihr tun würden, wußte er nicht. Doch er war sicher, sie würden sie für das bezahlen lassen, was sie ausgelöst hatte.